Kapitel 21: Ein unglaubliches Geständnis

Freitag, 13. Dezember 2013

Sie gingen zu dem Torbaum und überquerten die Hochbrücke. Der Wächter am anderen Ende ließ sie diesmal mit freundlichem Nicken passieren. Der Priester empfing sie vor der Tür seiner Höhlenwohnung. Er bat sie, sich wieder so zu ihm an den Tisch zu setzen wie bei ihrer ersten Begegnung. Maria Behring schaltete unauffällig den kleinen Hochleistungsrecorder in ihrer Brusttasche ein.

  "So ist es denn nun endlich geschehen, und der Herr hat in seiner Güte mein Flehen erhört", sagte der Priester. Erst bezweifelte ich. ob Ihr wirklich vom Himmel gesandt oder nicht vielmehr doch aus der Hölle gekommen wäret, ein Trugbild, um mich zu täuschen und zu verlocken wie die Dämonen den heiligen Antonius in der Wüste. Denn Ihr müsst wissen: Dieser lebte viele Jahre als Einsiedler im Lande des Nils; ich aber lebe schon viele, viele, viele Jahre einsam jenseits des Marannon."

  Maria Behring hütete sich, ihn zu unterbrechen; es war ihr klargeworden, dass der alte Mann sich tagelang auf dieses Gespräch vorbereitet hatte. Wahrscheinlich hatte die jahrelange Abgeschiedenheit mitten im Urwald und das Fehlen jeglicher Verbindung mit Europäern ihn ein wenig schrullig werden lassen. Das schloss die Gefahr ein, dass er bei Störungen ungehalten reagierte oder den Faden verlor. Sie würde später noch Gelegenheit haben, Fragen zu stellen, dachte sie: zum Beispiel war es auffällig, dass er den alten portugiesischen Namen des Amazonas benutzt hatte.

  "Weil ich aber so in Zweifel war, habe ich, und Ihr möget mir das vergeben. Euch diese Woche beobachten lassen", fuhr der Priester fort. "Ich wollte wissen, ob Ihr den Meinen Böses in die unschuldigen Herzen zu senken trachtet; auch, ob Ihr die Wahrheit sagtet, als Ihr mir erzähltet, Ihr wolltet vor allem. Kenntnis von den Früchten des Waldes erlangen. Dadurch weiß ich nun, dass Ihr gute Menschen seid, und auch, dass Ihr die Wahrheit gesagt habt, und das macht mich froh."

  Er suchte nach den nächsten Worten, die er sich zurechtgelegt hatte, und sagte weiter: "Es gibt aber noch einen dritten Grund, warum ich erst jetzt mit Euch sprechen wollte, und dieser ist einer, den Ihr wohl kaum glauben werdet. Viele Jahre lang habe ich darüber nach gedacht, wie ich es erläutern solle, wenn eines Tages Fremde in diesen Wald kämen. Ich ersann viele Erklärungen und verwarf sie wieder. Schließlich beschloss ich, mich dieser Frage erst dann zu widmen, wenn sie sich stellen sollte. Nun ist diese Zeit gekommen."

  Maria Behring und Sander tauschten einen verwunderten Blick. Der Alte fuhr sich müde über die Augen. Dann sagte er: "Viele Wunder hat der Allmächtige schon gewirkt, im Himmel und auf Erden. Aus dem Nichts erschuf er die Welt, und aus einem Lehmklumpen fügte er den ersten Menschen. Er sandte die Sintflut und teilte das Meer, damit die Israeliten hindurchziehen konnten. Den Erzvätern aber schenkte er ein Leben, das länger währte als heute das Leben ganzer Völker."

  Maria Behring hörte gespannt zu; auch Sander war nun hellwach. Der Priester zog seine Bibel zu sich heran, schlug eine Stelle auf, die mit einem Palmbaststreifen gekennzeichnet war, und las: "Und Adam war hundert und dreißig Jahre alt, und zeugete einen Sohn, der seinem Bilde ähnlich war, und hieß ihn Seth; Und lebte darnach acht hundert Jahre, und zeugte Söhne und Töchter; Dass sein ganzes Alter ward neun hundert und dreißig Jahre, und starb."

