Kapitel 26: Forschung und Wahrheit

Montag, 30. Dezember 2013

 

VII    LIGNUM VITAE

 

Wenige Minuten später dankte Maria Behring dem Professor und verabschiedete sich von ihm; es war ihr schwergefallen, noch einige belanglose Fragen an zufügen, um die Bedeutung, die seine Informationen für sie besaßen, vor ihm zu verschleiern. Als er sich seinerseits erkundigt hatte, wozu sie das alles wissen wolle, hatte sie das Gespräch rasch mit ein paar Floskeln beendet, und es war ihr egal gewesen, ob er sie für unhöflich oder gar für verrückt hielt. Denn das war, wie alles andere, völlig unwichtig gegenüber der kaum fassbaren, ja geradezu absurd erscheinenden Erkenntnis, die sich gleichwohl aus den Angaben des Professors in zwingen der Logik ergab: dass der Priester wirklich fast fünfhundert Jahre alt sein musste, am Leben erhalten durch das geheimnisvolle Enzym aus den Bromelien an der Cecropia. Oder sollte sie für dieses einzigartige Hohlstammgewächs jetzt nicht auch selbst konsequenterweise den Ausdruck Lignum vitae verwenden? Noch wehrte sich ihr in den klassischen Dimensionen der Wissenschaft erzogener Verstand gegen die siegreiche Übermacht des bisher für irrational Gehaltenen, aber die Bastionen des konventionellen Denkens bröckelten unter dem unwiderstehlichen Druck der neuen, gleichfalls in Logik gepanzerten Argumente. Die letzten Entlastungsversuche des treuesten Freundes menschlicher Vernunft, des Zweifels, scheiterten, denn trotz angestrengter Versuche konnte er keine Lücke in der Folgerichtigkeit des schlüssigen Denkens entdecken; es hatte ihren Geist so dicht umzingelt, dass schließlich nur noch die Kapitulation blieb.

„Geben Sie mir mal eine Zigarette“, sagte sie zu Sander. Er griff in seine Brusttasche, hielt ihr die Packung hin, gab ihr Feuer und bediente sich dann auch selbst.

  Der Sturm der Ideen, die jetzt frei durch alle Regionen ihres Geistes stoben, ließ ihr fast schwindlig werden. Als erstes würde sie die Enzyme der Bromelien isolieren und die molekulare Struktur dieser Biokatalysatoren bestimmen. Diesen Teil der Untersuchung würde sie noch im Feldlabor am Cocuy durchführen, zusammen mit Meybohm, dem sie hundertprozentig vertrauen durfte. Wahrscheinlich würden sich dabei schon erste Hinweise auf die Substratspezifität der Enzyme und die Qualität der daraus folgenden enzymatischen Katalyse ergeben. Danach würde es wohl nicht mehr besonders schwierig sein, den Wirkstoff synthetisch herzustellen. Natürlich würde sie niemandem erzählen dürfen, nicht einmal Professor Meybohm, woher der Stoff in Wirklichkeit stammte und welche Geschichte sich mit seiner Beschaffung verband. Sie würde einfach behaupten, sie habe ihn aus einigen Bromelienextrakten vom Rio Manipitari zusammengemixt. Sie lächelte. Diesmal würde es der Menschheit nicht schaden, dass Eva den Apfel des Paradieses pflückte!

Auch Sander war ziemlich durcheinander, obwohl er es etwas leichter hatte als sie, die ungeheuerliche Erkenntnis zu verarbeiten. Zwar war auch sein Verstand den logischen Kategorien des technisch-wissenschaftlichen Zeitalters verhaftet, aber in seinem Geist hatte sich eine kleine Gruppe abenteuerlicher, frei vagabundierender Gedanken aus den Tagen seiner Kindheit durch die Jahre seines Erwachsenendaseins gerettet, allen Verfolgungen zum Trotz, denen sie von seiner professionellen Disziplin her ausgesetzt waren. Diese seine Phantasie war es nun, die es ihm erleichterte, das Unerhörte zu akzeptieren, allerdings mit einer anderen Konsequenz, als Maria Behring erwartet hatte.

