Kapitel 22: Das Tagebuch

Montag, 16. Dezember 2013

   Die erste Eintragung in Afonso de Mesas Buch datierte vom 22. Februar 1554. Drei Tage nachdem sie Überreste der gescheiterten Expedition Orellanas gefunden hatten, waren Kapitän Hernández und seine Mannschaft zu einer Insel gekommen, deren Bewohner ihre Nahrung aus den von Leben wimmelnden Fluten des Stromes bezogen. Ihre Hütten hatten die Eingeborenen, die sich Arua nannten, auf einem gut zwanzig Meter hohen Hügel errichtet, da der Wasserstand bei den jährlichen Überschwemmungen im März und im April um bis zu zwölf Meter stieg. Schon die Gezeitenwelle, die beim täglich zweimaligen Wechsel von Ebbe zu Flut mit großem Getöse vom Atlantik her rund fünfhundert Kilometer tief in das Innere des Landes rollte, war drei Meter hoch und besaß eine so zerstörerische Kraft, dass sie Boote zertrümmerte, die nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden waren, Uferbäume entwurzelte und viele kleine Tiere tötete.

  Als die Eingeborenen das Schiff sahen, sprangen sie in ihre Kanus und ruderten von allen Seiten heran. Der Kapitän ließ vorsichtshalber die Soldaten in Stellung gehen und die Hakenbüchsen spannen. Die Eingeborenen beherrschten das Guarani, das von den Portugiesen "Língua Geral" genannt wurde und dem zwischen Anden und Atlantik eine ähnlich große Bedeutung zukam wie dem Latein in Europa.

  Sie erklärten den Portugiesen, sie hätten noch nie einen Weißen gesehen, wüssten aber, dass es solche Menschen gebe, weil einige ihrer Nachbarn im Norden vor einiger Zeit zweimal mit ihnen zusammengetroffen seien. Beim ersten Mal hätten sie die Fremden nur von ihren Stränden vertrieben, beim zweiten Mal aber, vier Jahre später, hätten sie die Eindringlinge besiegt und ihren Anführer getötet, denn dieser habe die Frechheit besessen, ihnen ihr Land wegnehmen zu wollen; er habe sie zu Untertanen eines Königs weit über dem Meer machen und seine Hauptstadt auf ihrem Gebiet errichten wollen. Als der Kapitän den Dolmetscher nach Francisco de Orellana fragen ließ, sagten die Indianer eifrig, genauso habe der Anführer der Fremden geheißen; sein Grab aber sei deshalb nicht zu finden, weil seine Männer den Leichnam in ein Tuch gehüllt und ins Wasser geworfen hätten.

  Kapitän Hernández erklärte darauf, sie gehörten nicht zu dem Volk Francisco de Orellanas, sondern zu einem anderen Volk und seien in friedlicher Absicht gekommen. Die Eingeborenen freuten sich darüber sehr und luden die Portugiesen ein, bei ihnen zu wohnen. Der Kapitän nahm die Einladung an, befahl aber seinen Offizieren, mit den Soldaten in Kampfbereitschaft auf der Karavelle zu bleiben. Er selbst ließ sich an Land rudern, begleitet von Afonso de Mesa. Sie unterhielten sich lange mit den Arua und konnten sehen, dass sie mit der Harpune genauso geschickt umzugehen wussten wie die baskischen Walfänger in der Biskaya. Sie jagten vor allem einen bis zu vier Meter langen und eineinhalb Zentner schweren Süßwasserfisch, den sie Pirarucú nannten. Dazu fuhr der indianische Fischer allein auf seinem kleinen Kanu aus, befestigte eine Muschelharpune an der Bordwand seines Bootes, schleuderte die Waffe nach dem auftauchenden Fisch, so dass sie sich unter den roten Schuppen des Tieres verhakte, und ließ sich dann oft viele Kilometer weit über den Strom ziehen, bis der Pirarucú seine Kräfte erschöpft hatte. Ein Drittel des Körpers bestand aus essbarem weißem Fleisch; außerdem enthielt der Fisch sehr viel Fett, das die Indianer zum Braten und für ihre Lampen verwendeten.

  Um das Vertrauen der Amazonier zu gewinnen, nahmen der Kapitän und der Pater an einer Jagd auf Krokodile teil, die drei Meter lang wurden und mit einem Schwanzhieb das Bein eines Mannes zerschmettern konnten. Die Jäger schlichen sich an die Reptilien heran und warfen ihnen eine Schlinge über die Schnauze, was die Tiere augenblicklich wehrlos machte; denn sie besaßen zwar, wie der Berichterstatter feststellte, ungeheuer starke Kiefer, konnten deren Kräfte aber nur beim Zubeißen und nicht beim Öffnen entfalten. Dann warfen die Indianer die Krokodile auf den Rücken und schnitten ihnen die Kehlen durch. Der Schwanz wurde gegessen, das Fett geschmolzen und ebenfalls als Lampenöl benutzt.

