Kapitel 27: Der Sündenfall

Freitag, 3. Januar 2014

Um zwei Uhr morgens lag der Wolkenwald in der tiefsten Stille, die sich in diesem Teil der Biosphäre mit seinen vielgestaltigen, unter der ständigen Knappheit an Nährstoffen selbst die winzigsten ökologischen Nischen besetzenden Lebensformen entwickeln konnte. Die nachtaktiven Tiere hatten nun den ersten Teil ihrer produktiven Phase hinter sich gelassen, die hauptsächlich dem Aufspüren, dem Erbeuten und dem Verzehren von Nahrung diente, in zweiter Linie aber der Pflege sozialer Kontakte bis hin zu deren wichtigster und höchstentwickelter Form, der für die Fortpflanzung nötigen Tätigkeit, gewidmet war; nun legten viele eine Ruhepause ein. um Kräfte für den zweiten Teil der Nacht zu sammeln, deren letzte Minuten wegen des dann zurückkehrenden Lichtes am gefährlichsten waren: Wer bis dahin nicht einigermaßen satt und sicher war, erhöhte sein Lebensrisiko beträchtlich.

  Die tagaktiven Bewohner der Kronenregion hatten zu dieser Zeit ihre tiefsten Schlafphasen erreicht, und die wenigen elektromagnetischen Impulse, die ihre Hirnzellen auch jetzt noch erzeugten, waren längst zu schwach, um körperliche Aktivitäten anzuregen, die besondere Geräusche verursachen konnten, etwa unbewusstes Schreien und Stöhnen oder das eine bequemere Schlafposition suchende sich wälzen im Nest. Auch Sander schlummerte fest; der Streit hatte ihn zwar erst spät einschlafen lassen, nun aber kostete sein Geist die Ruhephase voll aus. Arglos hatte sich sein Verstand von den Zinnen der Wachsamkeit zurückgezogen; das Misstrauen, das Vorsichtige oft nur einen leichten Schlaf finden lässt, ruhte vergessen im tiefsten Verlies seines Gemüts.

  Maria Behring stand in der halbgeöffneten Tür der Hütte, schaute prüfend zum Himmel und nickte dann zufrieden mit dem Kopf. Sie war den gesamten bisherigen Teil der Nacht wachgeblieben und hatte die Idee, die sich bald nach dem Streit in ihrem Kopf festgesetzt hatte, zu einem sorgfältig durchdachten Plan ausgearbeitet. Zwischendurch war sie alle halbe Stunde aufgestanden und hatte den Nachthimmel betrachtet, dessen Wolkenbedeckung ein entscheidender Faktor für das Gelingen ihres Vorhabens war. Bis Mitternacht hatte die inzwischen schon etwas breitere Sichel des zunehmenden Mondes zusammen mit den Sternen für eine Helligkeit gesorgt, die es Maria Behring unmöglich gemacht hätte, ihre Absicht in die Tat umzusetzen. Danach aber hatte der Himmel sich immer stärker zugezogen, und nun hatte sich die Luftfeuchtigkeit in einer 3000 bis 7000 Meter hohen Schicht so stark verdichtet, dass sie das Licht der Himmelskörper bis auf wenige Lux absorbierte; es war so dunkel, dass Maria Behring kaum die Hand vor den Augen sehen konnte.

Sie lauschte in das Innere der Hütte, aus der Sanders regelmäßige Atemzüge drangen. Wenn alles gut ginge, würde er nichts merken, ehe sie wieder in die Zivilisation zurückgekehrt wären; dann aber würde sie sich seinen Vorwürfen zu stellen wissen.

Vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, um nirgends anzustoßen, schlich sie hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Dann tastete sie sich zu der Leiter vor und kletterte einige Meter in die Tiefe. Erst jetzt knipste sie die Taschenlampe an, die an der Vorderseite ihres Overalls eingehängt war. In dem schwankenden Lichtkegel arbeitete sie sich in die Tiefe, bis sie die Gondel des Luftschiffes erreicht hatte. Sie öffnete die Tür und stieg hinein.

