Kapitel 25: Die Erkenntnis

Freitag, 27. Dezember 2013

Das darf doch nicht wahr sein! dachte Maria Behring. War sie denn nur von Idioten umgeben? Jetzt fing auch noch Sander an zu spinnen. Was war denn hier eigentlich los? Zornig hieb sie auf die Tasten ihres Computers als bestehe das Gerät aus Eisen. Dann besann sie sich und versuchte ihre Erregung zu zügeln. Der Computer kann nichts dafür, sagte sie sich; wenn sie ihn jetzt aus lauter Wut in seine Einzelteile zerlegte, würde sie selbst den Schaden davon haben, nicht Sander, auch nicht der alte Priester, und der Colonel erst recht nicht. Im Gegenteil, dann hatten die drei ihr Ziel erreicht. Hatten sie sich nicht von vornherein gegen sie verschworen? Diese komischen Bemerkungen des Alten, dann der Streit mit Sander, der einfach nicht einsehen wollte, dass sie recht hatte, und schließlich die Drohung dieses venezolanischen Obersten, er werde sie mit Gewalt aus dem Dschungel zurückholen; das roch stark nach Absprache! Nur mit Mühe konnte sie sich von der abwegigen Vorstellung lösen. Du siehst Gespenster, sagte sie sich. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Nicht ausgerechnet jetzt! Sie begann wieder die Tasten zu drücken, um Dr. Sarosis Email auf den Bildschirm zu holen.

Ein Wunder war es nicht, dass sie überreizt war, dachte sie dabei. Erst die monatelangen Vorbereitungen auf diese Expedition. Die Kämpfe um die Genehmigungen. Die mühsamen, Zeit und Kraft raubenden Auseinandersetzungen im Vorstand ihres Unternehmens, bis sie sich endlich gegen diese risikoscheue Altherrenriege durchgesetzt hatte, die nach dem Tod ihres Vaters seit Jahrzehnten daran gewöhnt war, die Dinge einfach laufen zu lassen und sich nur immer die Taschen zu füllen. Die juristischen Auseinandersetzungen mit ihrem Stellvertreter, der schon der Stellvertreter ihres Vaters gewesen, danach auf Wunsch ihrer Mutter Chef geworden war und zu verantworten hatte, dass statt Innovation Stagnation herrschte. Seine arrogante, besserwisserische Attitüde. Seine boshafte Art, sie immer wieder daran zu erinnern, dass er ihren Vater gekannt habe, sie aber nicht. Der ermüdende Kleinkrieg mit seinen Anwälten, die eine möglichst hohe Abfindung für ihn herausschlagen wollten, nachdem er wegen der Kosten der Expedition gekündigt hatte. Die langen Diskussionen mit dem wissenschaftlichen Beirat, der nicht akzeptieren wollte, dass eine einzige Forschungsreise die Mittel für die nächsten fünf Jahre aufzehren sollte, weil er nicht verstehen konnte, was für ein neuartiges, einmaliges und erfolgversprechendes Projekt die Untersuchung der Kronenregion des tropischen Regenwaldes aus einem Luftschiff heraus war. Die zähen Verhandlungen mit nicht weniger als sechs venezolanischen Ministerien, zu denen sie fast ein dutzendmal über den Atlantik geflogen war. Die Besuche bei Professor Halard, der, wie die meisten französischen Wissenschaftler eifersüchtig und auf das eigene Prestige bedacht, lange Zeit jede Kooperation abgelehnt hatte und erst nach einer massiven Spende bereit gewesen war, ihr seine Erfahrungen und Aufzeichnungen zugänglich zu machen. Die ersten Probefahrten mit dem Luftschiff auf der Werft am Bodensee, als immer wieder die Haltevorrichtung versagte und die Ingenieure schon verzweifelten. Die logistischen Probleme, das zerlegte Luftschiff in zwanzig Kargoladungen nach Ciudad Guayana zu fliegen und es dort, wieder zusammenzubauen. Die vielfältigen Schwierigkeiten, das Camp zu errichten, die Mitarbeiter einzuweisen...

  Und dann das Schlimmste: der Überfall und die Todesangst, die sie dabei ausgestanden hatte. Die mörderische Brutalität, des Garimpeiros, der sie berührt hatte, seine stinkende Nähe, an die sich zu erinnern noch jetzt ein Gefühl der Panik in ihr auslöste. Die Übelkeit, die sie bei dem tödlichen Kuss empfand, und das Grauen in der schrecklichen Minute unter seiner Leiche. Der ohrenbetäubende Knall des Gewehrs, als Sander die beiden anderen Männer erschoss, und das Entsetzen, mit dem sie die drei Leichen in dem schwarzen Schlund des Cerro Impacto verschwinden sah.