  Die Arua behaupteten, sie und ihre Vorfahren lebten schon seit tausend Jahren auf dem großen Erdhügel; ihre Ahnen seien einst von den Anden gekommen und auf dem Strom bis zu dessen Mündung gewandert. Sie seien aber nur ein kleines Volk, verglichen mit jenen, die weiter im Westen wohnten. Ihre meisten Gerätschaften bestanden aus den Knochen großer Fische, aus Muscheln und den Panzern von Schildkröten.

  Auffällig sei gewesen, fuhr der Bericht fort, dass sich die Arua bunte kleine Tonpflöcke durch Lippen und Ohrläppchen trieben. Ihre Toten verbrannten sie und bestatteten die Asche in großen Urnen.

  Als der Priester die Eingeborenen fragte, ob sie denn auch schon von dem einzigen, allwissenden und allmächtigen Gott gehört hätten, antworteten sie stolz, sie besäßen nicht nur einen einzigen Gott, sondern deren viele, die sie aber nur dann aus ihren Nischen holen wurden, wenn es ihnen notwendig scheine. Sie pflegten ihnen zu opfern, was vom Fischfang übrig blieb, und sich ansonsten nur wenig mit ihnen zu befassen.

  Der Kapitän erkundigte sich nach ihren Schätzen und erwirkte, dass sie ihm bereitwillig und ohne Misstrauen vorführten, was sie als ihren wertvollsten Besitz erachteten, vor allem Messer und Beile aus Stein, darunter eine Axt, die angeblich noch aus der Zeit ihrer frühesten Vorfahren stammte und, wie der weit gereiste Hernández feststellte, den Äxten der Inka ähnelte. Außerdem besaßen sie einige Perlen und Amulette aus blassgrünem Nephrit.

  Als der Kapitän und Pater Afonso auf das Schiff zurückkehrten und sich mit den anderen Offizieren berieten, sagte Hernández, es lohne sich wohl kaum, dieses Fischervolk dem König zu unterwerfen. Sein Stellvertreter Diogo de Maciel bestand jedoch darauf und wollte selbst den Angriff führen, um, wie er sagte, seinen christlichen Degen endlich in heidnisches Blut tauchen zu können. Der Kapitän, so hieß es weiter, habe den jungen Heißsporn nur mit Mühe von dieser Forderung abbringen können. Da er keine Auseinandersetzung riskieren wollte, zog er es vor, die Inbesitznahme des Landes vor den versammelten Indianern zu erklären, aber nur auf lateinisch, und nach Ausfertigung der entsprechenden Urkunden weiter zu segeln, als wäre nichts geschehen.

  Die nächste Eintragung stammte vom 28. Februar 1554. An diesem Tag befand sich die Expedition noch immer im Amazonasdelta. "Die üppig bewachsenen Ufer waren einander völlig gleich, so dass wir uns wie in einem gewaltigen Irrgarten fühlten, hieß es, aber der Herr war uns gnädig und führte uns auf den rechten Weg. Schon nach wenigen Tagen erreichten wir einen mächtigen Stromarm und folgten ihm in das Herz des Landes. Immer wieder spalteten sich kleinere Arme und Kanäle ab, manchmal breiteten sich riesige Inseln vor uns aus, dann wieder weitete sich der Strom wie ein Meer, so dass wir kaum das jenseitige Ufer zu erkennen vermochten; aber unser Kapitän fand immer den richtigen Kurs, und nach zwei Wochen hatten wir dieses schier unendlich scheinende Delta mit Gottes Hilfe glücklich durchquert."

  Am 2. März 1554 hatte der Priester notiert: "Viele Tage segeln wir nun schon auf diesem gewaltigen Strom. Er ist wahrhaftig so groß wie ein Meer, und seine Wogen sind nicht niedriger als die des Ozeans. Delphine besiedeln die süßen Fluten, als handle es sich um die grünen Wogen der salzigen See."

  Um die Mittagszeit waren sie auf weitere Eingeborene gestoßen; sie lebten in Dörfern nahe am Ufer, was zeigte, dass sie ebenfalls keine Angst vor Fremden hatten. Als sie das Schiff sahen, kamen die Männer von den Feldern, die Frauen und die Kinder aus ihren Hütten gelaufen. Sie winkten den Portugiesen fröhlich zu und machten freundschaftliche, einladende Gesten. Kapitän Hernández war wieder vorsichtig genug, in gebührendem Abstand zu ankern, und fuhr in Begleitung des Priesters an das Ufer.