Sie schaltete den Computer aus; das Gerät, dieser Pseudohomunkulus des Plastikzeitalters, konnte jetzt, da es um souveräne Entscheidungen selbständig denkender Geister ging, nicht mehr von Nutzen sein. Allenfalls hätte sie noch einmal die Fakten zur Abwägung auf dem Monitor versammeln können, aber für sie gab es jetzt kein Für und Wider mehr und somit auch keinen Anlass für Diskussionen. Sie zog noch einmal an der Zigarette, die jetzt, da das Wesentliche durchdacht war, nicht mehr schmeckte, und drückte sie im Aschenbecher aus. Dann schaute sie Sander an, der sie aufmerksam beobachtet hatte, und sagte: „Sie haben es ja wohl schon die ganze Zeit über vermutet, aber ich konnte es einfach nicht glauben. Vielleicht wollte ich auch nur nicht. Jetzt ist mir alles klar. Ich schlage vor, dass wir nun keine Zeit mehr verlieren. Morgen früh fahren wir zu dem Vulkanfelsen, schneiden uns ein paar Bromelien ab — und dann nichts wie zurück zum Cocuy. Kurz und schmerzlos, das ist das beste.“

  Zu ihrer Überraschung schüttelte Sander den Kopf. „Ohne mich“, sagte er entschlossen. „Da mache ich nicht mit.“

  Sie konnte es nicht glauben. „Wie bitte? Was ist denn los? Sind Sie nicht ganz bei Trost? Ich habe gesagt, morgen früh fahren wir!“

  „In Ordnung“, sagte Sander, „nach Cocuy. Aber nicht über den Vulkanfelsen.“

  „Ach nein“, sagte sie betroffen. „Sind Sie jetzt der Boss? Hören Sie: Das ist immer noch meine Expedition! Ich bezahle Sie, und ich sage, was Sie zu tun haben. So steht es in unserem Vertrag! Sie werden tun, was ich sage!“

„Nicht, wenn Sie etwas Kriminelles von mir verlangen“, erwiderte Sander. „Was Sie vorhaben, ist Diebstahl. Da mache ich nicht mit.“

  Sie holte tief Luft. „Das hatten wir doch vorhin schon mal“, sagte sie. „Sind Sie denn immer noch nicht klüger geworden? Dabei ging es vorhin nur um Medikamente, um Heilmittel gegen Krebs, Aids und was sonst noch alles. Was heißt überhaupt ,nur'? Das ist ja wohl auch schon wichtig genug. Aber jetzt geht es um ein Präparat, das Leben verlängern kann, vielleicht sogar den Tod für immer besiegt. Haben Sie das überhaupt begriffen?“

„Allerdings“, sagte Sander trotzig. „Aber das ist kein Argument für Sie, sondern eins für mich.“

„Ach ja?“ sagte sie zornig. „Bin ich vielleicht sechzig, oder sind Sie es? Glauben Sie vielleicht, Sie werden länger leben als ich? Was soll dieser Unsinn?“

Sander fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Ich glaube, ich weiß, warum der Priester nicht will, dass andere aus den Bromelien trinken“, sagte er.

„Und? Warum denn?“

„Überlegen Sie mal. Wenn alle diese Indianer hier sich an dem Lebensbaum bedienen dürften - was wäre die Folge? Sie würden alle viel länger leben als sonst, vielleicht sogar überhaupt nicht mehr sterben. Dann würden hier in diesen Bäumen vielleicht acht- oder zehntausend Menschen zurechtkommen müssen. Können Sie sich das etwa vorstellen? Die Bäume hier tragen enorm viele Früchte, aber für mehr als tausend Menschen würde das in keinem Fall reichen. Und dann?“

„Ich habe gar nichts dagegen, dass der Alte den Indianern die Bromelien vorenthält“, sagte Maria Behring. „Aber er hat kein Recht, sie der Welt vorzuenthalten!“

„Denken Sie doch mal nach!“ rief Sander beschwörend. „Wenn wir diese Bromelien stehlen und daraus ein Medikament produzieren, das Menschen 500 Jahre lang leben lässt — wie würde es zwei oder drei Generationen später auf der Welt aussehen? Schon jetzt ist die Übervölkerung die größte Gefahr.“

