Kapitel 23: Die Flucht

Freitag, 20. Dezember 2013

Der alte Priester fuhr fort, aus seinem Buch vorzulesen. "Manna ist die bei weitem größte Stadt dieser Länder und scheint nicht weniger Einwohner zu besitzen als Lissabon. Als wir die Omagua fragten, nannten sie die Zahl von 20000 Menschen. Ihre schönen Häuser bedecken sieben große Hügel. Auch die Omagua sind wohlgestaltete Menschen, außerdem klug und gesittet und schließlich viel weniger kriegerisch, als man es von einem Volk erwartet, das als das mächtigste am ganzen Marannon gilt. Sie selber sagen dazu, sie hätten ihr Reich nicht mit den Waffen des Krieges, sondern mit den Werken des Friedens erbaut und wollten es deshalb auch mit friedlichen Mitteln bewahren. Denn wer seine Nachbarn ständig durch Überfälle in Furcht und Schrecken versetze, bringe dadurch nur alle anderen Völker gegen sich auf und werde am Ende besiegt, auch wenn er noch so stark sei; wer aber Taten des Friedens vollbringe, gewinne überall Freunde. Diese christliche Ansicht gefiel mir über die Maßen, und ich dachte bei mir, dass sie auch manchem im Abendlande sehr wohl anstehen würde."

  Der Bericht ließ erkennen, dass die Omagua die Portugiesen genauso freundlich empfangen hatten wie zwölf Jahre zuvor die Spanier. Zur Begrüßung überreichte Hernández den Gastgebern mit großer Geste Glasperlen und bunte Tücher. Der Priester gewahrte allerdings, dass die Omagua den geringen Wert der Gaben durchschauten und nur zu höflich waren, sich etwas anmerken zu lassen. Sie beschenkten die Portugiesen ihrerseits mit Schmuck und kostbaren Gewändern, die von den Offizieren mit großer Genugtuung über ihre vermeintliche Schläue entgegengenommen wurden.

  Dann ging der Bericht ausführlich auf die Landwirtschaft der Omagua ein. Die durch die regelmäßigen Überschwemmungen angespülte fette Erde im Bereich der Várzea erlaubte jährlich zwei Ernten. Auf den weniger wertvollen Böden aber war ein kompliziertes Bewässerungssystem in Betrieb, dessen Anblick den Priester in helle Begeisterung versetzt hatte. "Der Euphrat, wie der heilige Ambrosius beobachtet, ist der Fruchtbarmachende genannt, weil seine Wasser die Fluren beglücken", hatte er notiert. "Vom Marannon aber kann gesagt werden, dass seine Ufer ein wahres Paradies der Fruchtbarkeit sind. Die Ebenen sind voller Felder und die Bäume voller Früchte, wie die Lüfte voller Vögel, die Wälder voller Wild und die Wasser voller Fische sind."

  Die Omagua luden ihre Gäste zur Jagd ein. Dabei lernten die Portugiesen ein Tier kennen, das sie nie zuvor gesehen hatten. "Es herrscht wie ein König über die Fische", hieß es darüber, "und wird Pegebuey oder Manatí genannt. Es ist ungefähr so groß wie ein eineinhalbjähriges Kalb, besitzt aber weder Hörner noch Ohren. Sein Körper ist ganz von Haaren bedeckt, und seine Flossen sind wie Paddel geformt. Darunter haben die weiblichen Tiere Brüste, mit denen sie ihre Jungen füttern. Es kann nicht lange unter Wasser bleiben. So bald die Indianer es sehen, verfolgen sie es mit ihren Booten und töten es mit Harpunen, Das Fleisch schmeckt wie Rind und ist so nahrhaft, dass eine kleine Portion genauso sättigt wie die doppelte Menge Hammel. Die Omagua schneiden es auch in Scheiben und räuchern diese über Holzfeuer, um sie haltbar zu machen. Sie reiben das Fleisch mit der salpeterhaltigen Asche einer bestimmten Palmenart ein, weil es ihnen an Salz fehlt; dann bleibt es ein Jahr genießbar."

