Kapitel 28: Vor Gericht

Montag, 6. Januar 2014

Der große Nashornkäfer stemmte seine dunkelbraunen, stachligen Beine gegen die Erdklümpchen auf seiner Bahn und schob sich schwerfällig vorwärts. Es war ein Weibchen. Zwei Stunden zuvor hatte es seine Eier in einem morschen Baumstamm abgelegt, dessen faulen des Holz den Larven drei Jahre lang Nahrung in Fülle bieten würde; nun suchte die mehr als sechs Zentimeter lange Koleoptere mit dem markanten, gabelverzweigten Hörn auf dem Schild einen Platz, an dem sie geschützt den Tag erwarten konnte. Ihre nervösen Bewegungen zeigten, dass sie allmählich ungeduldig wurde, denn aus ihr unbegreiflichen Gründen kam sie trotz äußerster Anstrengungen nicht recht voran; jedesmal wenn sie den kleinen Erdhaufen überwunden hatte, erhielt sie einen Stoß und purzelte wieder hinunter.

„Nun hören Sie doch endlich auf damit“, sagte Sander, der das nicht länger mit ansehen konnte. „Lassen Sie das Tierchen in Frieden. Es kann wirklich nichts dafür.“

  Maria Behring legte den kleinen Zweig zur Seite, mit dem sie den Käfer geneckt hatte, und sagte: „Schon gut. Das Warten geht mir auf die Nerven. Was der Alte wohl ausheckt? Ich hoffe nur, er ist nicht so verrückt, wirklich zu glauben, dass er uns wegen Bromeliendiebstahls einsperren kann. Dieser Wald mag noch so weit von der Zivilisation entfernt sein, er untersteht trotzdem den Gesetzen Brasiliens, und nach denen steht das Abschneiden von Pflanzen nicht unter Strafe, nicht einmal in Nationalparks.“

„Das wird uns hier nicht viel nutzen“, sagte Sander zweifelnd. „Sie haben doch selber gesagt, dass sich der Priester als eine Art Herr über Leben und Tod fühlt. Machen Sie sich lieber auf einiges gefasst!“

„Wir werden uns nichts von ihm gefallen lassen“, sagte sie kampfeslustig. „Vor allem soll er mir schlüssig beweisen, dass ich wirklich in seinem Garten war. Bin neugierig, wie er das anstellen will.“

„Ich glaube nicht, dass es hier zugeht wie bei einer Zivilklage vor dem Amtsgericht Charlottenburg“, sagte Sander sarkastisch. „Ich glaube auch nicht, dass Sie einen Pflichtverteidiger bekommen. Und erst recht nicht, dass es hier die Möglichkeit einer Berufung gibt. Oder glauben Sie, dass Sie hier auf irgendeine moderne Strafprozessordnung setzen können? Wollen Sie vielleicht den Richter wegen Befangenheit ablehnen? Wir sollten uns lieber gut mit ihm stellen. Legen Sie ein Geständnis ab, zeigen Sie ein bisschen Reue oder wenigstens Bedauern, von mir aus heucheln Sie ihm was vor, dann lässt er uns vielleicht ohne weitere Fisimatenten laufen. Wenn Sie ihn aber provozieren, wird er das Gefühl bekommen, dass er etwas für seine Autorität tun muss, und das kann nicht gut für uns sein.“

„Umgekehrt wird ein Schuh daraus“, sagte Maria Behring. „Wenn wir dem Alten gleich die Zähne zeigen, wird er sich hüten, allzu sehr auf den Putz zu hauen; ich werde ihm von Anfang an klarmachen, dass er völlig auf dem Holzweg ist.“

Sander seufzte; so bewundernswert er ihre kämpferische Art sonst fand, hier war sie seiner Meinung nach völlig fehl am Platze. „Versuchen Sie es lieber mit Diplomatie“, wiederholte er. „Hauptsache, wir kommen hier möglichst bald wieder raus! Alles andere ist jetzt nebensächlich.“

„Machen Sie sich nur nicht in die Hosen“, sagte sie spöttisch. „Mit dem werden wir schon fertig.“ Es war klar, dass sie mit „wir“ nicht sie beide, sondern allein sich selbst meinte.

Da sie nach ihrer Gefangennahme fünf Stunden vorher von den Indianern getrennt zu dem Vulkankegel geführt worden waren, hatten sie kein Wort miteinander sprechen können. Danach, in die Katakomben gesperrt, hatten sie die Zeit zu einer Erkundung ihres ungewöhnlichen Gefängnisses genutzt. Der Eingang lag etwa 40 Meter von der Höhle des Priesters entfernt hinter gelbblühenden Oleandersträuchern. Als Gabriel die Gittertür aus starken Bambusstäben öffnete und die Gefangenen etwas heftiger, als sie erwartet hatten, hineinstieß, hatten sie die Ausmaße der Grotte wegen der Dunkelheit nicht sofort richtig einschätzen können, aus der klaren, kühlen Luft in ihr jedoch auf eine beachtliche Größe geschlossen. Als dann endlich der Morgen gekommen und Tageslicht in die Höhle gefallen war, hatten sie zu ihrem Erstaunen festgestellt, dass sich die Decke mindestens zwölf Meter hoch über ihren Köpfen wölbte. Der lehmige Boden war weich und feucht, und während die Nacht wich, kehrten Fledermäuse durch die Bambusstäbe tu ihren Schlafplätzen zurück.

Die Höhle reichte so weit in den Felsen, dass sie fast den gesamten Vulkankegel auszufüllen schien. Als die Sonne etwas höher stand, hatten sie erst den mittleren und dann den hinteren Teil der leicht gewundenen Grotte untersucht und dabei zu ihrer großen Verblüffung festgestellt, dass sie fast vollständig mit Grabstätten ausgefüllt war. Zwischen Fußboden und Decke waren jeweils zwanzig Nischen übereinander in den weichen Tuffstein gehauen. In ihnen schimmerten bleich die Gebeine der Toten; sie waren mit verschränkten Armen und angewinkelten Beinen bestattet worden. Im hinteren Teil verästelte sich die Höhle in mehrere Gänge, die parallel zueinander verliefen und dicht mit solchen Wandnischen besetzt waren; die Gesamtanzahl hatte Maria Behring auf 9000 Gräber geschätzt. „Es stimmt, genau“, hatte sie gesagt. „Rechnen wir mal zwanzig Tote im Jahr. Macht ungefähr 450 Jahre. Hier ruhen sie alle.“ Mit fasziniertem Kopf schütteln hatte sie hinzugefügt: „Und der Alte hat sie alle überlebt.“

  Bei diesen Worten war es Sander kalt über den Rücken gelaufen; die Vorstellung, dass vielleicht auch er eines Tages hier liegen würde, hatte nichts Verlockendes für ihn.

  Danach hatten sie die Gittertür untersucht und festgestellt, dass den dicken Bambusstämmen ebenso wie dem seitlich in den Felsen eingelassenen Riegel ohne Werkzeug unmöglich beizukommen war.