Aber auch die Erfolge, die sie für ihre Ausdauer belohnten, hatten viel psychische Kraft, gekostet. Das tiefe Glücksgefühl, das sie empfunden hatte, als sie beim ersten Flug mit Sander die Tillandsia von dem fünfzig Meter hohen Dipteryx geholt hatte und danach frei auf dem über siebzig Meter hohen Wollbaum gestanden hatte. Die zufällige Entdeckung der Wolkenwaldmenschen. Die Enträtselung ihres Geheimnisses und schließlich die alle bisherigen Erfolge ihres Lebens sonnenhell überstrahlende Leistung, gefunden zu haben, wonach Generationen von Forschern vergeblich gesucht hatten: ein Medikament, das in der Vielfalt seiner Wirkungen dem Theriak glich — mit dem kleinen Unterschied, dass es nicht wie dieser Zauberbrei der mittelalterlichen Ärzte aus 60 bis 80 verschiedenen Zutaten zusammengekocht war, sondern aus dem Saft einer einzigen Pflanze gewonnen werden konnte; und mit dem großen Unterschied, dass es effektiv auf die erkrankten Zellen einwirkte, während die „Theriaca Andromachi“, die noch auf den Leibarzt Kaiser Neros zurückgingen, in ihrer Zusammensetzung aus getrockneten pflanzlichen Drogen und Gewürzen, in erster Linie Meerzwiebel, Baldrian und Opium, aber auch so abenteuerlichen Bestandteilen wie Schlangenfleisch, allenfalls durch den Glauben derer wirkten, die es einnahmen. Alles, was Pharmakologen seit den Anfängen der Menschheit entdeckt, erfunden und entwickelt hatten, würde verblassen vor dem universellen Medikament, das sie aus dem Regenwald am Amazonas mitbringen würde. Dieses Medikament wurde „Behringin“ heißen und bekannter sein als Aspirin, Chinin und Penicillin zusammen. Sie atmete tief. Nein, dachte sie, jetzt würde sie sich nicht mehr aufhalten lassen, weder von dem Priester noch von Sander, noch gar von dem Colonel. Sie war einen viel zu langen Weg gegangen, um jetzt die Frucht nicht zu pflücken, die ihr rund und prall entgegen leuchtete wie der Apfel des Paradieses.

  Sie ärgerte sich sogleich über diesen Gedanken. Schon der Priester war ihr damit auf die Nerven gefallen, als er sie nach ihrem Gespräch noch einmal eindringlich ermahnt hatte, die Gesetze des Paradieses zu achten. Obwohl er den Lebensbaum dabei nicht mehr erwähnt hatte, war ihr klar, dass ihm ihr Interesse nicht verborgen geblieben sein konnte; sie kannte sich gut genug, um sich einzugestehen, dass sie zu spontanen Reaktionen neigte und schauspielerische Fähigkeiten nicht zu ihren Gaben zählten. Immerhin schien es ihr gelungen zu sein, den Alten zu beruhigen, auch mit Hilfe Sanders, der an dieser gefährlichen Klippe ihres Gespräches begonnen hatte, eifrig Fragen zu stellen, deren Zweck darin bestand, die Unterhaltung von dem kritischen Punkt abzulenken. Sie selbst war, während die beiden Männer sich nun unterhielten, mit ihren Gedanken bei den Bromelien geblieben und hatte nicht viel von den Antworten des Priesters mitbekommen; nur eine fiel ihr noch ein, weil Sander so verdutzt dreingeschaut hatte. Als er den Alten gefragt hatte, ob er denn sein Tagebuch all die Jahre bis heute fortgeführt habe, hatte der Priester genickt und den jüngsten Band mit seinen Aufzeichnungen aus dem Regal geholt. „Hier, seht selbst“, hatte er gesagt und auf das Datum der letzten Eintragung gedeutet, „17. März. Das war gestern.“

„Einen Augenblick“, hatte Sander gesagt. „Heute ist der 28. März, also muss gestern der 27. gewesen sein.“ Obwohl er sich seiner Sache völlig sicher gewesen war, hatte er zur Bestätigung noch einmal auf der Datumsanzeige seiner Armbanduhr nachgesehen.