  Die Eingeborenen nannten sich ebenfalls Arua und behaupteten, sie seien Vettern der Fischer aus dem Delta. Auch sie waren geübte Fischer, außerdem sehr geschickte Jäger, die mit ihren zwei Meter langen Bogen, aber auch mit Speeren und Keulen viele Tiere erlegten: Ameisenbären, Schweine, Gürteltiere und sogar den Tapir, der so groß wie ein Keiler, aber so schwer wie eine Kuh werde und mit seinem Rüssel fast wie ein Elefant aussehe. Wenn er jung sei, habe er hübsche weiße Flecken und Streifen auf seiner dunkelgrauen Haut, wenn er aber älter werde, verwandle sich die Farbe in ein tiefes Braun, das ihn im Dunkel des Waldes so gut wie unsichtbar mache: trotz seiner plumpen Gestalt könne er so schnell laufen und springen wie ein Hase. Außerdem jagten die Indianer über vierzig verschiedene Arten von Affen, von denen die kleinsten kaum größer als Eichhörnchen waren und flink wie Vögel durch die Äste hüpften.

  Abermals fragte der Priester nach dem Glauben und bekam die gleiche Antwort wie bei den Inselbewohnern; allerdings hielten die Festlandsarua ihre Götter nicht das ganze Jahr über in den Hütten, sondern trugen sie während der Zeit der Überschwemmung auf einen Platz im Freien, der an der höchsten Stelle des Steilufers stand und von drei Meter hohen Granitblöcken umhegt war. Von hier aus konnten nun auch die Portugiesen weit über den Strom blicken: Dabei zeigten die Eingeborenen in die Richtung der untergehenden Sonne und sagten warnend, dorthin sollten die Fremden nicht reisen, denn einige Tage stromaufwärts wohnten die Tapajosos, die wegen ihrer Vielzahl und ihrer Kriegstüchtigkeit, vor allem aber wegen ihrer vergifteten Pfeile von allen anderen Völkern am Flussmeer gefürchtet seien.

  Wie es seine Aufgabe war, erkundigte sich der Kapitän auch hier nach Gold und Silber, erhielt jedoch die wenig zufriedenstellende Auskunft, solche Stoffe seien unbekannt; gleich ihren fischenden Vettern besaßen die jagenden Arua nur einige blassgrüne Schmuckstücke.

  Die Inbesitznahme des Landes vollzog Hernández in der gleichen Weise wie auf der Insel der Fischer: Er verlas einen auf lateinisch abgefassten Vertrag, in dem die Arua ihre Unterwerfung erklärten und versprachen, den christlichen Glauben anzunehmen, ließ die Häuptlinge ihre Zeichen auf das Dokument setzen und nahm dann inbrünstig betend an der Messe teil, die der Priester vor den staunenden Indianern las.

  "Ihr Land war gut und fruchtbar", hatte der Berichterstatter danach notiert, ein ebenes Land, auf dem viel Weizen zu ernten wäre und wo alle Obstbaumarten gedeihen könnten; darüber hinaus wäre es geeignet, alle Arten von Vieh zu ernähren."

  Als sie weiterfuhren, befahl Hernández, zum besseren Schutz gegen Pfeile die Bordwände zu erhöhen. Offiziere und Soldaten waren, wie der Priester notierte, nun äußerst begierig darauf, endlich ihre Waffen zu gebrauchen, so dass selbst der besonnene Kapitän ernstlich hoffte, es möge sich bei den Tapajosos wirklich um ein so kriegerisches Volk handeln, wie ihm versprochen worden war. Denn er wusste inzwischen kaum noch, wen er mehr fürchten sollte; blutrünstige Heiden oder die nicht weniger blutdurstigen Christen an Bord seines Schiffes.