„Das ist dummes Zeug. Wenn man die Ressourcen sinnvoll einsetzt, kann dieser Planet auch 20 oder 30 Milliarden Menschen ernähren. Denken Sie nur an die Proteinreserven in den Ozeanen! Und wenn man endlich lernt, die Sonnenenergie richtig zu nutzen, lässt sich wahrscheinlich bald die Sahara bewässern.“

  „Vor ein paar Tagen haben Sie noch ganz anders geredet“; sagte Sander. „Ich will Ihnen mal sagen, was wirklich mit Ihnen los ist: Sie wollen berühmt werden und wahrscheinlich auch noch reicher, als Sie ohnehin schon sind.“

„Was fällt Ihnen eigentlich ein? Das sind blanke Unterstellungen!“

„Es ist die Wahrheit! Und das wissen Sie ganz genau. Sie haben über die Folgen Ihres Plans noch gar nicht richtig nachgedacht. Geben Sie es ruhig zu. Sie denken nur an die Sensation und an die Vorteile, die sich daraus für Sie persönlich ergeben. An die Menschen hier aber denken Sie überhaupt nicht, auch nicht an den Rest der Welt.“

„Sie sind nicht nur unverschämt, sondern auch ein Dummkopf. Wer sagt Ihnen denn, dass sich aus diesen Bromelien wirklich ein lebensverlängerndes Präparat herstellen lässt? Vielleicht wirkt es unter veränderten klimatischen Bedingungen ganz anders! Vielleicht handelt es sich auch nur um einen Irrtum der Natur, der mit wissenschaftlichen Mitteln nicht nachvollziehbar ist. Und selbst wenn wir es schaffen, ist noch lange nicht gesagt, ob wir es auch auf den Markt bringen. Immerhin wird das Bundesgesundheitsministerium zustimmen müssen. Oder glauben Sie, dass bei uns jeder alles verkaufen darf, was er will? Mit der Abtreibungspille von Hoechst war es genauso; in Frankreich darf sie seit Jahren verordnet werden, in Deutschland nicht, obwohl Höchst ein deutsches Unternehmen ist.“

„Das sind doch alles Nebensächlichkeiten“, sagte Sander. „Wenn etwas einmal erfunden ist, schafft es niemand wieder aus der Welt. Das ist wie mit der Atombombe. Die ersten Kernforscher haben auch nicht geahnt, was sie der Menschheit damit antun.“

„Hören Sie doch auf!“ sagte Maria Behring und hob die Augen zum Himmel. „Die Atombombe! Ausgerechnet! Damit können Sie doch heute kein kleines Kind mehr erschrecken!“

„Vor ein paar Jahren konnte man das sehr wohl“, beharrte Sander.

„Das war doch nur Politik“, sagte sie verächtlich. „Ein paar Linke wollten gegen die bürgerliche Regierung Stimmung machen, das war alles. Übrigens, falls Sie das nicht wissen: Die gleichmäßige Verteilung von Atombomben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hat Europa fast ein halbes Jahrhundert lang Frieden beschert.“

„Aber danach ging es um so schlimmer los.“

„Sie sind wirklich ein Idiot. Entschuldigen Sie, wenn ich das so unverblümt sage. Das, wovor Sie die Menschheit bewahren wollen, und zwar aus Gründen, die ich wirklich nicht nachvollziehen kann, ist doch schon längst in vollem Gange. Was glauben Sie denn, was für Medikamente wir und die anderen Pharmaunternehmen in den vergangenen hundert Jahren hergestellt haben - lebensverkürzende etwa? Nein, sondern solche, die kranke Menschen gesund machen. Damit sie nicht an ihren Krankheiten sterben, sondern weiterleben. Wissen Sie eigentlich, wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen war, ehe es die Pharmaindustrie gab? 35 Jahre! Heute sind es über 74 Jahre. Sollen wir jetzt vielleicht, weil der Raum in Deutschland in letzter Zeit ein bisschen knapper geworden ist, den Leuten die Medikamente wegnehmen, damit sie wieder ein bisschen früher verrecken?“

„Das ist etwas ganz anderes“, gab Sander zurück. „Ich sage ja: Was mal erfunden worden ist, schafft keiner mehr aus der Welt. Man muss sich also vorher überlegen, was man erfinden will.“