„Das geht höchstens mit Feuer“, hatte Sander festgestellt.

„Haben Sie denn Ihr Feuerzeug dabei?“ hatte Maria Behring gefragt.

Sander hatte genickt und auf seine Brusttasche geklopft, um die Auswölbung zu spüren, zu seiner eigenen Beruhigung nicht weniger als zu der ihren. „Aber solange der da draußen sitzt, wird uns das nichts nutzen“, hatte er hinzugefügt.

Einer der anderen Erzengel hatte sich zehn Meter vor dem Eingang der Höhle auf einem Felsen niedergelassen, um sich in den Strahlen der Morgensonne zu wärmen. Von Zeit zu Zeit drehte er sich prüfend nach den Gefangenen um. Sein Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes erwarten.

Als Maria Behring und Sander festgestellt hatten, dass sie vorderhand nichts unternehmen konnten, hatten sie sich gegenseitig über ihre Erlebnisse in der Nacht unterrichtet. Maria Behring hatte ihren misslungenen Coup freimütig in allen Einzelheiten geschildert und sich auch nicht davon irritieren lassen, dass Sander zwischendurch immer wieder zeigte, wie wenig Verständnis er für ihr Verhalten aufbringen konnte. Erst zum Schluss hatte sie ihrem Ärger nachgegeben und gesagt: „Hinterher kann man leicht kritisieren. Wenn es geklappt hätte und wir jetzt im Luftschiff säßen, mit Kurs Cocuy, würden Sie nicht dauernd so dumm mit dem Kopf schütteln. Warum haben Sie sich eigentlich eingemischt? Wenn Sie nicht auch noch dazugekommen wären, könnten Sie jetzt schon längst mit Verstärkung auf dem Rückweg sein.“

  Obwohl er sich völlig unschuldig fühlte, hatte er gewusst, dass sie in diesem Punkt recht hatte. „Ich habe gedacht, ich könnte Sie noch zurückhalten“, hatte er sich verteidigt. „Als ich aufwachte und merkte, dass Sie nicht mehr in Ihrer Hängematte lagen, war mir gleich mulmig. Draußen vor der Hütte waren Sie auch nicht, also kletterte ich in das Schiff hinunter und sah, dass eins der Infrarotgeräte fehlte.“ Es war wirklich unglaublich von ihr, ihn jetzt auch noch in die Defensive drängen zu wollen!

Danach hatte er erzählt, wie er sich gleichfalls eine Infrarotbrille aufgesetzt hatte und durch den Wald geeilt war, um sie einzuholen und zu verhindern, dass sie ihren Plan wirklich ausführte, und wie er dann an der Brücke gesehen hatte, dass sie von dem Wächter festgehalten wurde.

„Womit haben Sie eigentlich zugeschlagen?“ hatte sie an dieser Stelle wissen wollen.

„Mit seinem Flammenschwert. Er hatte es fallen lassen, weil er beide Hände frei haben wollte. Ich sah es auf der Brücke liegen und zog es ihm über den Schädel. Ich fürchte, jetzt habe ich einen Freund weniger.“ Wie zur Entschuldigung hatte er hinzugefügt: „Ich habe gedacht, dass wir es noch zurück zum Schiff schaffen, aber das war ja leider kein Irrtum.“

„Allerdings“, hatte sie erwidert. „Wenn Sie etwas besonnener gewesen wären, hätten Sie gar nicht erst das Infrarotgerät genommen, sondern wären gleich mit dem Luftschiff gestartet und hätten mich mit dem Scheinwerfer gesucht. Ich glaube kaum, dass dieser Engel mich noch länger festgehalten hätte, wenn Sie mit donnernden Motoren auf ihn zugerast wären.“

„Nachher ist man immer schlauer“, hatte er sich verteidigt. „Aber wie hätte ich denn wissen können, in welcher Situation ich Sie antreffen würde? Hätte Ihr Plan bis dahin funktioniert, wäre er durch mich verraten worden. Oder glauben Sie, die Indianer wären nicht sofort aus ihren Hütten gesprungen, wenn ich mit dem Schiff über sie hinweggerauscht wäre?“

Darüber stritten sie sich nun schon die ganze Zeit, aber es war klar, dass Maria Behring nur ein Rückzugsgefecht führte und ihre Aggressivität lediglich Ausdruck ihres schlechten Gewissens war.

  Kurz vor zehn Uhr erschienen die anderen Erzengel und stellten sich vor der Höhle auf. Gabriel schob den Riegel zurück und öffnete die Gittertür. „Kommt heraus“, befahl er. „Die Stunde des Gerichts ist gekommen, und ihr sollt nun für eure Verfehlungen Rechenschaft ablegen.“ Seine Worte klangen ernst.

„Hören Sie auf mich!“ sagte Sander ein letztes Mal.

„Ich weiß schon, was ich tue“, kam ihre entschiedene Antwort.

Sie wurden von den Erzengeln in die Mitte genommen. Als sie durch die blühenden Oleanderbüsche geführt wurden, hörten sie über sich lautes Stimmengewirr, und als sie ins Freie traten, sahen sie, dasaß sich die Bewohner des Wolkenwaldes auf den drei Zedrachbäumen versammelt hatten.

„Das sieht aber gar nicht gut aus“, murmelte Sander besorgt. „Der Priester will hier wohl eine Art Schauprozess veranstalten!“

Maria Behring nickte. Auch sie war überrascht. Sie hatte auf ein klärendes Gespräch mit dem Priester gehofft, bei dem sie alle Register ihrer Überzeugungskraft ziehen wollte. Nun aber erkannte sie, dass ihnen offenbar eine Gerichtsverhandlung bevorstand, bei der es darauf ankommen würde, die Wirkung jedes einzelnen Wortes auch auf die Zuschauer zu bedenken; sie wusste, dass bei einem Prozess vor Publikum der Anschein des Rechts ebenso wichtig war wie das Recht selbst.

  Der Priester saß hinter einem Tisch, der etwas erhöht über dem kleinen Vorplatz aufgestellt war, und trug eine schlichte Albe mit gekreuzter violetter Stola unter dem Zingulum, als wolle er seinen Gefangenen die Beichte abnehmen. Seine Haltung strahlte Autorität, sein Gesicht Entschlossenheit aus. Es würde nicht leicht sein, mit ihm zu einer Einigung zu kommen, dachte Sander; der Alte war offenbar entschlossen, vor seinem versammelten Volk ein Exempel zu statuieren.

Sanders Besorgnis verstärkte sich noch, als er neben dem Tisch die beiden Infrarotgeräte entdeckte. „Ob sie wissen, was das ist?“ fragte er Maria Behring.

Sie zuckte mit den Schultern. Da sie nicht die Absicht hatte, von ihrer Unschuldsbehauptung abzurücken, bemühte sie sich, möglichst gelassen zu wirken.

Hoch auf den Asten über sich sah sie Ani, Senex und Wolkenfänger sitzen; die Gesichter der drei zeigten größte Bestürzung. Maria Behring lächelte ihnen aufmunternd zu; es konnte nicht schaden, ein paar Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen.