  Besonders sorgfältig pflegten die Soldaten ihre Arkebusen, mit denen sie bis zu 200 Meter weit schießen konnten. Diese Waffe versetzte sie in die Lage, selbst einer hundert- oder tausendfachen Übermacht standzuhalten, da sie damit Angreifer bekämpfen konnten, lange bevor diese auf Pfeilschussweite herangerudert waren. Außerdem führte jeder Soldat eine Armbrust, die mit Metall beschlagen war und deren Bolzen ebenfalls wenigstens dreimal so weit flogen wie die Heile der Indianer, sowie einen Speer und einen Degen. Durch ihre eisernen Helme und Rüstungen waren die portugiesischen Krieger bis zu den Hüften geschützt; Handschuhe aus Eisengeflecht umhüllten ihre Finger, und wenn sie nicht gerade ein Pfeil ins Gesicht traf, waren sie so gut wie unverwundbar. Die sechs Pferde wurden besonders reichlich gefüttert und jeden Abend auf Sandbänken im Strom geritten, bis sie ihre alte Kraft und Geschmeidigkeit wiedererlangt hatten. Die Portugiesen wussten nämlich, dass viele Eingeborene noch nie Reiter gesehen hatten und sie für sechsbeinige Riesentiere mit zwei Köpfen hielten. Ihre großen Hunde indessen sperrten die Portugiesen ein und ließen sie hungern, damit sie sich umso angriffslustiger auf die Eingeborenen stürzten.

  Sechs Tage später kamen sie an einen weiteren großen Fluss, dessen Wasser so klar war, dass man viele Meter weit bis auf den Grund sehen konnte. Die Kunde von ihrer Ankunft war den Portugiesen stromaufwärts vorausgeeilt, und die kriegerischen Tapajosos griffen an, wie sie schon die Schiffe Francisco de Orellanas attackiert hatten. Der Bericht des Priesters sprach von rund dreitausend rot und schwarz bemalten Indianern, die vom Ufer oder von Booten aus ihre Pfeile auf die Karavelle schössen. Die mit Bogen und Speeren bewaffneten Tapajosos deckten sich mit hohen Lederschilden, die jedoch keinen Schutz vor Kugeln boten. Ihr Kriegsgeschrei wurde von lauten Signalhörnern und Trommeln begleitet. Die Geschosse aus Kanonen und Arkebusen lichteten rasch die Reihen der Eingeborenen, die ungläubig sahen, dass ihre Gefährten getötet wurden bevor sie ihre Pfeile abschießen konnten. Und als Kapitän Hernández die Karavelle mitten durch die Kanus steuerte, prallten die Geschosse der Amazonier an den eisernen Rüstungen ab, in den Augen der Eingeborenen ein Zauber, der sie nicht weniger erschreckte als das donnernde Krachen der Hakenbüchsen.

  Unter Führung Diogo de Maciels waren dann einige Dutzend Portugiesen in die Boote gesprungen und hatten die Eingeborenen nun auch auf dem Land attackiert. Mit den bösartigen Hunden an der Spitze waren sie den Strand hinauf gestürmt und hatten ein schreckliches Blutbad angerichtet.

  Ihre ersten Opfer waren die Verwundeten; sie wurden von gefletschten Zähnen zerrissen oder von Degen durchbohrt. Dann kamen die Frauen und die Kinder an die Reihe, die sich in den Hütten versteckt hatten. Die Frauen wurden vergewaltigt und dann erstochen; anschließend warfen sich die Mörder gegenseitig die Kinder zu und durchbohrten sie in der Luft mit ihren Speeren, wobei sie, so der Priester, "jedesmal laut ob der Sicherheit und der Genauigkeit prahlten, mit der sie ihre Waffen zu führen verstanden".

  Danach drangen die Portugiesen in die Hütten ein, um zu plündern. Da sie von den Tapajosos als einem großen und mächtigen Stamm gehört hatten, erwarteten sie bei ihnen Gold, Silber und Edelsteine. Sie mussten aber bald feststellen, dass die Indianer nicht reicher als ihre Nachbarn waren. Die Angreifer warfen daraufhin Brände in die Hütten, "bis die gesamte Ansiedlung ein Raub der Flammen geworden war". Eine riesig schwarze Rauchwolke stieg auf und zeigte den Nachbarn, dass der weiße Mann gekommen war, ein Gotteswort zu verkünden, das er selbst nicht zu halten gedachte.

  Schließlich ließ Kapitän Hernández die portugiesische Flagge aufziehen und erklärte das Land für eine Kolonie des Königs. Die Lebensmittelvorräte der Indianer, vor allein Geflügel, lebende Schildkröten und flache Brote aus einem Mehl, das die Portugiesen nicht kannten, ließ er auf die Karavelle schaffen.

  Der Priester aber hatte, wie er nach diesem Überfall notierte, am Christentum der Portugiesen nun ernsthaft zu zweifeln begonnen. Auch wenn sie seine Glaubensbrüder und Landsleute waren, fühlte er sich von ihrem barbarischen Wüten abgestoßen und empfand tiefes Mitleid mit den so grausam behandelten Indianern.