„Sie reden wie diese Heinis, die dauernd gegen die Gentechnologie protestieren“, sagte sie. „Die wissen gar nicht, dass der Mensch schon seit der Steinzeit Gentechnologie betrieben hat. Und dass wir, wenn er das nicht getan hätte, heute gar nicht mehr auf der Welt wären. Wir haben nur überlebt, weil schon unsere frühesten Vorfahren Wege fanden, das Nahrungsangebot zu verbessern. Natürlich nicht mit Elektronenmikroskop und Laserstrahlen, aber durch Kreuzung verschiedener Arten, was für die Gene praktisch auf das gleiche hinauslief: äußerst effektive Verbesserungen biologischer Systeme, die von der Natur nicht vorgesehen waren und erst durch menschlichen Eingriff erzielt werden konnten. Aus Wildgräsern wie dem Einkorn wurde zum Beispiel der moderne Saatweizen. Ist Ihnen klar, was das bedeutet?“

  „Ja“, sagte Sander. „Man kann auf gleicher Fläche sehr viel mehr ernten. Aber überhaupt nicht klar ist mir, wohin das eigentlich führen soll. Seit Beginn der Weltgeschichte bauen immer mehr Menschen immer mehr an, um immer mehr Menschen zu ernähren, die ihrerseits immer mehr an bauen. Irgendwann muss damit doch mal Schluss sein! Ich meine, unsere Welt ist doch nicht ausklappbar, oder?“

  „Wenn unsere Vorfahren so gedacht hätten wie Sie, würden wir heute noch auf Bäumen sitzen“, sagte sie höhnisch.

„Na und?“ erwiderte er. Das wäre bestimmt nicht das Schlechteste, wie man hier sieht.“

„Für Typen wie Sie vielleicht“, sagte sie. „Für Leute, die damit zufrieden sind, wenn sie sich nur den Bauch vollschlagen und den Rest des Tages faulenzen dürfen. Mir genügt das aber nicht. Ich habe ein paar Fähigkeiten, aus denen ich noch etwas machen möchte, wenn Sie gestatten.“

„Dagegen habe ich nichts. Aber ich werde mich nicht an etwas beteiligen, was ich nicht verantworten kann.“

„Verantworten, verantworten“, äffte sie ihn nach. „Wer glauben Sie eigentlich zu sein? Sie haben ja überhaupt keine Ahnung, wovon Sie reden!“

„Ich bin nur Pilot“, sagte Sander steif, „aber als Mensch trage ich genauso viel Verantwortung wie Sie.“

Maria Behring hatte sich immer mehr in Rage geredet. Nur mühsam konnte sie sich davor zurückhalten, Sander zu beschimpfen; stattdessen sagte sie in gespielter Kühle: „Wenn Sie glauben, dass Sie mich mit diesem Mist überzeugen können, irren Sie sich gewaltig. Ich glaube, Sie sind einfach nur feige. Von mir aus fahren wir morgen zurück nach Cocuy. Dort schmeiße ich Sie hochkant hinaus, suche mir einen neuen Piloten, und übermorgen bin ich wieder hier.“ Dann gibt es auch keine Behringia sanderiana, fügte sie in Gedanken hinzu, sondern höchstens eine Behringiana hosenscheisseriana, zum Gedenken an einen Hasenfuß von ganz besonderer Lächerlichkeit. Unglaublich, was der Kerl sich herausnahm! Sie stand vor der größten Entdeckung der Geschichte, und er mimte den Moralischen! Fast war sie versucht, sein Honorar zu verdoppeln, aber nach kurzer Überlegung verwarf sie den Gedanken wieder. Das fehlte noch, dass er für sein Gezicke auch noch Geld kassierte!

