Kapitel 29: Exodus

Freitag, 10. Januar 2014

Es war drückend heiß. Die Sonne hatte auf ihrer von präziser Himmelsmechanik vorgeschriebenen Bahn den Höchststand überschritten, aber bis zum Horizont war es noch weit, und die Kraft des kosmischen Wasserstoffofens heizte die Atmosphäre über dem Regenwald nun auf über 60 Grad auf. Für Warmblütler war es längst sinnlos geworden, sich durch die Gluthitze zu bewegen; denn der Energieverbrauch, der jetzt notwendig würde, um die Körpertemperatur nicht über das vertretbare Maß ansteigen zu lassen, stand in keiner vernünftigen Relation mehr zu dem möglichen Energiegewinn, der etwa durch den Fang eines Beuteinsekts zu erzielen war. Dass die Rechnung des Lebens im wesentlichen auf einem für den Organismus möglichst positiven Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag beruhte, war im Regenwald besonders gut zu erkennen. Um diese Bilanz wenigstens ausgeglichen zu halten, hatten die höher entwickelten Lebewesen der Kronenregion wie Affen, Nagetiere und Vögel nun in die relative Kühle schattiger Zufluchtsorte unter dichten Blätterdächern aufgesucht.

Auch die Menschen des Wolkenwaldes waren in ihre Hütten heimgekehrt, um den Nachmittag in ihren Hängematten zu verdösen; nur Uriel war als Wächter zurückgeblieben. Seit die Hitze schier unerträglich geworden war, lag er im Schatten einer Scharlachkordie. Dabei drehte er seinen Gefangenen den Rücken zu, so dass sie nicht wussten, ob er wachte oder schlief.

  Maria Behring und Sander hatten sich einige Meter in das Innere der Katakomben zurückgezogen. Nach einiger Zeit raffte sich Sander aus seiner Lethargie auf und leuchtete mit seinem Feuerzeug in die Wandgraber, um zu sehen, ob sich dort etwas fand, was sich zu ihrer Rettung verwenden ließe. Ihm gruselte, als er die grinsenden Schädel aus der Nähe betrachtete; in dem flackernden Licht schienen die Toten wieder lebendig zu werden. Da die Verstorbenen jedoch nicht nach indianischer Sitte, sondern nach christlichem Ritus beigesetzt worden waren, lagen weder Waffen noch Geräte, noch andere Grabbeigaben in den Nischen, und Sander kehrte enttäuscht zu Maria Behring zurück.

„Nichts?“ fragte sie.

„Nichts“ antwortete er. „Und unser Wächter?“

„Hat sich schon seit einer Viertelstunde nicht mehr gerührt. Ich glaube, er ist eingeschlafen. Wir müssen es einfach riskieren. Sie zog das Messer, mit dem sie die Bromelien abgeschnitten hatte, aus der Hosentasche. „Wir könnten versuchen, die Tür damit aufzukriegen.“

„Sie haben ein Messer?“ staunte Sander. „Warum haben Sie mir nichts davon gesagt?“

„Bisher dachte ich nicht, dass ich es benötigen würde“, sagte sie. „Also, was meinen Sie?“

  Sander schüttelte den Kopf. „Sie wissen doch, was für einen leichten Schlaf die Indianer haben. Er würde sofort aufwachen und Alarm schlagen.“

„Also müssen wir den Kerl irgendwie außer Gefecht setzen. Und zwar so schnell wie möglich. Denn wenn wir noch lange warten, hauen sie uns das Luftschiff tatsächlich in Stücke. Können Sie ihm nicht einen Stein an den Kopf werfen?“

„Reden Sie keinen Unsinn“, sagte Sander. „Selbst wenn ich ihn träfe, würde er höchstens eine Beule abbekommen. Und danach bestimmt nicht mehr einschlafen. Nein, da muss uns schon etwas Besseres einfallen.“ 

„Dann strengen Sie sich gefälligst an“, sagte sie gereizt. Bisher haben Sie hier nicht besonders viel geleistet, wenn ich das so ehrlich sagen darf.“

„Sie auch nicht“, erwiderte Sander ungerührt. Seine Schuld war es schließlich nicht, dass sie sich in dieser Lage befanden.

„Ich habe immerhin ein Messer“, versetzte sie. „Sie hingegen haben nicht einmal eine Idee. Langsam habe ich wirklich den Eindruck, Sie haben sich schon damit abgefunden hierzu bleiben. Bitte, von mir aus. Aber vorher holen Sie mich hier gefälligst raus!“

„Nicht so laut“, sagte er warnend.