  Er schaute seine Besucher bedeutsam an und fuhr fort: "Seth war hundert und fünf Jahre alt, und zeugete Enos; Und lebte darnach acht hundert und sieben Jahre, und zeugete Söhne und Töchter; Dass sein ganzes Alter ward neun hundert und zwölf Jahre, und starb. Enos war neunzig Jahre alt, und zeugete Kenan; Und lebte darnach acht hundert und fünfzehn Jahre, und zeugete Söhne und Töchter; dass sein ganzes Alter ward neun hundert und fünf Jahre, und starb."

  Mit den Sonnenstrahlen drang Vogelgezwitscher durch das offene Fenster herein: in der Ferne krächzten Aras. Der Priester las weiter: "Keanes ganzes Alter ward neun hundert und zehn Jahre… Mahelaleels ganzes Alter ward acht hundert fünf und neunzig Jahre… Jareds ganzes Alter ward neun hundert und zwei und sechzig Jahre… Methusalems ganzes Alter ward neun hundert und neun und sechzig Jahre…"

  Er schloss das Buch und blickte seine Gäste sinnend an. Dann sagte er: "Solche Wunder hat Gott an jenen Menschen getan, denen er eine besondere Aufgabe zu gedacht hatte. Denn sie waren die Erzväter seines auserwählten Volkes. Und so hat Gottes Gnade auch auf mir geruht."

  Seine Besucher wechselten ungläubige Blicke.

  "Ich bin Pater Afonso de Mesa, Societatis Jesu", sagte der Priester, "geboren im Jahr des Herrn 1516 zu Sines, der Heimatstadt des großen Vasco da Gama, getauft dortselbst in der Kirche der Allerseligsten Jungfrau, zum Priester geweiht im Jahre 1540 in der Kathedrale zu Évora aufgenommen in die Societas Jesu im Jahre 1546. Ich bin Priester der Kirche von Sáo Salvador da Bahia de Todos os Santos. Und ich bin mit der Gnade des Herrn 478 Jahre alt."

 

***

 

Der Priester wartete schweigend ab, bis sich seine Besucher von ihrer Überraschung erholt hatten.

  "Ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Padre", sagte Maria Behring dann, "aber das ist mehr, als ich glauben kann. Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der in unserer Zeit, auch nur annähernd so alt geworden wäre, wie Sie behaupten."

  Der Priester antwortete: "Glaubt mir, auch mir erscheint oftmals ganz unwirklich, was ich Euch nun kundgetan habe. Dennoch ist es die volle Wahrheit, und wenn ich Euch meine Geschichte erzählt habe, werdet Ihr wissen, dass ich die Wahrheit sage und gänzlich bei Sinnen bin. Alles, was mir widerfahren ist, geschah nach dem Willen des Allmächtigen, dessen Wege so wunderbar sind wie seine Werke."

  "Ich wollte nicht behaupten, dass Sie die Unwahrheit sagen", entgegnete Maria Behring schnell, "und noch weniger, dass Sie nicht bei Verstand wären. Vielleicht sind wir selbst es, deren geistige Gaben nicht ausreichen, um zu erfassen, was hier geschieht. Aber wenn wir Ihre Geschichte hören, wird uns vielleicht Erkenntnis zuteil."

  Der Alte schaute zu Sander. "Ist das auch Euer Wille?" fragte er ihn. "Ihr lasst oft Eure Frau für Euch sprechen; dieses aber möchte ich doch gern aus Eurem eigenen Munde hören, wenn Ihr erlaubt."

  "Wie?" versetzte Sander verblüfft. "Ja, natürlich. Nur zu. Ich meine, ich würde mich glücklich schätzen. Meine Frau ist sehr klug", fügte er hinzu. Maria Behring funkelte ihn an.

