Kapitel 24: Ein neuer Garten Eden

Montag, 23. Dezember 2013

 

VI 

PARADISUS

Die Flüchtlinge, etwa dreißig Frauen und ebenso viele Männer, eilten die ganze Nacht hindurch auf dem schmalen Pfad zu den Goldminen nach Norden, um die Menschen, die dort lebten, zu warnen. Erst nach Mitternacht wagten sie zu rasten. Die meisten von ihnen hatten noch nicht recht verstanden, was geschehen war. Der Priester berichtete ihnen von dem Mord an dem Kapitän und der Goldgier der Portugiesen: er sagte ihnen auch, dass er sich jetzt ihrer annehmen werde und sie beschützen wolle. Da er sie befreit hatte, glaubten ihm die Indianer und vertrauten sich ihm an; es waren ausnahmslos einfache Menschen, Arbeiter, Fischer und Handwerker, die in der Nähe des Tempels der Sonnengottheit gewohnt hatten und dort den Angreifern als erste in die Hände gefallen waren.

  Am Morgen wurde der Zug langsamer, denn mehrere Indianer erlitten jetzt Schwächeanfälle und mussten gestützt werden. Der Priester ließ sie deshalb abermals rasten und die mitgenommenen Schildkröteneier essen, bis sie neue Kraft geschöpft hatten. Zwei kräftige Männer erboten sich, seine Kiste zu tragen.

  Um die Mittagszeit hörten sie in der Feme Hundegebell. Die Indianer begannen vor Furcht zu schreien, aber der Priester beruhigte sie und führte sie vom Weg fort in den dichten Regenwald. Er wusste, dass die Verfolger zuerst zu den Goldminen reiten würden, um sie zu erobern, bevor die indianischen Wächter gewarnt werden konnten.

  Einige Zeit später wurde das Gebell lauter: dann hörten sie auch das Schnauben von Pferden. Wie der Priester vermutet hatte, blieben die Verfolger auf dem Weg, auch die Hunde, die an die Pferde gebunden waren, damit sie nicht ihren Nasen, sondern den Befehlen ihrer Herren folgten.

  Die nächste Nacht verbrachten die Flüchtlinge schon weit entfernt. Unter den Baumriesen wuchs nur wenig Buschwerk, denn die gewaltigen Kronendächer beanspruchten alles Sonnenlicht für sich. Die Indianer hatten sich so weit gefasst, dass sie Stöcke abbrachen, um ihren Verfolgern nicht völlig wehrlos ausgeliefert zu sein.

  Am zweiten Tag ihrer Flucht wurde das Land höher, denn sie waren nun in die Ausläufer des Nebelgebirges gekommen. Als die ersten Felsen aufragten, bewaffneten sich die Indianer zusätzlich mit Steinen. In der Nacht hörten sie wieder Hundegebell; die Verfolger hatten offenbar die Goldminen erobert und sich erneut auf die Spur der Flüchtlinge gesetzt.

  Der Priester wusste, dass die Jagd vor allem ihm galt, da die Meuterer nicht ruhig schlafen konnten, solange ein so glaubwürdiger Zeuge ihres Verbrechens am Leben war. Er dachte daran, sich den Verfolgern freiwillig auszuliefern, um wenigstens die Indianer zu retten, verwarf den Gedanken jedoch wieder, als er sich erinnerte, mit welcher bestialischen Grausamkeit seine Landsleute in der Stadt gewütet hatten; sie würden den Wald nicht verlassen, ehe sie die letzten Omagua aufgespürt und umgebracht hätten.

  Am dritten Tag kamen sie an die Böschung des Kraters. Als sie den Kamm erreichten, wurde das Hundegebell plötzlich lauter. Schreiend vor Angst rannten und stürzten die Indianer auf der anderen Seite hinab. Wenn sie sich umschauten, sahen sie hinter sich vierbeinige Kreaturen mit drohend gefletschten Zähnen; in noch viel größeren Schrecken aber wurden sie von weit größeren Ungeheuern versetzt, die zwei Köpfe und sechs Beine besaßen.