Der Priester hatte jedoch darauf bestanden, sich nicht geirrt zu haben, und wäre fast böse geworden, als Sander nicht nachgab. Maria Behring hatte schließlich eingreifen müssen. „Lassen Sie ihn doch mit diesem Datum in Ruhe“, hatte sie gesagt. „Wenn wir uns mal irren, ist es nicht so schlimm. Wir können uns jederzeit korrigieren. Für jemanden, der schon seit Jahrzehnten in diesem Wald lebt und keinerlei Verbindung mehr mit der Außenwelt hat, ist so ein Fehler viel schlimmer und bedrückender. Ich meine, wir sollten diese Lappalie auf sich beruhen lassen.“

Später hatte der Priester davon berichtet, wie die Menschen des Wolkenwaldes in den folgenden Jahren immer stärker daran geglaubt hatten, wirklich in einem Paradies zu leben, und ihr Retter sie in diesem Glauben gelassen hatte, damit sie den Verlust der Heimat und die Ausweglosigkeit ihrer Gefangenschaft zwischen den Wolken leichter ertrugen; wie in den Jahrzehnten und Jahrhunderten danach die Erinnerung an Manoa und das Reich der Omagua fast verblasst war, bis nur noch Märchen davon übriggeblieben waren; und wie sich die Bewohner des Paradieses von Generation zu Generation allmählich auch körperlich verändert hatten, ohne dass sie selbst es bemerkten, da nur der alte Priester mit der Zeit erkennen konnte, dass die Kinder als Erwachsene immer etwas kleiner wurden, als Ihre Eltern oder gar ihre Großeltern gewesen waren. Der Grund für diese Veränderungen war dem Priester unbekannt geblieben; als Sohn einer Zeit, in der Gottes Schöpfung noch als ewig unabänderlich galt und die Menschen von Evolution noch nichts wussten, ahnte er nicht, dass die Natur seine Schützlinge behutsam an Ihren neuen Lebensraum in der Kronenregion anpasste. Dazu gehörte auch, dass sich schließlich auch ihre Hände und ihre Füße umgeformt hatten, mit sechsten Fingern und Zehen sowie einem Abstand zwischen der großen Zehe und den anderen Zehen, um mit dem Fuß besser greifen zu können. Seit seinem Aufbruch aus Afrika hatte der Mensch auch Wüsten und Hochgebirge zu besiedeln gelernt und dabei sogar die Anzahl seiner Pigmente verändert; hier aber hatte er sich, dachte Maria Behring, wieder zu einem Kind jener Region entwickelt, aus der sich seine frühesten Vorfahren einst zur Eroberung der Erde aufgemacht hatten; der Wipfel der hohen Bäume.

  Als er erkannt habe, welches Schicksal ihm bestimmt war, sagte der alte Priester, habe er seine Gefangenschaft als Ergebnis des göttlichen Willens akzeptiert und sich darauf beschränkt, das Leben immer neuer Generationen im Wolkenwald zu begleiten. Dabei habe er sich aber niemals als Herr des Paradieses gefühlt, sondern stets als dessen Knecht; auch habe er sich der Schönheit der Kronenregion nicht erfreut, sondern sie immer als fremdartig empfunden, da er niemals habe vergessen können, dass es noch eine andere Welt gab, eine Welt, die sich Jahrhundert um Jahrhundert weiterentwickelte, ohne dass er daran Anteil nehmen konnte. 

  Danach hatte ein leises Summen des Tonbandgerätes angezeigt, dass der Akku leer war. Daraufhin hatten Maria Behring und Sander sich mit der Erklärung verabschiedet, sie müssten das Gehörte erst einmal verarbeiten, würden aber am nächsten Morgen wiederkommen.

Auf dem Heimweg war Maria Behring trotz eines heftigen Regenschauers ganz euphorisch gewesen und hatte von den Möglichkeiten geschwärmt, die sich für die pharmakologische Nutzung des Bromelienenzyms ergäben. Sander aber hatte ihr durch ständige Einreden die gute Laune gründlich verdorben. Nachdem er sie daran erinnert hatte, dass sie beide geschworen hatten, „die Finger von diesem Bromelienbaum zu lassen“, wie er sich ausdrückte, hatte er obendrein moralische Bedenken ins Feld geführt, die sie als albern empfand, was sie ihm auch rundheraus gesagt hatte.