  Der Priester nickte; dann sagte er: "Gott der Herr allein weiß, wie viele Male ich schon darüber nachgedacht habe, wie es wohl sein würde, wenn ich meine Geschichte zu erzählen hätte, und mit welchen Worten ich dann begänne. Während der ersten Jahre in diesem Wald wollte ich mit dem tiefsten Dank an den allmächtigen Gott beginnen, der diese Menschen und mich in seiner Gnade aus den Klauen des Bösen errettet hat. Später wollte ich mich mit einem Lob der göttlichen Vorsehung begnügen, die meine Schritte in diesen Wald lenkte. Als nach vielen Jahren noch immer niemand erschien, dem ich von meinen Erlebnissen erzählen konnte, fand ich es ausreichend, Gott dafür zu preisen, dass er mich so lange leben ließ. Als ich aber nach vielen weiteren Jahren gewahr wurde, dass ich vielleicht niemals mehr einen anderen Menschen meiner Art zu sehen bekäme, dachte ich bei mir, dass es vielleicht nicht eine Gnade, sondern eine Prüfung Gottes sei, die mich in diese Wildnis verschlug. Heute, nach so vielen Jahren des Wartens, weiß ich, dass alles im Leben des Gläubigen sowohl Gnade als auch Prüfung ist. Das Glück und das Unglück, die Hoffnung und die Enttäuschung, die Prüfung und die Bewährung — sie alle gehören zusammen wie die beiden Seiten derselben Münze, und Gott ist es, der sie uns schenkt."

  Er verstummte, in tiefe Gedanken versunken; dann seufzte er und fuhr fort: "Kennt Ihr Portugal? Herrlich sind seine Länder, besonders jedoch das Land Alentejo, wo meine Eltern einen kleinen Bauernhof besaßen. Durch die Vermittlung eines Onkels kam ich nach dem Studium der Theologie auf das Priesterseminar. Das war zur Zeit König Johanns des Dritten. Mein Lehrer war Manuel de Nóbrega. Schon kurze Zeit nach meinem Eintritt in die Societas Jesu folgte ich ihm auf eines der Schiffe, die unter Führung des Generalgouverneurs Tomé de Souza nach Bahía fahren sollten. Denn seit ich zum ersten Male von den unsagbaren Greueln vernommen hatte, die unsere Leute — Christenmenschen! — unter den Eingeborenen verübten, war es mein heißes Sehnen, diesen Mördern in den Arm zu fallen und die unschuldigen Opfer vor ihrer Grausamkeit zu beschützen."

  Er schilderte nun, was sich damals in jenem Teil Südamerikas zugetragen hatte. Dass schon in den ersten Jahren nach der Entdeckung Amerikas die Sklavenjagd zu den einträglichsten Geschäften zählte und dass Portugiesen und andere Europäer die neugierigen Eingeborenen, die nie zuvor einen Weißen gesehen hatten, auf ihre Schiffe lockten, sie fesselten und mit ihnen davonsegelten. Später wurden die Unglücklichen in Lissabon oder anderswo als Arbeitskräfte verkauft und zu schwerster Plackerei auf irgendeine Plantage verschleppt, auf der sie dann bald zugrunde gingen. Der gewerbsmäßige Menschenraub hatte bald die gesamte Küste in lebensgefährliche Unruhe versetzt, unter der auch die anständigen Seefahrer zu leiden hatten, denn die Indianer rächten sich an den Europäern ohne Rücksicht auf deren persönliche Schuld, lockten ihrerseits ahnungslose Kauffahrer in den Hinterhalt und töteten sie. Die Jesuiten, berichtete der alte Priester, gingen am energischsten gegen den Sklavenhandel vor und rangen dem König immer wieder strenge Verbote ab, die freilich von den üblen Geschäftemachern in Terra Vera Cruz immer wieder unterlaufen wurden.

  "Vera Cruz?" fragte Maria Behring verwundert. "In Brasilien?"

  "Brasilien?" fragte der Alte ebenso erstaunt zurück. "Was meint Ihr damit?"

  "Das verstehe ich nicht", sagte sie. "Wissen Sie denn nicht, dass Sie sich auf brasilianischem Boden befinden?"

  "Dieses Land heißt Terra Vera Cruz", antwortete der Priester. "Oder hat es inzwischen einen neuen Namen bekommen? Das Wort Brasilien habe ich noch nie gehört. Es gibt aber ein Holz, das man Brasilholz nennt; es ist ein rotes Färbeholz und sehr begehrt."