Sander zuckte zusammen, als unmittelbar hinter ihm die Rindentrompete ertönte; das Geheul fuhr ihm durch Mark und Bein, und er dachte: So muss es beim Jüngsten Gericht zugehen, wenn die Toten von ihren Gräbern auferstehen.

Als der Trompeter sein Instrument abgesetzt hatte, kehrte auf dem Platz und in den Bäumen tiefste Stille ein. Der Priester sah die beiden Gefangenen durchdringend an. Dann sagte er mit erhobener Stimme in Guarani: „Fremdlinge, die Ihr unsere Gäste wart! Gnädig haben wir Euch bei uns aufgenommen und mit allem wohl versorgt, sowohl mit der Nahrung des Leibes wie auch mit jener des Geistes. Dennoch habt Ihr Euch dafür nicht dankbar erwiesen, sondern im Gegenteil unsere Gastfreundschaft auf das übelste missbraucht. Ihr habt uns belogen und hintergangen. Am schlimmsten aber ist, dass Ihr das erste und höchste Gesetz dieses Waldes gebrochen habt. Denn Ihr habt Euch in der Bosheit Eurer Seelen unterstanden, vom Baum des Lebens zu essen!“

  Bei diesen Worten wurde unter den Zuschauern empörtes Gemurmel hörbar. Der Priester wartete, bis sich alle wieder beruhigt hatten; dann fuhr er fort: „Was habt Ihr dazu zu sagen?“

  Maria Behring zögerte keine Sekunde. „Sie irren sich!“ rief sie laut. „Wir sind unschuldig und haben nichts Unrechtes getan. Niemand hat uns verboten, nachts durch den Wald zu laufen; in Wahrheit wollten wir Sie nur aufsuchen, um mit Ihnen vertraulich über unsere Abreise zu reden. Da wir nicht wussten, wie und wann Sie das Ihrem Volk sagen wollten, beschlossen wir, Sie im geheimen zu besuchen, so wie beim ersten Mal. Doch noch ehe wir die Brücke überqueren konnten, fiel uns Ihr Erzengel an. Da bekamen wir es mit der Angst und versuchten zu fliehen.“

„Lüge!“ rief Gabriel zornig. Die Zuschauer tuschelten aufgeregt miteinander.

„Es ist die Wahrheit“, sagte Maria Behring mit fester Stimme. „Wer meint, dass ich lüge, möge es mir beweisen!“‚

Der alte Priester sah sie mit bohrenden Blicken an. „Ihr seid also gar nicht in meiner Wohnung gewesen?“ fragte er.

Maria Behring schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete sie energisch. „So weit sind wir gar nicht gekommen!“

„Folglich seid Ihr also auch nicht am Baum des Lebens gewesen?“

„Wie hätten wir das wohl fertigbringen können?“ fragte Maria Behring angriffslustig wie jemand, der sich auf dem Boden der lautersten Wahrheit bewegt und über ganz unberechtigte Zweifel empört ist.

„Lüge!“ rief Gabriel wieder.

Der Priester hob die Hand. „Und also habt Ihr auch keine Frucht vom Baum des Lebens geschnitten?“ fragte er weiter.

„Nein, natürlich nicht“, sagte Maria Behring, entschlossen, die einmal gewählte Verteidigungstaktik bis zum Schluss durchzuhalten, mochte da kommen, was wollte.

Der Priester zeigte auf Sander. „Und Ihr?“ fragte er.

„Was sagt er?“ fragte Sander.

Maria Behring übersetzte es ihm.

„Nein“, antwortete er, froh, nicht lügen zu müssen; in dieser Kunst hatte er sich noch nie als besonders talentiert erwiesen.

„Und auch nicht in meinem Garten?“

„Nein.“ Die Zuschauer begannen wieder miteinander zu tuscheln.

„Lange mache ich diesen Quatsch nicht mehr mit“, sagte Maria Behring aufgebracht. „Für wen hält der sich eigentlich?“

„Ruhig“, mahnte Sander. Das fehlte noch, dass sie jetzt die Nerven verlor!

Der Alte gab Gabriel einen Wink. „Tritt vor. mein Sohn“, sagte er, „und erzähle uns, was du bemerkt hast.“

Gabriel stellte sich auf den freien Platz zwischen dem improvisierten Richtertisch, den anderen Erzengeln und den Angeklagten, deutete auf die Brücke und berichtete: „Als es noch ganz dunkel war, wohl um die zweite Stunde des Morgens, wurde ich plötzlich gewahr, dass eine fremde Person die Brücke betreten halte. Ich rief, aber sie gab keine Antwort und blieb auch nicht stehen, sondern lief sogar noch schneller auf mich zu, so, als wolle sie mich angreifen. Ich hob mein Schwert, um mich zu wehren, da spürte ich plötzlich einen Schmerz, als habe mich ein Pfeil in die Brust getroffen, und fiel bewusstlos zu Boden.“

„Wie viele Personen sind es gewesen?“ forschte der Priester.

„Auf der Brücke war nur eine Person“, antwortete Gabriel. „Ob noch eine zweite auf dem Torbaum stand, konnte ich nicht erkennen.“

„Das wird ja langsam eine richtige Posse“, sagte Maria Behring laut auf portugiesisch. Der Priester schaute sie irritiert an.

„Seien Sie still“, raunte Sander ihr zu. „Diese Aussage beweist noch gar nichts!“

„Schweigt!“ befahl der Alte. „Ihr könnt nachher noch reden. Lasst den Zeugen weiter aussagen! Er wandte sich wieder Gabriel zu. „Was ist dann geschehen?“

„Ich lag einige Zeit bewusstlos auf der Erde. Als ich wieder erwachte, hörte ich im Gras Schritte rascheln. Ehe ich noch ganz zu mir gekommen war, lief die Person schon wieder über die Brücke zum Torbaum zurück. Ich verfolgte sie und warf sie zu Boden. Als ich mit ihr rang, traf mich ein Schlag auf den Kopf, und ich wurde wieder bewusstlos.“ Zornig schaute er Sander an.

„Hast du die Person erkannt?“ fragte der Priester.

Der Erzengel zeigte auf Maria Behring. „Sie war es“, erklärte er. „Es war eine Frau, das merkte ich sofort. Und keine andere Frau im Wolkenwald ist so groß und kräftig. Ihr Mann muss es gewesen sein, der mich dann niederschlug.“

„Das bestreite ich nicht“, sagte Sander, „und es tut mir auch leid. Ich hatte große Angst um meine Frau und wusste nicht mehr, was ich tat.“ Er hoffte, der Priester werde den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen. Falls nicht, würde er deutlicher werden müssen. Hatte er den Indianer nicht dabei überrascht, wie er mit einer sich nach Kräften wehrenden Frau rang?