„Wir haben kein Recht, uns einfach an diesem Baum zu bedienen“, hatte Sander gesagt. „Er gehört dem Priester; er allein hat zu entscheiden, was damit geschieht.“

„Wie bitte?“ hatte sie geantwortet. „Sind Sie verrückt geworden? Glauben Sie vielleicht, er hat das Gelände hier im Katasteramt, von Manaus als seinen Privatbesitz eintragen lassen? In das Grundbuch der Provinz Amazonia? Und selbst wenn er das getan hätte, gäbe ihm das noch lange nicht das Recht, der Menschheit ein solches Medikament vorzuenthalten!“

  Sanders war stur geblieben. „Da Sie gerade so schön vom Recht reden - soweit ich weiß, war es der Priester, der die heilsame Wirkung dieser Bromelien entdeckte, nicht Sie. Es ist also seine Sache, die Enzyme zu verwerten, und nicht die Ihre.“

  „Ich werde ihn angemessen beteiligen, falls es das ist, was Sie stört. Und Sie von mir aus ebenfalls. Als Mitentdecker. Aber Tatsache ist, dass ich es gewesen bin, die als erste erkannt hat, was sich aus diesem hochwirksamen Stoff machen lässt. Der Schimmelpilz ist auch schon seit der Steinzeit bekannt, aber erst Sir Alexander Fleming kam auf die Idee, daraus das Penicillin zu isolieren!

„Aber vor Fleming galt Schimmel als Gift, und niemand hat geahnt, dass man daraus ein Medikament machen könnte; der Priester hier dagegen kennt die positive Wirkung ganz genau.“

  Daraufhin war sie grob geworden. „Der Alte kennt einen Dreck; er weiß überhaupt nicht, was los ist. Wahrscheinlich glaubt er wirklich, dass irgendein Engel das Wasser verzaubert hat. Der hat doch auch sonst Ansichten wie aus dem Mittelalter!“

  „Und wenn! Es sind seine Ansichten, und wir haben sie zu respektieren!“ Auch Sander war nun laut geworden. Die Indianer, an denen sie vorüberkamen, hatten ihnen verwundert nachgeblickt.

  „Wenn wir seine Ansichten respektieren“, hatte sie erwidert, „dann soll er gefälligst auch unsere Ansichten respektieren!“

„Es ist sein Land!“

„Ja, aber es ist unsere Welt!“

„Trotzdem können Sie nicht einfach aus zehntausend Kilometer Entfernung in den tropischen Regenwald düsen und den Menschen, die hier leben, sagen, wie sie sich verhalten sollen!“

  „Wenn es für die Zukunft der gesamten Menschheit entscheidend ist, können wir das sehr wohl, und wir tun es auch! Wenn die Brasilianer plötzlich auf die Idee kämen, den gesamten Regenwald von den Anden bis zum Atlantik abzufackeln, glauben Sie, dass dann die Europäer und die Nordamerikaner tatenlos zuschauen könnten? Hier geht es doch auch um unsere Luft, nicht nur um die Indianer!“

„Das ist ein ganz unfaires Argument. Ihnen kommt es ja überhaupt nicht darauf an, etwas zu retten, sondern Sie wollen den Menschen hier etwas wegnehmen, was Ihnen nicht gehört!“

„Ich will sehr wohl etwas retten. Ich will die Menschen retten, die an Krebs sterben, vor allem die kleinen Kinder. Ich will die Menschen retten, die an Aids verrecken, auch hier vor allem die kleinen Kinder, die sich durch irgendeine Bluttransfusion infiziert haben und sterben müssen, ohne überhaupt richtig gelebt zu haben. Ich will Menschenleben retten, verstehen Sie? Und da ist es mir scheißegal, ob das dem Gesetz entspricht, das sich so ein verrückter alter Pfaffe ausgedacht hat, um für ein paar Eingeborene den lieben Gott zu spielen! Und der, wenn er damit konfrontiert wird, das auch noch abstreitet und so tut, als sei er nur so eine Art Weihnachtsmann für die kleinen Kinder.“

Darauf hatte Sander nichts mehr erwidert, bis sie auf den Matamatá zurückgekehrt waren. Dort hatte sie zu ihm gesagt: „Und jetzt werde ich auch keine Zeit mehr verlieren. Morgen setze ich dem Alten die Pistole auf die Brust. Entweder er rückt freiwillig eine von seinen Bromelien heraus, oder wir nehmen uns eine, ob es ihm passt oder nicht. Wir gehen einfach mit dem Luftschiff über seinen Garten und säbeln uns eine ab. Dann soll er mal versuchen, das zu verhindern.“

Besorgt hatte Sander überlegt, wie er sie von diesem Plan abbringen könne, ohne dass es nun zu einem ernsthaften Zerwürfnis zwischen ihnen käme. Da er die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, sie vielleicht doch noch für einen längeren Aufenthalt in diesem Paradies zu gewinnen, sagte er: „Rufen Sie wenigstens vorher diesen portugiesischen Experten an; vielleicht weiß er etwas, was Sie berücksichtigen sollten, ehe Sie sich endgültig entscheiden.“ Er war froh, dass ihm das eingefallen war; heute war es zu spät, nach Europa zu telefonieren, und morgen würden sie wohl wieder bis zum Abend bei dem Priester sitzen; auf diese Weise hatte er zwei, vielleicht sogar drei Tage gewonnen.