  Der Priester hatte den Vulkankegel gesehen und dachte in seiner Verzweiflung, dass sich die Indianer auf dem steilen Felsen noch am ehesten gegen Heiter und Hunde würden verteidigen können. So schnell er konnte, fühlte er sie in die Mitte des Kraters und kletterte mit ihnen an dem scharfkantigen Lavagestein empor. In dieser Minute begann das Gestein plötzlich zu vibrieren: dann quoll schwarzes Gewölk hervor. Der Druck, der sich in der riesigen Lavakammer tief unter dem Kegel seit Millionen Jahren angestaut hatte, suchte sich ein Ventil und begann sich zu entladen.

  Die Verfolger fanden sich jäh von einem undurchdringlichen Nebel umhüllt; nach wenigen Atemzügen stürzten sie bewusstlos zu Boden und starben.

  Als das Beben endete, entzog dichtes schwarzes Gewölk den Boden des Waldes den Blicken der Überlebenden. Es sollten Tage vergehen, ehe sich der Gemütszustand der Frauen und Männer, die innerhalb weniger Stunden Familie, Heimat und fast das Leben verloren hatten, einigermaßen beruhigte. Jetzt bewährte sich der unerschütterliche Glaube des Priesters. Dieser Glaube gab ihm die Kraft, die nunmehr nötigen lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen. Aber auch einige Indianer zeigten Seelenstärke: Zuerst kletterten sie überall auf dem Vulkankegel umher, um festzustellen, ob sich irgendeine Möglichkeit bot, ihn zu verlassen, ohne dabei den tödlichen Nebel durchqueren zu müssen. Dabei hielten sie auch nach Früchten und einem Platz für die Nacht Ausschau. Sie entdeckten die beiden Höhlen, fanden aber auch heraus, dass auf dem Felsen nichts Essbares wuchs.

  Der Priester hoffte, der schwarze Nebel werde am nächsten Tag wieder verschwunden sein. Aber das Gewölk war noch immer da, als die letzten Vorräte zur Neige gingen. Inzwischen hatten ehe Indianer jedoch in einigen Bäumen, die nahe an dem Vulkankegel wuchsen, Früchte entdeckt. Geschickt flochten sie aus Gräsern ein Seil, das fest genug war, sie zu tragen, warfen es an einem Stein auf den nächsten Baum, bis das Gewicht fest in einer Astgabel saß, und kletterten der Reihe nach auf die große Leguminose, die später Torbaum genannt wurde. Die Dichte der Bäume erleichterte es besonders geschickten Frauen und Männern, durch Kronen zu klettern, bis sie die Früchte einsammeln konnten. Danach banden sie Lianen und Ranken zu ersten Hochbrücken zusammen.

Das Lavagestein lieferte das Rohmaterial für Beile und andere Werkzeuge, und schon nach wenigen Wochen war der Vulkankegel von einem losen Geflecht aus Leitern und Stegen umgeben, das jeden Tag weiter ausgebaut wurde. Als die Gefahr des Verhungerns gebannt war, bauten die Indianer die ersten Hütten auf besonders große Bäume und lebten fortan zwischen den Wolken, den weißen über ihnen, die Regen und damit Leben schenkten, und den schwarzen unter ihnen, die den Tod brachten.

  Maria Behring und Sander hatten staunend zugehört immer noch weit davon entfernt, die irrwitzige Altersangabe des Priesters ernst zu nehmen, mussten sie sich eingestehen, dass die Entstehungsgeschichte des Wolkenwaldes plausibel klang und den Ergebnissen ihrer Recherchen entsprach. Wer immer die Notizen verfasst hatte, dachte Maria Behring, war jedenfalls kein Schwindler, denn alle naturwissenschaftlichen Angaben stimmten mit der Realität überein. Die historischen Daten wurde sie allerdings mit dem portugiesischen Kolonialgeschichtler abklären müssen, den ihr Dr. Sarosi empfohlen hatte; sie konnte es kaum erwarten.