Der Priester sah Maria Behring an. „Was habt Ihr dazu zu sagen?“

„Das ist alles dummes Zeug“, antwortete Maria Behring. „Als ich über die Brücke ging, stürzte er sich plötzlich auf mich. Ich bekam Angst und versuchte zu fliehen. Mein Mann wollte mir helfen.“

Der Alte sah sie wieder durchdringend an. „Ist das wirklich die Wahrheit?“ fragte er noch einmal.

Widerwillig musste Sander zugeben, dass sie mit ihrer Taktik recht zu behalten schien. Frechheit siegt, dachte er hoffnungsvoll; aber ganz ohne Schuldbekenntnis unsererseits wird der Priester die Sache schwerlich auf sich beruhen lassen können. Er räusperte sich. „Ich sprechen?“ fragte er.

  Der Priester nickte.

  Sander suchte nach den richtigen Worten. „Was heißt Zwischenfall?“ fragte er Maria Behring.

Sie sagte es ihm.

„Der Zwischenfall uns leid tut“, sagte Sander. Unsere Schuld. Wir nicht nachts durch den Wald laufen.“

„Gütiger Himmel“, murmelte Maria Behring neben ihm.

„Was heißt ,verzeihen'?“ fragte er sie.

Sie sagte es ihm, fügte dann aber hinzu: „Jetzt ist aber Schluss. Dieses weinerliche Getue macht mich ganz krank. Von mir aus können Sie sich im Staub wälzen, wenn Ihnen danach ist. Aber erwarten Sie nicht, dass ich mich neben sie werfe!“

„Es ist nur ein bisschen Show“, sagte Sander und wandte sich wieder dem Priester zu. „Es uns tun leid!“ rief er wieder.

Der Priester nickte ernst. Sander erwartete, dass er nun eine leichte Buße über sie verhängen werde, um seine Autorität zu beweisen. Stattdessen winkte der Alte jedoch einem anderen Erzengel. „Uriel, tritt vor!“

  Der Indianer gehorchte; er war etwas kleiner als Gabriel, aber nicht weniger kräftig. Sander beobachtete ihn gespannt; da sie während ihres bisherigen Aufenthalts im Wolkenwald hauptsächlich mit Gabriel und seiner Familie beschäftigt gewesen waren, hatten sie von den anderen Erzengeln nur wenig Notiz genommen und kannten sie eigentlich kaum. Maria Behring trat nervös auf der Stelle; sie schien mit ihrer Selbstbeherrschung am Ende. „Was soll das jetzt noch!“ schimpfte sie.

„Cool bleiben“, mahnte Sander wieder.

Die Unruhe unter den Zuschauern wuchs. Der Priester hob die Hand. Erzähle uns, was du am Baum des Lebens entdeckt hast!“

Sander erstarrte; er konnte kaum glauben, dass die Beweisaufnahme trotz seiner Bitte um Entschuldigung fortgesetzt wurde.

„Fußspuren“, sagte Uriel.

Sander staunte. Konnten die Indianer auf vulkanischem Fels Fußabdrücke lesen?

„Wo?“ fragte der Priester.

„Überall, wo wir das Mehl ausgestreut hatten“, sagte der Erzengel. „Die meisten jedoch am Baum.“

Sander stand wie vom Blitz getroffen; fast wären ihm die Knie weich geworden. Maria Behring hielt es nicht mehr aus. „Mehl?“ rief sie mit blitzenden Augen. „Sie haben Mehl ausgestreut?“

„Ich habe die ganze Zeit über gewusst, was Euer eigentliches Ziel war“, sagte der Priester zornig. „Ihr wolltet stehlen, was Euch nicht gehört und niemals gehören darf. Ihr wolltet mich täuschen. Ich aber habe Euch durchschaut.“ Er deutete auf die Infrarotgeräte. „Schon seit Ihr zum ersten Mal kamt, ahnte ich, dass Ihr eine Zauberlampe besitzen musstet, die nur Euren Augen leuchtet, so dass Ihr zu sehen vermögt, wenn für andere tiefste Dunkelheit herrscht. Seid Ihr damit nicht schon früher an meinem Wächter vorübergeschlichen? Darum befahl ich, den Boden des Gartens mit Mehl zu bedecken.“

„Das war eine Falle!“ rief Maria Behring.

Sie zitterte vor Wut. Ausgetrickst von diesem mittelalterlichen Pfaffen, diesem selbsternannten Zwergengott, diesem egoistischen Kolonialpriester, der ohne eigenes Verdienst ein Mittel zur Unsterblichkeit gefunden hatte, das er mit niemandem teilen wollte, und der jetzt auch noch moralisierend über sie zu Gericht sitzen wollte - das war mehr, als sie ertragen konnte. „Ja, ich war an diesem Lebensbaum“, hörte Sander sie sagen, „und ich habe mir eine von diesen Pflanzen abgeschnitten, die auf ihm wachsen. Woher nehmen Sie das Recht, mir das verbieten zu wollen?“

Unter den Zuhörern brach helle Empörung aus.

„Es ist das Gebot des Waldes, das Euch untersagt, von den Früchten des Lebensbaumes zu essen!“ rief der Priester. „Ihr habt geschworen, es zu befolgen.“

Sie wechselte in das Portugiesische, das mehr Feinheiten für das bot, was sie jetzt sagen wollte. „Das haben wir nur getan, um Ihnen den Spaß an diesem…“ Sie suchte nach dem passenden Wort.“ …an diesem… diesem abgeschmackten Herrgottspielen zu lassen“, entgegnete sie.“Sie sind aber kein Gott, sondern nur ein Priester, der sich in diesem Wald von primitiven Wilden anbeten lässt.“

  „Hören Sie auf!“ ächzte Sander entsetzt.

  Aber sie geriet jetzt richtig in Fahrt. „Für mich ist das Götzendienerei, nichts weiter, und wenn Sie noch so viele gute Grunde dafür vorbringen können, alter Mann! Wenn Ihre Herrschaft hier sich auf solche Verbote gründet, dann dient sie nicht den Menschen hier, sondern nur Ihnen und Ihrer Machterhaltung!“

Die Zuschauer, die nichts mehr verstanden, waren aufgestanden. „Teufelin!“ schrie einer von ihnen, und andere fielen ein.

„Hören Sie auf, um Gottes willen!“ sagte Sander beschwörend. „Sie reden sich um Kopf und Kragen, und mich dazu!“

„Ja, Ihrer Macht!“ wiederholte Maria Behring. Das Geschrei der Indianer machte sie noch wütender.

„Genug!“ rief der Priester auf Guarani in den Tumult. „Schafft sie zurück in die Katakomben! Sie haben gestanden, dass sie schuldig sind.“

Die Erzengel griffen zu und zerrten die Gefangenen fort. Minuten später saßen sie wieder hinter der Gittertür. Maria Behring schnaufte vor Empörung.

„Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?“ fragte Sander vorwurfsvoll. „Jetzt sitzen wir erst richtig in der Klemme!“

„Sie können ihm ja weiter was vorwinseln“, herrschte sie ihn an. Als sie sich etwas beruhigt hatte, sagte sie: „Hören Sie. Eigentlich wollte ich nur den Prozess unterbrechen, um etwas Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Außerdem kommen wir mit dem Alten wohl besser klar, wenn wir portugiesisch mit ihm reden. Dann muss er nicht vor seinen Indianern den starken Mann spielen.“

„Wir sind im Unrecht“, sagte Sander. „Vorsicht, da kommt er!“

„Aha“, sagte sie triumphierend, „jetzt hat er wohl gemerkt, dass diese Tour bei mir nicht zieht!“

Der Priester blieb vor dem Gitter stehen und streckte Maria Behring wie zur Abwehr den Zeigefinger entgegen. Dann sagte er: „Nicht meine Macht, sondern die Macht des Herrn ist es, die über diesen Wald wie über die ganze Welt gebietet, und nicht mein Wille, sondern sein Wille ist es, der Sühne für Euren Frevel verlangt!“ Er sprach portugiesisch; es war offenkundig, dass er die Sprache benutzte, damit die Erzengel ihr Gespräch nicht verstehen konnten. Sander fühlte neue Zuversicht; jetzt kam es darauf an, dass Maria Behring möglichst vernünftig mit dem Priester sprach. Seine Hoffnung wurde jedoch schnell enttäuscht, als er ihr höhnisches Lachen hörte.

„Der Wille des Herrn?“ wiederholte sie spöttisch. „Wann hat der Herr Ihnen denn gesagt, was er will? Vielleicht heute früh, als Sie nach meinen Spuren gesucht haben, in dem Mehl, das Sie vorher ausgestreut haben? Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, glauben Sie dann im Ernst, dass er nichts Besseres zu tun hat, als sich um ein paar Bromelien zu kümmern und darüber verärgert zu sein, dass sich noch jemand anderes als sein Hohepriester für sie interessiert?“

„Wenn diese Pflanzen so unwichtig sind, warum habt Ihr dann das Gesetz übertreten?“ fragte der Priester. „Ihr lügt und lügt in einem fort.“

Sander folgte dem Wortwechsel mit einem Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit; obwohl die Sache mit jedem Wort schlimmer wurde, war er inzwischen zu apathisch, um noch einmal einzugreifen. Stattdessen gab er sich einem Fatalismus hin, der immer stärker von seinen Gedanken Besitz ergriff; außerdem erschien es ihm jetzt, da auf ein einigermaßen annehmbares Ende des improvisierten Gerichtsverfahrens nicht mehr zu hoffen war, vernünftiger, wenn er seine Kräfte für die Folgen schonte, die es zweifellos bald durchzustehen galt.

„Für mich sind diese Bromelien keineswegs unwichtig“, rief Maria Behring, „und für die Welt dort draußen auch nicht. Sie haben ja gar keine Ahnung, wie viel Gutes sich mit ihnen bewirken ließe! Viele Krankheiten könnten besser bekämpft werden als bisher, und viele Menschen, die bald sterben müssen, könnten länger leben. Aber nein: Ausgerechnet Sie. der Sie gar nicht richtig einzuschätzen wissen, was Sie in diesen Bromelien vor sich haben, wollen das verhindern. Und warum? Aus purer Eigensucht. Niemand außer Ihnen soll die Segnungen dieser wunderbaren Pflanzen erfahren; Sie allein wollen sie genießen, als sei die Schöpfung Gottes nur für Sie gemacht.“

„Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen auf Erden am Wunder des Lebensbaumes teilhaben sollen“, antwortete der Priester mit erhobener Stimme, dann hätte er überall solche Bäume wachsen lassen, nicht nur hier.“

„Gott hat so manches nur in einem bestimmten Teil der Welt wachsen lassen, und trotzdem gedeiht es heute auch anderswo“, konterte sie. „Denken Sie etwa, die Kartoffel war nur für die Indianer bestimmt? Oder der Zucker? Der Kakao? Der Mais? Oder das Chinin nur für die Leute in Peru? Die wussten ja nicht einmal, was in dieser Baumrinde war und wie es wirkte! Erst durch uns Europäer ist es zum weltweit verbreiteten Heilmittel geworden, das Tausende von Malariakranken gerettet hat. Wäre es nach Ihnen gegangen, hätten sie wohl alle sterben sollen!“

„Das ist die Arroganz der Europäer, die glauben, dass die Welt ihnen gehört und sie nicht einmal mehr fragen müssen“, sagte der Priester. „So raubt Ihr Euch wohl heute noch den Reichtum der Erde zusammen und fühlt Euch dabei gar im Recht!“

„Heißt es nicht gerade in der Bibel, dass sich der Mensch die Erde Untertan machen soll?“ fragte Maria Behring triumphierend. Wenn die Portugiesen nicht solche tüchtigen Seefahrer gehabt hätten, wären sie noch heute nur ein primitives Bauernvolk irgendwo am Rand Europas!“

„Nun lassen Sie es gut sein“, versuchte Sander sich einzumischen, aber sie fuhr ihn an: „Halten Sie den Mund!“

Die Erzengel schauten dem Wortwechsel verständnislos zu.

„Auf die Konquistadoren jedenfalls hätten diese Menschen hier gut verzichten können“, gab der Priester zurück. „Ihr aber seid auch nicht besser als Cortes und Pizarro und wie sie alle heißen! Als vermeintliche Freunde schleicht Ihr Euch ein, dann aber stehlt Ihr das Kostbarste. Und warum tut Ihr das? aus sündiger Gier!“

„Cordes und Pizarro suchten nach Gold“, verteidigte sich Maria Behring. „Ich aber suche nach Arzneimitteln, die Menschen gesund machen und vielleicht sogar den Tod besiegen können!“

„Den Tod kann nur Christus besiegen!“ rief der Alte; vor Zorn bebte er am ganzen Leib.

„Mit dieser Pflanze können es auch wir“, entgegnete sie. „Gott hat uns erschaffen. So mag er uns nun auch tun lassen, wozu er uns befähigt hat.“

„Nein!“ sagte der Priester. „Ihr dürft auch anderes nicht, wozu Ihr zweifellos die Fälligkeit besitzt: morden – und stehlen!“

„Ich habe niemanden umgebracht und auch niemanden bestohlen. Dieser Wald gehört nicht Ihnen und Ihren Indianern, sondern der ganzen Welt!“

„Nein! Er gehört denen, die in ihm wohnen und für die er von Gott geschaffen wurde, so, wie einst das Paradies für die ersten Menschen geschaffen wurde. Niemand hat das Recht, etwas daraus wegzunehmen.“