Die Infrarotgeräte lagen in ihrer Kiste. Maria Behring öffnete sie, nahm erst ihre Brille, dann die Batterie heraus und kontrollierte die Ladeanzeige. Die Batterie war voll. Genug Energie für drei Stunden, dachte Maria Behring; bis dahin würde sie längst zurück sein.

Sie entflammte ihr Feuerzeug, hielt einen Korken über die Flamme und schwärzte sich sicherheitshalber sorgfältig Stirn und Wangen. Dann nahm sie die Armbanduhr mit dem Leuchtzifferblatt ab, steckte sie in die Brusttasche, schob die Arme in die Tragegurte und nahm den Batterietornister auf den Rücken. Zum Schluss setzte sie die Brille auf und schaltete den Infrarotstrahl ein. Als sie schon aus der Gondel klettern wollte, fiel ihr siedend heiß ein, dass die Taschenlampe an ihrer Brust noch immer brannte. Vor Schreck wurde ihr fast übel. Rasch knipste sie die Lampe aus. In einem leichten Anfall von Panik setzte sie nun sogar die Brille noch einmal ab, um mit eigenen Augen zu kontrollieren, dass die Birne nicht mehr glühte. Sie hätte das Gerät am liebsten in der Gondel zurückgelassen, aber das hätte bedeutet, dass sie bei einem plötzlichen Ausfall des Infrarotstrahlers keine Chance gehabt hätte, vor dem Morgengrauen zum Luftschiff zurückzufinden.

Sie atmete ein paarmal tief durch, um das Adrenalin schneller abzubauen, setzte die Infrarotbrille zum zweitenmal auf und schaltete den Strahler ein. Schlagartig sah sie ihre Umgebung in dem ihr nun schon vertrauten blassgrünen Licht. Vorsichtig stieg sie aus der Gondel und kletterte die Leiter hinauf.

Der Infrarotstrahl aus dem kleinen Sender zwischen den beiden Okularen der Brille folgte ihrem Blick auf die Brücke zum Axtbrecherbaum; in dem gespenstischen Schein sahen die Lianen wie riesige Pythonschlangen aus. Entschlossen machte sie sich auf den Weg.

Ein leichter Wind bewegte die Blätter der Bäume, und einige Insekten flogen surrend an Maria Behrings Ohren vorbei. Nach einer Weile bemerkte sie vor sich ein flatterndes Tier, konnte aber nicht unterscheiden, ob es sich um einen Kauz oder um eine Fledermaus handelte. Die Stille des Waldes hatte für Maria Behrings Empfinden nichts Beruhigendes; ihr wäre eine etwas geräuschvollere Kulisse für ihre Aktion lieber gewesen, denn diese hätte das Entdeckungsrisiko vermindert. So musste sie sich nicht nur darauf konzentrieren, den Weg zu finden, sondern auch darauf, möglichst leise zu sein, besonders dann, wenn sie an Hütten vorüberkam.

Nach ihrem Zeitplan würde es auf diese Weise etwa eine halbe Stunde dauern, bis sie den Vulkankegel erreichte. Höchstens eine Viertelstunde würde vergehen, bis sie durch die Wohnung des Priesters in den Hinterhof eingedrungen wäre und von der Rückseite des Lebensbaumes eine Bromelie abgeschnitten hätte. Eine weitere halbe Stunde für den Rückweg - wenn alles gutgeht, dachte sie, liege ich spätestens um halb vier wieder in meiner Hängematte.

Als sie ein Drittel der Strecke zurückgelegt hatte begann es so heftig zu regnen, dass sie für einige Minuten Schutz unter dem Blätterdach eines Bombaxbaumes suchen musste, um nicht völlig durchnässt zu werden. Sie war froh, dass ihr Zeitplan genügend Reserven enthielt; kritisch würde es erst werden, wenn sie um fünf Uhr noch nicht wieder zu ihrer Hütte auf dem Matamatá zurückgekehrt wäre. Trotzdem ging sie, als der Regen aufgehört hatte, etwas schneller, nicht so sehr, um die Zeit aufzuholen, sondern von wachsender Spannung getrieben; sie konnte es kaum erwarten, ihr Messer an eine dieser Wunderbromelien zu setzen, für die sie so viel zu riskieren bereit war.