  Sander räusperte sich; da erst fiel ihr auf, dass der alte Priester verstummt war und sie erwartungsvoll anblickte. Offensichtlich erwartete er einen Kommentar. Maria Behring überlegte angestrengt; da sie ihn weder kränken noch anlügen wollte, suchte sie nach einer möglichst unverfänglichen Bemerkung. „Ein faszinierender Bericht“, sagte sie schließlich.

   „Ihr glaubt mir noch immer nicht“, sagte der Priester, der ihr Zögern richtig gedeutet hatte.

   „Nein“, gab Maria Behring zu. „Sie können auf keinen Fall so alt sein. Warum wollen Sie uns das unbedingt einreden?“

   „Weil es die Wahrheit ist“, seufzte der Priester, „und weil Ihr das, was hier geschehen ist und geschieht, nur dann verstehen könnt, wenn Ihr glaubt. Denn es ist wahrhaftig so, dass Gott der Herr auch Dinge geschaffen hat, die man nicht mit den Augen, sondern nur mit dem Herzen erkennen kann und die nicht der Verstand, sondern allein der Glaube begreift. Hat er nicht Sarah, Abrahams Eheweib, noch als Greisin fruchtbar werden lassen? Ihr mögt mich nun prüfen, ob ich auch nur eine einzige Frage nicht so beantworten kann, dass Ihr mir glauben könntet, wenn Ihr nur wolltet.“

  „Also gut“, sagte Maria Behring. „Warum haben die Indianer Sie, einen Weißen, als ihren Herrn akzeptiert, nachdem sie mit den Weißen doch so schlimme Erfahrungen machen mussten?“

  „Nach unserer wundersamen Rettung war es nicht schwer, in dem Ausbruch der schwarzen Wolke den Willen des Herrn zu erkennen und die Geretteten zum wahren Glauben zu bekehren“, antwortete der Priester. „Hatten sie doch einsehen müssen, dass ihre Götzen sie nicht beschützen konnten.“

  „Und was war, als sie merkten, dass sie wegen der Wolke nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten?“

  „Darüber waren sie anfangs sehr unglücklich. Aber sie verstanden bald, dass auch dies dem Willen des Herrn entsprach. Die göttliche Caligo. die sie gerettet hatte, sollte sie auch in Zukunft beschützen.“

  „Sie beschützte sie nicht nur, sie hielt sie gefangen“, sagte Maria Behring.

  „Zu ihrem Glück“, versetzte der Priester. „Dadurch wurden sie und ihre Nachkommen Kinder des Paradieses.“

  „Kinder und Gefangene“, beharrte sie.

  „Auch Adam und Eva waren glücklich, solange sie nicht frei waren. Erst als sie durch die Frucht vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse zu unterscheiden verstanden, kam das Leid in die Welt.“

  „Aber diese Wahlfreiheit ist es, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet!“

  "Für diese Menschen hat es Gott anders bestimmt. Sie sind nicht fähig böse zu sein.“

  „Aber dann sind sie keine vollwertigen Menschen!“   

  „Vielleicht nicht in dem Sinne wie wir. Aber im Sinne Gottes. Sie sind jedenfalls viel mehr Gottes Ebenbild als wir.“

  „Das kann ich einfach nicht glauben. Wenn Gott wollte, dass wir ewig auf Bäumen leben, warum hat er uns dann überhaupt jemals von ihnen herabsteigen lassen?“

  „Von den Bäumen herabsteigen?“ fragte der Priester verwundert. „Ihr glaubt, die Menschen hätten früher auf Bäumen gelebt?“

  „Das glaube ich nicht nur, das ist wissenschaftlich erwiesen“, erwiderte sie. „Oder haben Sie wirklich noch nie etwas von Charles Darwin gehört? Das weiß doch inzwischen jeder, dass Mensch und Affe gemeinsame Ahnen haben!“

  Der Priester fuhr erschrocken zurück. „Versündigt Euch nicht, meine Tochter!“

  Maria Behring überlegte. Darwins großartiges Buch, das sie schon als Mädchen verschlungen hatte, war 1871 veröffentlicht worden. War es wirklich möglich, dass dieser Alte noch nie etwas davon gehört hatte? Oder stand es vielleicht im katholischen Portugal so lange auf dem Index, dass er es als gläubiger Mensch gar nicht zur Kenntnis nehmen, geschweige denn lesen durfte?