„Sie entstammen einer anderen Zeit und können deshalb nicht wissen, dass der tropische Regenwald am Amazonas als Erbe der gesamten Menschheit betrachtet wird“, sagte Maria Behring. „Denn er erzeugt den Sauerstoff, den wir brauchen; man nennt ihn deshalb auch die grüne Lunge des Planeten. Glauben Sie vielleicht, wir sehen tatenlos zu, wenn dieser Wald nun gerodet, von landsuchenden Bauern abgebrannt und vernichtet wird? Glauben Sie im Ernst, wir könnten diesen Wald denen überlassen, die ihn für sich allein haben wollen? Soll die Welt vielleicht untergehen, nur damit das Besitzrecht der im Regenwald lebenden Menschen nicht angetastet wird? Sie können diesen Wald ja nicht einmal beschützen! Vielleicht dauert es nicht mehr lange, und es kommen andere zu euch, Männer mit modernen Waffen, die noch schneller schießen und besser treffen als einst die portugiesischen Arkebusen. Sie werden euch allesamt töten und den Wald niederbrennen! Wir aber können euch helfen, und wir werden es auch tun, wenn Sie uns nur lassen. Denn dieser Wald gehört uns allen, wie auch die Meere der Welt allen Menschen gehören und nicht nur den Fischern an ihren Küsten!“

„Allen Menschen? Ihr meint: Euch!“ rief der alte Priester. „Ihr seid nicht die ersten, die meinen, sie könnten sich ohne Rücksicht auf die Rechte der Einheimischen nehmen, was ihnen gefällt! Noch im Jahr bevor ich von Sao Salvador ausfuhr, hatte der Papst in eigener Person unseren König ermächtigt, die Länder der Ungläubigen zu erobern, die Einwohner aber zu vertreiben, zu versklaven oder zu töten! Der Heilige Vater selbst hat das erlaubt, in einer päpstlichen Bulle, beginnend mit den Worten ,Divino amore communiti', so heftig wir Jesuiten auch dagegen kämpften! Denn auch wir kamen einst in dieses Land, um die Indianer vor den Konquistadoren zu schützen; Ihr habt gehört, was daraus geworden ist. Der Wald ist unser, und wir werden ihn mit niemandem teilen. Um unser Schicksal aber braucht Ihr Euch nicht zu sorgen, denn das liegt allein in Gottes Hand.“

  Für einen Augenblick war Maria Behring perplex; dass ausgerechnet ein Jesuit die Beschlüsse des Papstes verdammte, hatte sie nicht erwartet. Das musste ja ein fürchterliches Durcheinander gewesen sein in den ersten Jahren der Kolonisation, dachte sie; um so weniger war sie nun bereit, irgendwelche Gesetze, Grundsätze oder Autoritäten aus dieser Zeit zu respektieren, zumal den Priester, der sich die Sache der Eingeborenen offenbar so zu eigen gemacht hatte, dass er darüber

die berechtigten Interessen der gesamten Menschheit vergaß. „Dass ihr Jesuiten bei diesen Verbrechen nicht mitgemacht habt, ehrt euch“, antwortete sie. „Aber das heißt noch lange nicht, dass Sie deshalb berechtigt sind, über diesen Wald zu verfügen, als sei er Ihr Eigentum. Sie sind hier genauso wenig zur Welt gekommen wie wir; die Menschen aber, die sich wirklich als die Kinder dieses Waldes fühlen dürfen, haben keinen Anteil an dem Baum, weil Sie ihn für sich allein beanspruchen.“ Das war ein bisschen unfair, gestand sie vor sich selbst, weil ihm ja wirklich nichts anderes übrigblieb, als so zu handeln. Aber hatte er sich nicht ebenfalls unfair verhalten? Mehl auf den Boden zu streuen! Fast hätte sie gelacht. So ein billiger Trick! Und sie war darauf hereingefallen! Fast wie die Heinzelmännchen von Köln! Bei diesem Gedanken brach sie tatsächlich in ein bitteres Gelächter aus.

Der Priester starrte sie an und bekreuzigte sich. „Ihr müsst den Verstand verloren haben“, sagte er.

„Im Gegenteil“, antwortete sie spöttisch. „Ich habe ihn wiedergefunden. Was wollen Sie nun eigentlich tun? Wollen Sie uns von Ihren Indianern umbringen lassen, natürlich ganz christlich?“ Sie glaubte nun zu wissen, wie sie ihn einschüchtern konnte. „Wir sind nicht allein auf der Welt. Man weiß, wohin wir gezogen sind und wo wir uns heute befinden. Wenn wir nicht zurückkehren, wird man uns suchen. Was wollen Sie dann sagen? Dass Sie hier Herr über Leben und Tod sind? Dass Sie das ewige Leben besitzen und es mit niemandem teilen wollen? Oder wollen Sie Ihre nächsten Besucher töten?“ Sie machte eine, wie sie hoffte, wirkungsvolle Pause; dann fuhr sie fort: „Aber vielleicht wollen Sie uns nur aus diesem Paradies vertreiben? Nur zu! Sie können Ihren Garten behalten, mich interessiert er nicht mehr. Solche Bromelien werden wohl auch anderswo zu finden sein.“

„Hören Sie endlich auf!“ mahnte Sander, der ihre Absicht nicht gleich verstand. „Das führt doch zu nichts!“ Er wollte ihr beruhigend die Hand auf den Arm legen, aber sie schüttelte ihn heftig ab; wieder ging der Zorn mit ihr durch.

„Mag sein, dass es wirklich einen Gott gibt, der über das Schicksal der Menschheit entscheidet“, sagte Maria Behring zu dem Priester. „Sie aber sind ein Mensch wie wir und haben eine solche Entscheidung bestimmt nicht zu treffen. Vielleicht können Sie tatsächlich verhindern, dass wir an diese Bromelien herankommen. Aber Sie können nicht alle aufhalten, die noch diesen Wald aufsuchen werden. Eines Tages wird es vorbei sein mit Ihrer Selbstherrlichkeit!“

„Ist das wirklich Euer Wunsch?“ fragte der Priester. „Wollt Ihr wirklich, dass sie von allen Enden der Erde hierherkommen, die Konquistadoren und die Kaufleute, die Goldsucher und die Sklavenjäger, die Glücksritter und die Geschäftemacher, und unseren Wald mit ihrer Besitzgier erfüllen? Das ist also das Schicksal, das Ihr uns zugedacht habt! Uns soll es ergehen wie einst den Inka und den Azteken. Erst wird man uns den größten Schatz entreißen, und dann, wenn nichts anderes von Wert mehr vorhanden ist, die Körper der Menschen selbst zu Geld machen. Aber das werde ich zu verhindern wissen. Und nun ist es endgültig genug! Ihr werdet Euer Urteil bald erfahren.“ Zornig drehte er sich um und ging durch die Oleanderbüsche davon.

„So“, sagte Maria Behring befriedigt. „Dem habe ich es gegeben. Das hat mir schon lange auf der Seele gelegen. Dieser bigotte Pfaffe mit seinem Allmachtsanspruch! Aber der kann vielleicht seinen Indianern Angst machen, mir nicht.“

„Ich weiß nicht recht“, murmelte Sander.

