Die deutsche Armut und das Weihnachtsgeschäft

Dienstag, 3. Dezember 2013

Affären und Rücktritte von Politikern, Streit um die SPD-Ostpolitik: In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Samstag, 4. Dezember 93.

SAMSTAG

Kaum hat die stellvertretende Sprecherin einer „Nationalen Armutskonferenz" in Saarbrücken behauptet, in Deutschland würden bereits zehn Millionen Menschen in Armut leben, da melden die deutschen Einzelhändler einen außerordentlich guten Start in das Weihnachtsgeschäft. Der kanadische Journalist Joffrey Simpson: „Die Deutschen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die größten Jammerer der Welt."

SONNTAG

Sachsen-Anhalts Regierung tritt zurück - wie Späth (Traumschiff-Affäre), Krause (Putzfrau-Affäre), Streibl (Amigo-Affäre) und Heide Pfarr (Renovierungs-Affäre). In ihren Ämtern bleiben Rita Süssmuth (Dienstwagen-Affäre), Lafontaine (Ruhegeld-Affäre), Eichel (Dienstvilla-Affäre) und Wedemeier (Strom- und Möbel-Affäre). Sozialdemokraten scheinen also insgesamt etwas härter im Nehmen. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff“ (A.D. 1494): „Die Welt ist jetzt voll schlimmer Lehre,/Man findet keine Zucht noch Ehre."

MONTAG

Rainer Barzel verweist darauf, dass es die CDU/CSU-Fraktion war, der es beim Ringen um die Ostverträge gelang, die „deutsche Frage" offenzuhalten – „im Gegensatz zur Absicht der Regierung Willy Brandt. Wir waren es, die dies durch eine Bundestagsentschließung und den Brief zur deutschen Einheit sichergestellt haben. Wäre die deutsche Frage nicht offengeblieben, hätten wir die Wiedervereinigung nicht bekommen". Soviel zu den Versuchen einstiger SPD-„Entspannungspolitiker“, vor der Enquete-Kommission ihre Fehlleistungen nachträglich als Erfolge zu deklarieren. Die englische Schriftstellerin Dame Edith Sitwell (1887-1964): „Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt, aus der die Wäsche meist schmutziger zurückkommt, als sie hingebracht worden ist".

DIENSTAG

Nach fetten Jahren des Prassens klagen die Intendanten von ARD und ZDF in Karlsruhe über bittere Not. Das Mitleid hält sich in Grenzen. Ein Sprichwort warnt: „Es ist bös sparen, wenn der Kuchen alle ist."               

MITTWOCH

Die Feststellung des Dresdner Medienwissenschaftlers Wolfgang Donsbach, dass „zu allen Zeiten... der Meinungsjournalismus in Deutschland über den Nachrichtenjournalismus... dominiert" habe, passt zu einer zwei Jahrhunderte alten Erkenntnis Lichtenbergs: „Um über gewisse Gegenstände mit Dreistigkeit zu schreiben, ist es fast notwendig, dass man nicht viel davon versteht."

DONNERSTAG

Bei einer Vernissage des New Yorkers Keath Haring in München kommen drei Druckgraphiken abhanden; der Dieb vermerkt im Gästebuch: „Flugs luxte ich drei Bilder, o wie fein. Und keiner hat's gemerkt, ihr Pfeifen!" Bajuwarischer Kunstsinn der zupackenden Art. Wilhelm Busch: “Recht gern empfängt die Musenstadt / Den Fremdling, welcher etwas hat."

FREITAG                

Bei Einführung des Privatfernsehens warnten Hamburger Medienpolitiker vor kapitalstarken Kommerzfunkern, die pausenlos billige Sex- und Horrorfilme ausstrahlen würden. Um dem entgegenzuwirken, bestanden sie auf einem „Offenen Kanal" für interessierte Bürger mit gesellschaftlich relevanten Anliegen. Jetzt wurde dort - um 13 Uhr - der selbstgedrehte Film eines 18jährigen vorgeführt. Handlung: Maskenmann zerstückelt mit einer Motorsäge eine Frau, zerhackt ein Kind, ersticht ein zweites und wühlt in dessen Gedärmen. Stanislaw Jerzy Lee: „Falsche Propheten erfüllen ihre Prophezeiungen selbst."


Anmerkungen

Rainer Candidus Barzel (1924-2006) war 1962-1963 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und leitete ab 1964 die CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Ab 1969 führte er die Bundestagsopposition gegen Willy Brandt, ab 1971 auch als Vorsitzender der CDU-Bundespartei. Im April 1972 wäre Barzel beinahe Bundeskanzler geworden, nachdem Brandts SPD-FDP-Koalition Abgeordnete an die CDU/CSU-Fraktion verloren hatte. Beim entscheidenden Misstrauensvotum fehlten Barzel jedoch zwei Stimmen. Später stellte sich heraus, dass Abgeordnete von Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR bestochen worden waren. Auch kamen Vorwürfe auf, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD habe die Abgeordneten bestochen, die jedoch nicht bewiesen werden konnten.



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