  „Also gut“, sagte sie. „Vergessen wir Darwin. Sie wollen also sagen, Gott habe hier einen neuen Garten Eden geschaffen?“

  „Ja. Es ist das zweite Paradies.“

  „Und warum hat er dann nicht auch wieder einen neuen Baum der Erkenntnis gepflanzt?“

Sie bereute die Frage, kaum dass sie ausgesprochen war.

Der Priester lächelte. „Nachdem Eva auf Geheiß der Schlange…“

„Schon gut“, unterbrach sie ihn. „Was schon beim ersten Mal schiefgegangen ist, brauchte hier nicht unbedingt wiederholt zu werden. Warum hat Gott denn diesen Baum überhaupt wachsen lassen? Wollte er uns eine Falle stellen?“

  „Es war eine Prüfung für den Gehorsam“, antwortete der Priester.

  „Verstehe“, sagte Maria Behring. „Entschuldigen Sie, aber mir kommt das Ganze inzwischen wie ein Laborversuch vor. Gott trägt einen weißen Kittel, und wir sitzen als Meerschweinchen in den Käfigen: er prüft unsere Reaktionen, und wenn er genug von uns hat, zieht er den Stecker raus.“

  Der Priester sah sie verständnislos an.

  „Entschuldigung“, sagte sie wieder. „Das sind neue Sachen, Erfindungen, von denen Sie nichts wissen können.“ Ärgerlich biss sie sich auf die Lippen; jetzt redete sie schon selber so, als sei der Alte wirklich fünfhundert Jahre alt. Selbst wenn er bereits im vergangenen Jahrhundert geboren war, und zwar im allerletzten portugiesischen Bauernkaff, musste er doch schon einmal etwas von elektrischem Strom gehört haben!

  „Erzählt mir mehr davon“, bat der Priester. „Ich habe mich schon immer an den Taten des menschlichen Geistes erfreut, in denen sich immer wieder ein göttlicher Funke erkennen lässt. Denkt nur an Leonardos Ornithopter…“

  „Danach wollte ich gerade fragen“, mischte sich Sander ein. „Was ist das denn eigentlich für ein Gerät?“

  „Das wisst Ihr nicht?“ meint der Priester verwundert. „Ihr seid doch selbst mit einem Himmelsfahrzeug gekommen! Der Ornithopter ist wie ein hölzerner Vogel. Ein Mann kann die Flügel schlagen, indem er Arme und Beine bewegt, und mit dem Kopf betätigt er ein Ruder.“

„Und damit kann man fliegen?“, fragte Sander.

Der Priester zuckte mit den Schultern. Mit eigenen Augen gesehen habe ich es nicht, gestand er, ich kenne die Maschine nur aus Leonardos Schriften. Vielleicht ist es auch nur ein theoretisches Modell. Euer Fluggerät sieht ja auch viel eher aus wie das Schiff, mit dem Alexander der Große gen Himmel fuhr.“

„Alexander der Große?“ wiederholte Maria Behring verblüfft. „Der hatte ein Luftschiff?“

„Wusstet Ihr das nicht? Es bestand aus einem Sitz aus Holz, an den zwei gezähmte Greifen gekettet waren. An einer langen Stange war frisches Fleisch befestigt; in ihrer Gier versuchten die Greifen es zu erlangen und stiegen auf diese Weise immer weiter zum Himmel empor, so hoch, dass der Weltherrscher die Erde als Kugel sah. Ein anderes Mal ließ sich Alexander in einem Fass aus Glas in das tiefste Meer hinab senken und schaute den Ungeheuern des Meeresgrundes zu.“

