Als Maximilian I. das größte Gotteshaus der Welt besichtigte

Montag, 16. Dezember 2013

Die Bürger der freien Reichsstadt Ulm staunten über seinen großen Mut

Heiß brennt die Julisonne auf das Donautal herab. Vor dem Ulmer Münster hat sich eine riesige Menschenmenge versammelt. Schweigend starren Männer, Frauen und Kinder zum Hauptturm hinauf, der bis zum Viereckskranz fertiggestellt ist. Dort, in 70 Metern Höhe, treten mehrere vornehm gekleidete Herren aus dem Treppengang ins Freie und klettern vorsichtig auf das Baugerüst. Einige Schritte vor dem schwindelerregenden Abgrund bleiben sie stehen. Einer von ihnen aber, noch prächtiger gewandet als die anderen, schreitet furchtlos bis zur steinernen kante. Durch die dicht gedrängte Menge geht ein Raunen, dann ein erschrockener Schrei: Der Mann auf dem Turm hat das linke Bein über den Sims gehoben. Nun steht er nur noch auf dem rechten und hält mit gestreckten Armen die Balance. Die Zuschauer halten den Atem an. Der Mann auf dem Turm ist Maximilian I., den man den letzten Ritter nennt. Er hat schon viele Mutproben bestanden. Schon als zehnjähriger hatte er sich im ritterlichen Lanzenstechen geübt. In Tirol steigt er bei der Gemsenjagd die steilsten Felswände hinauf. Und in seinen zahlreichen kriegen schreckte er vor keiner Todesgefahr zurück.

Der Habsburger ist in diesem Sommer 1492 schon zum dritten Mal in Ulm. Die schwäbische Metropole zählt zu den bedeutendsten Städten des Reichs. Die 12000 Einwohner handeln vor allem mit Leinen und dem groben Stoff Barchent. Sogar Gesandte aus dem zehnmal so großen Venedig staunen über den Reichtum Ulms. Sie bewundern die Sauberkeit der bis zu drei Meter breiten, mit Kies beworfenen Straßen. Schweine dürfen dort nur noch von 11 bis 12 Uhr herumlaufen. Und nicht Tag und Nacht wie in den meisten anderen deutschen Städten. Trotz der Pracht ihrer eigenen Palazzi preisen die Italiener die Pracht der Patrizierhäuser am Donauufer, die schönen Brunnen auf den Plätzen, am meisten aber das Münster: das größte Gotteshaus der Welt.

Schon seit über hundert Jahren bauen die Ulmer an dieser gewaltigen Kathedrale. Sie ist der steingewordene Ausdruck ihres Stolzes. Kein Adel, kein Klerus sollte den Ruhm des Stifters beanspruchen. Die Bürger selbst waren es, die den Bau beschlossen und finanzierten. Am 30. Juni 1377 hatte der Bürgermeister Lutz Krafft aus eigenem Säckel die enorme Summe von hundert Goldgulden auf den Grundstein gelegt. Damit hatte er die umstehenden Edlen und Ratsherren zu einer Kollekte aufgefordert, durch die rasch die nötigen Mittel zusammenkamen. Jetzt, beim Besuch Maximilians, sind Chor. Seitenschiffe und Mittelschiff schon überwölbt, das großartige Westportal vollendet, auch Neidhartkapelle und Sakristei längst geweiht. Bedeutende Künstler wie Hans Multscher und Jörg Syrlin haben Altäre und Chorgestühl angefertigt, die in der Welt ihresgleichen suchen. Der Hauptturm aber ist ebenso noch eine Baustelle wie die gewaltige Halle, in der einmal 30 000 Gläubige Platz finden sollen. Das sind zweieinhalbmal soviel Menschen, wie Ulm Einwohner zählt.

Ulm ist die mächtigste Stadt des Schwäbischen Bundes, einer Vereinigung süddeutscher Handelsmetropolen gegen Fürstenwillkür und Raubrittertum. Die „Ulmer Schachteln", spezielle, am Kiel abgeflachte Handelsschiffe, fahren auf der Donau bis zum Schwarzen Meer. Ein Sprichwort der Zeit sagt: „Venedigs Macht, Augsburger Pracht. Nürnberger Witz. Straßburger G’schütz und Ulmer Geld geh'n durch alle Welt."

Grundlage der Ulmer Macht ist der „Große Schwörbrief“, auf den sich die Bürger im Jahr 1397 geeinigt haben. Der Große Rat besteht aus zehn Patriziern und 30 Zunftmeistern. Für die Annen lässt der Rat täglich 17 große Kessel Hafermus kochen. Ein Krämer aber, der ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hat, wird unter dem Galgen lebendig begraben. Maximilians Kletterei auf dem Münsterturm wird auf einer Gedenktafel verewigt. Von der Entdeckung Amerikas aber erfahren die Ulmer erst viel später.

Die Handelsströme verändern sich. Für die Stadt an der Donau beginnt der Niedergang. 1543 muss der Bau des Doms eingestellt werden. Erst die nationale Begeisterung im zweiten Kaiserreich führt zur Vollendung. 1890 wird der Schlussstein gelegt. Der Turm ist mit 161 Metern heute noch der höchste Kirchturm der Welt.

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