Der Opfergang der frommen Elisabeth von Thüringen

Sonntag, 15. Dezember 2013

Die Barmherzigkeit und Fürsorge der Landgräfin wird erst nach ihrem Tod belohnt

Mühsam wankt der alte Bettler durch das Schneetreiben vorwärts. Eine Kapuze verhüllt sein entstelltes Gesicht, ein graues Gewand die Geschwüre an seinem Körper. Laut warnt die hölzerne Klapper in seiner knochigen Hand: Er hat Lepra. Doch die Händler und Handwerker an der Straße zum Marburger Obermarkt, die das Geräusch schon von weitem hören, heben kaum die Köpfe. Sie sind seit langem daran gewöhnt, dass sich die Kranken, Verzweifelten und Ausgestoßenen aus allen Teilen des Reichs in ihre kleine Stadt schleppen. Denn hier haben sie mehr Fürsorge und Barmherzigkeit zu erwarten als irgendwo sonst auf der Welt.

Marburg ist in diesem Jahr 1228 zur neuen Heimat der frommen Elisabeth von Thüringen geworden, deren Mildtätigkeit schon Legende ist: Schon als kleines Mädchen hat die ungarische Königstochter auf der Wartburg die Not der Armen zu lindern versucht und ihnen geschenkt, was sie besaß. Statt wie die anderen Adelsfrauen selbst in der Kirche mit Prunkkleidern und Geschmeide zu protzen, hüllte sie sich in ärmliche Gewänder. Nach ihrer Hochzeit mit Landgraf Ludwig von Thüringen pflegt sie Aussätzige, speist Hungernde und nimmt sich der Waisenkinder an, um die sich weder Staat noch Kirche kümmern. In der Hungersnot des Jahres 1225 lässt sie sogar das Korn der gräflichen Vorratskammern verschenken.

Zwei Jahre später ist Elisabeth Witwe: Ihr Mann stirbt als Kreuzfahrer in Otranto an der Adria. Die Verwandten wollen die Frau hindern, ihre Habe an die Armen zu verteilen. Einmal, so heißt es, habe ihr Schwager Heinrich sie dabei ertappt, wie sie trotz seines strengen Verbots in einem Korb Brot aus der Burg tragen wollte. Zur Rede gestellt, behauptete sie in ihrer Not, sie trage nur Rosen ins Dorf. Der neue Landgraf habe daraufhin zornig das Tuch vom Korb gerissen, doch durch ein Wunder Gottes fand er statt der erwarteten Brote tatsächlich Blumen.

Nach kurzer Zeit nehmen die Verwandten der Witwe alles weg und jagen sie aus der Burg. Nun selbst dem größten Elend preisgegeben, kommt Elisabeth nach Marburg. Das winzige Städtchen liegt an einer Furt durch die Lahn unter einem steilen Basaltkegel mit einer strategisch wichtigen Burg. Es besteht aus einer einzigen Straße, der Hauptstraße mit dem Markt, und der dazugehörigen Judengasse. Die kaum zweihundert Familien in den winzigen Häuschen leben von handwerksarbeiten als Schmiede oder Schreiner, Küfer oder Wagenmacher für die Bewohner der Burg und die Bauern der Umgebung. Dazu kommen einige Kaufleute, die ihre Waren mit Kähnen auf der Lahn aus Limburg oder Wetzlar holen. Zwischen ihren Buden und der Burg stehen die Herrensitze der Ritter, die diese Schlüsselstellung an der Grenze zum Erzbistum Mainz verteidigen sollen.

Es sind bewegte Zeiten: Der von Papst Gregor IX. gebannte Kaiser Friedrich II. bricht Ende Juni in Brindisi zum 5. Kreuzzug auf. Er wird mit 40 Galeeren nach Akkon fahren und durch Vertrag mit Sultan Elkamil von Ägypten der Christenheit Jerusalem, Bethlehem und Nazareth zurückgewinnen. Frankreichs König Ludwig IX. ertränkt die Bewegung der vom Papst zu Ketzern erklärten Albingenser Südfrankreichs in einem Meer von Blut und wird dafür später heiliggesprochen. Im fernen Karakorum teilen die Söhne des toten Dschingis-Khan das Mongolenreich unter sich auf.

Die Kreuzzüge haben Zehntausende Tote gekostet und eine Bühne für schlimmste Grausamkeiten geboten, aber das Abendland auch wieder an die Kultur des Orients angekoppelt. Mit Seide und Gewürzen dringen Astronomie und Medizin nach Mitteleuropa vor. Der Kaiser spricht fließend Griechisch, Arabisch und Hebräisch. An seinem Hof in Palermo sind viele muslimische Wissenschaftler zu Gast. Berühmte Minnesänger wetteifern bei großen Turnieren um das Gold der Fürsten und die Gunst ihrer Frauen. Mancher arme, aber kräftige Mann schlägt sich mit dem Schwert ein Vermögen zusammen. Mancher charmante Barde aber muss die bewundernden Blicke schöner Damen mit ausgestochenen Augen im Verlies eines eifersüchtigen Ehemanns büßen. Ein Graf haut einem ertappten Verführer eigenhändig den Kopf ab und zwingt seine Frau, zweimal täglich den stinkenden Schädel zu küssen.

Unter der Barbarei des Mittelalters hat auch Elisabeth zu leiden. Ihr fanatischer Beichtvater Konrad von Marburg, dem sie in ihrer Frömmigkeit fast hörig ist, fordert sie auf, sich selbst für die geringsten fleischlichen Regungen grausam zu strafen. Nächtelang geißelt sich die junge Witwe den vermeintlich sündigen Leib, kasteit sich durch Fasten und sucht ihre Seele durch viele Bußen immer weiter zu reinigen. Der unnachsichtige Inquisitor, der sich durch seine Härte schon im ganzen Land verhasst gemacht hat, zwingt sie sogar dazu, ihre eigenen Kinder fortzuschicken, damit sie sich ganz auf den Dienst an Gott konzentrieren könne. Sie gründet das erste Hospital, wäscht Aussätzigen die Wunden und küsst ihnen sogar in frommer Verzückung die eiternden Geschwüre. Schon drei Jahre später sind Elisabeths Kräfte verbraucht. Adelige bringen aus Rache den grausamen Beichtvater um. Bald melden Pilger vom Grab der Gräfin die ersten Wunder. Ein Strom von Wallfahrern setzt ein und Marburg wird zum Mittelpunkt einer religiösen Bewegung, die sich noch verstärkt, als Elisabeth schon vier Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen wird. Von zahlreichen Votivgaben und Spenden wird kurz darauf der Grundstein zur berühmten Elisabethkirche gelegt, wo der Sarkophag der Heiligen eine würdige Ruhestätte findet.

 

 

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