  Maria Behring warf Sander einen Blick zu, der bedeuten sollte, dass sie den Alten nun endgültig für verrückt hielt. Aber zu ihrer großen Überraschung nickte Sander und sagte: „Ja, davon habe ich auch schon gehört.“ Dann raunte er ihr auf Deutsch zu: „Mittelalterliche Legende, unter humanistisch gebildeten Flugschülern sehr beliebt.“

Entgeistert schüttelte Maria Behring den Kopf. Das ist ja wie verhext, dachte sie. Wenn sie etwas Aktuelles erwähnte, stellte der Alte sich dumm; sobald es aber um irgendwelchen mittelalterlichen Blödsinn ging, war er glänzend im Bilde. Treib nur dein Spiel mit uns, du schlauer Jesuit, dachte sie. Einmal erwische ich dich doch, und dann werde ich dafür sorgen, dass es doppelt peinlich für dich wird!

„Also kein Baum der Erkenntnis“, sagte sie, um zum Kern der Sache zurückzukehren. „Aber ein Baum des Lebens.“

Der Priester nickte ernst. Von diesem war im ersten Paradies nichts gegessen worden“, bemerkte er. „Aber…“

„Aber im zweiten“, kam ihm Maria Behring ungeduldig zuvor.

Sander warf ihr einen mahnenden Blick zu.

„Ja“, sagte der Priester. „Aber das geschah nicht gegen Gottes Willen, sondern auf seinen ausdrücklichen Befehl.“

„Und wie kam es dazu?“ wollte sie wissen.

„Durch eine Offenbarung“, berichtete der Priester. „Damals lebte ich schon viele Jahre in diesem Wald und war sehr alt geworden. Die meisten Indianer, die einst mit mir hierher geflohen waren, weilten schon nicht mehr unter den Lebenden. Sie waren aber als glückliche Menschen gestorben, denn auch wenn sie ihre Heimat nicht wiedersehen durften, hatten sie doch für sich, ihre Kinder und Kindeskinder ein neues Paradies schaffen dürfen, indem sie die vielen Hochstraßen, Brücken und Leitern anlegten, an denen seither unablässig weitergebaut worden ist, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Da sie schon als Kinder mit allem vertraut waren, was Gott in diesen Wäldern für den Menschen wachsen lässt, fanden sie sich auch hier schnell zurecht. Sie ernteten die Früchte, die hier bald in nie gekannter Fülle wuchsen, bauten ihre Hütten, heirateten und bekamen Kinder. Ich aber ließ mich in ihrer Mitte nieder, denn ich hatte erkannt, dass mein Schicksal das eines Einsiedlers sein sollte. Wohnte nicht auch der heilige Antonius in einer Höhle, in einer Felsengrabkammer in der Thebais am Rande der Libyschen Wüste, bedrängt von den Dämonen und doch Sieger über sie?“

„Einen Einsiedler kann man Sie nun nicht gerade nennen“, meinte Maria Behring. „Immerhin leben Sie hier mit einigen hundert Indianern.“

„Trotzdem bin ich allein“, antwortete der Priester. „Auch Antonius hatte stets eine große Schar von Jüngern um sich, Kranke, die von ihm Heilung erhofften; Gläubige, die ihn um Rat fragten, und auch viele andere Eremiten, die bei ihm in der Wüste leben wollten. Aber in seinem Kampf gegen die Versuchung der Welt war er allein, und so wie er war es auch ich.“

„Worin bestand denn diese Versuchung?“ fragte Maria Behring.

Der Priester suchte nach Worten. Seine Zuhörer warteten ungeduldig. Jetzt wird es spannend, dachte Maria Behring. Wahrscheinlich war es Macht. Aber würde er das zugeben?

„Es war die Versuchung, aufzugeben“, sagte der Priester. „Aufzugeben und die Last, die Gott mir aufgebürdet hatte, abzuwerfen.“

Maria Behring und Sander schauten einander verwundert an; damit hatten sie nicht gerechnet.