Eine weitere Verzögerung gab es, als sie sich mehreren Hütten auf einem riesigen Feigenbaum näherte und feststellte, dass in einiger Entfernung davon ein seltsam geformtes Wesen stand; erst bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass es in Wirklichkeit zwei eng miteinander verschlungene Gestalten waren, die leise redeten und lachten. Maria Behring blieb stehen und wartete eine Weile, sah aber bald ein, dass sich das Liebespaar wohl kaum so bald in die Hütten zurückrollen würde, denen es entflohen war, um ungestörte Zweisamkeit zu genießen. Es blieb ihr nichts anderes übrig als sich vorsichtig an den beiden vorbei zu schleichen.

Nach einer Dreiviertelstunde hatte sie den Torbaum erreicht. Gabriel schlief wie bei ihrem ersten Vorstoß eine Woche zuvor am anderen Ende der Hochbrücke auf dem Boden, ein Bein auf die dickste Liane gelegt. Maria Behring tastete nach ihrem Elektrostick. Was sie jetzt tun musste, tat ihr zwar leid, war aber eine unvermeidliche Notwendigkeit im Dienste der Wissenschaft. Sie atmete tief durch, betrat die Brücke und ging entschlossen auf den Indianer zu. Er würde einen plötzlichen Schmerz verspüren und in der nächsten Sekunde das Bewusstsein verlieren; am nächsten Tag würde er in seiner Unwissenheit wahrscheinlich glauben, er habe nur geträumt.

Schon nach den ersten Schritten stellte Maria Behring fest, dass die Erschütterung den Erzengel aufgeweckt hatten; er stand auf und starrte ihr entgegen, ohne sie freilich in der Dunkelheit ausmachen zu können. „Wer ist da?“ fragte er laut und hob sein Flammenschwert, um jederzeit zu schlagen zu können.

Maria Behring lief rasch auf ihn zu; dadurch begann die Brücke stärker zu vibrieren. Gabriel schien an diesen Erschütterungen zu erkennen, dass es für ihn gefährlich wurde, denn sein Gesicht nahm wieder einen Ausdruck kämpferischer Entschlossenheit an. Doch ehe er irgendetwas unternehmen konnte, um sich zu verteidigen, hielt Maria Behring den Elektrostick an die nackte Haut seines Oberkörpers. Ein Lichtblitz zuckte durch die Nacht, und der Erzengel sackte bewusstlos zusammen. Maria Behring versuchte ihn aufzufangen, aber er war schwerer, als sie gedacht hatte und entglitt ihr, immerhin konnte sie verhindern, dass sein Kopf auf dem Boden aufschlug.

  Sie bettete ihn möglichst bequem auf die kleine Wiese an der Brücke. Dann ging sie zu der Höhle, zog vorsichtig die Tür aus Palmholz auf und lauschte. Als sie kein Geräusch hörte, schlüpfte sie hinein und blickte sich um.

  In dem Raum schien sich außer dem Priester niemand aufzuhalten. Auf Zehenspitzen schlich sie zu dem Paravent und spähte über den Rand. Wie sie es erwartet hatte, lag der Alte in seinem Bett und schlief. Unwillkürlich musste sie lächeln. Er würde nie erfahren, was in dieser Nacht geschehen war, dachte sie, und deshalb auch nicht gekränkt sein können. Hatte sie ihm nicht überhaupt frank und frei erklärt, dass sie sich nun einmal für die Pflanzen seines Waldes interessierte?