  Da der Passatwind stetig von Osten blies, konnte die Karavelle trotz der Strömung mühelos immer weiter in das Landesinnere segeln. Bald kamen die Portugiesen an die Mündung eines weiteren großen Nebenflusses. Danach fuhren sie an einer riesigen Insel entlang, anderen Ufer sich die Dörfer, so der Priester, aneinanderreihten wie Perlen auf einer Schnur. Manche beherbergten 5000 Einwohner. Diese Amazonier betrieben eine hochentwickelte, vorzüglich organisierte Landwirtschaft. Sie bauten vor allem Mais an, den Kapitän Hernández in Peru kennengelernt hatte, ferner Knollen, aus deren Mehl Fladenbrot gebacken wurde. Außerdem pflanzten sie Süßkartoffeln sowie Bohnen und andere Gemüsearten an. Die amazonischen Töpfer stellten prächtige Gefäße her. wie man sie nach Meinung des Priesters "in Málaga nicht besser findet". Bauern und Handwerker wohnten nicht in Hütten, sondern in festen Holzhäusern auf Anhöhen über dem Strom, so dass ihnen selbst das Hochwasser nicht gefährlich werden konnte. Große Boote mit bis zu 40 Ruderern verkehrten zwischen den einzelnen Dörfern und transportierten Waren; manche, denen die Portugiesen begegneten, schienen von weit her zu kommen, und ihre Insassen waren hellhäutiger als alle Indianer, die sie bisher gesehen hatten.

  Die erste Indianerstadt, die das Schiff erreichte, hieß Conmuta und zählte etwa 8000 Einwohner. Auch hier wurden die Portugiesen freundlich empfangen. Die Eingeborenen erklärten stolz, Francisco de Orellana habe sich bei ihnen verproviantiert. Die Aufzeichnungen berichteten von großen hölzernen, weiß getünchten Gebäuden, einer starken Befestigung aus Erdwällen und einem regen Hafenbetrieb. Aus der Beschreibung war zu ersehen, dass die Wohnviertel hinter einem Deich lagen. Auf diese Weise war Conmuta, wie es wörtlich hieß, vor den Fluten des Stromes geschützt, der sie nährte.

  Bei den Einwohnern handelte es sich nach dem Bericht um besonders schöne und große Menschen; der kräftige Körperbau der Männer und die ungewöhnliche Anmut der Frauen zeugten nach Ansicht des Priesters von Fleiß, guter Gesundheit und göttlichem Segen, der ja "zuweilen auch auf die Heiden fällt, denen das Evangelium noch nicht gepredigt wurde und die deshalb nichts von der Herrlichkeit des Schöpfers ahnen".

  Auch in Conmuta ergriff der Kapitän die gewohnten Vorsichtsmaßnahmen und ließ in einiger Entfernung vor der Stadt Anker werfen, um einen möglichen Angriff rechtzeitig abwehren zu können. Freundlich willkommen geheißen, da die Spanier Francisco de Orellanas sich in Conmuta offenbar nicht so aggressiv und räuberisch aufgeführt hatten wie anderswo, wurden sie zum Herrscher der Stadt geführt und erlebten ihn als kultivierten Mann, der seinen Gästen freimütig antwortete und großes Interesse an Auskünften der Portugiesen über ihre Heimat zeigte.

  Angesichts der großen militärischen Macht, über die der Herrscher verfügte, zog es der Kapitän vor, ihn nicht sogleich zur bedingungslosen Unterwerfung aufzufordern, sondern stattdessen einen Freundschaftsvertrag mit ihm abzuschließen. Die auf lateinisch gehaltenen Artikel waren allerdings so formuliert, dass sich aus ihnen leicht ein Anspruch des Königs von Portugal auf die Stadt und alle zu ihr gehörenden Länder begründen ließ; dieser aber möge, so erklärte Hernández den murrenden Offizieren, von einer stärkeren Expedition als der seinen durchgesetzt werden.

  In Conmuta entdeckten die Portugiesen auch einige Gegenstände aus Gold; es handelte sich um Weihegeräte in einem Tempel, der auf einer kleinen Anhöhe stand. Die Christen erkundigten sich sogleich eifrig nach der Herkunft der edlen Metalle, erfuhren jedoch zu ihrer Enttäuschung, dass es in der Umgebung weder Minen noch goldführende Flüsse gab, sondern dass die Stücke von Händlern aus dem Norden geholt worden waren, wo sich ein ebenso großes Meer erstreckte wie im Osten. Es gab also offenbar Handelsverbindungen vom Amazonas zum Golf von Mexiko.