Maria Behring dachte nach. Eigentlich war es nur vernünftig, alle Informationen zu nutzen, auch wenn ihre Entscheidung endgültig war. Außerdem würde es Sander vielleicht zu sehr kränken, wenn sie alles, was er vorbrachte, ohne weiteres verdammte; sie würde seine Dienste noch eine Weile benötigen,

„Also gut“, sagte sie. „Aber das machen wir dann gleich.“

„Das ist keine gute Idee“, sagte Sander leicht verdrießlich. „In Portugal ist es jetzt tiefe Nacht.“

  Da hatte sie endgültig die Beherrschung verloren. „Was ist eigentlich los mit Ihnen? Wir ackern seit Wochen in tiefster Wildnis, schlafen auf Bäumen, sind beinahe umgebracht worden, und Sie machen sich Sorgen um irgendeinen portugiesischen Professor, der jetzt gemütlich in seinem Bett liegt und schnarcht!“

Ohne ein weiteres Wort war sie zum Luftschiff hinuntergeklettert: Sander hatte einen Augenblick gezögert und war ihr dann gefolgt. Sie hat es wieder einmal geschafft, dir ein schlechtes Gewissen einzureden, hatte er missmutig zu sich gesagt. Auch diese Temperamentsausbrüche würde sie sich abgewöhnen müssen, wenn... Er hatte den Gedanken gleich wieder verworfen. Sie würde sich niemals ändern; besser, er machte sich mit dem Gedanken vertraut, sie so zu akzeptieren, wie sie war.

Als sie in die Gondel gestiegen war. hatte sie den Computer blinken sehen. Sofort hatte sie in das Brieffach umgeschaltet, die Mitteilung auf den Bildschirm geholt und zu lesen begonnen: „…setze ich Ihnen eine letzte Frist bis heute, 27. März, 18.00 Uhr, nach San Simon de Cocuy zurückzukehren… Falls Sie sich bis dahin nicht persönlich bei mir gemeldet haben, werde ich den Einsatz der Armee anordnen…“

„Oberst Gómez“, hatte Sander überflüssigerweise gesagt. „Er ist offenbar mit seiner Geduld am Ende.“

„Der kann mich mal!“ hatte Maria Behring zornig geantwortet; seit sie kurz vor dem Ziel stand, schien sich jeder die größte Mühe zu geben, ihr ständig neue Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Als ob sie nicht schon genug Schwierigkeiten hätte! Mit einem Hieb auf die Löschtaste entfernte sie den Text vom Bildschirm; dann drosch sie auf das Keyboard ein, um Professor Sarosis letzten Brief vom Festplattenspeicher zu holen. Sie notierte die Telefonnummer, befahl dem Computer, die Antennenschüssel nach dem Fernmeldesatelliten auszurichten, koppelte ihr Mobiltelefon an und wählte.

  Das Rufzeichen ertönte. Nach einigen Sekunden knackte es in der Leitung. „Hallo?“ sagte eine leise Stimme. „Hallo?“

  „Sind Sie Professor de Carvalho?“ fragte Maria Behring auf portugiesisch.

„Guten Abend. Äh, ich meine, guten Morgen. Hier ist Maria Behring von Berliner Pharma-Werke. Ich rufe Sie aus Venezuela an, Professor Sarosi war so freundlich, mich Ihnen zu avisieren.“

„Gütiger Himmel! Wissen Sie wie spät es ist?“

  Sie schaute auf ihre Uhr. „Sieben Uhr abends“, antwortete sie. „Bei Ihnen also ein Uhr morgens, nehme ich an.“

„Entschuldigen Sie bitte. Ich hätte nicht gewagt. Sie zu wecken, wenn es nicht so wichtig wäre.“

„Hat denn Professor Sarosi nicht mit Ihnen gesprochen?“

„Doch. Er sagte. Sie würden sich für Afonso de Mesa und die Hernández-Expedition zum Amazonas interessieren. Das trifft sich gut, denn ich arbeite sowieso gerade an dem Stoff. Aber hat das nicht bis morgen Zeit?“

„Nein, tut mir leid. Aber ich werde Sie reichlich für Ihre Mühe entschädigen, das verspreche ich Ihnen.“

„Also gut“, seufzte der Professor, der inzwischen vollständig wach geworden zu sein schien. „Sie brauchen Ihr Portugiesisch nicht zu strapazieren, ich habe in Deutschland studiert.

