Wenn Kohl den Jelzin in den Schwitzkasten nimmt…

Donnerstag, 28. November 2013

Schlimme ARD-Satire über die RAF, flaue ZDF-Witze über Kohl und Jelzin: In „TELE-RETRO“ zeigen „Teletäglich“-Kolumnen welche Themen das Fernsehen vor 20 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 28. November 93.

In „Donner's Tag bei Kanal 4" am Sonntag sagte RTL-Kabarettist Donner

als Kriminalkommissar: „Wir haben kein Motiv! (Nimmt eine Ansichtskarte aus Mallorca von der Wand) Ist das nicht ein gutes Motiv? (Zieht einen Schlüssel aus der Tasche). Wir sollten den Fall so schnell wie möglich abschließen."

Da hilft nur noch Beten.

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Aus ZDF-„Frontal" am Dienstag:

Moderator Hauser: „Was sagen Sie dazu, Kienzle? Kohl war mit Jelzin stundenlang in der Sauna!"

Co-Moderator Kienzle: „Dann hat er ja genug heiße Luft getankt für die Haushaltsdebatte."

Hauser: „Der Kanzler hat in Moskau offenbar die menschliche Wärme gefunden, die er in Bonn so häufig vermisst."

Kienzle: „Wenn Kohl den Jelzin in den Schwitzkasten nimmt, dem fehlen hinterher ein paar Milliarden."

Hauser: „Sie waren wohl noch nie in der Sauna, Kienzle! Das ist der sicherste Ort. Greifen Sie mal einem nackten Mann in die Tasche!"

Kienzle: „Und auch gegen Lauschangriffe bietet die Sauna Schutz. Bei 100 Grad feuchter Hitze streikt die beste Wanze.“

Heiße Nummer.

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Im „Nachschlag" am Mittwoch sagte ARD-Kabarettist Rogler: „Dem RAF-Hirni Grams wurde die tödliche Kugel also nicht fremd beigebracht. Es könnte also so gewesen sein, dass der Terroristenheini erst einen Polizisten erschossen hat, zweitens dann selbst vier Schüsse abbekommen und drittens es in letzter Sekunde doch noch geschafft hat, sich selbst die tödliche Kugel zu geben. Und das alles in fünf Sekunden. Der Blitz-Selbstmord des Jahres. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis den Gutachtern ein Angebot aus Hollywood ins Haus flattert. Soviel Action in fünf Sekunden kriegen selbst die da drüben nicht hin. Glücklicherweise ist ja unser Innenminister als Auftraggeber des Gutachtens auch für die Filmförderung zuständig. Vielleicht kann man ja so den deutschen Film retten.“

Aber nicht das deutsche Kabarett.

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In der RTL-Sendung „Stern TV“ am Mittwoch sagte ein 12jähriger Schüler aus Hamburg:

„Die Lehrerin hat mich so angefasst, und das kann ich überhaupt nicht ab. Da habe ich mich umgedreht und ihr so in den Bauch reingehauen. Da hat sie nur noch doller gedrückt, und da habe ich ihr vor das Schienbein getreten und ihr eine Backpfeife verpasst.“

„Ich habe auch ganz schön obszöne Worte drauf, in der Schule ist das schon Alltag.“

Die Mutter des 12jährigen dazu lächelnd: „Ich bin ziemlich lasch in der Erziehung, so dass ich also sage, ich stehe zu Mathias, als dass ich jetzt sagen würde, ich stehe zur Lehrerin.“

Moderator Jauch: „Tja – es gibt kein Patentrezept.“

Reine Nervensache.

*

In „Bericht aus Bonn“ am Freitag sagten über die erneut ausgefallene Mikrofonanlage im Bundestag

der Chef der Ex-SED und heutigen PDS Gysi: „Gezielter Sabotageakt.“

Reporter Rudzinski: „Jemand stand in Bonn wieder auf der Leitung, und das äußerst gründlich.“

Passant: „Es war sicherlich der böse Wolf.“

Moderator Lueg: „Der böse Wolf? Aber doch wohl nicht der aus der DDR.“

Mit aller Müh‘ wird keiner ein Genie (deutsches Sprichwort)  


Anmerkungen

Der SPD-Journalist Ulrich Kienzle wurde 1980 Fernseh-Chefredakteur bei Radio Bremen („Radio Hanoi“), 1990 Leiter der Hauptredaktion Außenpolitik beim ZDF („auslandsjournal“) und 1993 Co-Moderator des ZDF-Politmagazins „Frontal“. Seit 2003 trat er in der ZDF-Sendung „Wiso“ in der Rubrik „Fahren mit Kienzle“ auf.

Bodo M. Hauser (1946-2004) moderierte seit 1993 mit Ulrich Kienzle das ZDF-Magazin „Frontal“. 2000 wurde er für das ZDF Programmgeschäftsführer des Nachrichten- und Dokumentationssenders PHOENIX, für den er auch die Talkshow „Unter den Linden“ moderierte. Außerdem leitete er das ZDF-„Nachtduell“.

In seiner „Nachschlag“- Satire kommentierte ARD-Kabarettist Richard Rogler die Polizeiaktion vom 27. Juni 1993 in Bad Kleinem, die wegen unseriöser, politisch motivierter Berichterstattung zu einer Medienaffäre wurde. Der RAF-Terrorist Wolfgang Grams hatte sich auf dem Bahnhof seiner Festnahme widersetzt, einen Polizeibeamten der GSG9 Michael Newrzella und dann sich selbst erschossen. Linke Medien wie der „Spiegel“, die „Süddeutsche Zeitung“ und das ARD-Magazin „Monitor“ legten damals den Verdacht nahe, GSG9-Beamte hätten den Terroristen ermordet. Als dementsprechend gedeutete Zeugenaussagen aber immer unglaubwürdiger waren, entschuldigte sich der SZ-Reporter Hans Leyendecker für den unberechtigten Vorwurf und gestand: „Eine verheerende Geschichte … für den ‚Spiegel’ verheerend … Die Folgen waren, dass eine Reihe von Leuten zurückgetreten ist, und eigentlich hätte ich auch gefeuert werden müssen.“ Die ARD verzichtete nicht nur damals auf personelle Konsequenzen, sie strahlte auch 20 Jahre nach dem Vorfall in einigen Dritten Programmen die Dokumentation „Endstation Bad Kleinem. Vom Versagen deutscher Sicherheitsorgane“ aus, in dem die ARD-Autorin Anne Kauth die längst widerlegten Vorwürfe von neuem ins Spiel bringt: Es habe sich für die RAF um ein „letztes Duell mit der Polizei“ gehandelt, und Grams habe mit der damals verhafteten Terroristin Birgit Hogefeld in der Bahnhofsgaststätte eine „Henkersmahlzeit“ eingenommen. Schlaue Schlussfolgerung der Autorin zur Entlastung früherer ARD-Fehlbeurteilungen: „Die Republik dachte, hier hat ein Racheakt stattgefunden.“ Der einstige Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz hat laut FAZ „seine Unterstützung für Kauths Film inzwischen revidiert“ und „findet den Film im Ergebnis geschichtsverfälschend.“

Ernst Dieter Lueg (1930-2000) wurde 1985 Leiter des WDR-Studios Bonn und war bis 1995 verantwortlich für den „Bericht aus Bonn“. Außerdem moderierte er die „Bonner Runde“ und lieferte regelmäßig Beiträge für die ARD-Nachrichtensendung „Tagesschau“. Nach seiner Pensionierung 1995 arbeitete er gelegentlich noch für die Privatsender RTL und Sat.1.



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