  Die Gastmähler, zu denen die Amazonier ihre Besucher baten, begannen immer erst nach Einbruch der Dunkelheit. Viele Stunden lang wurden alle möglichen Speisen aufgetragen. Wenn alle gesättigt waren, wuschen sie sich die Hände, spülten sich den Mund aus und begannen in großen Tonpfeifen Tabak zu rauchen. Dann erzählten sie einander Geschichten, bis Flöten und Trommeln ertönten und sie zu singen und zu tanzen anfingen. Diese Feste dauerten oft die ganze Nacht.

  Die meisten Rohstoffe fanden die Omagua in ihren riesigen Wäldern. Die Hülle ihrer Festgewänder, auf die bis zu 10000 Vogelfedern genäht wurden, bestand aus dem in Wasser aufgeweichten und mürbe geklopften Bast einer Feigenart. Andere Bäume lieferten Gummi, Harze, Öle, Lacke, Wachs, Seife und viele Arzneien, darunter das Andirovaöl, das wertvolle Dienste als Wundsalbe leistete; die heilsame Wirkung hatte den Priester zu der begeisterten Anmerkung veranlasst, diese Wälder bedürften eines zweiten Dioskurides oder eines dritten Plinius, damit ihre Schätze erfasst und der gesamten Menschheit nutzbar gemacht werden könnten.

  Die Hauser der Amazonier waren groß, geräumig, weiß getüncht und mit leuchtendbunten Ornamenten verziert; feinmaschige Netze aus Garn an ihren Fenstern hielten das fliegende Ungeziefer fern.

  Danach schilderte der Bericht, was der Priester über das Zusammenleben der Amazonier erfahren hatte; aus den Notizen entstand das Bild einer idealen Gesellschaft ohne soziale Spannungen. Die Macht lag in den Händen einer breiten Aristokratie, die ohne den sonst üblichen Standesdünkel ein fast schon demokratisches Verhältnis zu den anderen Volksschichten pflegte. Politische Tagesprobleme entschied ein Rat weiser Frauen und Männer, in grundlegenden Fragen aber wurde ein Volksentscheid eingeholt, an dem sich alle Indianer beteiligten. Die Beamten wurden aus einer Naturalsteuer bezahlt; unverheiratete junge Männer und Frauen hatten ein Pflichtjahr für die Gemeinschaft abzuleisten, wobei es beiden Geschlechtern freigestellt blieb, ob sie Waffen- und Wachdienste wählten oder die Zeit lieber mit Arbeitseinsätzen an Dämmen, Kanälen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen verbrachten.

  Bei den Angaben des Priesters über das Familienleben der Amazonier fiel auf, dass die Frauen ihre Kinder sehr lange stillten; nach drei Jahren wurde die Brustnahrung mit anderen Lebensmitteln kombiniert. Zwischen den Ehepartnern herrschte völlige Gleichberechtigung; Streitigkeiten schlichtete ein Gericht, das jeden dritten Tag zusammentrat und nach geschriebenen, vom Volk beschlossenen Gesetzen zu urteilen hatte. In ihrer Freizeit trafen sich die Amazonier zu verschiedenen Ball-, Brett- und Würfelspielen; es gab sogar ein Theater.

  Die Priester Manoas pflegten einen Kult ohne die bei anderen Völkern üblichen Grausamkeiten. Das amazonische Pantheon bestand aus einem Sonnengott, wie ihn auch Inka und Azteken verehrten, einer Fruchtbarkeitsgöttin, einem Strom- und einem Regengott mit vielen Untergottheiten, die etwa für Feuer, Jagd, Gesundheit oder Zählkunst zuständig waren. Einen Kriegsgott kannten sie nicht. Die Opfer bestanden ausschließlich aus vegetarischen Produkten.

  So bescheiden diese Gaben waren, so überaus prächtig war die Ausstattung der Tempel. Der größte von ihnen war der Sonnengottheit geweiht und mit goldenen Schindeln gedeckt. Die Schränke in seinem Innern waren mit goldenen Kelchen, Schüsseln und anderen Opfergeräten gefüllt, und die Priester trugen goldbestickte Gewänder.

  Seit Generationen an Reichtum gewöhnt, den sie ihren Gästen nur aus Gründen der Ästhetik, nicht des Renommees zu zeigen schienen, ahnten die Indianer offenbar nicht, welche Gier sie damit bei den Europäern weckten. Auf zunächst noch höflich verklausulierte, bald aber unverblümte Fragen der portugiesischen Offiziere antworteten sie, das Gold werde zwanzig Tagesreisen entfernt im Norden gewonnen; die Minen befänden sich in der Nähe einer Stadt, die Paridaro heiße und am Ufer des Río Negro gelegen sei.

