Als der Kölner Dom das höchste Bauwerk der Welt war

Samstag, 14. Dezember 2013

Nach 600 Jahren wurde ein Bauwerk fertiggestellt, über das wir bis heute staunen

Tausende von Schaulustigen drängen sich am Straßenrand. In den Fenstern und auf den Balkonen hängen dichte Menschentrauben. Als die Kutsche des hohen Gastes erscheint, ertönt ein ohrenbetäubendes „Hurra". Es folgt ihm bis zum Platz vor dem Dom. Dort steigt der Besucher auf eine Tribüne. Der kleine Viktor sitzt auf dem Ann seines Onkels und schaut von einem Erker aus staunend über das wogende Meer der schwarz weiß-roten Fahnen auf dem Platz. Der Jubel der riesigen Menschenmenge will kein Ende nehmen. Huldvoll winkt der Mann auf der Tribüne den Begeisterten zu. Der alte Herr ist Kaiser Wilhelm I., den Schmeichler wegen seines weißen Bartes „Barbablanca" nennen, und so in eine Reihe mit dem großen Kaiser Friedrich Barbarossa stellen. Das Bauwerk aber, dessen Fertigstellung an diesem 15. Oktober 1880 gefeiert wird, ist die größte und bekannteste Kirche in Deutschland: der prächtige Dom zu Köln.

Die Flaggen des Deutschen Reichs, des Königreichs Preußen und der Stadt wehen von dem riesigen Gerüst, das die beiden Türme noch immer umgibt. Das Bauwerk versetzt durch seine Ausmaße in Erstaunen: 200 000 Tonnen handbearbeitetes Gestein ragen 157 Meter hoch in den bewölkten Himmel. Damit ist der Kölner Dom das höchste Gebäude der Welt. Schon das Dach erreicht die Höhe von 109 Meter. Unter ihm finden 30 000 Menschen Platz.

Noch mehr verblüfft die Bauzeit der Kathedrale. Sie beträgt mehr als 600 Jahre. Im Jahre 1247, damals herrschte der Staufer Friedrich II. von Palermo aus über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - hatten die Kölner Domherren den Beschluss gefasst, das karolingische Gotteshaus aus dem Jahr 870 durch eine neue Kathedrale zu ersetzen. Am Maria Himmelfahrts-Tag 1248 legte Erzbischof Konrad von Hochstaden unter dem Läuten aller Kölner Kirchenglocken den Grundstein.

Das Vorbild war die Kathedrale im nordfranzösischen Amiens. Die Steine wurden aus dem Drachenfels gebrochen und auf dem Rhein herangeschafft. 1277 weihte der legendäre Kirchenmann und Gelehrte Albertus Magnus den Altar der Sakristei. 1322 war der Hochaltar fertig, mit seiner 6,7 Tonnen schweren Platte aus schwarzem Marmor einer der größten der Welt. 1437 hatte der Südturm eine Höhe von 59 Metern erreicht. In ihm wurde die erste Glocke aufgehängt. 1566 aber ging die Stadt Köln pleite, die Arbeiten wurden eingestellt. Für drei Jahrhunderte bleibt der verlassene Baukran auf dem Südturm das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt.

Im Jahr 1815 kommt das Rheinland schließlich unter preußische Herrschaft. 1840 gründen 200 Bürger einen Dombauverein. Zwei Jahre später hat er bereits 4832 Mitglieder, von denen jeder mindestens einen Taler zahlen muss – so viel wie heute 275 Mark. Hundert weitere Hilfsvereine entstehen, auch in Danzig. Wien, Mexiko und Brasilien. Die Fertigstellung des Kölner Doms ist zu einem nationalen Anliegen aller Deutschen geworden. Bis zu 800 Handwerker arbeiten daran, eine Dombau-Lotterie macht weitere Gelder flüssig. Bis zur Fertigstellung nach den alten Plänen werden 6,5 Millionen Taler (l,5 Milliarden Mark) verbaut. Zwei Drittel hat der Dombau-Verein, ein Drittel der Staat Preußen aufgebracht.

Als Kaiser Wilhelm zur feierlichen Eröffnung schreitet, ist das zweitausend jährige Köln längst aus allen Nähten geplatzt. Schon 1850 leben dort 100 000 Menschen. I881 reißen die Bürger die ohnehin längst nutzlos gewordene Stadtmauer nieder. Mit einem Schlag ist Köln doppelt so groß. Die Gründerjahre brechen an. Das Deutsche Reich steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Reparationszahlungen der 1870/71 besiegten Franzosen fördern das Wirtschaftswachstum. Werner von Siemens baut die erste E-Lok. In Berlin brennt die erste elektrische Bogenlampe. Heinrich von Stephan führt bei der Post den Fernsprecher ein. Die ersten deutschen Warenhäuser öffnen. Noch immer arbeiten 40 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Und immerhin schon 37 Prozent in der Industrie.

Der Kölner Dom wird zu einem symbolischen Bindeglied zwischen dem alten Kaiserreich des Mittelalters und dem neuen Kaiserreich der Hohenzollern. Das macht auch der von Kölner Honoratioren finanzierte historische Einweihungs-Festzug deutlich. Der von Preußen abgesetzte Erzbischof Paulus Melchers sitzt immer noch im niederländischen Exil. Der ursprünglich geplante Festgottesdienst im Dom fällt deshalb aus. Auch erscheint der Kaiser nicht beim Festbankett der Stadt. Den kleinen Viktor stört es nicht. Er ist mitten in dem Festtaumel auf dem Arm seines Onkels eingeschlafen.

 

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