Kapitel 20: Omagua

Sonntag, 8. Dezember 2013

 

V OMAGUA

 

Am nächsten Morgen erwachte Sander mit dem sauren Mund und dem schlechten Gewissen des nur halb Ausgenüchterten. Besorgt bemühte er sich, sein Erinnerungsvermögen anzustrengen, um herauszufinden, wie sein Verhalten am Abend zuvor gewesen war. Doch die elektromagnetischen Impulse, aus denen sich seine Gedanken formten, kamen auf den dafür vorgesehenen Nervenbahnen nur langsam voran, denn sie stießen in den Zellen immer wieder auf den hinderlichen molekularen Trümmerschutt des Restalkohols. Für Sander äußerte sich dessen Vorhandensein in pulsierenden Kopfschmerzen.

  "Wie geht es Ihnen?" hörte er Maria Behrings Stimme.

  Er stöhnte leise. "Fragen Sie lieber den Affen, der in meinem Kopf Kokosnüsse gegen das Schädeldach schmeißt", antwortete er.

  Sie lachte. "Spekulieren Sie nicht auf mein Mitleid", sagte sie. "Sie haben sich alles selbst zuzuschreiben. Aber so ein Unmensch bin ich doch nicht, dass ich Ihnen nicht wenigstens einen Kaffee gönne."

  Er richtete sich mühsam auf, nahm dankbar den kleinen Holzbecher aus ihrer Hand und begann das heiße Getränk zu schlürfen.

  "Übrigens, fröhliche Ostern!" sagte Maria Behring aufgeräumt.

  Ein heller Ton drang durch die dünnen Wände der Hütte. Maria Behring trat vor die Tür und lauschte.

  "Die Rindentrompeten", sagte sie. "Beeilen Sie sich! Das Fest fängt gleich an!"

  Sander hob sein linkes Handgelenk vor die verschwollenen Augen und starrte auf seine Armbanduhr. Es war 20 Minuten nach acht.

  "Da staunen Sie wohl", sagte Maria Behring.

  "Warum haben Sie mich denn nicht geweckt?" fragte er mürrisch. Sein Gedächtnis hatte die Tätigkeit wiederaufgenommen, aber es waren keine guten Nachrichten, die es zu melden hatte. Offenbar hatte er sich im Rausch weidlich danebenbenommen. O Gott, dachte er das darf nicht wahr sein!

   Er hielt das Gefäß in beiden Händen und schielte dabei unauffällig nach Maria Behring, in der Hoffnung, aus ihrem Gesichtsausdruck Schlüsse ziehen zu können. Dass sie ihn anlächelte, beruhigte ihn keineswegs.

  "Dieser Palmwein zieht einem wirklich die Füße weg“, begann er. „Mir ist ganz anders. Ich hätte nicht so viel trinken sollen."

  "Das stimmt", sagte sie kurz. "Nun rasieren Sie sich und bringen Sie sich in Form. Ich habe keine Lust, zur Ostermesse mit einem Landstreicher zu erscheinen."

  "Ostermesse?" fragte er.

  "Sie haben richtig gehört", erklärte sie. "Wir gehen in die Kirche. Um zehn Uhr fängt, die Show an. Wolkenfänger war schon da und wollte uns zum Frühstück abholen, aber da lagen Sie noch schnarchend auf der Matte."

  Er balancierte den Becher vorsichtig mit der rechten Hand an den Mund und fasste sich mit der Linken an die Schläfe.

  "Wie geht es Ihrem Kopf?" erkundigte sie sich.

  "Fragen Sie nicht", seufzte er. Dieses Teufelsgebräu…"

  "Das meine ich nicht", sagte sie resolut. Ich meine Ihre Stirn. Die Wunde."

  "Ach so", sagte er. "Moment mal." Vorsichtig befühlte er die Stelle unter dem Verband. Obwohl er immer kräftiger drückte, spürte er keinen Schmerz. Mein Nervensystem muss total im Eimer sein, dachte er.

  "Zeigen Sie mal her", sagte sie und trat ganz dicht neben ihn. Er schloss die Augen und atmete den Duft ihres Parfüms ein, während sie sich an dem Verband zu schaffen machte. Plötzlich fühlte er, wie sich etwas Festes von seiner Haut löste.