„Haben Sie denn überhaupt nichts kapiert?“ fragte sie zufrieden. „Ich habe ihm doch eindeutig klargemacht, dass er keine andere Wahl hat, als uns nach Hause zu schicken! Und das hat er genau verstanden, glauben Sie mir! Er wollte es nur nicht gleich zugeben. Wahrscheinlich überlegt er jetzt, wie er noch eine möglichst dramatische Urteilsverkündung zelebrieren kann. Vielleicht mit Bibel oder so. Fanfarenstöße. Drohend erhobenes Flammenschwert, wie bei Adam und Eva. Von mir aus. Kann er alles haben.“ Sie machte eine kleine Pause; dann lächelte sie, und es war kein freundliches Lächeln. Aber wenn wir erst wieder im Luftschiff sitzen, fügte sie hinzu, „fahren wir schnurstracks wieder hierher, landen in seinem Garten und schnappen uns die Bromelien.“ Voller Genugtuung rieb sie sich die Hände. „Das wird ihn lehren, sich mit Maria Behring anzulegen.“

Sander konnte kaum glauben, was er hörte. „Sie sind wirklich hartgesotten“, bemerkte er.

„Das macht die Wissenschaft“, erwiderte sie. „Ohne ein bisschen Stehvermögen kommt man in der Forschung zu nichts.“

„Hoffentlich funktioniert alles so, wie Sie es sich vorstellen“, sagte Sander.

„Das ist für mich überhaupt keine Frage“, erwiderte sie überzeugt.

Sie hockten fast eine Stunde lang auf dem Boden der Katakombe, von Gabriel und den anderen Erzengeln bewacht. Sanders neuer Mut drohte schon bald zu sinken, aber Maria Behring gab ihm immer wieder einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. „Sie werden schon sehen“, sagte sie. „Heute Abend sind wir in Cocuy.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr“, sagte er. Er hatte den Spruch schon viele Male verwendet, ihn aber noch nie so ernst gemeint wie jetzt.

  Später schaute auch sie immer öfter auf ihre schwarze Luxusuhr. Kurz vor Mittag hörten sie die Rindentrompete.

„Na endlich“, sagte Maria Behring unternehmungslustig. „Es geht los.“

  Gabriel öffnete das Bambustor. „Kommt“, befahl er. „Jetzt wird euer Urteil gesprochen.“

  Sie gingen an ihm vorbei durch die Oleanderbüsche und auf den kleinen Platz. Die Äste der Zedrachbäume waren wieder oder immer noch mit vielen Menschen gefüllt. Auch Am, Senex und Wolkenfänger schauten zu ihnen herab. Der Priester saß an seinem Tisch; die Bibel lag aufgeschlagen vor ihm.

  Maria Behring stieß Sander in die Seite. „Was habe ich gesagt!“ raunte sie ihm zu.

  Die Rindentrompete ertönte zum zweiten Mal, und alle Gespräche verstummten. Die Menschen des Regenwaldes warteten. Die Sonne stand nun senkrecht über den Bäumen, und Sander spürte, wie ihm Schweißtropfen durch die Augenbrauen liefen; er wischte sie ab, bevor sie ihm in die Augen dringen konnten.

  Der Priester hob langsam den Blick von dem Buch und sah die beiden Angeklagten an. Sander versuchte seinen Gesichtsausdruck zu lesen. Maria Behring war sich ihrer Sache völlig sicher.

  Der Priester schlug eine Seite in seiner Bibel zurück. Dann räusperte er sich und sagte in Guarani: „Eine Sünde ist geschehen, die mit schwerer Strafe belegt ist; denn wer sich Gott widersetzt, soll ausgemerzt werden wie Sodom und Gomorrha. Mein ist die Rache, spricht der Herr!“

  Sander erschrak. Was sollte das bedeuten? „Ruhig“, hörte er Maria Behring neben sich flüstern, „alles nur Rhetorik; der tut uns nichts.“

  Der Priester blickte sie drohend an: dann fuhr er fort: „Doch unser Gott ist auch ein gnädiger Gott; weil Jesus am Kreuz den Opfertod für uns starb, wird dem reuigen Sünder vergeben.“

  Sander atmete erleichtert auf; das klang schon besser. Maria Behring stieß ihn aufmunternd an. Die Zuhörer auf den Ästen und auch die Erzengel gaben keinen Laut von sich.

  „Die Sünde, die in dieser Nacht begangen wurde, gleicht der ersten aller Sünden“, fuhr der Priester fort. „Denn so steht es geschrieben: ,Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.“

  Maria Behring übersetzte leise mit. Sander presste die Lippen zusammen; auch wenn er diese Worte nicht mehr für bare Münze nahm, konnte er doch nicht verhindern, daran zu denken, was er im Fall eines Todesurteils unternehmen würde. Kampflos würden sie ihn jedenfalls nicht bekommen, Maria Behring ebensowenig!

  „Im irdischen Paradies dieses Waldes steht nicht mehr, wie einst im himmlischen Paradies, ein Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“, fuhr der Priester fort, „denn diese Erkenntnis ist uns durch das Wort Gottes schon vor vielen Jahren zuteil geworden. Wohl aber steht in diesem irdischen Paradies, wie einst im himmlischen, ein Baum des Lebens.“

  Ein leichter Windstoß fuhr über den Platz. Der Priester sprach weiter: „Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen hatten, sagte der Herr: ,Siehe, Adam ist geworden als unser einer, und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nicht ausstrecke seine Hand, und breche auch von dem Baume des Lebens, und esse, und lebe ewiglich.'„

  Sander spürte Maria Behrings Ellenbogen an seiner Hüfte. „Gleich haben wir es hinter uns“, fügte sie hinzu, als sie übersetzt hatte.

„Und trieb Adam aus dem Paradies“, sprach der Priester feierlich, „und lagerte vor den Garten Eden den Cherub mit einem flammenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens. Amen.“

„Amen“, murmelten die Indianer im Chor.

„Die Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden war die gerechte Strafe für jene, die vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen hatten“, rief der Priester. „Denn jene, die so gern im Paradies geblieben wären, mussten es verlassen und durften nie wieder in diese ihre Heimat zurückkehren.“

  Diesmal übersetzte Maria Behring nur zögernd; besorgt registrierte Sander einen etwas unsicheren Ton in ihrer Stimme.

„Eine andere Strafe muss also jene treffen, die vom Baum des Lebens aßen, das Paradies aber verlassen wollen, um nach Hause zurückzukehren“, sagte der Priester zu ihrer Überraschung. „Denn so, wie Adam und Eva ihre Heimat für immer verloren, darf auch die Strafe für Josef und Maria nicht geringer sein. Er schwieg bedeutungsvoll. Dann fuhr er fort: „Darum soll nun dieses Urteil mit Gottes Segen gesprochen und gültig sein. So, wie Adam und Eva nie mehr in ihre Heimat zurückkehren durften, sollen auch Josef und Maria nie mehr in ihre Heimat zurückkehren, sondern für immer bei uns bleiben, um ihre Sünden abzubüßen und danach ein Teil unseres Volkes zu sein, so lange sie leben.“

  Maria Behring starrte den Priester fassungslos an; sie konnte kaum glauben, was sie gehört hatte. „Das gibt es doch nicht!“ stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Was ist?“ fragte Sander ungeduldig. „Was hat er gesagt?“

„Dass wir hierbleiben sollen“, rief Maria Behring empört. „Das ist doch nicht zu fassen! Sind Sie verrückt geworden?“ Sie wollte sich auf den Priester stürzen; Sander hielt sie mit aller Kraft fest.