„Fein. Ich schalte jetzt auf Lautsprecher, damit mein Mitarbeiter Doktor Sander mithören kann.“

Sander musste grinsen.

„Ja, also, was wollen Sie denn nun wissen?“, kam die Stimme des Professors.

„Sagen Sie uns vielleicht erst in groben Zügen, was damals eigentlich los war“, sagte Maria Behring. „Ich meine, Ziel und Zweck und so weiter.“

„Ziel war die Erkundung des Amazonasgebietes und seine Inbesitznahme für die portugiesische Krone“, erklärte der Professor. „Die Flotte segelte am ersten Februar 1549 von der Tejomündung nach Brasilien ab.“

Der Professor überlegte kurz. „Nein“, sagte er dann. „Die ersten Reisenden bezeichneten das neue Land als ,Terra Vera Cruz', ,Land des wahren Kreuzes', nach dem Namen, den ihm sein Entdecker Pedro Alvares Cabral gegeben hatte. Der Name ,Brasilien' setzte sich erst in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts durch.“

„Und der Amazonas?“

„Der hieß um diese Zeit noch Rio Marannon.“

Alles so, wie der alte Priester gesagt hat, dachte Maria Behring. Aber das hatte nichts zu bedeuten; wer sich für die Geschichte der portugiesischen Kolonien interessierte, konnte so etwas leicht nachlesen. „Geben Sie mir noch einige Daten über die Expedition“, sagte sie.

„Ankunft in der Bahía de Todos los Santos am 29. März“, sagte der Professor. „Die wichtigsten Teilnehmer waren Tomé de Souza, Generalgouverneur, Pero Borges, Oberrichter, Antonio Cardoso de Barros -“

„Das wissen wir schon“, unterbrach sie ihn. „Wie war das dann mit der Reise zum Amazonas?“

„Ausfahrt von Sao Salvador am 17. Januar 1554. Kapitän war Miguel Hernández, sein Stellvertreter Diogo de Maciel. Der Jesuit Afonso de Mesa aus Sines war als einziger Priester an Bord.“

„Fragen Sie doch mal nach dem Kalender“, raunte Sander ihr zu.

„Kalender? Ach so.“ Warum wollte er das denn wissen? „Jetzt noch etwas ganz anderes. Es gibt da so eine seltsame Diskrepanz… Deshalb würde mich interessieren: Wann wurde in den portugiesischen Kolonien eigentlich der Gregorianische Kalender eingeführt?“

„Wie bitte?“ Der Professor schien seinen Ohren nicht zu trauen.

„Der Gregorianische Kalender“, wiederholte Maria Behring.

„Also habe ich doch richtig verstanden“, sagte der Professor. „So auf Anhieb kann ich das nicht sagen.“

„Können Sie nicht mal schnell nachschauen?“ fragte sie. „Es ist wirklich sehr wichtig.“ Wenn ich auch keine Ahnung habe, warum, fügte sie im Stillen hinzu.

„Ja, dazu muss ich aber in meine Bibliothek gehen“, sagte der Professor verdrossen. „Ich befinde mich gegenwärtig in meinem Schlafzimmer, wie Sie sich vielleicht denken können.“

„Ja. natürlich. Ich bin schon unterwegs.“ Sie hörten ihn ächzen. Sander schüttelte den Kopf. Eigentlich war es unglaublich, dass sie hier saßen, in der Gondel eines Luftschiffes, das in der Kronenregion des amazonischen Regenwaldes hing, und zuhörten, wie sich ein alter Herr 7500 Kilometer entfernt, etwas missgelaunt durch seine Akademikerwohnung schleppte.

Eine Minute verging, dann sagte der Professor: „Jetzt bin ich da. Mal sehen, wo das stehen kann. Vielleicht bei Alvares. Ich muss ein bisschen blättern.“ Er schwieg wieder für eine Weile. Dann sagte er: „Hier haben wir es. Reform des Julianischen Kalenders nach langen Mühen durch Papst Gregor den Dreizehnten. Um den bis dahin angewachsenen Fehler von zehn Tagen auszugleichen, folgte auf den 4, Oktober der 15. Oktober 1582.“

  Maria Behring und Sander sahen sich verblüfft an.