  "Aber das ist ja unglaublich!" hörte er sie sagen.

  "Was ist denn?" fragte er.

  "Gerade ist der Schorf abgegangen", sagte sie. "Die Wunde ist verheilt. Ich kann es nicht fassen. Normalerweise dauert so was mindestens eine Woche. Diese grüne Salbe hat es in zwei Tagen geschafft. Ihre Stirn ist wie neu!" Sie legte ihre kühle Hand auf die Stelle. "Fühlen Sie was?"

  "Ja", sagte er.

  "Diese Wundsalbe ist perfekt", sagte sie. "Es muss an dem Wasser aus den Bromelien auf der Cecropia liegen." Sie kniete sich auf den Bretterboden. "Los, Ihren Fuß", befahl sie.

  Sander lehnte sich etwas zurück und hob den verletzten Fuß. Mit geübten Handgriffen löste Maria Behring den Verband. Das Ergebnis war nun keine Überraschung mehr: Auch die Hautabschürfungen an Knöchel und Rist waren vollkommen verheilt.

  „Dafür hat diese Indianerin den Nobelpreis verdient", stellte sie fest. "Oder noch eher der alte Priester."

  "Unbedingt", pflichtete er bei. "Ich spüre überhaupt nichts mehr."

  Sie piekste ihn mit dem Nagel ihres kleinen Fingers.

  "Ich spüre es", bestätigte er rasch.

  "Laufen Sie mal ein bisschen herum", befahl sie. "Mal sehen, wie es Ihren Bändern geht."

  Er gehorchte. "Alles in Ordnung", sagte er schon nach wenigen Schritten. "Keine Schmerzen."

  Sie schüttelte den Kopf. "Dieses grüne Zeug ist eine Sensation! Nicht mit Gold aufzuwiegen."

  Sander nickte.

  "Ach so", sagte sie. "Sie wollen bestimmt unter die Dusche. Ich werde solange einen kleinen Morgenspaziergang machen."

  Als sie zurückkam, stand Sander rasiert und mit nassem, sorgfältig gekämmtem Haar vor der Tür.

  "Na also", lobte sie, "das sieht doch schon ganz anders aus."

  Als sie über die Hochbrücke gingen, musste sie plötzlich lachen.

  "Was ist?" fragte er misstrauisch.

  "Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen", sagte sie. "Da investieren die Berliner Pharma-Werke drei Millionen Dollar in die Suche nach Enzymen in epiphytischen Zisternenbromelien. Und was kommt dabei heraus? Maria und Josef gehen Ostern feiern!"

  Ihre Freunde vom Axtbrecherbaum warteten schon; sie freuten sich sichtlich, als sie ihre Gäste in so fröhlicher Stimmung sahen. Ani trug ein knielanges Festkleid aus rotem Rindenbast. Der Saum war zur größeren Beweglichkeit an den Seiten geschlitzt. In ihrem schwarzen Haar steckten karmesinrote Arafedern. Gabriel und Senex waren in lange weiße Gewänder gekleidet. Alle drei hatten Schmuck angelegt: Halsketten aus leuchtenden Orchideenblüten, Armbänder aus den bunten Häuten von Reptilien wie Stirnlappenbasilisk oder Ritteranolis sowie Ohrringe aus den auf Rinde geklebten, in metallischen Farben schillernden Flügeldecken des Riesenprachtkäfers. Auch Blaukrönchen und Wolkenfänger hatten sich nach Kräften herausgeputzt.

  Als sie losgingen, sahen Maria Behring und Sander zu ihrem Erstaunen, dass Gabriel ein gut zwei Meter langes Bambusrohr vom Boden aufhob. Wolkenfänger trug einen kleinen Köcher mit spannenlangen Pfeilen.

  Auf dem Weg zu den drei großen Zedrachbäumen schlossen sich ihnen wieder die Nachbarn an, die kaum weniger verschwenderisch ausstaffiert waren. Die Männer trugen ebenfalls Blasrohre auf den Schultern. Andere hatten seltsame Geräte aus Rindenbast bei sich, die fast wie Tennisschläger aussahen.