  Der Kapitän opferte ein eisernes Messer, dessen Schärfe den Herrscher der Eingeborenen staunen ließ "als wie ein Kind", und tauschte dafür frische Lebensmittel ein; sie wurden von den Eingeborenen in einem Boot zu der Karavelle gebracht. Die Offiziere baten den Kapitän, die Stadt plündern zu dürfen. Als Hernández ablehnte, reagierten sie sehr ungehalten, denn, so hatte der Priester inzwischen erkannt, "diese Männer waren nicht von dem Sehnen getrieben, das Wort Gottes zu verkünden, sondern es gelüstete sie nur nach dem verfluchten Golde". Der Kapitän konnte sie nur besänftigen, indem er ihnen versprach, später eine schwächer befestigte Stadt zu überfallen. "Niemand von euch", sagte er, "soll so arm heimkehren, wie er ausgezogen ist."

  Daraufhin gaben die Offiziere und die Soldaten Ruhe. Einige Seeleute aber setzten sich nachts über den ausdrücklichen Befehl, an Bord zu bleiben, hinweg und ruderten heimlich an Land, um sich mit einigen Frauen, die am Ufer auf sie warteten, "fleischlich einzulassen". Die Männer der Heidinnen, so berichtete der Priester, hätten das aber bemerkt und seien über die Fremdlinge hergefallen. Dabei sei es zu einem blutigen Kampf gekommen, den die besser bewaffneten Portugiesen für sich entschieden hätten; zwei Angreifer seien tot liegengeblieben. Der Kapitän habe daraufhin befohlen, sofort die Anker zu lichten und weiterzusegeln. Die Übeltäter seien am nächsten Morgen ausgepeitscht worden, was die Disziplin aber leider keineswegs verbessert, sondern sogar noch verschlechtert habe. Denn die Seeleute seien von früheren Reisen her daran gewöhnt gewesen, "eingeborenen Frauen ohne weiteres beiliegen zu dürfen". Da sie die Strenge des Kapitäns auf die Anwesenheit eines Gottesmannes an Bord zurückführten, sei er, der Priester, an den folgenden Tagen des öfteren Ziel finsterer Blicke gewesen; seiner Aufforderung, ihre Missetaten zu beichten, seien die Verstockten erst nachgekommen, als der Kapitän ihnen mit der Kürzung ihrer Rationen gedroht habe.

  Am 21. März 1554 hatte der Priester vermerkt: Dank der strengen Buße, die ich den Sündern auferlegte, entzog uns der Herr seine Gnade nicht, und wir segelten weiter mit günstigem Winde nach Westen. Der Marannon verbreiterte sich hier wahrhaftig zu einem Meere inmitten des Landes, und wenn wir in seiner Mitte fuhren, konnten wir weder das linke noch das rechte Ufer erkennen. Wir hielten uns aber lieber an die Ränder, denn dort war die Strömung nicht so stark."

  Am nächsten Tag tauchten wieder zahlreiche Inseln auf, zwischen denen sich der Strom in unzählige Arme teilte. Die Besiedlung wurde so dicht, dass die Ufer nach dem Eindruck der Reisenden so gut wie lückenlos bebaut waren. "Die Häuser standen so nahe beisammen", hatte der Chronist notiert, "dass wir nicht mehr erkennen konnten, wo ein Dorf endete und das nächste begann." Allerdings wurden die Amazonier, offenbar über die Gewalttätigkeiten der Portugiesen bereits unterrichtet, nun immer angriffslustiger. Schließlich wurde der Widerstand so groß, dass der Kapitän beschloss, auf das gegenüberliegende Ufer des Amazonas auszuweichen. Auch dort gab es viele Dörfer, in die aber noch keine Nachricht von den Portugiesen gedrungen war.

  Hernández legte an und ging an Land, um Erkundigungen einzuziehen. Das erste, was ihm auffiel, als sie in ein Dorf kamen, war ein seltsames hölzernes Monument, das in der Mitte des Dorfplatzes stand. Es war etwa drei Meter hoch und stellte eine Stadt mit Mauern, Türmen und Toren dar, wie es auch Francisco de Orellanas frommer Begleiter Carvajal beschrieben hatte. Da wussten die Portugiesen, dass sie in das Land der kriegerischen Frauen gekommen waren, die Orellana im typischen Überschwang des Konquistadoren als Amazonen bezeichnet hatte. Vom Häuptling erhielten sie die Auskunft, das Holzbild sei das Herrschaftszeichen der "Frauen, die allein leben".