  Sie wandte sich um, ging zu der zweiten Tür, öffnete sie und trat in den kleinen Innenhof. Im selben Augenblick begann es wieder zu tröpfeln. Sie zögerte einen Augenblick und überlegte, ob es nicht besser wäre, in der Höhle zu warten; dann aber siegte ihre Ungeduld, und sie ging durch den Regen zu der Cecropia. Da der Baum sehr nahe an dem Felsen wuchs, der den Hof wie eine Mauer abschloss, war es nicht leicht, an seine Rückseite zu gelangen, und sie musste sich erst an einigen Ästen vorüberwinden. Bald stand sie so eng an dem Stamm, dass der Regen sie nicht mehr erreichen konnte. Überrascht stellte sie fest, dass sie darüber nicht erleichtert war, sondern stattdessen ein Gefühl der Beklemmung in ihr aufstieg; sie musste sich eingestehen, dass sie die abwegige Befürchtung hegte, der Lebensbaum dieses Paradieses werde sich irgendwie gegen den Raub der Bromelie zur Wehr setzen, etwa indem er plötzlich seine Äste um sie schloss und sie gefangen hielt, bis es hell wurde, oder sie überhaupt nicht mehr freigab, bis sie qualvoll verhungert war. Späteren Besuchern würde man dann als grausame Warnung ihr von Ästen umwachsenes Skelett zeigen… Jetzt reiß dich zusammen, sagte sie sich. Was soll dieser Unsinn? Wir arbeiten hier für die Wissenschaft und nicht für irgendeinen albernen Gruselfilm!

  Sie beugte sich zu der Bromelie, die am nächsten wuchs, und nahm sie sorgfältig in Augenschein. Die auffallend großen Blüten ließen Maria Behring zuerst glauben, sie habe eine Tillandsia pretiosa vor sich, die sie auf einer früheren Expedition in Ekuador untersucht hatte. Bei der Pflanze auf der Cecropia aber waren die Deckblätter weniger spreizend und enthielten deutlich sichtbare Nerven; der Blütenkelch war nicht elliptisch zugespitzt, sondern eher wie eine Trompete geformt, wie Maria Behring es noch nie gesehen hatte. Außerdem war die Bromelie viel kleiner, denn die Trichterrosette maß höchstens zwölf Zentimeter, während sie bei der ekuadorianischen Tillandsia einen halben Meter tief wurde. Kein Zweifel, das war eine neue Art, vielleicht sogar eine eigene Unterfamilie: ,Behringoidae' schien ihr kein schlechter Name dafür.

  Sie untersuchte Blüten- und Staubblätter und konzentrierte sich dann auf die tief eingeschlossenen Griffel. Obwohl sie versuchte, die verschiedenen Teile der Pflanze nur langsam und äußerst vorsichtig auseinanderzubiegen, hatten die bissigen kleinen Ameisen den Eindringling bereits bemerkt und quollen in hellen Scharen aus ihren Nestern in den großen Hohlkammern der Äste.

  Also gut, sagte Maria Behring zu sich, Ende der Veranstaltung! Rasch zog sie ihr Messer aus der Tasche und schnitt die Bromelie vom Stamm; dabei musste sie ziemlich viel Kraft aufwenden, denn die Wurzeln des Epiphyten waren fest wie Draht.

  Als sie schon die ersten Ameisenbisse spürte, löste sich die Aufsitzerpflanze endlich von dem Ast. Maria Behring wand sich aus der Enge zwischen Baum und Fels hervor, holte einen durchsichtigen Plastikbeutel aus der Hosentasche, entfaltete ihn, stopfte die Bromelie hinein und sicherte den wasserdichten Verschluss. Dann hängte sie sich den Beutel um den Hals. Geschafft, dachte sie. Wenn sie Glück hatte, waren in dem Beutel auch noch ein paar Ameisen gefangen, die der Entomologe untersuchen konnte, um herauszufinden, wie das Bromelienenzym auf ihren Chitinpanzer, ihre Atmung und ihren Stoffwechsel wirkte.