  Um neun Uhr hatten sich alle Bewohner des Wolkenwaldes auf den drei Zedrachbäumen versammelt. Manche hatten vor der Morgendämmerung aufbrechen müssen, um rechtzeitig anzukommen. Maria Behring und Sander saßen mit Gabriel und seiner Familie mitten unter den anderen Indianern und blickten gespannt zu der Hohle auf dem Vulkanfelsen.

  Nach einer Weile traten zwei weißgekleidete Männer mit Rindentrompeten aus der Tür, stellten sich neben einem kleinen Altar auf dem Vorplatz auf, setzten ihre Instrumente an und ließen das Signal erklingen, das den Beginn der heiligen Messe ankündigte. Sogleich verstummten die Versammelten, erhoben sich und stimmten einen Choral an, dessen fröhliche Melodie Sanders bei der zweiten Wiederholung zum Mitsummen reizte; Maria Behring traute ihren Ohren kaum.

  Danach erklangen die Rindentrompeten von neuem. Wieder öffnete sich die Tür, und nun trat eine kleine Prozession heraus: Ein junger, weißgekleideter Indianer trag das silberne Kruzifix voran, das Maria Behring und Sander bei ihrem nächtlichen Besuch in der Höhle gesehen hatten. Ihm folgten andere Jungen, dann einer der Erzengel, der offenbar als Diakon diente, und schließlich der Priester selbst. Er trug ein weißes Messgewand. Als er sich vor dem Altar umwandte, leuchtete auf seinem Rücken ein großes rotes Kreuz.

  Interessiert beobachteten Maria Behring und Sander das kirchliche Ritual. Auf den Gesichtern der Indianer lag ein Ausdruck tiefer Frömmigkeit.

  Nach dem Gottesdienst kehrte der alte Priester mit der kleinen Prozession in seine Höhle zurück. Aber schon wenig später erschien er in einem schlichten weißen Gewand auf dem Vorplatz, schritt festen Fußes über die Brücke zum Torbaum und begann sich dort mit den Gläubigen zu unterhalten, die von den Zedrachbäumen herüberkamen und sich zwanglos in fröhliche Gruppen aufteilten. Die einen plauderten mit dem Priester, die anderen fingen schon an, sich an den in großen Körben dargebotenen Genüssen zu laben. Es gab natürlich Osterfrüchte, gedünstet, gekocht, gesotten und noch auf vielerlei andere Weise zubereitet; dazu Paradiesnüsse, Früchte von Moriche- und Yaguapalmen sowie Termiten in Honig, von denen Sander trotz ihres köstlichen Duftes die Finger ließ, während Maria Behring beherzt zulangte. In großen hölzernen Kannen standen Fruchtsäfte und frischer Palmwein bereit. Hier hielt sich Maria Behring zurück, während Sander sich gleich wieder einen Becher einschenken ließ. „Der Hund, der dich am Abend gebissen hat“, dozierte er dabei, „muss dir am nächsten Morgen die Füße lecken.“ Entschlossen stürzte er sich das Gebräu in den Schlund.

  Nach dem Essen maßen sich die Männer in allerlei Wettbewerben. Zuerst stellten sie in einer zwanzig Meter entfernten Astgabel die lebensgroße, täuschend echt wirkende Holzfigur eines Harpyienadlers auf und zielten mit ihren Blasrohren auf sie. Dabei bewiesen sie große Treffsicherheit, denn kaum einer der kleinen Pfeile verfehlte sein Ziel. Zu ihrer nicht geringen Verblüffung sah Maria Behring, dass auch Sander an dem Wettschießen teilnahm; er hob das Blasrohr mit geübtem Griff an den Mund, visierte den hölzernen Raubvogel an und traf mitten in einen Flügel, wofür er den Beifall der Zuschauer erntete.

  "Wo haben Sie denn das gelernt? fragte sie ihn erstaunt.

  "Vor einigen Jahren saß ich mal in Santa Esmeralda mit einem Motorschaden fest“, sagte Sander. „Ein Ventil war zu Bruch gegangen, und ich musste wochenlang auf Ersatz warten. Da habe ich ein solches Blasrohr erstanden und mir die Zeit damit vertrieben.“ Er lächelte. „Am Schluss konnte ich es sogar mit den Indianern aufnehmen, die an der Piste kampierten."