  „Das können Sie natürlich tun“, sagte Sander. „Aber dann habe ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen. Dann tragen Sie für alles, was passiert, die alleinige Verantwortung.“

  In äußerster Erbitterung rang Maria Behring nach Luft. Dann besann sie sich; vielleicht konnte sie ihn umstimmen, wenn er begriff, worum es wissenschaftlich überhaupt ging. „Also gut. einen letzten Versuch mache ich noch mit Ihnen“, sagte sie. „Hören Sie gut zu, und versuchen Sie mir zu folgen. Ich habe den Eindruck, Sie glauben, ich will so eine Art Ewiges-Leben-Elixier auf den Markt bringen. Vielleicht unter dem Namen Eternity, so wie irgendein Parfüm, nach dem Motto: ,Jedes Jährchen ein Schlückchen, und der Tod ist dein Freund'. Das ist natürlich dummes Zeug, Ich will Ihnen erklären, wie das mit dem Sterben abläuft. Der Alterungsprozess ist zum großen Teil das Ergebnis von Zerstörungen, die elektrisch geladene Sauerstoffmoleküle in den Zellen anrichten. Diese Moleküle entstehen als natürliche Nebenprodukte bei Verbrennungsprozessen im Körper, Diese Verbrennungsprozesse sind erforderlich, weil die Zellen dabei den Sauerstoff, der ihnen mit dem Blut zugeführt wird, in Energie umwandeln. Ein Fluch unseres Planeten mit seiner sauerstoffreichen Atmosphäre, wenn Sie so wollen. Das Leben konnte sich hier nur auf Sauerstoffbasis entwickeln. Aber Sauerstoff ist zugleich auch das aggressivste Element, das es gibt. Wenn eines Tages wirklich einmal kleine grüne Männchen aus dem Weltraum auf die Erde zufliegen, werden sie zwar von weitem alles ganz toll finden, das viele blaue Wasser, die großen grünen Wälder und so weiter, aber wenn sie erst mal gelandet sind, werden sie sagen: ,Oha, dieser viele Sauerstoff, das reine Gift - nichts wie weg hier!' Es wäre für sie so, als würden sie durch einen Salzsäuresee paddeln.“ Sie suchte den Faden, den sie in ihrer Erregung verloren, hatte, fand ihn wieder und fuhr fort: „Diese freien Radikalen aber, diese vertrackten Sauerstoffmoleküle, vagabundieren durch den ganzen Körper. Sie brennen Löcher in Zellwände und zerstören Teile des genetischen Materials. Sie können sogar Kettenreaktionen auslösen. Das ist der Preis, den alle luftatmenden Lebewesen zahlen.“

Sander sagte nichts: Er konnte sich denken, worauf sie hinauswollte, aber das würde an seiner Einstellung nichts ändern.

  Maria Behring musterte ihn. Verstand er überhaupt, was sie sagte? Vielleicht war es besser, wenn sie sich noch etwas einfacher ausdrückte. „Es gibt aber offenbar Möglichkeiten, diese freien Radikalen zu bekämpfen“, erklärte sie. „Die vielversprechendsten Versuche wurden mit Enzymen gemacht. An der Southern Methodist University in Dallas haben Genetiker einen Stamm von Fruchtfliegen gezüchtet, dessen Individuen zwei bestimmte Enzyme in erheblich größerer Menge produzieren, als das normale Fruchtfliegen tun. Das eine Enzym heißt Superoxid-Dismutase, das andere Katalase. Können Sie mir folgen?“

  Sander nickte. Er wollte sie nicht ärgern. Er wollte ihr nur nicht helfen, die Bromelien zu stehlen.

  „Diese beiden Enzyme bekämpfen die freien Radikalen und verhindern, dass sie so viele Zerstörungen anrichten, wie sie das normalerweise tun würden“, erläuterte Maria Behring weiter. Also haben die Forscher die Gene dieser Insekten so manipuliert, dass die Fliegen seither viel mehr von diesen beiden körpereigenen Enzymen ausschütten als vorher. Und was, glauben Sie, war die Folge?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Die Viecher lebten länger“, sagte Sander.

„Sie haben es erfasst“, sagte sie. „Die gentechnisch veränderten Fliegen erreichten eine um 50 Prozent gesteigerte Aktivität gegen die freien Radikalen, und prompt überstieg ihre Lebensdauer die ihrer Artgenossen um 30 Prozent. Auf Menschen übertragen, würde das bedeuten, dass wir künftig hundert Jahre alt werden können, und zwar alle, und bei guter Gesundheit.“

Sander schüttelte den Kopf. „Ich möchte kein gentechnisch veränderter Mensch sein“, sagte er.