  „Sagten Sie ,zehn Tage'?“ fragte sie.

  „Zehn Tage“, bestätigte der Professor.

  „Und wenn es diese Kalenderreform nicht gegeben hätte? Welches Datum hätten wir dann?“

„Sie stellen vielleicht Fragen“, sagte der Professor. „Lassen Sie mich nachdenken… zehn Tage… den achtzehnten März, nehme ich an. Aber das ist doch völlig hypothetisch!“

„Natürlich“, sagte sie. „Aber trotzdem interessant.“

„1582“, sagte der Professor.

„Wie bitte?“

„Im Jahr 1582“, sagte der Professor. „Sie wollten doch wissen, wann der Gregorianische Kalender in Portugal eingeführt wurde. 1582. Gleich nach seiner Anwendung in Rom.“

„Aha“, sagte Maria Behring. Auf jeden Fall lag das Datum hinter der Abreise dieses Afonso de Mesa.

„Fragen Sie nach der Bibel“, sagte Sander.

„Ich habe noch eine andere Frage, Herr Professor“, sagte sie. „Es gib doch diese lateinische Bibel.“

„Sie meinen die Vulgata?“ fragte der Portugiese.

„Genau. Sie wurde auf irgendeinem Konzil für die Christenheit als allgemein verbindlich erklärt. Wann genau ist da gewesen?“

„Ich kann wirklich nicht verstehen, warum Sie mich das fragen“, beschwerte sich der Professor, „aber ich will es nachschlagen. Einen Augenblick bitte… Hier haben wir es schon: Wurde 1546 vom Konzil von Trient für authentisch erklärt.“

„Danke“, sagte Maria Behring-

„Es passt alles zusammen“, sagte Sander.

„Ja“, sagte Maria Behring. „Aber das kann sich doch jeder halbwegs gebildete Mensch so ausgedacht haben.“ Was ist los mit ihm, dachte sie? Glaubt er inzwischen etwa wirklich, dass der Priester 478 Jahre alt ist?

„Was wollen Sie noch von mir wissen?“ brachte sich der Professor wieder in Erinnerung.

  Maria Behring dachte nach. „Wie sah dieser Priester denn eigentlich aus?“ fragte sie dann. Blöde Frage, dachte sie; aber etwas Besseres war ihr nicht eingefallen.

„Darüber gibt es keine Quellen“, antwortete der Professor. Bis auf den Pfeilschuss, natürlich. Aber der ist der Forschung erst seit kurzer Zeit bekannt. Seit sehr kurzer Zeit sogar.“

Maria Behring und Sander wechselten einen überraschten Blick. „Was sagten Sie?“ fragte sie entgeistert. „Habe ich richtig verstanden? Ein Pfeilschuss?“

„Ganz recht“, erwiderte der Professor. „Bei einem Überfall auf Indianer am Fluss Tapajos wurde Mesa von einem Pfeil ins linke Auge getroffen. Er zog ihn heraus, aber das Auge war verloren. Es war übrigens keine besonders ungewöhnliche Verletzung in einer Zeit, in der sich die Menschen von Kopf bis Fuß panzerten und nur das Gesicht frei blieb.“

  Maria Behring konnte kaum glauben, was sie hörte. „Aber woher weiß man das? Ich dachte, die Expedition sei verschollen geblieben.“

„Das war die bis vor kurzem herrschende Meinung“, antwortete der Professor. „Aber vor ungefähr drei Wochen hat man in einem Kellergewölbe unserer Universität einen ganzen Stapel alter Geheimakten aus dem sechzehnten Jahrhundert gefunden. Eine von ihnen enthält auch Angaben über die Hernandez-Expedition. Sie sind die erste, der ich davon erzähle.“

Maria Behring rang nach Atem; sie wagte nicht, an die Konsequenz, die sich aus den Worten des Professors ergab, zu denken. „Was steht denn in diesen Akten?“ brachte sie mühsam heraus.