  Danach griffen zwei Männer ihre Bastschläger, nahmen auf zwei fast zehn Meter voneinander entfernten Ästen Aufstellung und spielten sich mit unerhörter Geschicklichkeit einen Kautschukball zu, wobei die Kunst darin bestand, die kleine Gummikugel möglichst oft hin und her fliegen zu lassen. Maria Behring zählte mit und kam beim ersten Paar auf 114 Schläge, ehe ein Ball nicht weit genug flog und sein Adressat trotz eines waghalsigen Manövers nichts mehr retten konnte. Andere Spieler schafften später sogar über 200 Schläge. Auch Sander sah fasziniert zu und goss sich dabei immer wieder Palmwein nach, worauf Maria Behring sagte: "Dass Sie sich nur nicht einfallen lassen, auch da mitzuspielen, Sie Angeber! Wenn ich Sie erwische, kürze ich das Verfahren ab und werfe Sie eigenhändig vom nächsten Ast. Und trinken Sie nicht so viel!"

  "Schon gut", sagte er. "Indianertennis ist nichts für mich, ich habe mit Sport sowieso nichts im Sinn, außer ein bisschen Schießen natürlich, aus alter Gewohnheit. Außerdem trinke ich nicht, sondern nippe nur. Wollen Sie auch mal?"

  "Igitt", sagte sie. "Ich habe noch von gestern genug."

  Später begann ein Kampfspiel, bei dem besonders kräftige Männer einbeinig auf Ästen standen und einander mit kräftigen Stößen vor die Brust aus dem Gleichgewicht zu bringen versuchten; wer ins Straucheln geriet und sich mit den Händen festhalten musste, um nicht abzustürzen, hatte verloren. Auch bei diesem Wettkampf zeigten die Teilnehmer eine schier unglaubliche Körperbeherrschung.

  Zwischendurch feierten Frauen und Kinder den Tag immer wieder in ausgelassenen Tänzen, wobei ihnen Musikanten mit Bambusflöten. Rindentrommeln und Rasseln aus kürbisähnlichen Baumfrüchten aufspielten. Mal in einer langen Reihe hintereinander, mal wieder paarweise hüpften sie durch das Geäst, dabei mit großer Gewandtheit den Flug von Vögeln, Libellen und Fledermäusen nachahmend, so dass es Maria Behring und Sander schien, als tanzten sie nicht in der schwindelerregenden Höhe der Kronenregion, sondern auf dem sicheren Boden eines gestampften dörflichen Festplatzes.

  Als es schon dunkel wurde, stellten Wolkenfänger und einige andere Jungen Windlichter in die Bäume. Die Männer setzten sich nun paarweise zusammen, und einer blies dem anderen mit einem kleinen Knochenröhrchen Paricápulver in die Nasenlöcher. Das Narkotikum, dessen wichtigster Bestandteil aus der inneren Rinde einer Mimosenart stammte, löste ähnliche Reaktionen aus wie eine perfekt gemixte Prise aus einer Schnupftabaksdose unter alpenländischen Wirtshausbesuchern.

  Nach dem Schnupfen begannen die Männer heftig zu trinken. Die Kinder bekamen inzwischen von den Erzengeln Körbchen aus dem Bast der Pupunhapalme mit allerlei Leckereien aus Honig-, kandierten Früchten und süßer Baumrinde. Nachdem sie auf diese Weise beschäftigt waren, zogen die Frauen ihre Männer zum Tanz.

  Der alte Priester stand neben dem Ausschank und schaute dem Treiben mit heiterer Miene zu. Maria Behring richtete es so ein, dass sie neben ihn zu stehen kam, und sagte: "Ein schönes Fest, Padre. Die Leute scheinen von Herzen fröhlich zu sein."

  "Sie haben es auch verdient", antwortete der Priester freundlich. "Sie haben fleißig gearbeitet. So mögen sie denn nun auch froh sein wie die Kindlein."

  "Ja", sagte sie. Dann räusperte sie sich und fragte: "Wann können wir uns denn morgen sprechen?"

  "Wann immer Ihr wollt", erwiderte er. "Kommt früh. So haben wir den ganzen Tag Zeit; es gibt viel zu erklären."

  "Gut", sagte sie. "Wir werden gleich nach dem Frühstück zu Ihnen kommen."

