Die Historische Stadt Hannover im Jahr 1716

Mittwoch, 11. Dezember 2013

König Georg IV. und seine Mätressen: Pracht und Prasserei in der kurfürstlichen Residenz an der Leine

„Alle Frauen hier (buchstäblich wahr!) haben Rosenwangen, schneeweiße Stirnen und Busen, pechschwarze Augenbrauen und scharlachrote Lippen, wozu gemeiniglich noch pechschwarzes Haar kommt“, notierte Lady Mary Montagu 1716 nach einem Besuch in Hannover erstaunt. „Diese Trefflichkeiten, die bei Licht von schöner Wirkung sind, behalten sie bis ins Grab ...“

Die Beobachtung der britischen Adelsdame bezeugt nicht nur die Schönheit und den Charme der Frauen von der Leine, sondern auch von ihrer Neigung, der Natur nachzuhelfen. Fast alle vornehmen Damen pudern sich Gesicht, Hals, Arme und Hände und kleben sich schwarzseidene Schönheitspflästerchen in Form von Halbmonden, Sternen und Blumen in die Gesichter. Manche gehen tagsüber nur mit schwarzen Samtmasken aus dem haus, damit der weiße Teint nicht durch die Sonne Schaden nehme. Die Dekolletés sind so tief, dass der Rat von Hannover anordnet, wenigstens in der Kirche stets einen Mantel zu tragen.

Die frivole Mode entspricht jenen mehr als freizügigen Sitten, für die besonders Hannovers Kurfürst Georg IV. in ganz Europa berühmt ist. Der kleinwüchsige, untersetzte Mann mit der ungesunden Blässe, den hervorquellenden Augen und dem eckigen Kinn ist schüchtern und unbeholfen, macht auf seine Zeitgenossen den Eindruck eines groben, ungeschliffenen, fantasielosen Menschen und ist zugleich Mittelpunkt zahlloser Affären. Seine schöne Frau Sophia Dorothea von Celle hat er aus Eifersucht auf Schloss Ahlden wie eine Gefangene festgesetzt. In seiner Residenz vergnügt er sich mit zwei Mätressen; die eine ist dünn wie eine Bohnenstange, die andere dick wie ein Nilpferd.

Und doch zählt diese Karikatur eines Fürsten seit dem Jahr 1714 zu den mächtigsten Monarchen der Welt: Die Engländer haben ihn auf den vakanten Thron ihres Reiches gehoben, weil er über seine Mutter Sophia mit den Stuarts verwandt ist. Am 30. September hat er zum ersten Mal den Boden seines neuen Reichs betreten. Da er kein Wort Englisch spricht, und die politischen Entscheidungen ohnehin vom Parlament getroffen werden, begnügt er sich damit, sich auf der Insel hemmungslos die Taschen vollzustopfen und so oft wie möglich nach Hannover zu reisen, dessen Kurfürst er bleibt. Die Engländer treiben mit dem neuen König ihren Spott und nennen seine Mätressen boshaft „Miss Maibaum" und „Miss Elefant".

Die Stadt an der Leine ist mit ihren 20 000 Seelen nur ein Provinznest - London zählte damals 200 000, Paris sogar 500 000 Einwohner. Aber die günstige Lage am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelsstraßen hat Hannover Wohlstand und Bedeutung beschert.

Doch die Stadt ächzt unter den immer höheren Steuern, mit denen der Landesherr seinen kostspieligen Hof unterhält. Ab und zu muss der Rat den Fürsten samt 200 Mann Gefolge am Wochenende einladen. Dann verspeisen die gefräßigen Gäste unter anderem zehn Kälber, einen Ochsen, vier Ochsenköpfe und -fuße, vier Hinterviertel und Schultern von Ochsen, acht Ochsenzungen, sechs Hasen, drei Schweine, zwei Schinken, acht Lämmer, zwölf Gänse. Außerdem Hühner, Rebhühner und Enten, Mettwürste und Speckseiten, zehn Pfund geräuchertes Rindfleisch, einen Zentner Karpfen, dazu Aale, Lachse, Stockfische und Heringe, 43 Pfund Käse, 85 Pfund Speck, 177 Pfund Butter und soviel Brot, wie vier Bäcker in drei Tagen backen können.

Am teuersten kommt der Unterhalt der barocken Sommerresidenz Herrenhausen. Ihre geometrisch angeordneten Hecken sind 21 Kilometer lang, die zu schneidende Oberfläche misst 14 Hektar. Immer wieder werden für teures Geld exotische Pflanzen herbeigeschafft.

Aber Hannover ist nicht nur für Pracht und Prasserei berühmt, sondern auch für seinen Philosophen: Der große Gottfried Wilhelm von Leibniz wohnt in der Schmiedestraße nahe der Kreuzkirche, dient als Geheimer Justizrat bei Hofe, empfiehlt den Bau des Mittellandkanals und konstruiert die erste Rechenmaschine.

Georg IV., in England Georg I., begründet eine Dynastie, die bis heute auf dem Thron sitzt. Zwar kehrt er bis an sein Lebensende immer wieder in sein geliebtes Hannover zurück. Dennoch versinken Hof und Garten in einen hundertjährigen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst die napoleonischen Kriege wieder erwecken. Und Landeshauptstadt wird Hannover erst nach 1945, als das Bundesland Niedersachsen geschaffen wird. 

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