„Aber diese Versuchung“, fuhr der Alte fort, „fiel mich erst an, als ich erkannte, dass ich unsterblich geworden war. Ja, Ihr habt richtig gehört: Solange ich in diesem Wald wohne, werde ich niemals sterben.“

„Wie beneidenswert“, sagte Maria Behring ironisch; natürlich glaubte sie ihm kein Wort.

„Beneidenswert?“ wiederholte der Priester fragend und sah sie aus müden Augen an. „O nein, meine Tochter, glaubt das nicht. Ich bin nicht der glücklichste, sondern der unglücklichste Mensch unter der Sonne. Ja, anfangs war ich froh, als ich gewahr wurde, dass ich nicht mehr älter wurde und der Tod, den alle Menschen fürchten, fern von mir blieb. Nach vielen Jahren aber lernte ich die Last des ewigen Lebens kennen. Jeder dieser wunderbaren Menschen hier, die ich mit der Zeit so gut kennengelernt hatte und wie eigene Kinder liebte, starb, und ein Tod ließ mich trauern. Erst starben die, die einst mit mir aus Paridaro geflohen waren. Dann ihre Kinder, die ich mit ihnen aufgezogen hatte. Dann deren Kinder, die wie meine eigenen Kinder gewesen waren. Dann wieder deren Kinder, und so fort; jeden einzelnen von diesen vielen Menschen habe ich begraben und betrauert, als wäre er mein Sohn oder meine Tochter gewesen. Zu dieser Trauer kam Müdigkeit: das ewige Gleichmaß der Jahre stumpfte meinen Geist und meine Sinne ab, denn der Mensch unserer Zeit ist für eine solche Lebensspanne nicht geschaffen. Nur das Gebet gab mir immer wieder neue Kraft. Zur Müdigkeit aber kam der Neid, die größte Sünde; denn je mehr von diesen Menschen ich zu ihrem Schöpfer heimkehren sah, desto schmerzlicher wurde die Gewissheit, dass ich dazu verurteilt war, bis zum Jüngsten Tage allein in diesem Walde ausharren zu müssen; so schön und reich er ist, so ist er doch nur ein schwacher Abglanz der Herrlichkeit, die mich vor Gottes Thron erwartet. Am Anfang dankte ich Gott dafür, dass er den Tod von mir fernhielt. Später aber klagte ich darüber und flehte ihn an, mich sterben zu lassen. Doch er erhörte mich nicht. Ich soll an seiner Statt das neue Paradies hüten, bis das Ende der Welt angebrochen ist und ich mit den Gerechten in das himmlische Paradies einziehen darf.“

„Wenn Sie nicht ewig leben wollen und auch sonst so bescheiden sind, warum lassen Sie sich dann hier als Gott verehren?“ fragte Maria Behring herausfordernd.

„Aber das tue ich nicht“, antwortete der Priester. „Diese Menschen sind wie Kinder; sie lieben einfache, klare Bilder und nennen mich deshalb ihren Herrn. Nur die Kleinen glauben, dass ich Gott sei; aber wenn sie älter werden, klärt sich das bald auf. Ich bin der Priester ihrer Gemeinde, nicht mehr und nicht weniger; auch dass sie meine Wächter, die den Lebensbaum hüten, und meine Bediensteten, die mir altem Mann ein wenig zur Hand gehen, ,arcanjos' nennen, liegt in ihrer Freude daran begründet, ihre neue Heimat als Paradies zu begreifen. Darum benannte ich die vier Teile dieses Waldes nach den Flüssen des Gartens Eden. Darum auch vermuten sie heute unter diesem schwarzen Gewölk die Hölle, mit jenen sechsbeinigen Ungeheuern, in denen sich die Erinnerung ihrer Vorfahren an die Reiter verbirgt. Ja, Ihr habt recht, wenn Ihr sagt, das alles sei ferne Vergangenheit; aber es ist zugleich der Urgrund, auf dem das Wissen dieser Menschen ruht. Soll ich dieses Fundament erschüttern oder gar zerstören? Alles hat sich nach Gottes Willen gefügt, und es war gut.“   |

Maria Behring dachte angestrengt nach, aber sie konnte keine Ungereimtheit in der Erzählung des Priesters entdecken; wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hatte, die Prämisse zu akzeptieren, dass er 478 Jahre alt war, fügte sich alles andere logisch zusammen. Also gut, sagte sie zu sich selbst, dann wollen wir den Stier bei den Hörnern packen. „Wie ist es denn nun dazu gekommen“, fragte sie, dass Sie… dass Sie… Es kostete sie einige Überwindung, das Wort herauszubringen. „…dass Sie unsterblich sind?“ vollendete sie.