  Als sie in die Höhle zurückkehren wollte, war ihr plötzlich, als bewege sich die Tür. Starr vor Schreck blieb sie stehen; dann fiel ihr ein, dass sie so gut wie unsichtbar war, und sie beruhigte sich ein wenig. Dennoch hielt sie den Atem an und drückte sich dicht gegen den Felsen, als die Tür nun tatsächlich aufging und der alte Priester in den Innenhof trat.

Maria Behring tastete nach dem Elektrostick. Die verbliebene Ladung würde genügen, auch noch den Alten zu Boden zu schicken, wenn es wirklich nottat. Dennoch war es das letzte Mittel, das sie anwenden wollte, denn dann würde sie noch in der Nacht mit dem Luftschiff verschwinden müssen, auch wenn es noch so riskant war, in völliger Dunkelheit unter den Ästen des Matamatá aufzusteigen; niemand würde glauben, dass Priester und Wächter zur gleichen Zeit denselben Traum gehabt hätten.

Der Priester trat ins Freie und ging durch den kleinen Hof auf die Cecropia zu. Er bewegte sich, als wäre es taghell; Maria Behring beruhigte sich mit dem Gedanken, dass er diese Sicherheit nicht etwa einer besonderen Kraft seiner Augen, sondern lediglich seiner Erfahrung aus zahllosen nächtlichen Spaziergängen verdankte.

Erst jetzt erkannte sie, dass er in seiner rechten Hand einen dicken Grashalm hielt, der ihm offenbar als Trinkrohr dienen sollte. Plötzlich blieb der Alte stehen, drehte sich um und blickte genau in ihre Richtung. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Impuls zu fliehen.

Der Priester verharrte fast eine Minute lang und lauschte. Maria Behring atmete so leise wie möglich; als sie schon dachte, er würde sie trotzdem hören, wandte er sich zu ihrer Erleichterung wieder dem Baum zu. Als er die ersten Äste berührte, begann er sich an ihnen zum Stamm vorzutasten, bis er auf eine Bromelie stieß. Er befühlte die Pflanze, bis er den Tank gefunden hatte, steckte den Trinkhalm hinein und begann geräuschvoll zu saugen.

Prost, sagte Maria Behring erleichtert zu sich selbst und schob sich vorsichtig in Richtung Tür. Es würde schon eines geschulten Botanikerauges bedürfen, die Stelle an der Rückseite des Baumes wiederzufinden, von der sie die kleine Bromelie geschnitten hatte, dachte sie; mehr als ein paar Kratzer von ihrem Messer in der Rinde der Cecropia konnte dort kaum zu sehen sein.

Als sie die Tür erreicht hatte, schob sie zwei Finger unter den Rahmen und zog das Holz langsam zu sich, bereit, beim geringsten Geräusch ohne weiteres loszulaufen, so schnell sie nur konnte. Es gelang ihr jedoch, die Tür ohne jeden Laut zu öffnen und sich geräuschlos hindurchzudrücken. Sie eilte durch die Höhle und lief durch die andere Tür hinaus.

Auf dem Vorplatz war alles ruhig: Der Erzengel ruhte immer noch auf der Erde, in derselben Lage, wie sie ihn in das krautige Bulbostylisgras gebettet hatte.

Sie schaute zum Himmel und stellte beruhigt fest, dass die Wolkendecke immer noch dicht geschlossen war. Der Regen aber hatte aufgehört. Es war Zeit, in die Hütte zurückzukehren, dachte sie; morgen würden sie in aller Frühe nach Cocuy fahren, den größten Schatz im Gepäck, den je ein Mensch von einer Expedition nach Hause gebracht hatte. Ein überwältigendes Glücksgefühl durchflutete sie, bis eine warnende Stimme in ihrem Inneren sagte: Konzentration, bitte! Ausflippen kannst du, wenn du wieder in der Hängematte liegst!