  Nun mischten sich laute Gesänge in die Musik, und ein wilder Chor begann die Instrumente zu übertönen; selbst dem ungebildeten Ohr musste dabei klarwerden, dass es sich keinesfalls um Kirchenlieder handeln konnte. Die Schwünge der Tanzenden wurden noch schneller, die Griffe der Männer noch fester, das Lachen der Frauen noch lauter; dazwischen kugelten vor Freude kreischende Kinder herum. Die Szene wirkte wie eine bäuerliche Fastnacht im Mittelalter, wenn sich auf dunklem Dorfplatz Mensch und Tier zu tollem Treiben durcheinander mengten. Das berauschende Getränk schien die Baumindianer völlig enthemmt zu haben; wie entfesselt tobten sie durch die Äste der drei Bäume, so dass es Maria Behring vom Zuschauen beinahe schlecht wurde.

  Plötzlich fühlte sie eine Hand auf der Schulter. Als sie sich umwandte, stand Sander vor ihr. Er schwankte leicht. "Darf ich bitten?", fragte er grinsend.

  Sie tippte an ihre Stirn. "Ich bin doch nicht lebensmüde!"

  "Nur ganz langsam!" bettelte er.

  Die Fahne aus seinem Mund traf sie voll ins Gesicht, und sie rümpfte die Nase. "Sie sind ja völlig betrunken!"

  "Ja", gestand er, ohne das geringste Schuldbewusstsein erkennen zu lassen, "aber die anderen auch". Mit Mühe unterdrückte er ein heftiges Aufstoßen.

  "Es ist wohl besser, wir verschwinden hier", sagte sie. "Morgen früh sind wir bei dem Priester. Da brauchen wir einen klaren Kopf."

  "Ich bleibe noch ein bisschen hier", sagte er.

  "Aber das ist doch sinnlos!" Sie packte ihn am Arm. "Sie kommen mit!"

  Er stand wie ein Baum. "Ich möchte lieber noch ein bisschen bleiben", lallte er.

  "Was um Himmels willen versprechen Sie sich denn davon?" Sie zog die Stablampe aus der Tasche und leuchtete auf den Weg. "Kommen Sie endlich!"

  Gehorsam trottete er hinter ihr her. "Schade", beschwerte er sich. Jetzt begann gerade der gemütliche Teil."

  ",Gemütlich' ist gut", sagte sie sarkastisch. "Haben Sie nicht gesehen, wie die in den Ästen herumgehopst sind, total blau, mit Frauen und Kindern? Ich weiß, die haben ihr ganzes Leben auf diesen Bäumen verbracht und klettern so sicher wie Eichhörnchen, aber normal ist das trotzdem nicht. Das ist…" Sie suchte nach einem passenden Vergleich. "Das ist, wie wenn diese rheinischen Karnevalsjecken am Rosenmontag allesamt draußen auf dem Kölner Dom herumturnen würden."

  Darauf wusste er nichts zu entgegnen. Er torkelte hinter ihr her, bis sie wieder in ihrer Hütte auf dem Matamatá standen.

  "Und jetzt ab in die Koje", befahl sie barsch, da sie gemerkt hatte, dass sie mit dieser halbmilitärischen Ausdrucksweise am besten zu seinem benebelten Verstand durchdrang.

  "Jawoll!" antwortete er prompt, machte eine tadellose Rechtswendung und marschierte kerzengerade aus der Tür.

   "Halt!" rief sie. "Wo wollen Sie denn hin?" Sie überlegte; dann zuckte sie mit den Schultern und legte sich in die Hängematte. Müde, wie sie war, fielen ihr bald die Augen zu.

  Sie erwachte durch den Klang einer hellen, klaren Frauenstimme, die eine wunderschöne Melodie sang. „Träume ich?“ dachte sie und konzentrierte sich auf den Text. Kein Zweifel: Es war tatsächlich ein französisches Chanson, sogar ein sehr bekanntes.

  "Das klingt wie ,Mylord'!" murmelte Maria Behring entgeistert und schlug die Augen auf. Es war stockfinster. Sie richtete sich auf und lauschte. "Es ist ,Mylord'!" sagte sie laut. "Was zum Teufel geht hier eigentlich vor?" Sie streckte den Arm aus und tastete nach Sanders Hängematte; sie war leer. "Natürlich", sagte sie grimmig. Sie stand auf und trat vor die Tür. Aus der Tiefe klang die durchdringende Stimme Edith Piafs empor.

  Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Ich werde wahnsinnig! dachte sie. Dieser Narr hat die Funkanlage eingeschaltet und hört Radio!

  Rufen würde keinen Zweck haben. Sie schaute auf die Uhr. Halb eins! Sie knipste ihre Taschenlampe an, hängte sie an die Brusttasche ihres Overalls und stieg die Leiter zu dem Luftschiff hinunter. In der Gondel hockte Sander zusammengekrümmt auf dem Pilotensitz und schnarchte. Maria Behring schaltete die Funkanlage aus. Keine Reaktion. Sie nahm eine Decke und breitete sie über Sander, der wohlig grunzte.

  "Gute Nacht", sagte sie halblaut.

  Sie betrachtete ihn noch einige Sekunden. Dann löschte sie die Notbeleuchtung und kehrte zu der Hütte zurück. Dort sah sie etwas blinken. Es war der Computer.

  Nanu? dachte sie. Was war denn da los? Sie kletterte in den hinteren Teil der Gondel, setzte sich vor den Monitor und las.

  "MESSAGE", stand dort.

  Wer hat mich denn da angemorst? fragte sie sich. Das konnte doch eigentlich nur Professor Sarosi sein. Aber jetzt, mitten in der Nacht zwischen zwei Feiertagen?

  Sie drückte einige Tasten und las wieder. Die Message lag schon seit Freitag vor: das war kaum weniger erstaunlich. Sie holte den Text auf den Schirm und las.

  "Verehrte Frau Doktor, was machen Sie denn schon wieder mit mir? Einen Padre Afonso de Mesa haben wir tatsächlich gefunden, aber im 16. Jahrhundert; er fuhr damals mit den ersten Portugiesen auf dem Amazonas nach Westen, einige Jahre nachdem Franciscode Orellana aus der anderen Richtung zur Mündung gesegelt war. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wozu Sie das brauchen. Haben Sie vielleicht seine Überreste entdeckt oder sein Grab? Hier sicherheitshalber die Daten: Geboren 1516 in Sines, der Geburtsstadt Vasco da Gamas. Priesterweihe 1540. Eintritt bei den Jesuiten 1546. Er muss eines der ersten Ordensmitglieder gewesen sein. Abreise nach Südamerika 1549. Dort Mitwirkung bei der Gründung von Sao Salvador, der ersten Hauptstadt Brasiliens. 1553 Teilnahme an der Fahrt des Kapitäns Miguel Hernández zum Amazonas. Die vom portugiesischen König zur offiziellen Inbesitznahme des Stromtals entsandte Expedition kehrte nie zurück; bis heute weiß niemand, was aus den Leuten geworden ist. Das ist alles, was ich in der Kürze feststellen konnte. Wenn Sie mehr wissen wollen, wenden Sie sich am besten an Professor Ernesto de Carvalho an der Universität Coimbra. Er ist, soweit ich weiß, die bedeutendste Kapazität auf dem Gebiet der portugiesischen Kolonialgeschichte. Ich habe Sie vorsichtshalber schon mal bei ihm avisiert. Er freut sich auf Ihren Anruf. Es folgte eine Telefonnummer. Sagen Sie mir aber auf jeden Fall, was Sie herausgefunden haben, schloss die Message. "Sie haben mich ganz schön neugierig gemacht!"

  Kopfschüttelnd kehrte Maria Behring zum Anfang der Nachricht zurück und las sie ein zweites Mal. Also eine Namensgleichheit, dachte sie. Der gute alte Sarosi hat, als er den frühen Afonso de Mesa gefunden hatte, in der neueren Zeit gar nicht mehr nachgeguckt.

  Am Ende des Computerbriefes stand: "PS: Mit Ihrem Osterwunsch kommen Sie leider zwei Wochen zu spät. Oder lebt man dort noch nach dem Julianischen Kalender? Ich danke Ihnen aber trotzdem."

