Als Reinhold Beckmann vor einem fast nackten Udo Jürgens stand

Samstag, 7. Dezember 2013

„Der Zufall begegnet uns meist als verspielter Luftikus, der uns tändelnd im Vorübergehen streift, ein bisschen Goldstaub auf unserem Weg verstreut und dann eilends wieder verschwindet“, sagt ARD-Moderator Reinhold Beckmann. „Das Schicksal hingegen, der existentielle Zwilling des Zufalls, ist eine weitaus härtere Nuss.“

Unterfüttert sind die beiden Definition mit Erkenntnissen, die der sorgfältigste Interviewer des deutschen Fernsehens in vielen Gesprächen mit seinen Talk-Gästen sammelte, etwa Ursula von der Leyen, Helmut Schmidt, Martin Walser oder Mario Adorf. 25 Antworten großen und mittleren Kalibers stellt der Hamburger jetzt in seinem Buch „Zufall!?“ vor. Der Untertitel „Eine Spurensuche in außergewöhnlichen Biographien“ zeigt, dass es dabei nicht nur um kluge Sprüche geht. Die Zeugen haben Ungewöhnliches erlebt. Der Einfluss des Unverhofften prägt manche Karriere, auch die des Autors selbst.

„Weder Sportreporter noch Fernsehmoderator standen für mich auf dem Lebensplan“, berichtet Beckmann. „Ich wollte am liebsten Filme machen. Diesem Ziel war ich schon recht nahe, als ich Anfang der achtziger Jahre in der Kölner Filmproduktion Tag/Traum arbeitete. Aber weil ein Redakteur sich ausgedacht hatte, die zahlreiche in der Stadt gastierenden Künstler kurz vor ihrem Auftritt mit einem Interview live in der Garderobe zu überraschen, stand ich eines Tages, mit einem Mikrophon bewaffnet, vor einem nahezu nackten Udo Jürgens, der gerade von einem Masseur traktiert wurde. Starschuss für die Serie ’Backstage‘ und meinen Einstieg im Fernsehen.“ Drei Jahrzehnte später sind die Interviewpartner nicht mehr unvorbereitet, Beckmanns Fragen freilich immer noch überraschend und die Antworten aufschlussreich.

Mario Adorf meldet sich mit 13 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst und wird als Melder mit zwei Panzerfäusten zu einer Panzersperre geschickt. Der Zufall stellt ihm einen mutigen Unteroffizier in den Weg, der den „Pimpf“ gleich wieder nach Hause schickt, kurz bevor die Amerikaner kommen: „Waffen vorsichtig in die Büsche legen. Uniform aus und heim zu Mutti!“

Der „Linke“-Politikerin Sahra Wagenknecht gilt schon die Begegnung ihrer Eltern als ungewöhnliche Schicksalsfügung: Wenn 1968, mitten im Kalten Krieg, ein iranischer Gaststudent aus Westberlin auf der Ostberliner Friedrichstraße eine junge Frau aus Jena kennenlernt und sich folgenreich verliebt, „dann ist eigentlich der größte Zufall, dass es mich überhaupt gibt.“

Ursula von der Leyen sieht als junge Medizinstudentin auf einem Parkplatz in Hannover einen jungen Mann mit einem Platten und bietet ihre Hilfe an. Er kommt alleine klar, doch später appelliert er auf andere Weise an das Herz der Kommilitonin: Er bittet sie um Karten für ein Konzert, das ihr Vater Ernst Albrecht, damals Ministerpräsident, beschirmt. Ein Jahr später sind die Jungmediziner ein Ehepaar.

Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher soll 1946 als Wissenschaftsredakteurin der „Stuttgarter Zeitung“ den Kultusminister zur neuen Schulpolitik interviewen, verläuft   sich aber und fragt irgendwann einen älteren Herrn nach dem Weg. Zufällig ist es der Minister, und er heißt Theodor Heuss. Er gibt ihr ein Interview, und die beiden freunden sich an: „Mädele, sie müsset in die Politik!“. Für sie ist es „der Zufall meines Lebens“. 1949 wird Heuss Bundespräsident, und aus der Jungredakteurin wird eine Ikone des bundesdeutschen Liberalismus.