  Der Häuptling erklärte, mehr als 70 Dörfer am Strom gehören zu dem Reich dieser Frauen, und schilderte den Fremden, was auch Carvajal geschrieben hatte: dass die "Amazonen" groß, schön und hellhäutig seien; dass sie ihr Haar zu langen Zöpfen und um den Kopf geschlungen trügen; dass sie so gut mit Pfeil und Bogen umgingen, dass jede von ihnen es mit zehn Männern aufnehmen könne; dass sie am liebsten die Felle der Tiere trügen, die sie jagten; dass die sieben Tagesreisen

landeinwärts in steinernen Häusern lebten; dass sie Straßen bauen ließen, die von Mauern eingefasst seien und an denen Wachen stünden, so dass sich niemand ihrer Stadt nähern könne, ohne ihre Erlaubnis einzuholen und Abgaben zu entrichten; dass ihre Königin Connori heiße und deren Untertanen jährlich einen bestimmten Tribut an Gold, Silber, Häuten und Federarbeiten zu leisten hätten.

  Die weiteren Aufzeichnungen machten verständlich, warum sich die Sage von El Dorado auch im Amazonasgebiet festgesetzt hatte. "Die Herrscherin und ihre Gefährtinnen verfügen über einen großen Reichtum an Gold und Silber", las der Priester vor, "und essen ausschließlich von Geschirr aus den edelsten Metallen. Auch hüllen sie sich in Gewänder aus allerfeinster Wolle, da es in ihrem Lande Schafe gibt wie in Peru. In ihrem Tempel Caranain beten sie die Sonne an; unter seinen schweren Holzdecken finden sich so viele goldene Statuen und Gerätschaften aller Art, dass die Schatzkammer des Königs von Portugal nicht reicher gefüllt sein könnte."

  Als die portugiesischen Offiziere von Gold und Edelsteinen hörten, waren sie trotz aller Ermahnungen des Priesters nicht mehr zu halten. Sie brachten Pferde und Hunde ans Ufer und machten sich ins Landesinnere auf. Nur eine Handvoll Soldaten blieb murrend zurück.

  Der Marsch durch den tropischen Regenwald war mühevoll und beschwerlich. Stechmücken fielen in solchen Schwärmen über die Kolonne her, dass die Pferde scheuten und die Hunde vor Schmerzen jaulten. Während der Nachtlager war es Aufgabe der Wachen, zwischen den Schlafenden umherzugehen und die Mücken zu vertreiben.

  Weitere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, dass die Pferde das Gras nur schlecht vertrugen. Die Hunde lockten Jaguare an, und die Wachen konnten nicht verhindern, dass jeden Morgen einer der auf den Kampf gegen die Eingeborenen dressierten Vierbeiner fehlte.

  Am vierten Tag stießen die Portugiesen auf einige tausend Krieger, die ihnen aus der Hauptstadt entgegengeschickt worden waren; sie wurden von sechs Frauen angeführt. Die Christen eröffneten sofort das Feuer aus ihren Arkebusen, hetzten die Hunde auf die Eingeborenen und griffen zu Pferde an, worauf die Amazonier in Scharen flohen; wen die Sieger einholen konnten, stachen sie mit ihren Degen nieder. Dabei fiel Diogo de Maciel durch besondere Grausamkeit auf. Als ihn der Priester deshalb zur Rede stellte, antwortete er, sie seien die Angegriffenen, nicht die Angreifer, "die Gottes Zorn durch meine Hand vernichten möge".

  Danach stellte sich den Eroberern niemand mehr in den Weg. Die Frauen erinnerten sich offenbar an die Verluste, die sie im Kampf gegen Francisco de Orellana erlitten hatten, und zogen es vor, hinter ihren Palisaden auf die Invasoren zu warten. Obwohl die Portugiesen in ihren Rüstungen vor Verletzungen geschützt blieben, konnten sie die Erdwälle nicht überwinden, denn als sie in den Nahkampf gerieten, prasselten Hiebe von Eisenholzkeulen auf ihre Heime und zwangen sie zurückzuweichen. Die Frauen organisierten die Verteidigung so geschickt, dass die Portugiesen den Angriff abbrechen und vor der Stadt lagern mussten.

  Der Kapitän bot daraufhin Verhandlungen an. Als sich die Frauen einverstanden erklärten, ließ Hernández sich die Beichte abnehmen und ging mit dem Priester zum Haupttor der Stadt, wo er mit Königin Connori zusammentraf. Ihr erklärte er nun, er sei im Auftrag des Königs von Portugal gekommen, um das Land für seinen Herrn in Besitz zu nehmen und den Bewohnern das Heil des christlichen Glaubens zu bringen, damit sie von ihren Sünden erlöst würden. Wer sich aber dem Wort Gottes widersetze, werde bald in der Hölle schmoren, denn die gleichen gesegneten Waffen, die ihnen schon viele Male den Sieg über die Amazonier geschenkt hätten, würden auch diesmal nicht versagen.

