Meinungsmache in ARD und ZDF vor 30 Jahren

Mittwoch, 27. November 2013

Uli Hoeneß im ZDF, ARD-Propaganda gegen die Nachrüstung: In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1983, welche Themen vor 30 Jahren wichtig waren und wie das Fernsehen sie präsentierte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 27.November.

„Sportstudio"-Moderator Kürten fragte den Münchner Bundesliga-Geschäftsführer Hoeneß am vorvergangenen Sonnabend, ob die hohen Eintrittspreise angesichts der mäßigen Leistungen deutscher Fußballspieler überhaupt noch gerechtfertigt seien.

Was er vergaß: Fußball-Zuschauern steht es frei, bei mäßigen Leistungen hohe Eintrittspreise zu zahlen oder nicht - im Gegensatz zu Fernsehzuschauern.

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In den letzten Minuten des Katastrophenspiels gegen Albanien am Sonntag meinte ZDF-Berichterstatter Esser: „Hauptsache gewonnen - wie, ist egal."

Wer so denkt, der sagt eines Tages vielleicht auch: Hauptsache. Programm gemacht - was für eins, ist egal."

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Montag, erster Tag der Nachrüstungsdebatte: ZDF-„heute" ließ Abgeordnete aller anderen Parteien zu Worte kommen, aber keinen CSU-Mann. Die ARD-„Tagesschau" räumte den beiden SPD-Streitern Schmidt und Vogel mehr Redezeit ein als den vier CDU/CSU-Abgeordneten Kohl, Dregger, Waigel und Marx zusammen. Zur Erinnerung: Am 6. März erhielt die CDU/CSU 48,8 Prozent der Stimmen, die SPD 38,2 Prozent.

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Bei der Übertragung des Fußballspiels Hamburger SV-FC Aberdeen am Dienstag wollte ZDF-Berichterstatter Ploog die schottischen Fußballfans loben - er sagte: „Die Anhänger des FC Aberdeen gelten als zahm."

Wie unbedacht darf ein Sportreporter reden? Halbwüchsige Fußballanhänger wollen nichts weniger sein als „zahm". Warum gönnte er den manierlichen Aberdeen-Fans nicht Attribute wie „sportlich", „fair" oder „anständig"?

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Schwer zu verstehen, warum eine Sendung „5 nach 10" heißt, wenn ihr Beginn laut Programm auf 5 vor 11 (am Mittwoch im ZDF) festgesetzt ist. Dabei handelt es sich um ein Forum für Jugendliche. Die ARD macht es umgekehrt: Der harte US-Krimi „Reise ohne Wiederkehr"- lief am gestrigen Sonnabend um 15.30 Uhr: im Kinderprogramm.

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„Tagesschau"-Sprecher Veigel sagte am Donnerstag zum Rückzug von 1000 kubanischen Beratern aus Nicaragua: „Offenbar wollen Kuba und Nicaragua den Amerikanern keinen Vorwand zum Eingreifen in der Region geben."

Vorwand? In Grenada handelte der US-Präsident aus begründetem Anlass - „Anlass" wäre auch für die Nachrichtensendung der ARD das richtige, weil wertneutrale Wort gewesen.

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In einem „Tagesschau“-Bericht (nicht: Kommentar) am Donnerstag aus Washington teilte ARD-Korrespondent Pleitgen zum Nachrüstungsbeschluss des Bundestages unter anderem mit: „Wenn man schon Raketen gegen den erklärten Willen der Bevölkerungsmehrheit – wenn auch mit einer satten Parlamentsmehrheit - aufstellt, dann sollte man das nicht in Krisensituationen tun."

Woher kennt Pleitgen den Mehrheitswillen? Wo und wann hat er denselben sich erklären hören? Kennt Pleitgen nicht den Artikel 38 des Grundgesetzes? Und warum wird dem Korrespondenten nicht der Unterschied zwischen Nachrichten und Kommentar erklärt?



Anmerkungen

Der ZDF-Moderator Dieter Kürten moderierte 1967-2000 das „Aktuelle Sportstudio“ 375 Mal.

Wolfram Esser (1934-1993) kam 1963 zum ZDF und moderierte später vor allem die „Sportreportage“.

Günther-Peter Ploog war 1979-1992 ZDF-Sportredakteur. Seit 2010 arbeitet er für den Hamburger Sportsender „sportdigital“.

SPD-Mitglied Fritz Pleitgen war 1970-1977 ARD-Auslandskorrespondent in Moskau. 1977 ging er nach Ostberlin, nachdem ARD-Korrespondent Lothar Loewe wegen seiner unverblümt kritischen Berichterstattung am SED-Regime des Landes verwiesen worden war. Bei Pleitgen hatte die ARD Ähnliches nicht zu befürchten, er blieb fünf Jahre auf diesem Posten. 1982 wechselte Pleitgen nach Washington, wo er ganz im Sinne seiner Partei die Politik US-Präsident Ronald Reagans scharf kritisierte. 1987 kehrte er zum WDR nach Köln zurück. 1988 wurde er Chefredakteur des WDR-Fernsehprogrammbereichs „Politik und Zeitgeschehen“. Besonders seine ARD-Kommentare gefielen den Genossen, und 1995 wurde er zum WDR-Intendanten gewählt. Später entzweite er sich mit seiner Partei und näherte sich den Positionen der CDU an, was ihn prompt die Wiederwahl kostete.

Werner Veigel (1928-1995) war seit 1966 Sprecher und seit 1987 Chefsprecher der ARD-Tagesschau. Seine Fehlerlosigkeit, Präsentation und Aussprache gelten bis heute als vorbildhaft.


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