Sie schaute ihn wütend an. „Sagen Sie mir das, wenn Sie auf dem Sterbebett liegen“, warf sie ein, „vorher glaube ich es nämlich nicht. Natürlich ist das, was man bei diesen Fliegen gemacht hat, nicht ohne weiteres auch an Menschen zu machen; das wäre einstweilen noch zu gefährlich. Aber es ist ein Weg, auf dem die Forschung weitergehen kann. Und auch weitergehen wird, das können Sie mir glauben. Außerdem gibt es noch andere Möglichkeiten.“

„Dann braucht man also diese Bromelien überhaupt nicht“, sagte Sander.

„Doch“, sagte sie sanft, da sie sich nun als Siegerin fühlte. „Mit den Enzymen aus den Bromelien können wir die Sache wahrscheinlich abkürzen. Das würde vielen Menschen helfen.“ Sie beobachtete seine Reaktion. „Und wahrscheinlich auch viele Tierversuche überflüssig machen“, fügte sie hinzu. Da er Regung erkennen ließ, die auf ein Einlenken hindeutete, meinte sie schließlich: „Außerdem wäre das dann keine gentechnologische, sondern eine ganz natürliche Methode. Kein menschlicher Eingriff in die göttliche Schöpfung wie diese anderen Experimente. Sondern lediglich die Nutzung dessen, was die Natur für uns bereithält.“

  Sie betrachtete ihn gespannt.

  Sander überlegte. Hatte sie wirklich nichts von dem begriffen, was er gesagt hatte? Er räusperte sich und sagte: „Sie haben jetzt ziemlich lange geredet. Nun können Sie mir auch mal zuhören.“

„Ich höre“, sagte sie.

„Kennen Sie die Legende vom Jungbrunnen?“ fragte er. „Die Leute im Mittelalter glaubten daran, dass Greise und alte Weiber in sein Wasser stiegen und als Jünglinge und Mädchen wieder herauskämen.“

„Die Sehnsucht der Menschen, dem körperlichen Verfall zu entgehen, ist eben schon sehr alt“, sagte sie vorsichtig. Worauf wollte er hinaus?

„Das meine ich nicht“, entgegnete er. „Ich will etwas ganz anderes sagen. Haben Sie gewusst, dass die Konquistadoren den Jungbrunnen auch in Amerika suchten? Und zwar überall, von Florida bis Peru?“                                 

„Das ist mir begann“, erwiderte sie.

„Sie haben ungeheure Strapazen auf sich genommen, um diesen Brunnen zu finden.“

„Na und? Meinen Sie vielleicht, uns wird es hier zu leicht gemacht?“

„Nein. Aber Ponce de León und viele andere Männer kamen dabei ums Leben.“

„Diese Gefahr besteht hier nicht. Außerdem kann ich ganz gut auf mich aufpassen. Und wenn Sie wollen, können Sie mich ja beschützen.“

Sander überhörte ihren Sarkasmus. „Gefunden wurde der Jungbrunnen nie.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Dass es diesen Jungbrunnen nie gegeben hat“, sagte Sander. „Es war immer nur eine Legende. Die Männer sind einem Traum nachgejagt. Einem Traum wie dem von El Dorado, von Manna, den Amazonen und so weiter. Der Regenwald ist voller solcher Träume. Wer aber diese Träume verwirklichen will, wird diesen Wald zerstören.“

„Wieso?“ fragte sie.

„Ganz einfach. Wenn Sie diese Bromelien stehlen und Medikamente daraus machen, wird es hier bald zugehen wie beim Goldrausch in Alaska. Zehntausende von Glücksrittern werden hier einfallen und nicht eher ruhen, als bis sie gefunden haben, was sie suchen.“

„Das können wir getrost dem Oberst überlassen“, sagte sie. „Die Armee wird schon mit diesen Kerlen fertig.“