  Connori antwortete, von einem Land namens Portugal habe sie noch nie gehört, wohl aber von einem Land namens Spanien, das ebenfalls jenseits des Meeres liege. Das Heil des christlichen Glaubens aber scheine ihr wenig anziehend, wenn es so böse Menschen hervorbringe, und wenn der Gott der Christen wirklich gütig und gerecht sei, werde er wohl eher ihnen, den Überfallenen, beistehen als den blutigen Räubern, die zu ihm beteten. "Da ihr wie Schildkröten gepanzert seid, können wir uns nicht selbst an euch rächen", sagte sie. "Aber wenn ihr nicht schnell wieder abzieht, wird euch das Land bestrafen. Stechmücken und Ameisen werden euch peinigen. Hunger und Krankheiten werden euch schwächen, bis ihr tot auf der Erde liegt."

  Der Bericht ließ erkennen, dass der Priester diese mutigen Worte bewunderte; er gestand offen ein, dass die Königin Recht hatte und die Schuld ganz bei den Christen lag. Trotzdem versuchte er, die Frauen zu "bekehren", berichtete ihnen vom Paradies, von der Erbsünde von Jesus, der diese Sünde durch das Sakrament der Taufe wieder von den Seelen der Menschen genommen habe. Darauf antwortete Connori: "Wenn es euer Glaube ist, dass eine Frau die Sünde zu den Menschen brachte und damit die Vertreibung aus dem Paradies bewirkte, so wird eure Religion wohl eine Religion der Männer sein, in der die Frauen unterdrückt werden. Vor unseren Göttern aber gelten die Frauen ebenso viel wie die Männer, und deshalb besitzen wir genauso viele Rechte. Ja, manchmal wird, wir ihr seht, eine Frau sogar Königin, und ihre Töchter führen ein Heer; bei euch aber sehe ich keine Frau, sonst hättet ihr euch wohl auch nicht wie gewöhnliche Räuber und Mörder verhalten."

  Der Priester erwiderte, auch in christlichen Ländern gebe es Königinnen, doch sein nach der Heiligen Schrift "das Weib dem Manne untertan", weil das die von Gott gegebene Ordnung nun einmal verlange. Er zeigte sich sehr betrübt darüber, dass die Königin und ihre Begleiterinnen das nicht einsehen wollten.

  An dieser Stelle hörte der alte Priester auf zu lesen und sagte: "Ja, so habe ich damals wirklich gedacht. Hier aber, in unserem kleinen Paradies, sollen die Frauen ihren Männern gleichberechtigt sein; dafür habe ich schon vor vielen Jahren gesorgt. Denn in der Schrift steht auch, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat."

  Maria Behring sah ihn skeptisch an, sagte aber nichts. Diese katholischen Pfaffen konnten noch so oft von Gleichberechtigung reden, dachte sie: solange Frauen nicht Priesterinnen werden durften, schon gar nicht Bischöfinnen, würde sich nie etwas ändern. Sie persönlich würde erst dann an die Emanzipation in der katholischen Kirche glauben, wenn der Papst eine Frau wäre.

  Da Connori jede Form einer Übereinkunft mit den Angreifern, die den Tod so vieler Männer verursacht hatten, ablehnte, blieb den Portugiesen schließlich nichts anderes übrig, als den Rückmarsch anzutreten. Vorher ließ der Kapitän jedoch auf dem Platz vor dem Lager ein großes Kreuz errichten und eine Messe lesen, zur Feier der Inbesitznahme auch dieses Landes für den König von Portugal.

  Nun schilderte der Priester, wie die Portugiesen zu ihrem Schiff zurückkehrten und zwei Wochen lang durch andere Länder fuhren. Am 11. Mai 1554 hätten sie bemerkt, dass der weiße Strom plötzlich zur Hälfte schwarzes Wasser führte. Drei Stunden später erkannten sie die Ursache der Verfärbung: Von Norden her mündete ein anderer riesiger Fluss, den die Spanier Rio Nero genannt hatten, in den Amazonas: seine Kraft war so groß, dass sein schwarzblaues Wasser sich erst nach 15 Meilen mit dem lehmig-milchigen des großen Stromes vermischte.

  Hier waren die Portugiesen in das Gebiet der Omagua gekommen, und am 14. Mai hatten sie deren Hauptstadt, das sagenhafte Manoa, erreicht.

  Als dieser Name fiel, beugten sich Maria Behring und Sander gespannt vor. Sander, weil er seit 30 Jahren immer wieder phantastische Geschichten über dieses Timbuktu des Amazonas gehört hatte. Maria Behring aber ahnte, dass nun der wichtigste, der entscheidende Teil des Berichts kommen würde. 

 

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