Fuß vor Fuß setzend, ging sie durch das hohe Gras auf den Liegenden zu. Plötzlich spürte sie wieder ein Gefühl der Angst und dachte einen Augenblick, der Erzengel könne ja inzwischen wieder zu sich gekommen sein und stelle sich vielleicht nur bewusstlos, um sie besser packen zu können, wenn sie dicht genug an ihm vorüber käme. Tatsächlich lag er so, dass sie wie beim ersten Mal über ihn hinwegsteigen musste, um auf die Brücke zu gelangen. Sie wusste, dass es nicht leicht sein würde, ihm zu entkommen, wenn er wirklich in diesem kritischen Augenblick Zugriff.

  Einen Meter vor ihm blieb sie stehen und beobachtete ihn aufmerksam. Er rührte sich nicht. Sie zögerte kurz, dann griff sie in die Hosentasche und holte den Elektrostick heraus. Auch wenn es gesundheitsschädlich sein konnte, einen Mann in so kurzem Abstand zweimal mit 50000 Volt zu schocken, würde sie lieber dieses Risiko in Kauf nehmen, als sich von ihm festhalten zu lassen.

  Sie setzte den rechten Fuß vor, bis er fast die Schulter des Erzengels berührte, zog dann das linke Bein nach und hob es über den Körper des Liegenden, den Elektrostick immer auf ihn gerichtet. Genau in diesem Moment begann Gabriel leise zu stöhnen und den Kopf zu bewegen. Rasch beugte sie sich vor, bis sie mit der freien Hand das Lianengeländer berührte, zog auch das rechte Bein über den Indianer hinweg und stand auf der Brücke.

  Der Erzengel stöhnte noch einmal und richtete sich langsam auf. Schnell wandte Maria Behring sich ab und eilte über die Brücke davon. Hinter sich hörte sie ein lautes Keuchen; die Schwankungen auf der Brücke verstärkten sich. Erschrocken hielt sie inne. Obwohl es gefährlich schien, sich in vollem Lauf umzudrehen, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. Entsetzt erkannte sie, dass der Erzengel nur noch wenige Meter hinter ihr war. Gleich würde er sie eingeholt haben. In diesem Augenblick stolperte sie, verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Boden der Brücke. Der Aufprall war so heftig, dass ihr der Elektrostick aus der Hand gerissen wurde. Verzweifelt streckte sie den Arm aus, um ihn aufzufangen, aber es war schon zu spät: Das Gerät rollte über den Rand der Brücke und fiel in die Tiefe.

  In der nächsten Sekunde war der Erzengel über ihr. Sie hob das Knie, um es ihm in den Leib zu stoßen, wie sie es bei Selbstverteidigungskursen gelernt hatte, und riss an seinen dichten Haaren, aber der Indianer war viel stärker, als sie geglaubt hatte; seine Arme umschlangen sie wie ein Schraubstock. „Hierher!“ schrie er immer wieder. „Hierher! Auf die Brücke! Kommt mir zu Hilfe!“

  Verzweifelt wand sich Maria Behring unter dem Erzengel und versuchte mit aller Kraft sich loszureißen, aber immer wenn sie eine seiner Hände mit Mühe ab gestreift hatte, packten seine Finger an einer anderen Stelle um so fester zu. In äußerster Not zog sie das Messer aus der Tasche; jetzt war sie bereit, ihn zu töten. Aber bevor sie zustoßen konnte, hörte sie plötzlich einen dumpfen Schlag; der Griff des Erzengels gab nach, und sein Körper wurde schlaff.

  Keuchend wälzte sie sich unter ihm hervor und schaute nach oben. Ein grelles grünes Licht blendete sie. „Sander“, sagte sie, „sind Sie das?“

  Es war Sander.

  „Sie müssen wahnsinnig geworden sein“, hörte sie ihn sagen. „Jetzt nichts wie weg hier! Zum Schiff! Vielleicht schaffen wir es noch!“

  Er packte sie grob am Arm, stellte sie auf die Beine und zog sie hinter sich her. Keuchend und stolpernd folgte sie ihm; Schweiß strömte ihr über den ganzen Körper, und ihre Muskeln zitterten vor Anstrengung so stark, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte.

Der Torbaum ragte vor ihnen auf. Als sie die Brücke verließen und gehetzt die Leiter hinaufkletterten, sahen sie hinter sich schemenhafte Gestalten.