Sie blickte zu dem Wächter und fuhr etwas leiser fort: „Allmählich habe ich wirklich die Nase voll von Ihnen. Seit Tagen sind Sie überhaupt keine Hilfe mehr. Gegen die Beschaffung einer Bromelienprobe haben Sie opponiert, als sei das hier etwas Heiliges. Bei der Gerichtsverhandlung haben Sie mich nicht unterstützt, sondern dem Alten sogar noch recht gegeben. Und jetzt haben Sie nichts anderes zu bieten als ein paar halbherzige Versuche, den Toten irgendetwas Brauchbares zu klauen.“

„Ich tue, was ich kann“, sagte er verstimmt. Was stellte sie sich eigentlich vor? Dass er wie Superman durch die Gitterstäbe brach und sie im Flug nach Hause trug?

„Das scheint mir aber ziemlich wenig“, lästerte sie.

Plötzlich sah er im Halbdunkel neben sich etwas Rotblaues glänzen, und ein kühner Gedanke schoss ihm durch den Kopf. „Geben Sie mir Ihr Halstuch. Schnell!“

„Was?“

Er streckte die rechte Hand aus. Mit jeder Sekunde fügten sich mehr Teile des Puzzles in seinem Kopf zu einem verwegenen Plan zusammen. „Das Halstuch!“ 

Maria Behring löste den Knoten und gab ihm das Tuch. Er nahm es, legte es auf seine linke Hand und griff blitzschnell zu. Ein hässliches Knacken ertönte.

„Was haben Sie denn da?“ fragte sie unangenehm berührt.

Er hob seine Beute vom Boden auf, sorgfältig darauf achtend, dass sie ganz von dem Tuch umschlossen blieb. „Baumsteigerfrosch“, sagte er.

„Igitt“, sagte sie angeekelt. „Und dazu haben Sie mein schönes Halstuch versaut?“

„Wissen Sie nicht, wie giftig diese Viecher sind?“

„Natürlich. Was glauben Sie denn, mit wem Sie reden? Schließlich verwenden die Indianer das Hautgift für ihre Pfeile. Pharmakologisch höchst interessanter Stoff. Lassen Sie mal sehen.“

  Er hielt das tote Tier mit der Linken fest und schlug mit der Rechten vorsichtig den Stoff zurück, bis die blaurot glitzernde Haut des kleinen Rauiden sichtbar wurde.

„Phyllobates melanorrhinus Dumeril“, sagte sie. „Auch Phyllobates bicolor genannt, wie man hier besonders schön erkennen kann. Wirklich sehr giftig. Aber warum haben Sie das Tier getötet? Es hätte doch genügt, es hinauszuwerfen!“

„Wir brauchen das Gift“, sagte er und zeigte auf das Rohrgras, das hinter dem Bambusgitter wuchs. Schneiden Sie mir mal zwei Halme ab, aber die dicksten, die Sie finden können!“

Überrascht schaute sie ihn an. Er nickte zufrieden; es war Zeit, ihr zu beweisen, dass er nicht der Versager war, für den sie ihn inzwischen offenbar hielt.

Maria Behrings Herz klopfte schneller. „Sind Sie sicher, dass das funktioniert?“

„Sicher ist, dass wir das Luftschiff nur retten können, wenn wir hier möglichst bald rauskommen.“

Nun kamen ihr doch Skrupel. „Dürfen wir ihn umbringen?“ fragte sie beklommen. Der Tod der drei Garimpeiros war schlimm genug, auch wenn sie Verbrecher gewesen waren. Aber einen der Indianer zu töten schien ihr durch nichts gerechtfertigt, ganz zu schweigen von den Folgen, die eine solche Tat für sie haben musste, wenn sie es nicht schafften zu entkommen.

„Ich werde ihn nur betäuben“, erklärte Sander zu ihrer Erleichterung. „Damit er nicht Alarm schlagen kann. Er wird ein paar Stunden schlafen, das ist alles. Hören Sie: Die Kerle wollen mein Schiff kaputtmachen! Ich will verdammt sein, wenn ich das zulasse!“

„Können Sie denn so genau dosieren?“

„Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich einmal für ein paar Wochen bei Indianern festsaß. Da habe ich nicht nur gelernt, durchs Blasrohr zu pusten. Bei den Indianern wissen schon die Zehnjährigen, wie man Gift gewinnt und anwendet. Nun machen Sie schon!“

  Gehorsam schlich sie zu dem Bambusgitter, legte sich auf den Bauch, schob langsam beide Arme zwischen den Stäben hindurch und schnitt zwei der größten Halme ab. Ebenso lautlos kehrte sie zurück. „Hier“, sagte sie. „Sind die in Ordnung?“

„Perfekt“, erwiderte er. Er nahm den dünneren Halm und schob ihn durch das Maul des toten Frosches, bis er am Unterleib wieder heraustrat. Dann steckte er den Halm so in die Erde, dass die kleine Amphibie in der Luft hing. Maria Behring sah fasziniert zu.