Helmut Schmidt berichtet von vier großen Zufällen, die ihn bis ins Kanzleramt führten. Den ersten erlebt er schon mit 14 Jahren, als er in die Hitlerjugend eintreten will, um wie die anderen Jungs auf Wanderfahrt gehen, an Lagerfeuern sitzen, Heimabende und Gemeinschaft erleben zu können. Die Eltern verweigern ihm die Zustimmung, und die Mutter offenbart ihn ein damals sehr gefährliches Familiengeheimnis: Er habe einen jüdischen Großvater. „Er hat mich damals davor bewahrt, ein kleiner Nazi zu werden“, sagt Schmidt heute. Als Kriegsgefangener begegnet er dem Mann, der ihn zum Sozialdemokraten macht. Als Heimkehrer studiert Schmidt bei dem späteren Wirtschaftsminister Karl Schiller, und die Sturmflut von 1962 macht ihn bundesweit populär.

Beckmanns Buch ist wie seine Interviews: Inhaltsreich, aber unaufgeregt, gründlich, aber nie langweilig, lehrreich ohne erhobenen Zeigefinger. Seine Co-Autorin Sabine Paul war Redakteurin bei SFB und RIAS-TV, schreibt für renommierte Blätter und arbeitet heute in Beckmans Redaktion. Die Abbildungen steuerte der Porträt-, Reise- und Musikfotograf Paul Ripke bei.

„Zufall!? Eine Spurensuche in außergewöhnlichen Biographien“ von Reinhold Beckmann und Sabine Paul. Hoffmann und Campe, 302 S., 19.99 €

 

Zufallszitate

„Fortuna ist zwar blind, aber nicht unsichtbar. Man kann das Glück ergreifen. Es kommt nicht unbedingt von selber.

Mario Adorf

„Ich bin nicht sicher, ob die Weichenstellungen in meinem Leben, die nach Zufall aussahen, wirklich zufällig waren.“

Peter Maffay

„Ich glaube an Gott, und ich glaube, den Zufall schickt Er den Menschen. Zufall ist das, was der liebe Gott eigentlich wollte.“

Jens Lehmann

„Alles ist immer zufällig passiert, Erfolg kann man sich nicht vornehmen, das ist wie beim Verliebtsein.“

Ina Müller

„Man muss ja so tun, als gäbe es keinen Zufall, weil man einen Zufall nicht einplanen kann, aber gerade zu Beginn einer Karriere spielt er eine große Rolle.“

Dieter Nuhr

„Es gab viel Schwieriges, viel Trauriges, aber letztlich haben die glücklichen Zufälle mein Leben geprägt.“

Hildegard Hamm-Brücher

„Zufall oder Schicksal – ich würde nicht auf die Idee kommen, darüber zu philosophieren. Entscheidend ist, sich den unerwarteten Ereignissen im Leben zu stellen.“

Helmut Schmidt

„Zufall nennen die Menschen das, was sie nicht verstehen. Die Natur besteht nur aus unbeherrschbarem Chaos. Darin gibt es keine Zufälle, sondern nur Naturgesetze.“

Reinhold Messner

„Ich habe mir überlegt, ob ich irgendeinen Zufall in keiner Biographie feststellen kann, und ich habe keinen entdeckt. Ich kann nur sagen, was ich schon oft empfunden und auch formuliert habe: Zufall ist eine noch nicht durchschaute Gesetzmäßigkeit.“

Martin Walser

„Zufall ist im Grunde die Ohrfeige, die dir sagt: Du meinst, du hättest die Kontrolle in deinem leben? Nein, hast du nicht.“

Ranga Yogeshwar

„Der kreative Mensch ist jemand, der es versteht, glückliche Zufälle auszunutzen.“

Ernst Pöppel



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