Worms zur Zeit der Nibelungen

Freitag, 13. Dezember 2013

Als Siegfried um Kriemhild freite: Hier hat die berühmteste deutsche Heldensage ihren Ursprung

Auf dem letzten Hügel vor dem Rhein zügelt der junge Mann in der Rüstung eines römischen Hauptmanns sein Pferd und blickt lange auf die kleine Stadt in der fruchtbaren Uferlandschaft hinab.

Zwischen den ärmlichen Holzhäusern ragen als Reste einstiger Größe zwei mächtige Steinbauten auf. In einem feiern Christenpriester ihre Gottesdienste, im anderen wohnen König Gunther und sein Hof. Die Stadt heißt Borbetomagus. Erst spätere Generationen verkürzten den Namen zu „Worms“. Die günstige Lage am großen Strom lockte schon vor fünf Jahrtausenden die ersten Siedler an. Kelten befestigten den Ort, Römer bauten ihn zur Stadt aus und legten feste Straßen nach Mainz, Trier und Basel an.

Der Reiter ist trotz seiner Kleidung und Waffen kein Römer. Er heißt Ariulf und stammt aus einer burgundischen Adelsfamilie. Wie viele junge Männer ist er in die Dienste des römischen Kaisers Valentinian III. (425-455) getreten und hat in Afrika als Anführer eines Reitertrupps gegen Vandalen gekämpft. Jetzt kehrt er zurück, um Eltern, Geschwister und Freunde wiederzusehen. Es sind bewegte Zeiten. Der Hunnensturm wirbelt die Völker durcheinander. Vor einem halben Jahrhundert erst haben die kleinen, krummbeinigen Steppenreiter mit den wilden Wolfsgesichtern das riesige Reich der Goten in der Ukraine zerstört und das einst als unbesiegbar geltende Germanenvolk zur Flucht nach Westen gezwungen. Wie eine Springflut brandeten die Goten daraufhin gegen die Grenzen des Römischen Reichs. Andere Völker. Die Gepiden setzten sich in Siebenbürgen fest, die Sueben dringen in Spanien ein, die Vandalen ziehen nach Karthago. Die Burgunder haben sich am Mittelrhein niedergelassen.

Worms ist ihre Hauptstadt. Noch immer sind die meisten der 2000 Einwohner Kelten. Sie arbeiten als vielseitige Handwerker vor ihren kleinen Hütten, ziehen als Händler tief in das römische Gallien oder fahren auf ihren kleinen Schiffen auf dem Rhein bis zur Nordsee. Für die Burgunder dagegen gibt es nur zwei Berufe: Bauer oder Krieger. Die oft über zwei Meter großen, blondbärtigen Kerle mit ihren langen haaren sind in aller Welt gefürchtet. Kaum weniger entsetzt sind vornehme Römer über den strengen Geruch ihrer Bundesgenossen, die jeden Tag große Mengen Knoblauch und Zwiebeln vertilgen, sich jede Nacht mit Wein volllaufen hissen und als Pomade ranzige Butter benutzen.

Das Tor der schlecht ausgebesserten römischen Stadtmauer wird streng bewacht von Kriegern in Lederpanzern. In den schmalen Gassen bahnt sich der Offizier den Weg durch dichte Scharen von Schweinen. Gleich nach seinem Einzug in Worms hatte König Gunther das Steinhaus des römischen Stadtkommandanten mit Beschlag belegt. In der großen Halle tafelt er jetzt mit seinen Getreuen nach Art germanischer Heerführer auf einem Hochsitz, von dem er alles überblicken kann. Seine Brüder Gernot und Giselher hocken zu seinen Füßen neben dem finsteren Hagen. Den Ehrenplatz zur Rechten des Königs nimmt ein Franke ein. Siegfried aus Xanthen ist trotz seiner Jugend schon wegen vieler Heldentaten berühmt. Gunthers Schwester Kriemhild will ihn heiraten. Sie sitzt mit anderen vornehmen Burgunderinnen nach germanischer Sitte getrennt von den Männern und hört den Prahlereien der Krieger neugierig zu.

Als Ariulf eintritt, brüllen die Männer begeistert. Der König winkt den jungen Offizier zu sich, säbelt ihm mit einem großen Messer ein Stück von einer Rehkeule ab und fordert ihn zum Erzählen auf. Große Humpen mit Wein machen die Runde. Der Schein des Feuers in der Halle leuchtet auf den vor Schweiß und Fett glänzenden Gesichtern. Spät in der Nacht suchen König und Gefolgsleute ihre spartanisch eingerichteten Schlafräume auf. Manche bleiben gleich in der Halle liegen und schlafen auf dem gestampften Boden zwischen Hunden, die sich um die abgenagten Knochen balgen.

Anderswo geht es in diesen Tagen schon zivilisierter zu: In Konstantinopel wird eine Universität gegründet. Auch die Burgunder wollen an der Kultur des römischen Weltreichs teilhaben. Deshalb hat König Gunther, als ihm Kaiser Jovinus vor zwölf Jahren das Land um Worms überließ, alle römischen Beamten gebeten, auf ihren Posten zu bleiben. Wenn Sänger bei Hofe dem Herrscher schmeicheln wollen, besingen sie in ihren Liedern die Verwandtschaft von Burgundern und Römern, deren Vorväter einst gemeinsam aus Troja geflohen sein sollen.

Erst am nächsten Morgen besucht Ariulf seine Familie. Sie lebt in einem früheren römischen Gutshof am Rande der Stadt. Ruinen in den Feldern zeigen, dass Borbetomagus in seiner Glanzzeit zehnmal größer war. Aber die Zeiten werden bald noch schlechter. In den Jahren 435 und 436 werden die Burgunder von Römern und Attilas Hunnen angegriffen und in mörderischen Kämpfen fast ausgerottet. Worms brennt. Gunther und Hagen sterben in den Flammen. Der Untergang ihres Reiches wird später im Helden-Epos der Nibelungen verklärt.

 

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