„Nein“, sagte Sander. „Glauben Sie mir, ich habe das alles schon mal mitgemacht, in Venezuela, 1969. In San Salvador de Paul. Haben Sie den Namen schon mal gehört?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ein winziges Dorf im Staat Bolivar“, berichtete Sander. „Ein paar Hütten, unerträgliche Hitze, jede Menge Moskitos. Plötzlich fand ein Landarbeiter einen Diamanten. Wenige Wochen später wühlten dort auf einer Fläche von nur vier Quadratkilometern nicht weniger als 8500 Menschen die Erde um und holten täglich Klunker für zwei Millionen Dollar heraus. Es war Irrsinn. Die Behörden mussten eine Piste anlegen, um die Versorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten, sonst hätte es vom ersten Tag an Mord und Totschlag gegeben. Ich flog damals Diamantenhändler aus Brasilien dorthin. Mitten im Urwald stand eine Bretterstadt. Kneipen, Spielhöllen und Bordelle. Tagsüber war die Luft von Flüchen dick, nachts dröhnten Schlager. Überall Besoffene, denen das Messer locker saß. Jeden Tag gab es Tote. Und später ist das noch an vielen anderen Orten passiert. Wollen Sie, dass das auch hier so wird?“

„Von mir erfährt keiner, woher ich die Enzyme habe“, sagte Maria Behring. „Und wenn auch Sie den Mund halten, kann nichts passieren.“

„Sie haben keine Ahnung“, sagte Sander erbost. „Sie machen sich überhaupt keine Vorstellung, was das in diesen Ländern hier für Menschen sind. Diese Leute sind arm, aber nicht dumm und auch nicht schwach. Sondern sie sind schlau, entschlossen und gefährlich. Die Männer verstehen zu kämpfen, und sie verstehen zu töten. Ein Wort, ein Hinweis, nur ein Gerücht, und sie machen sich auf den Weg. Dann kann sie nichts und niemand mehr aufhalten, keine Indianer und keine Armee. Als erstes kommen sie nach Cocuy. Sie werden jeden Mann und jede Frau hier so lange ausfragen, bis sie wissen, wo überall wir gewesen sein könnten. Die Leute von Cocuy werden sie zur Neblina schicken, schon allein um sie wieder loszuwerden. Die Neblina ist das am wenigsten erforschte Gebiet; dort ist alles möglich. Diese Glücksritter werden nichts von Arzneien verstehen, aber sie werden denken, sie können das Nötige darüber genauso schnell lernen, wie sie gelernt haben, Gold zu waschen oder nach Diamanten zu graben. Wahrscheinlich wird ihnen das sogar gelingen. Sie werden die Indianer ausquetschen. Sie werden den Jungbrunnen suchen, um sein Wasser zu verkaufen. Wecken Sie nicht die Leidenschaften dieser Leute, sonst ist die ganze Neblina verloren! Und wecken Sie nicht die Geister der alten Legenden, denn ihre Macht über die Menschen ist unwiderstehlich, und wenn sie erst einmal wach sind, kann sie niemand mehr aufhalten, bis alles hier vernichtet ist. Ich weiß, Sie halten nicht viel von Priestern. Aber ohne den alten Gottesmann und seine Religion wären diese Menschen hier längst in die Steinzeit zurückgefallen, so wie die anderen Indianer, die das Kolonialzeitalter überlebt haben. Es sind die letzten Amazonier, die hier in völliger Unschuld leben - und Sie denken nur daran, ihr kleines Paradies auszubeuten! Ich liebe dieses Land, und ich liebe diesen Wald. Ich werde nicht mithelfen, ihn zu zerstören. Er ist wie ein lebendes Wesen — nehmen Sie ihm nicht das Herz! Machen Sie ihn nicht zum Steinbruch für den Tempel Ihrer Ruhmsucht! Zu einem lebenden Leichnam, der nur noch eine Weile als Organspender fungiert!“ Er verstummte; schon lange hatte er nicht mehr so viel an einem Stück geredet.

„Spielen Sie nicht den Romantiker“, sagte sie kalt. „Sie waren Legionär, Sie haben Menschen umgebracht, nicht ich! Ich will Leben retten. Und das werde ich auch tun. Das schwöre ich.“

„Dann habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen“, sagte Sander. „Morgen fahren wir nach Cocuy. Dann können Sie mich von mir aus auszahlen. Überlegen Sie sich aber gut, was Sie dann tun! Der Wald gehört nicht Ihnen. Sehen Sie zu, dass er nicht durch Ihre Schuld für immer zerstört wird.“

 

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