  "Das Holz, aus dem Francisco de Orellana seine Schiffe baute, um auf dem Amazonas zu fahren", erklärte sie Sander.

  "Orellana?" sagte der Priester. "So habt Ihr auch von ihm vernommen!"

  "Allerdings", sagte sie. "Und Sie? Haben Sie ihn gekannt?"

  "Ich werde gleich von ihm berichten", sagte der Alte. "Erlaubt mir aber, dass ich in der Reihenfolge der Zeit bleibe. Denn seit den Tagen, von denen ich Euch erzählen will, sind schon viele Jahre vergangen, und wenn ich über die Ereignisse nicht in der Weise berichte, in der ich selbst sie erlebte, könnte ich Wichtiges vergessen. So heißt das Land heute also nach dem Brasilholze?"

  "Ja", bestätigte Maria Behring. "Und der große Strom, der durch diese Wälder fließt, heißt nicht mehr Marannon wie in der alten Zeit, sondern Amazonas."

  "Amazonas?" wiederholte der Priester. "Etwa nach den kriegerischen Weibern der heidnischen Sage, von denen Pater Caravajal so beredt zu berichten wusste?"

  "Ja", antwortete sie. obwohl ihr dieser Name im Augenblick nichts sagte.

  "So hat sich wohl vieles verändert seit jenen Tagen, da ich nach Terra Vera Cruz ausfuhr", sagte der alte Priester.

  "Ja", erwiderte Maria Behring.

  Der Alte schwieg eine Weile, um seine Gedanken zu ordnen; dann sagte er: "Um diesen schrecklichen Zustand der Gesetzlosigkeit und der Gewalt in Terra Vera Cruz zu beenden, beschloss unser guter Herrscher, dort selbst eine königliche Capitania einzurichten, die groß und stark genug wäre, die Gebote der Kirche und die Gesetze Portugals durchzusetzen. Zum Generalgouverneur ernannte er den edlen Tome de Sousa, der sich schon in Indien als Feldherr und kluger Verwalter bewährt hatte. Das Amt des Oberrichters übertrug er dem gestrengen Pero Borges. Zum Intendanten bestimmte der König den weisen António Cardoso de Barros, zum Küstenadmiral aber den tapferen Pero de Goes, zwei Männer, die schon früher in Vera Cruz Länder zu Lehen erhalten hatten."

  Unauffällig tastete Maria Behring nach dem Tonband in ihrer Brusttasche.

  "Pater Manuel de Nóbrega oblag die Sorge um das Seelenheil der Ausfahrenden", fuhr der Alte fort. "Vier Priester, unter ihnen auch ich, sollten ihn dabei unterstützen. Ach, so viele Menschen standen am Ufer des Tejo, als wir ausfuhren; auch meine Eltern winkten mir zu. Wie gern hätte ich sie wiedergesehen! Aber der Allmächtige hatte es anders bestimmt."

  Maria Behring und Sander wechselten skeptische Blicke und warteten, bis die Rührung des Alten abgeklungen war. Als sich der Priester wieder gefasst hatte fuhr er fort: "800 Kolonisten, 600 Soldaten und 400 zur Deportation verurteilte Sträflinge teilten sich auf die 21 Schiffe auf. Am ersten Februar 1549 liefen wir aus. Während der gesamten Überfahrt hielt der Herr seine schützende Hand über uns. Wir hatten guten Wind und kamen schnell voran, so dass wir bereits am 29. März in der Bucht vor Anker gingen, die der große Cabral die ,Bucht aller Heiligen' genannt hatte."

  Nun schilderte er, wie die etwa 40 damals schon auf der Terra Vera Cruz siedelnden Portugiesen von allen Seiten herbeigeeilt seien und die Flotte jubelnd begrüßt hätten; wie der Generalgouverneur nach einigem Suchen den Ort bestimmt habe, auf dem eine neue Stadt – Sao Salvador - als Stützpunkt des Königs erbaut werden sollte; wie dort zunächst einfache Hütten aus Palmblättern, bald aber die ersten festen Häuser entstanden seien, die Kirche, das Regierungsgebäude und schließlich die Wohnhäuser, wobei die Eingeborenen fleißig Hand angelegt hätten.