  Weitere Erkundigungen ergaben, dass am Oberlauf des Amazonas nur noch arme, wilde Völker wohnten, unter ihnen solche, deren Haupthaar bis zum Boden reicht, und das Land auch nicht mehr so dicht bewaldet war, sondern teilweise in Wüste überging. Daraufhin befahl Kapitän Hernández, entgegen der ursprünglichen Absicht nicht mehr weiter auf dem Amazonas nach Westen, sondern stattdessen auf dem Rio Negro  nach Norden zu fahren, um sich die Goldminen näher anzusehen.

  Der Unterlauf des Flusses erwies sich als ein nicht enden wollendes Überschwemmungsgebiet, so dass die Portugiesen große Mühe hatten, sich zurechtzufinden. Nach dem Rat, den ihnen die Omagua gegeben hatten, hielten sie sich in der Nähe des rechten Ufers, das bald stark nach Westen bog. Mehrere Wochen lang stießen sie nur auf die winzigen Dörfer einiger Fischer, die in Pfahlhäusern wohnten und so arm waren, dass das Plündern kaum lohnte. Anfang Juli 1554 behaupteten einige der Männer unter grässlichen Flüchen, sie seien von den Omagua mit Absicht in diese Wasserwüste geschickt worden, damit sie sich darin verirrten und kläglich zugrunde gingen. Gerade als sie den Kapitän zwingen wollten, umzudrehen und Manoa zur Strafe niederzubrennen, meldete der Ausguck Berge im Nordwesten. Das Gefälle wurde stärker, und der uferlos scheinende See verwandelte sich in einen Fluss zurück. Bald begegneten ihnen große Boote mit bis zu 60 Ruderern, die Waren aus dem Bergland nach Manoa transportierten, vor allem Geräte aus Stein, aber auch Steine als Baumaterial. Die Portugiesen hielten eines an und durchsuchten es, fanden aber kein Gold. In ihrer Enttäuschung eröffneten sie das Feuer auf die Indianer, töteten sie und warfen die Leichen in den Fluss.

  Am nächsten Tag, es war der 16. Juli, kamen sie endlich nach Paridaro. Sie überbrachten dem Rat die Empfehlungen der Weisen von Manoa und erwarben so das Vertrauen der Indianer; es reichte bald so weit, dass die Portugiesen sogar die Goldminen besichtigen durften, die drei Tagesmärsche nordwärts in den Ausläufern des Nebelgebirges lagen.

  Nach ihrer Rückkehr bestürmten die Offiziere den Kapitän, die Stadt anzugreifen. Als der Priester dagegen protestierte, kam es zu einem heftigen Streit. Der Kapitän konnte sich nicht entscheiden; zwar wollte auch er sich nun endlich die Taschen füllen, aber er kannte den großen Einfluss der Jesuiten in Lissabon. Darauf verfielen die Offiziere auf eine niederträchtige Kriegslist. Sie nagelten morgens zwei Aste zu einem rohen Holzkreuz zusammen und steckten es mitten auf der Hauptstraße in den Boden. Die Amazonier, die das wacklige Gebilde nicht als Glaubenssymbol ihrer Gäste zu erkennen vermochten, machten zunächst trotzdem einen Bogen darum, aber als sich die Straße dichter belebte, war es unvermeidlich, dass ein unaufmerksamer Indianer in der Eile gegen das Kreuz stieß und es umwarf. Die Portugiesen, die darauf nur gewartet hatten, hoben es auf, trugen es zum Kapitän und berichteten empört, die Ungläubigen hätten das heilige Zeichen des Erlösers in den Staub getreten; nach dem Gesetz müssten sie nun dafür büßen, und zwar entweder mit ihrer Freiheit oder mit ihrem Leben, auf jeden Fall aber mit ihrem Besitz. Wenn der Kapitän es ihnen aber nach dieser schweren Freveltat nicht erlauben wolle, dem Gesetz des Königs Genüge zu tun, würden sie sich, wie Diego de Maciel rundheraus sagte, vor die Wahl zwischen ihrem Gehorsam gegenüber dem Kapitän und ihrem Gehorsam gegenüber Gott und dem König gestellt sehen; in diesem Fall würden sie alles daransetzen, sich als fromme Christen und getreue Portugiesen zu erweisen.