„Ich will es kurz zusammenfassen. Die Expedition bestand nur aus einem einzigen Schiff. Offenbar gab es bald schwere Differenzen zwischen dem Kapitän und seinen Offizieren unter Führung dieses Diogo de Maciel. Es waren die damals üblichen Glücksritter, die mehr an private Beute als an ihre amtlichen Pflichten dachten. Sie zettelten eine Meuterei an, bei der Hernández ermordet wurde. Auch der Priester sollte umgebracht werden, konnte aber mit einigen befreiten Indianern in Richtung der venezolanischen Grenze entkommen. Dort ist er dann wohl zugrunde gegangen, ebenso wie die Meuterer, die ihn verfolgten. Die wenigen Überlebenden segelten mit der Karavelle nach Sao Salvador zurück. Sie wurden dort streng verhört und verwickelten sich rasch in Widersprüche. Daraufhin wurden sie festgenommen, in Ketten nach Lissabon gebracht und dort in einem Geheimprozess zum Tode verurteilt.“

Warum in einem Geheimprozess? fragte Maria Behring, nur um irgendetwas zu sagen: Noch immer war sie nicht bereit zu akzeptieren, was aus der Mitteilung des Kolonialhistorikers gefolgert werden musste.

„Damals wurde der Vertrag von Tordesillas noch sehr ernst genommen“, sagte der Professor. „Er teilte die Welt außerhalb Europas entlang einer gedachten Nord-Süd-Linie zwischen Spanien und Portugal auf. Der größere Teil des Amazonasgebietes lag westlich dieser Linie, also in der spanischen Interessensphäre.“

„Dann hat die Hernández-Expedition also im trüben gefischt“, sagte Maria Behring; mühsam versuchte sie, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.

  Sander hatte die Überraschung für sich bereits akzeptiert. Also doch, dachte er. Obwohl es eigentlich unfassbar war.

„Im trüben? So könnte man es sagen, ja“, bestätigte der Professor. „Deshalb wollte der Hof natürlich nicht, dass die Sache bekannt wurde.“

„Und die Überlebenden wurden mundtot gemacht“, sagte Maria Behring.

„Immerhin waren sie Meuterer“, versetzte der Professor.

„Und der wissenschaftlichen Forschung waren alle diese Informationen bisher unbekannt?“ fragte Maria Behring.

„Absolut unbekannt“, bestätigte der Professor. „Wie ich schon sagte: Selbst ich weiß erst seit etwa drei Wochen davon, als ich zu diesem neuen Fund gerufen wurde und eine erste Sichtung vornehmen konnte. Die wissenschaftliche Auswertung steht natürlich noch bevor. Aber das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, kann außer mir und meinen engsten Mitarbeitern eigentlich niemand wissen.“

„Auch nicht in Südamerika?“ fragte Maria Behring, als hoffe sie, durch ein kleines Wunder dem großen Wunder zu entgehen.

„In Südamerika schon gar nicht“, sagte der Professor. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass die Gefangenen sofort nach Portugal abgeschickt wurden. Mit Sicherheit sind in Sao Salvador nicht einmal Akten über sie zurückgeblieben; es war schließlich ein Geheimprozess, und diese Dinge wurden auch damals sehr ernst genommen.“

„Dann will ich Sie jetzt mal etwas ganz Dummes fragen“, sagte sie. „Stellen Sie sich vor, wir würden hier jemanden treffen, der alle Einzelheiten über die Hernández-Expedition kennt. Wie würden Sie sich das erklären?“

„Aber das ist unmöglich!“ sagte der Professor. „Von der Sache wissen bisher nur vier Leute, mich eingeschlossen, und die sind alle noch hier. Sie erzählen auch keine Einzelheiten; jedenfalls nicht, bevor die Akten wissenschaftlich ausgewertet und offiziell publiziert worden sind. Bitte behalten Sie auch das, was ich Ihnen jetzt vorab gesagt habe, einstweilen für sich.“

„Natürlich“, sagte Maria Behring. „Aber trotzdem: Wenn wir jetzt hier jemanden anträfen, der uns genau das sagt, was Sie uns gesagt haben, der aber erkennbar seit Jahren hier mitten im tropischen Regenwald lebt und nachweislich keinerlei Verbindung mit der Zivilisation hat – was würden Sie dazu sagen?“

„Lieber Himmel, was sollte man dazu sagen?“ erwiderte der Professor. „Auf solche hypothetischen Fragen antworte ich nicht gern. Ich weiß auch gar nicht, was Sie damit bezwecken. Aber wenn Sie jetzt dort im Urwald wirklich so jemanden gefunden hätten, würde ich sagen, Sie hätten einen Überlebenden dieser Expedition entdeckt.“ Sie hörten, wie er lachte. „In diesem Fall wäre Ihre Entdeckung natürlich noch wesentlich interessanter als meine“, fügte er dann hinzu, denn dieser Überlebende wäre dann ja — lassen Sie mich kurz nachrechnen -, ja, ungefähr fünfhundert Jahre alt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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