  An dieser Stelle konnte sich Maria Behring nicht zurückhalten und murmelte halblaut auf Deutsch in Sanders Richtung: "Genau wie die armen Omagua, die diesem Orellana das beste Schiffsholz verschafften. Hätten sie gewusst, was daraus werden würde, hätten sie sich das wohl anders überlegt."

  "Omagua?" fragte der Priester erstaunt. "So habt Ihr von diesem reichen und mächtigem Volk gehört?"

  Maria Behring nickte.

  "Auch ich bin zu den Omagua gefahren", sagte der Alte. "Aber das war erst, nachdem Sao Salvador schon eine richtige Hauptstadt war, mit einem starken Erdwall, auf dem sechs Türme standen, zwei nach der See- und vier nach der Landseite. Bald kamen weitere Einwanderer aus der Heimat, auch Haustiere. Das Land um die Stadt begann aufzublühen; vor allem bauten die Siedler Zuckerrohr an. Die Eingeborenen halfen gern dabei und hielten auch sonst Frieden mit uns; ja es gelang sogar, viele von ihnen zum Glauben zu bekehren. Denn wir erwarben mit Geschenken und allerlei Freundschaftsdiensten ihr Vertrauen, besonders das der Kinder. Vor allem unser Gesang war es. der ihre Herzen dem Evangelium öffnete, so dass der große Manuel de Nóbrega sagte, hier wiederhole sich die alte Fabel von Orpheus, dem es ebenfalls gelungen war, sich durch seine Musik die Mächte der Finsternis gewogen zu machen. So unterrichteten wir gleich von den ersten Täuflingen so viele wie möglich in unseren Kirchenliedern. Wenn wir dann mit diesen fröhlichen Sängern hinter dem Kruzifix in ein neues Dorf zogen, eilten die Eingeborenen stets voller Neugier und Freude herbei, scharten sich um uns und hießen uns willkommen; die Kinder entliefen sogar ihren Eltern, nur um bei uns ebenfalls singen zu lernen. Auch ging einer der Unseren, Pater Joáo de Azpileueta Navarro, gleich an das Studium der Sprache und gewann durch das ihm von Gott gegebene große Talent rasch eine solche Gewalt über sie, dass er ein Wörterbuch für uns verfassen konnte. Er entwarf auch eine Grammatik, übersetzte die Glaubensartikel und unterrichtete uns. Auch schaute er den einheimischen Zauberern die Gesten ab, mit denen sie ihre Zuhörer zu beeindrucken wussten, und verstand mit dieser Hilfe bald auf das eindringlichste zu predigen. Darauf ließen sich nun erst recht viele Eingeborene taufen, die vorher der fremden Sprache misstraut hatten; zum Zeichen des ewigen Friedens händigten sie dem Generalgouverneur ihre Waffen aus und ließen sich einen Landstrich zuweisen, auf dem sich vier Stämme zu einer in allen Dingen gottgefälligen Niederlassung vereinigten."

  Bei diesen Worten bemerkte Maria Behring auf dem Gesicht des alten Priesters ein Leuchten, dann aber verdüsterten sich die Züge des Alten wieder, und er fuhr fort: "Es war die Gier nach Gold, die diesen Hort des Friedens in höchste Gefahr brachte. Denn für Zucker wurden in der Heimat hohe Preise erzielt. Deshalb bauten unsere Siedler immer mehr davon an. Als sie aber nicht mehr genügend Eingeborene fanden, die freiwillig auf ihren Feldern arbeiteten, gingen sie in die Dörfer und schleppten die Unglücklichen als Sklaven auf ihre Plantagen."

  Das musste ja so kommen", murmelte Maria Behring.