  Verwirrt starrte Maria Behring auf die Buchstaben. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Sie tippte einige Tasten und holte ein Kalenderprogramm auf den Bildschirm. Tatsächlich: Ostern war schon vor zwei Wochen gewesen. Der alte Priester war in der jahrelangen Isolation offenbar mit seiner Zeitrechnung durcheinandergekommen. Sie erinnerte sich, einmal gelesen zu haben, dass die Berechnung des Osterdatums einst zu den kompliziertesten Aufgaben gehörte, die der Vatikan zu vergeben hatte.

  Sie gähnte herzhaft und warf dann einen Blick auf Sander, der den Schlaf des Gerechten schlief. Sie schloss die Tür der Gondel und kletterte in die Hütte zurück.

  Am Morgen duschte sie schnell, zog frische Unterwäsche an, streifte den Overall über und bereitete ein kleines Frühstück zu. Der Kaffee war gerade fertig, als sie hörte, wie Sander ächzend und keuchend die Leiter heraufkletterte.

  "Na, Sie fröhlicher Zecher?" rief sie ihm entgegen. "Was war denn das für ein Auftritt heute Nacht?"

  "Auftritt?" wiederholte Sander blöde. "Habe ich schon wieder etwas angestellt?"

  "Sie haben den halben Urwald mit Musik vollgedröhnt", sagte sie. "Wissen Sie das etwa nicht mehr? Zum Schluss gab's ,Mylord' von Edith Piaf. Offenbar hatten Sie Radio Cayenne erwischt, Sie alter Legionär."

  Erleichtert erkannte er, dass sie ihm offenbar nicht so böse war, wie er nach ihren ersten Worten befürchtet hatte. Er schleppte sich zum Tisch und ließ sich auf einen Stuhl sinken. "Mit Alkohol bin ich durch", verkündete er und hielt sich den schmerzenden Schädel.

  "Wurde auch langsam Zeit," sagte sie und reichte ihm einen Becher Kaffee. "Sehen Sie zu, dass Sie schnell wieder fit werden; der Priester wartet schon auf uns." Dann fügte sie hinzu: "Da ist übrigens etwas Merkwürdiges passiert. Professor Sarosi hat sich gemeldet. Mitten in den Feiertagen. Die aber offenbar gar keine sind. Dieser Afonso de Mesa hat bereits im sechzehnten Jahrhundert gelebt."

  Sander glotzte sie an. "Moment mal", sagte er. "Was war das? Das ging mir zu schnell." Es war ihm anzusehen, wie er sich bemühte, Ordnung in seinen Schädel zu bringen.

  "Also noch mal von vorn", sagte sie. "Professor Sarosi hat mir über Satellit eine E-Mail geschickt. Schon am Freitag. Wir haben es nicht gleich gemerkt, weil wir nicht nachgeschaut haben. Wir dachten doch, es wären Feiertage. Waren es aber nur hier. In Deutschland war Ostern schon vor zwei Wochen."

  Sander befühlte sein vom hastigen Rasieren wundgeschabtes Kinn. "Und was hat das mit unserem Afonso de Mesa zu tun?"

  "Das weiß ich noch nicht. Sarosi schrieb etwas vom Julianischen Kalender. Soviel ich weiß, richten wir uns heute nach dem Gregorianischen Kalender. Haben Sie eine Ahnung, wann der eingeführt wurde?"

  Sander zuckte mit den Schultern. "Irgendwann im Mittelalter, nehme ich an."

  "Wir können ja heute Abend mal in den Computer gucken. Jedenfalls hat Sarosi tatsächlich einen Jesuiten mit Namen Afonso de Mesa gefunden. Der lebte aber schon im sechzehnten Jahrhundert."

  "Tja", sagte Sander. "Dann hilft uns das wohl nicht weiter. Ich meine, der Mann sieht ziemlich alt aus, aber…"

  "Dieser andere Afonso de Mesa wurde 1516 geboren", sagte sie.

  "Wahrscheinlich kommt der Name in Portugal öfter vor, so wie bei uns Fritz Müller oder Hans Meier", warf Sander ein.

  "Ganz so häufig ist er nicht", sagte sie und überprüfte das kleine Mikrofon, das unauffällig wie der Haltebügel eines Kugelschreibers unter der zugeknöpften Pattentasche ihres Overalls hervorlugte. Aber auch nicht besonders selten. Sind Sie fertig? Dann los!"



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