„Hierbleiben?“ fragte er verständnislos. Was ist denn daran schlimm?“

„Für immer. Sie Idiot!“ schrie sie und strampelte aus Leibeskräften, um sich aus seinem Griff zu befreien.

„Für immer?“ wiederholte Sander blöde. Dann verstand er. „Sie meinen, er will, dass wir bis an unser Lebensende seine Gefangenen bleiben?“

 „Ja“, rief sie „Lassen Sie mich los!“

„Seien Sie vernünftig“, sagte Sander. „Sie würden keine fünf Meter weit kommen!“

  Sie wehrte sich noch, einige Sekunden, dann gab sie auf. „Es kann ja höchstens ein paar Tage dauern, bis sie uns aus den Katakomben wieder herauslassen“, sagte sie trotzig. „Dann hauen wir mit dem Luftschiff ab.“

  Der Priester hatte gewartet, bis sie sich wieder beruhigt hatte. „Das fliegende Schiff aber wird zerstört“, fuhr er fort. „Und niemals wieder soll geduldet werden, dass solch ein Teufelswerk in unserem Walde landet.“

Maria Behring ballte vor Zorn die Fäuste.

„Das Luftschiff“, stieß sie hervor. „Sie wollen es zerstören!“

„Zerstören?“ rief Sander. „Mein Luftschiff?“

„Sie denken, dass wir dann für immer hierbleiben müssen“, sagte Maria Behring.

„Das Urteil ist gesprochen“, sagte der Priester. „Bis das fliegende Schiff zerstört ist, sollen die Gefangenen in den Katakomben gehalten werden. Morgen mögen sie dann in ihre Hütte zurückkehren. Sie sollen in sich gehen und Buße tun. Danach soll ihnen verziehen werden. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

„Amen“, sagten die Indianer voller Inbrunst; sie schienen keinerlei Zweifel an der Gerechtigkeit des Urteils zu hegen.

  Die Erzengel packten wieder zu und schleppten die Widerstrebenden in die Katakomben zurück. Dort stieß Gabriel die Gefangenen hinter die Gittertür und schob den Riegel vor. Uriel setzte sich auf einen kleinen Felsen; die anderen verschwanden wieder.

Sander hockte wie betäubt auf der Erde. Maria Behring setzte sich neben ihn und rüttelte ihn an der Schulter. „Lassen Sie sich etwas einfallen!“ rief sie. „Denken Sie nach!“

„Können die Indianer das Luftschiff überhaupt zerstören?“ fragte sie.

„Sie haben Metallwerkzeuge. Mit der Trevirahülle werden sie bestimmt nicht fertig“, sagte er. „Und mit den Stahlteilen auch nicht. Er biss sich auf die Lippen. Aber natürlich können Sie einigen Schaden anrichten“, fügte er hinzu. „Zum Beispiel am Armaturenbrett. Die Glasscheiben einschlagen, Schieber verbiegen, Griffe abbrechen.“

„Vielleicht kommen sie gar nicht durch die Tür“, sagte Maria Behring hoffnungsvoll.

  Sander verzog das Gesicht. „Sie ist offen“, gestand er. „Als ich Ihnen nachging, habe ich vor lauter Eile vergessen, sie abzuschließen.“ 

„Vielleicht wissen sie nicht, wie die Klinke funktioniert“, sagte sie.

„Wolkenfänger weiß es bestimmt“, widersprach Sander. „Als wir den Computer nach unten trugen, hat er zugeschaut, wie ich die Tür aufmachte.“

„Können wir denn gar nichts tun?“ rief sie. „Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben! Schließlich sind wir zwei hochqualifizierte Spezialisten aus dem 20. Jahrhundert gegen einen Haufen Wilde und einen geisteskranken Priester mit dem technischen Kenntnisstand von vor 478 Jahren!“

„Sie haben den Alten unterschätzt“, sagte Sander. „Er ist schlau wie ein Kojote.“

„Sie scheinen ihn ja noch zu bewundern“, sagte sie empört.

„Er hat uns nun mal im Sack.“

„Sie finden sich aber schnell damit ab. Es sieht fast so aus, als wären Sie froh, hierbleiben zu können.“

„Tue ich nicht. Mir fällt nur so schnell kein Ausweg ein. Haben Sie ein bisschen Geduld!“

„Geduld! Geduld!“ äffte sie ihn nach. „Wie lange denn? Bis unser Luftschiff in Fetzen hängt? Oder diese Wilden irgendwie die Halterung losgekriegt und das ganze Ding auf den Boden hinuntergeworfen haben? In diese schwarzen Schwaden hinein?“

„Ich glaube nicht, dass sie die Halterung lösen können, auch mit Gewalt nicht; diese Kohlefasergestänge sind unheimlich stabil. Denken Sie daran, dass diese Streben eine halbe Tonne Druck aushalten müssen.“

„Wenigstens etwas“, sagte Maria Behring. „Was schlagen Sie vor?“

  Der Priester trat diesmal nicht so nahe wie zuvor an das Gitter heran. „Findet Euch damit ab“, sagte er auf Portugiesisch. „Ich hatte Euch gewarnt. Ich kann und darf es nicht zulassen, dass Ihr in Eure Heimat zurückkehrt und dort von der heiligen Kraft des Lebensbaumes erzählt. Eure Landsleute und auch alle anderen Völker würden wie die Ameisen in diesen Wald ziehen und ihn zerstören. Ich werde dafür sorgen, dass es Euch bei uns gutgeht. Ihr werdet ein schönes Leben haben, in Frieden, Eintracht und eines Tages vielleicht auch in einem festeren Glauben an Gott.“

„Dafür werden Sie büßen“, versetzte Maria Behring finster.

„Geht in Euch“, erwiderte er beschwörend. „Es ist für uns alle das Beste und für die Menschheit auch. Oder glaubt Ihr, es würde die Menschen glücklich machen, wenn sie ein Mittel fänden, den Tod zu besiegen? Die Welt wäre bald immer dichter und dichter bevölkert, und überall würden Hungersnöte ausbrechen. Am Ende würde man die alten Menschen, die nicht sterben wollen, mit Gewalt in ihre Gräber schicken müssen, damit die Jungen leben können. Kinder müssten ihre Eltern erschlagen, um nicht zu verhungern. Wollt Ihr das? Nun, falls Ihr es wirklich wollt oder in Eurer Torheit in Kauf zu nehmen bereit wart, habe ich es nun für immer verhindert. Gabriel und die anderen Männer sind schon unterwegs: sie holen ihre Äxte. Ihr aber werdet diesen Wald niemals wieder verlassen.“

 

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