  "Die Eingeborenen wehrten sich", berichtete der Priester weiter. "Als sie ihre Stammesgenossen nicht befreien konnten, rächten sie sich, indem sie vier unschuldige Portugiesen fingen und ermordeten. Zum noch größeren Unglück kehrten sie auch in ihr Heidentum zurück, brieten die Leichname und verzehrten sie. Daraufhin ließ der Generalgouverneur zwei ihrer angesehensten Häuptlinge gefangen nehmen, vor die Mündung einer Kanone binden und diese abfeuern, so dass die zerrissenen Glieder bis zu ihren Untertanen flogen. So gelang es ihm, im weiten Umkreis Angst und Schrecken zu erzeugen, nicht aber die Liebe zu Jesus Christus."

  "Das kann ich mir vorstellen", sagte Maria Behring.

  Der Priester nickte und berichtete weiter: "Es war Pater Nóbrega. der dafür sorgte, dass die Angelegenheit dem König gemeldet wurde. Schon bald kam aus Portugal Befehl, die Sklaven freizulassen und die Schuldigen streng zu bestrafen, was auch geschah. Außerdem er ließ der König ein neues Gesetz, das die Sklaverei auf der gesamten Terra Vera Cruz verbot. So kehrte wieder Friede ein, und wir setzten unser Bekehrungswerk fort."

  Er berichtete noch eine Weile vom Aufblühen der kleinen Kolonie, die so gut gediehen sei, dass Ignatius von Loyola. der Gründer der Societas Jesu, die Terra Vera Cruz schon im Jahr 1553 zu einer eigenen Ordensprovinz erhoben habe. Kurz darauf sei aus Lissabon der Befehl gekommen, zum Rio Marannon zu fahren und seine Ufer für den König von Portugal in Besitz zu nehmen. Der Generalgouverneur habe den Kapitän Miguel Hernández mit dieser Aufgabe betraut: Manuel de Nóbrega aber habe ihn, Afonso de Mesa, als Geistlichen mitgeschickt, damit er ein Auge, auf die Soldaten habe und einschreiten könne, wenn sie die Disziplin vergäßen und gegenüber den Indianern gewalttätig würden. Denn der König habe den Siedlern ausdrücklich befohlen, sich des Menschenraubes und jeglicher Gewalt gegen die Eingeborenen zu enthalten, den Jesuiten hingegen bei ihrem Bekehrungswerk auf alle Weise behilflich zu sein. Namentlich seien sie angewiesen worden, die getauften Indianer wie Glaubensbrüder zu behandeln, damit diese einsähen, dass es den Christen um ihr Seelenheil und nicht um ihr Eigentum oder ihre Länder zu tun sei.

  Weitaus mehr Sorgen als um das Wohl der Indianer schien sich der König von Portugal indes um seine Rechte an den Ländern links und rechts des Amazonas gemacht zu haben, denn die Konkurrenz des iberischen Nachbarn wurde bedrohlich, wie nun auch der alte Priester bestätigte: "Zwei Jahre nach seiner Fahrt vom Oberlauf bis zur Mündung des Marannon war Francisco de Orellana vom spanischen König zu seinem Statthalter in den Ländern an beiden Ufern ernannt worden", berichtete er. "Sie sollten fortan den Namen ,Neu-Andalusien' tragen. Die Kosten der Eroberung und der Kolonisation sollte der Ritter zwar selbst übernehmen, dafür aber in den ersten zehn Jahren die gesamten Einkünfte des neuen Pflanzstaates behalten dürfen. Im Mai 1544 verließ er mit vier Schiffen die spanische Küste." Doch das Glück sei dem Spanier nicht treu geblieben. Schon auf dem Meer habe er zwei seiner Schiffe verloren; danach; sei er viele Monate lang in dem riesigen Delta des Stromes umhergeirrt, ohne die Einfahrt in das Innere des Landes zu finden. Dem an der Mündung besonders verbreiteten Fieber seien viele seiner Männer und am Schluss er selbst erlegen; die letzten Überlebenden seien von portugiesischen Seefahrern, die zufällig vorüberkamen, gerettet worden. Daraufhin, so erzählte der Priester weiter, habe der portugiesische König beschlossen, das Stromtal selbst in Besitz zu nehmen. Denn am Hofe seien die Berichte des Paters Carvajal über die Wunder und Schätze, die er auf seiner Reise mit Francisco de Orellana gesehen hatte, sehr aufmerksam gelesen worden. Noch im Herbst desselben Jahres 1544 habe Johann III. den Edelmann Diego Nunes de Quesada ausgeschickt, auf dem Marannon bis zu den Gebirgen von Peru zu fahren. Die vier Schiffe seien aber niemals zurückgekehrt; Gott allein wisse, an welcher lernen Küste sie zerschellt seien.