  Hernández war darüber sehr zornig und erklärte, weil sie versucht hätten, ihn an der Nase herumführen, werde er ihnen auch diesmal nicht erlauben, die Stadt zu überfallen und zu plündern. Diego de Maciel war darüber so wütend, dass er die ganze Nacht trank und sich mit den anderen Offizieren verschwor. Im Morgengrauen schlich er sich in die Kammer des Kapitäns und durchbohrte den Schlafenden mit dem Degen.

  Noch mit dem ersten Licht des neuen Tages segelten die Portugiesen ihre Karavelle in den Hafen von Paridaro. Während die einen das Feuer auf die Stadt eröffneten, ruderten die anderen schon an Land und metzelten die Fliehenden nieder. Wie schon im Kampf gegen die Tapajosos entluden sich Gier, Enttäuschung und angestaute Wut der Angreifer in einem Ausbruch unerhörter Bestialität; nicht die so oft als Wilde geschmähten Indianer, sondern die sich selbst als zivilisiert preisenden Europäer waren es, die ihrem tierhaften Tötungstrieb hemmungslos seinen Lauf ließen. Nur einige Frauen blieben verschont; mit ihnen wollten sich die Mörder die Rückreise verkürzen. Außerdem fingen die Portugiesen mehrere besonders kräftige Männer ein, um sie in Lissabon als Sklaven zu verkaufen. Unter dem Schock des plötzlichen Überfalls mit dem lauten Krachen der ihnen unbekannten Schusswaffen waren die Unglücklichen weder zur Flucht noch zu Gegenwehr in der Lage; sie ließen sich widerstandslos fesseln und auf die Karavelle treiben, wo man sie in den Laderaum warf. Alle anderen Indianer, auch die Kinder, wurden umgebracht.

  Diego de Maciel selbst war es, der als erster in den Tempel der Sonnengottheit stürmte; dem Priester, der sich ihm entgegenstellte, bohrte er den Degen durch die Brust. Dann rafften seine Soldaten die goldenen Weihegeräte zusammen, warfen sie in die Opferkörbe und schleppten sie zum Schiff. Andere Portugiesen plünderten die Lagerhäuser und die Wohnungen der vornehmen Omagua. Als sie alles Wertvolle an sich gerissen hatten, warfen sie Brände in die Gebäude, bis die ganze Stadt in Flammen stand; die Hitze wurde so groß, dass sie ablegen mussten, um nicht ihr eigenes Schiff zu gefährden.

  Nachdem sich die Gesandtschaft des portugiesischen Königs endgültig in eine Räuberbande verwandelt hatte, achtete, wie in solchen Fällen üblich, auch niemand mehr auf Disziplin. Während das Schiff in Sichtweite oberhalb der brennenden Stadt ankerte, feierten die Mordbrenner zwischen den erbeuteten Schätzen ihren "Sieg" mit einem Saufgelage, das den ganzen Tag andauerte. Als es dunkel wurde, fielen die Bezechten in tiefen Schlaf. Nun erst wagte der Priester, aus seiner Kammer an Deck zu klettern. Da ihm klar war, dass die Mörder des Kapitäns auch ihn umbringen mussten, wenn sie nach ihrer Rückkehr nicht gehenkt werden wollten, beschloss er zu fliehen. Flüsternd verständigte er sich mit den Indianern im Laderaum und erklärte ihnen seinen Plan. Dann öffnete er die Luke und ließ sie heraus. Die Männer schlichen zwischen den schlafenden Portugiesen umher und nahmen einige Gefäße mit Lebensmitteln an sich. Der Priester holte die wasserdichte Kiste mit seinen Büchern und den Messgeräten und stieg leise in den Fluss. Die Indianer folgten ihm, ohne dass die betrunkenen Portugiesen es merkten. Die Flüchtenden kamen an das jenseitige Ufer und waren wenig später im nächtlichen Urwald verschwunden. Ihrem Gefängnis und der drohenden Sklaverei entronnen, hatten sie eine zweite, sehr viel längere und wahrhaft wundersame Gefangenschaft vor sich.


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