Wie das ZDF die Callas vergaß

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Harald Juhnkes Orkan-Revue und „Die Straßen von San Francisco“: In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1983, welche Themen vor 30 Jahren wichtig waren und wie das Fernsehen sie präsentierte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 4.Dezember.

Die ZDF-Sendung „Wie wär's heut' mit Revue?" aus Hannover eröffnete Harald Juhnke vorigen Samstagabend mit folgendem Scherz: „Als ich meine letzte Show machte, da herrschte hier ein Sturm, das war ja ein Orkan! Ich hatte ein bisschen Angst um meinen kleinen elfjährigen Sohn, der allein in Berlin geblieben war. Ich rief ihn also an und sagte: ,Du, Oliver, wie geht's denn in Berlin, ist da auch so ein Sturm?' - ,Ja ja', sagte er ,aber mach dir keine Sorgen, ich hab' ja eine sturmfreie Bude.'" Für solches und ähnliches erhielt Juhnke vom ZDF 20 000 Mark Gage.

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Wären die Humoristen so lustig gewesen wie die Pannen, die Sänger so bekannt wie die Pointen und die Trikots der Tänzerinnen so dünn wie die Einfälle des Autors - die ARD-Revue „Wunderland" vom Sonntag hätte Beifall verdient. Nach diesem Feuerwerk der Flops aber konnte nur einer lachen: Andre Heller - er bekam fürs Drehbuch Geld.

Hoffentlich zum letzten Mal.

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Am Montag im ZDF-Krimi „Die Straßen von San Francisco": Ein Zeuge will den Mörder erpressen, der Killer hebt die Pistole, ein Schuss - und auf dem Bildschirm erscheint der Sprecher von „heute". Es folgen drei Minuten Nachrichten und sechs Minuten Werbung - dann läuft der Krimi weiter.

Haben Gegner des Privatfernsehens nicht immer davor gewarnt, kommerzielle Sendeanstalten wurden wie in den USA Filme ohne Rücksicht auf den Zuschauer an der spannendsten Stelle für Reklame unterbrechen und so den Sehgenuss trüben?

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ARD-„Report" kritisierte am Dienstag den saarländischen Wirtschaftsminister Walter Henn (FDP): Als Vorstand der Vereinigten Saar-Elektrizitätswerke verdiente er bis Oktober 20.000 Mark im Monat. Seither erhält er zu seinem Ministergehalt (12.000 DM) noch 8000 DM Ruhestandsgeld von seinem früheren Arbeitgeber - zusammen also ebenso viel wie zuvor. Mit Hinweis auf Wirtschaftsflaute und Arbeitslosenzahl fragte „Report“-Moderator Alt: „Reichen 12.000 Mark Ministergehalt wirklich nicht aus?"

Nachdem Alt das Gehalt des Ministers öffentlich diskutiert hatte, bat WELT am SONNTAG Alts Chef, den (gleichfalls aus öffentlichen Mitteln besoldeten) SWF-Intendanten Hilf, um Auskunft über seine Bezüge. Hilf lehnte die Bitte ab. Anmerkung: Hilf verdient im Monat rund 18.000 Mark.

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Am Wochenende trafen sich in Lippstadt 144 ehemalige politische Häftlinge. Da es sich nicht um chilenische Gewerkschafter handelte, sondern um Entlassene aus „DDR"-Zuchthäusern, erfuhren TV-Zuschauer erst am Mittwoch von dem Ereignis: dank Löwenthals ZDF-Magazin. Der einstige NVA-Offizier Karl-Heinz Rutsch, nach zehn Jahren Haft erst vor zweieinhalb Monaten von Bonn freigekauft, teilte in der Sendung mit, seine Ausbilder auf der Offiziersschule hätten ihm schon 1972 klargemacht: „Der erste Schlag geht immer vom Osten aus“.

Wäre das nicht für „Tagesschau" und „heute" ein interessanter Beitrag gewesen?

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In der Reihe „Das kleine Fernsehspiel" strahlte das ZDF am späten Donnerstagabend den amerikanischen Experimentierfilm „Hero" aus. Der Mainzer Begleittext pries das Werk wegen seiner „Bilder von starker poetischer Imaginationskraft". Was immer das bedeuten sollte - zur Betrachtung blieb kaum Zeit: Der Zuschauer musste angestrengt Untertitel verfolgen.

Nichts dagegen, dass das ZDF sich scheut, solchen Flachsinn auch noch (für rund 40.000 DM) synchronisieren zu lassen. Aber die Programmgestalter sollten den mündigen Zuschauer nicht mit der Behauptung für dumm verkaufen wollen, man habe auf Synchronisation verzichtet, um die Atmosphäre zu erhalten".

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Das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte" zeigte Freitagabend wieder einmal den Berliner Kabarettisten Wolfgang Neuss vor - zu dessen 60. Geburtstag am gestrigen Sonnabend. Es trat ein geistig und körperlich verfallener Mann auf.

Die „Callas" wäre am Freitag 80 Jahre alt geworden - darüber verlor „Aspekte" keine Silbe.

Anmerkungen

Die US-Serie „Die Straßen von San Francisco“ mit Michael Douglas und Karl Malden lief In Deutschland ab 1974 im ZDF und wurde Ende der 1980er Jahre auf Pro Sieben wiederholt.

Der FDP-Politiker Walter Henn (1927-2004) wurde 1983 saarländischer Wirtschaftsminister. Er trat zurück, als bekannt wurde, dass er neben seinem Ministergehalt auch noch Einkünfte vom Energieversorger VSE bezog.

Willibald Hilf (1931-2004) war 1977-1993 Intendant des Südwestfunks (SWF) und 1986-1987 Vorsitzender der ARD.

Franz Alt arbeitete 1968-2003 überwiegend beim Südwestfunk (SWF, heute: SWR), für den er 20 Jahre lang das Politmagazin Report moderierte.

 



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