Sander hielt den Atem an; auch er spürte, dass jetzt eine wichtige Entscheidung fallen musste, vielleicht die wichtigste, seit sie mit ihrem Luftschiff in diesen wundersamen Wald gefahren waren.

Der Priester überlegte; dann antwortete er: „Ich habe gewusst, dass Ihr mir diese Frage stellen würdet. Anfangs wollte ich Euch darauf keine Antwort geben. Dann aber wurde mir deutlich, dass Gott Euch nicht zu mir geschickt haben kann, damit ich Euch das Wichtigste verschweige. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist

gegessen, und Ihr mögt selbst für Euch entscheiden, ob es gut ist, vom Baum des ewigen Lebens zu wissen; nehmt es als Prüfung. Denkt aber immer daran, dass Ihr geschworen habt, ihn niemals zu berühren!“

„Ja, natürlich“, sagte Maria Behring ungeduldig.

„Gut“, sagte der Priester. „Hört also: Einmal, als ich schon alt war, ungefähr vierzig Jahre nach unserer Ankunft in dem neuen Paradies, erkrankte ich am Gelben Fieber, das in diesen Breiten viele Europäer befällt. Ich hatte die üblichen Kopf- und Gliederschmerzen; mir war ständig übel, und ich musste mich oft erbrechen. Die Indianer pflegten mich, so gut sie konnten; dass sie heilkräftige Arzneien besitzen, habt Ihr ja schon erfahren. Aber selbst ihre große Kunst konnte mir nicht helfen. Nach einer vorübergehenden Besserung am dritten Tage stieg das Fieber von neuem an, und in der zweiten Woche lag ich wie tot auf meinem Lager. Als ich schon glaubte, mein letztes Stündlein habe geschlagen, hatte ich nachts eine Erscheinung. Ein Engel trat zu mir ins Zimmer und sagte: ,Erhebe dich und trink aus dem Baum hinter deinem Hause!' Ich erwachte und fluchte zunächst, ich hätte nur geträumt; da ich aber großen Durst hatte, stand ich auf und ging zu dem Baum. Ich konnte jedoch nicht verstehen, wie ich aus ihm trinken sollte, und legte mich wieder zu Bett. Am

Morgen fiel mir das Erlebnis wieder ein, und ich ging noch einmal zu dem Baum. Jetzt erst bemerkte ich, dass die seltsamen Büschel auf seinen Ästen innen hohl waren und klares Wasser enthielten. Ich brach ein Rohr ab, steckte es in einen dieser grünen Becher und trank. Das Wasser war kühl und schmeckte ein wenig wie verdünnter Wein. Auch am Mittag und am Abend trank ich davon. Am nächsten Morgen war das Fieber verschwunden.“

Maria Behring hatte atemlos zugehört; die Gedanken rasten wie Wirbelstürme über die bisher in klare Felder des Wissens gegliederte Ebene ihres Verstandes und warfen die Zäune der gesicherten Erkenntnis um. Also doch, dachte sie. Charon evagatus, der gefährliche, von der Gelbfiebermücke Aédes aegypti übertragene  Arbovirus, von Enzymen der Bromelien zerlegt! Und zwar innerhalb des menschlichen Körpers, nachdem die Infektion bereits in vollem Gange war! Nach den Symptomen sogar während der zweiten Fieberphase, die; noch heute in etwa achtzig Prozent der Fälle zum Tode führte! Und offenbar ohne die befallenen Zellen selbst anzugreifen oder gar zu zerstören! Ein Arzneimittel, das mit Arboviren fertig wurde, konnte mit großer Erfolgschance auch gegen Krebs oder Aids eingesetzt werden, dachte sie; noch mehr als die heilende Wirkung aber; interessierten sie nun die lebensverlängernden Effekte.