  Vom Vulkankegel erklang das laute Alarmsignal einer Rindentrompete, und bald glommen überall im Wald kleine Lichtpunkte auf; die Indianer hatten Fackeln entzündet und eilten aus allen Richtungen zu ihrem Herrn.

„Weiter!“ stieß Sander hervor. „Noch haben sie uns nicht!“

Er zerrte sie die letzten Sprossen der Leiter hinauf und stieß sie in Richtung der Zedrachbäume. „Los! Laufen Sie, so schnell sie können!“

„Ich weiß nicht, wohin!“ ächzte sie; in ihrer Verwirrung hatte sie völlig die Orientierung verloren.

„Laufen Sie hinter mir her!“ sagte Sander und eilte davon, immer wieder den Kopf drehend, um zu sehen, ob sie ihm folgen konnte. Sie schaffte es einigermaßen, aber nach fünf Minuten blieb sie erschöpft stehen. „Ich kann nicht mehr“, sagte sie und lehnte sich keuchend an das Lianengeländer des Hochweges.

  Er schob die Infrarotbrille auf die Stirn und schaute sich um. Die Wolkendecke hatte sich gelockert und begann bereits das Licht des Mondes und der Sterne hindurch zu lassen. Nur noch wenige Minuten, und sie würden den Vorteil ihrer technischen Sichtgeräte verloren haben. Jetzt erkannte er, dass von allen Seiten Fackeln näher kamen. Der Trompeter auf dem Vulkankegel blies immer weitere Signale.

„Wo haben Sie Ihren Elektrostick?“ fragte er Maria Behring. „Schnell, her mit dem Ding!“

„Verloren“, stieß sie keuchend hervor. „Als sich der Kerl auf mich stürzte.“

„Liegt das Ding noch auf der Brücke? „fragte Sander, obwohl es sinnlos war, gegen die Übermacht ihrer Verfolger dorthin zurückkehren zu wollen.

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Es ist über den Rand gerollt“, sagte sie kleinlaut.

„Dann weiter“, befahl er. „Los, noch haben wir eine Chance!“

Schwerfällig setzte sie sich wieder in Gang; es war klar, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Aber auch Sander benötigte schon nach drei Minuten eine neue Pause. Wieder schob er die Brille zurück. Der Himmel war inzwischen so hell, dass man den Hochweg gut erkennen konnte. Die Fackeln rückten immer näher; bald würden sie überflüssig sein.

„Runter mit dem Infrarotgerät“, befahl er. „Das bringt jetzt nichts mehr.“

„Wie?“ fragte Maria Behring verwirrt.

„Runter damit!“ befahl Sander barsch und riss ihr den schweren Batterietornister vom Rücken. Sie schob die Brille zurück. „Tatsächlich“, sagte sie, als sie sah, wie hell der Himmel inzwischen geworden war. „Es hat sich wohl alles gegen uns verschworen!“

Er stellte seinen Tornister neben dem ihren ab, legte die beiden Brillen darüber und sagte: „Halten Sie noch ein paar Minuten durch, wir sind gleich am Schiff.“

Sie liefen weiter, merkten aber bald, dass der Boden des Hochweges viel stärker bebte, als er es nur aufgrund ihrer Schritte getan haben würde.

„Ich kann nicht!“ keuchte Maria Behring.

„Geben Sie mir Ihre Hand!“ sagte Sander und zerrte die Taumelnde vorwärts, aber nach wenigen hundert Metern gab er es auf.

„Es geht nicht“, ächzte sie völlig erschöpft. „Lassen Sie mich hier. Sehen Sie zu, dass wenigstens Sie zum Luftschiff durchkommen. Sagen Sie Oberst Gómez Bescheid; er soll mich hier raushauen. Die Indianer werden mir schon nicht gleich den Kopf abreißen.“

Sander ging vor ihr auf die Knie und wandte ihr den Rücken zu. „Steigen Sie auf und halten Sie sich gut fest“, schlug er vor. „Ich nehme Sie Huckepack.“

  „Aber das hat doch keinen Sinn“, sagte sie. „Tun Sie, was ich gesagt habe!“

Er zögerte immer noch. „Sicher?“ fragte er.

