Sowjetunion: Demokratisierung mit Maschinenpistolen

Dienstag, 3. Dezember 2013

Wie Margaret Thatcher das Machtmonopol der BBC bricht und ein Pastor „Christentum“ zum atheistischen Wort erklärt: In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 25 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 4.Dezember 1988.

Am Sonntag berichtete der ARD-„Weltspiegel" über die BBC. Auszüge:

Medienexperte Lord Annan: „Die BBC war im Falkland-Krieg auf eine groteske Weise unparteiisch, die im Zweiten Weltkrieg undenkbar gewesen wäre."

Der Geschäftsführer der Konservativen Tebbitt: „Wir haben die BBC-Nachrichten unter die Lupe genommen. Zeile für Zeile auf herabsetzende Äußerungen abgeklopft, die als objektive Nachrichten getarnt waren..."

Jetzt will die Regierung Thatcher das BBC-Machtmonopol durch neue private Satellitenanbieter und einen terrestrischen Privat-Kanal brechen. TV-Gebühren sollen Mitte der 90er Jahre durch freiwillige Subskriptionen oder Abonnements abgelöst werden.

Goethe: „Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt."

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In seiner RTL plus-Sendung „10 vor 11" zeigte der Filmregisseur Kluge am Sonntag ein„“Musik Film Magazin" mit dem Titel „Blaue Stunde. Tango-Time." Szenen: Paare tanzen zu Tango-Musik. Soldaten ziehen in die Marneschlacht 1914. Trauernde begleiten den Sarg Rudolf Valentinos. Eine junge Frau spuckt in einen Spiegel. Untertitel: „6000 Jahre traurige Gedanken".

Stanislaw Jerzy Lee: „Auch Tümpel geben sich manchmal den Anschein der Tiefe."

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In der ARD-Sendung „Brennpunkt" am Mittwoch erzählte der ARD-Korrespondent in Moskau Ruge: „Einer meiner Freunde sagte neulich: Demokratisierung in der Sowjetunion geht nur so: Drei Mann kommen mit Maschinenpistolen ins Zimmer und sagen: Demokratisiert euch - oder ihr werdet erschossen!"

Punkt für Ruge.

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In der ZDF-Talkshow „live" am Donnerstag diskutierte Moderator Valerien mit der Publizistin Höhler, dem Duisburger Pastor de Boer, dem Wiener Theaterdirektor Peymann und „Esquire"-Chefredakteur Thorer. Auszug:

De Boer: „Wer als Christ heute keine Akte beim Verfassungsschutz hat, lebt falsch... Wir lassen absichtlich jeden Tag 100 000 Menschen verhungern, das macht uns Spaß... Deshalb müssen wir auftreten, ob vor Banken oder vor Kernkraftwerken oder wo sonst Geld zum Fenster rausgeworfen wird."

Thorer: „Das ist doch Irrsinn!"

De Boer: „Das neue Wort für Faschismus ist Gleichgültigkeit."

Thorer: „Sie sind genau die Figur, wegen der Millionen junger Leute aus der Kirche austreten."

Peymann: „Aber das ist doch eine wunderbare provokante Übertreibung, die einen großen Kern Wahrheit hat."

Valerien: „Herr Thorer, wenn Sie Herrn De Boer länger hören, werden Sie vielleicht auch den tieferen Sinn dessen, was er meint, verstehen."

Höhler: „Wenn er Christ ist, weiß er, dass solche Urteile so nicht gefällt werden dürfen. Das ist Selbstgerechtigkeit. Weil Christentum sich so vertut, treten die Leute aus der Kirche aus."

De Boer: „Christentum ist ein atheistisches Wort. Es steht nicht in der Bibel. Das Christentum ist Opium für's Volk."


Anmerkungen

Gerd Ruge war 1956-1959 der erste Korrespondent der ARD in Moskau und 1964-1969 ARD-Korrespondent in den USA. 1970 übernahm er die Leitung des WDR-Hauptstadtstudios in Bonn. 1973-1976 berichtete er für „Die Welt“ aus Peking. Nach weiteren verschiedenen Funktionen beim WDR und der ARD, darunter 1987-1993 als Leiter des ARD-Studios in Moskau, ging er 1993 in den Ruhestand.

Der evangelische Pastor Hans A. De Boer war im „Jung-Stahlhelm“, Hordenführer beim „Deutschen Jungvolk“ und 1958-1959 Vorsitzender der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden. Später arbeitete er als Krankenpfleger bei den „Befreiungstruppen“ der Roten Khmer, die in Kambodscha rund fünf Millionen Menschen ermordeten. 1974-1990 arbeitete er als Berufsschulpastor in Duisburg.

 

 

 

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