„Seit dieser Stunde trank ich jeden Tag von dem Baum“, fuhr der Priester fort. „Bald merkte ich, dass meine Sehkraft, die schon stark nachgelassen hatte, wieder besser wurde; meine Haut wurde glatt, viele der braunen Flecken, die das Greisenalter ankündigen, verschwanden plötzlich wieder, meine Muskeln kräftigten sich, und selbst meine Haare begannen wieder zu wachsen. Statt weiter zu altern, schien ich auf einmal jünger zu werden. Nach einigen Monaten endete dieser Vorgang. Seither bin ich zwar um Jahrhunderte älter geworden, habe mich aber äußerlich nicht mehr verändert und bin auch nie wieder erkrankt. Nun sagt selbst, ob das nicht ein Wunder ist, das Gott in seiner großen Güte an mir gewirkt hat! Den Baum aber habe ich Lignum vitae genannt, so, wie der Baum des Lebens in der lateinischen Fassung der Heiligen Schrift heißt, der Vulgata des heiligen Hieronymus, die das Konzil von Trient drei Jahre vor unserer Ausfahrt als für die ganze Christenheit verbindlich erklärte.“

  Maria Behring war wie elektrisiert. Alles, worauf sie seit Jahren hingearbeitet hatte, würde nun nicht nur in Erfüllung gehen, sondern durch diese neue Entdeckung noch weit übertroffen werden! Ein Medikament, das in gleicher Weise gegen Krebs und Aids, gegen die mindestens 250 bisher bekannten Arboviren, die tödliche Infektionen wie Rinderwahnsinn und Zeckenenzephalitis verursachten, und wahrscheinlich gegen Tausende weiterer Krankheitserreger wirksam war, konnte der Menschheit weltweit dauerhafte Gesundheit verleihen, und vielleicht sogar zu Kosten, die den medizinisch noch immer so bedeutsamen Unterschied zwischen Arm und Reich endlich völlig unwichtig machte. Sie nahm sich fest vor, auf einem billigen Endverkaufspreis zu bestehen, auch wenn die Aktionäre dadurch vielleicht um eine noch höhere Dividende gebracht wurden, als sie ihnen jetzt schon winkte; ohnehin würde der Aktienkurs von BPW explodieren.

Noch bedeutsamer aber war, dass die Enzyme der Bromelien aus dem Paradies offenbar auch wie ein Jungbrunnen wirkten, vielleicht sogar wirklich das Leben verlängern konnten — wenn nicht um fünfhundert Jahre, so doch vielleicht um zehn oder zwanzig Prozent, ein Effekt, der besonders bei den Reichen und Schönen der Welt Milliarden einbringen musste. Sie zog die Nase kraus; auf das Geld kam es ihr eigentlich gar nicht an. Sie würde ihren Vater übertreffen, der so erfolgreich und berühmt gewesen war, dass die Pharmakologen in Aller Welt noch heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, voller Ehrfurcht von ihm und seinen wissenschaftlichen Pionierleistungen sprachen. Sie würde den Nobelpreis bekommen und in der ewigen Ruhmeshalle des menschlichen Geistes neben Marie Curie, Lise Meitner und Maria Goeppert Mayer stehen. Vielleicht sogar vor ihnen. Und auch vor Männern wie Wilhelm Roentgen. Oder Robert Koch. Oder Albert Einstein. Nein, dachte sie dann, das ging zu weit. Einstein war unerreichbar, ein Gott. So vermessen wollte sie nicht sein. Aber wenn andere sie neben diesen Riesen rückten - was sollte sie dagegen machen? Sie würde es hinnehmen müssen, bei aller Bescheidenheit. Aber bevor es soweit war, gab es noch viel zu tun.

 

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