„Klar bin ich sicher“, antwortete sie.

„Also gut“, sagte er.

Er gab sich einen Ruck und lief los. Aber schon nach wenigen Metern sah er, dass einige Indianer aus der anderen Richtung entgegenkamen.

„Zu spät“, sagte er.

„Weil Sie erst immer so lange über alles diskutieren müssen!“ sagte sie vorwurfsvoll. Sie war völlig fertig.

„Unsinn“, sagte er. „Wir hätten es so und so nicht geschafft. Wahrscheinlich haben sie das Schiff schon längst umstellt.“ Kampfbereit baute er sich vor ihr auf. „Mal sehen, ob die sich wirklich an uns herantrauen“, sagte er.

„Lassen Sie den Unfug“, sagte sie. „Das macht alles nur noch schlimmer. Wir werden so tun, als wüssten wir von nichts. Ich sage einfach, dass ich den Priester heimlich aufsuchen wollte, um mit ihm über unsere Abreise zu sprechen.“

„Das glaubt er nie“, sagte Sander.

„Er soll uns erst einmal das Gegenteil beweisen“, erwiderte sie.

Sander schaute auf ihre Brust. „Was haben Sie denn da?“ fragte er.

„Ach so“, sagte sie. „Das hätte ich beinahe vergessen.“ Sie nahm den Beutel vom Hals und warf ihn über das Lianengeländer.

„Sie haben es wirklich getan!“ sagte Sander. „Sie waren heimlich am Lebensbaum und haben eine Bromelie abgeschnitten. Sie müssen ganz von Sinnen sein!“

Sie gab keine Antwort.

Von beiden Seiten näherten sich nun Indianer. Sie blieben in einigen Metern Entfernung stehen und richteten ihre Blasrohre auf die Verfolgten.

„Rühren Sie sich nicht“, sagte Sander zwischen den Zähnen.

„Keine Sorge“, sagte Maria Behring, „die tun uns nichts.“

Sander hob langsam die Hände und hielt den Indianern die Innenflächen entgegen, um seine Waffenlosigkeit zu demonstrieren. „Friede“, sagte er laut auf guaraní.

„Was wollt ihr?“ fragte Maria Behring, deren Atem sich langsam wieder beruhigte. „Wir haben nichts Unrechtes getan.“

Die Indianer gaben keine Antwort. Sie kamen nicht näher, ließen aber die Blasrohre nicht sinken. Nach einigen Minuten kam Bewegung in sie; von hinten drängten sich einige Männer durch die Reihen. Es waren Gabriel und die anderen Erzengel.

Maria Behring und Sander warteten beklommen, bis Gabriel vor ihnen stand. Blut lief ihm über das Gesicht. „Ihr habt das Gesetz gebrochen“, sagte er düster.

„Nein“, antwortete Maria Behring. „Wir haben nichts Unrechtes getan.“

„Hören Sie schon auf“, murmelte Sander. „Damit kommen wir doch im Leben nicht durch!“

„Schweigt!“ herrschte Gabriel sie an. „Ihr habt die schwerste Sünde begangen und das heiligste Gesetz des Herrn gebrochen! Nun sollt ihr dafür die gerechte Strafe erleiden. Ihr seid meine Gefangenen; wenn es Tag geworden ist, wird der Herr über euch richten.“

Die anderen Erzengel traten hinter Sander und Maria Behring und fesselten ihnen die Hände auf den Rücken.

„Gehen wir“, befahl Gabriel.

„Wohin?“ fragte Maria Behring, der das volle Ausmaß des Desasters erst jetzt so richtig zu Bewusstsein zu kommen schien.

„An einen Ort, von dem ihr nicht entweichen könnt“, sagte Gabriel finster. „Wir bringen euch in die Katakomben.“

 

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