  Als nächster habe es neun Jahre später der tüchtige Kapitän Hernández versuchen sollen. "Mit ihm und mir fuhren sechs Offiziere, zwölf Seeleute und vierzig Soldaten", berichtete der alte Priester. "Wir hatten vier Geschütze, sechs Pferde und zwei Dutzend auf Eingeborene abgerichtete Hunde an Bord für den Fall, dass wir in Kämpfe verwickelt werden sollten. Wir beteten, dass der Allmächtige uns vor den Wilden beschützen möge. Ach, hätten wir lieber gebetet, dass er die Wilden vor uns beschütze!"

  Obwohl bereits Jahrhunderte vergangen waren, schien ihn die Geschichte der Expedition sehr zu bewegen, und er verstummte für eine Weile.

  Als der Priester seine Gefühle wieder in die Gewalt hatte, fuhr er fort: "Am 17. Januar 1554 lief unser Schiff aus der Bucht aller Heiligen aus. Es war der Tag des heiligen Antonius des Einsiedlers. Welch ein Omen! Selbstverständlich dachte ich damals nicht daran, dass ich am Ende wie jener allein in der Wildnis zurückbleiben würde, und nicht nur für 70 Jahre. Glaubt mir, die lange Zeit meines Lebens ist mir mehr Qual als Glück geworden. Aber so, wie ich damals mein Leben dem Herrn weihte, gehört es ihm bis heute, und er mag damit tun, was er will." Er räusperte sich und erzählte mit einer Stimme, die nun wieder ein wenig kräftiger wurde, weiter: "Wir hatten guten Wind und kamen rasch voran, so dass wir schon nach wenigen Wochen die Mündung des großen Stromes erreichten; schon vier Tage vorher schmeckte das Meerwasser süß. Am Gestade einer großen Insel entdeckten wir die Reste eines Lagers, das Francisco de Orellana dort angelegt hatte, und die Gräber seiner Toten; sein eigenes Grab aber fanden wir nicht. Wir feierten eine Messe für die Verstorbenen und segelten weiter, Es war, als näherten wir uns der Hölle, denn die Luft wurde heißer und heißer, und eine immer größere Masse fliegenden Ungeziefers fiel über uns her, vor dem wir uns kaum zu retten wussten."

  Der Priester erhob sich, trat an das Regal aus Palmenholz und nahm das oberste der Bücher mit handgeschriebenen Notizen in portugiesischer Sprache. Er legte es auf den Tisch, öffnete es und sagte: "Dieses Buch enthielt einst das Wort Gottes nach dem Alten und Neuen Testament. Ich habe die Schrift von den Seiten geschabt, um darauf niederzulegen, was ich auf jener Reise erlebte und in den folgenden Jahren bis zum heutigen Tag. Ich benutzte das Pergament, weil es selbst in diesem Klima die Jahrhunderte überdauert; denn wenn ich auch anfangs glaubte, alsbald gerettet zu werden, so musste ich doch schließlich einsehen, dass Gott mir viele Jahre in Einsamkeit zugedacht hatte und mich vielleicht sogar den Tag, an dem andere Christen den Fuß in diesen Wald setzen würden, nicht mehr erleben lassen wollte. Für diesen Fall schrieb ich auf, was ich getan und erfahren habe, mir zum Zeugnis, späteren Generationen zur Lehre. Doch verwendete ich die Heilige Schrift auch, weil meine Worte auf diesen Seiten so wahr sein sollten wie die Worte der Offenbarung, die ich zuvor tilgen musste. Es ist der Wille des Herrn, dass ich Euch nun daraus vorlese."

 



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