„Da vorn liegen ein paar Palmblätter“, sagte Sander.

„Ich hole sie“, sagte Maria Behring.

Als sie mit den vertrockneten Blättern zurückkehrte, sah sie, wie Sander einen Streifen aus ihrem Halstuch riss und dann einen der Stofffäden aus dem Gewebe löste.

„He, das war teuer“, sagte sie.

„Gute Qualität“, lobte Sander und betastete prüfend die Palmblätter, die sie ihm reichte. Er nahm es ihr nicht übel, dass sie Unsinn redete; während er seine Spannung in praktisches Handeln umsetzen konnte, war sie zum Zuschauen verurteilt.

  Vorsichtig befühlte er die dickste Rippe des Palmblattes. „Das Messer!“

  Sie legte ihm den Griff in die Hand.

  Vorsichtig drückte er die Spitze der scharfen Klinge gegen das Oberblatt und durchtrennte die harte Epidermis, bis er die weiche Masse des Mesophylls erreichte. Maria Behring hockte neben ihm und nickte anerkennend; sie hätte nicht geglaubt, dass er das Messer so geschickt handhaben würde.

  Sander schnitt der Länge nach durch das Ventralmeristem in der Mitte des Blattes und löste vorsichtig die Rippe heraus. Sie war ungefähr so lang und dick wie ein Zahnstocher.

„Sehr gut“, murmelte Maria Behring.

Er nahm den Baumwollfaden und wickelte ihn mit geübten Fingern um das hintere Ende des winzigen Pfeils. Dann drückte er Daumen- und Fingernagel der linken Hand von zwei Seiten immer wieder fest gegen die Spitze, bis eine spiralige Kerbe entstand. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Wenn alles gut ginge, würde der Pfeil beim Aufprall an dieser Stelle abbrechen und nur die äußerste Spitze mit dem Gift in der Haut des Indianers zurücklassen; der Getroffene würde glauben, er habe sich in einen Dorn gelegt.

  Sander holte sein Feuerzeug aus der Brusttasche, entzündete es und hielt die Flamme eine Handbreit unter den toten Frosch. Nach einer Weile begann die Haut der Amphibie ein milchiges Sekret auszuschwitzen. Es fiel in kleinen Tropfen auf das Tuch. Sander tauchte die dünne Spitze der Palmblattrippe in die giftige Masse und hielt den Pfeil dann prüfend gegen das Licht. Das Gift war rasch getrocknet und überzog die Spitze nun wie eine dünne Hülle aus grauem Wachs.

„Das sollte genügen“, meinte Sander zufrieden.

„Wieviel Milligramm mögen das sein?“ fragte Maria Behring besorgt.

„Zwei oder drei“, sagte Sander beruhigend. „Damit killen Sie nicht einmal ein Karnickel. Heute Abend ist der Erzengel wieder frisch und munter.“

  „Hoffentlich treffen Sie auch“, bemerkte sie bange.

  Sander nahm den größeren der beiden Halme und hielt ihn vor das Auge. Perfekt, wiederholte er. Er steckte den Halm zwischen die Lippen und blies ein paarmal hindurch. Dann schob er den Pfeil in das Röhrchen; er glitt ein wenig zu leicht hinein. „So wird das nichts“, sagte er nüchtern. Er zog einen zweiten Faden aus dem Halstuch und wickelte ihn zusätzlich um das hintere Ende des Pfeils. „Zweiter Versuch“. Diesmal passte der Pfeil genau in das Röhrchen. „Also los!“

  Er schlich zu dem Bambusgitter; der Indianer bewegte sich immer noch nicht. Ein prüfender Blick auf das Gras zeigte Sander, dass es absolut windstill war. Gerade als er den Halm an den Mund setzen wollte, drehte sich Uriel um. Rasch versteckte Sander den Pfeil hinter dem Rücken.

Der Wächter sprang auf. „Was macht ihr da? Los, zurück! Drohend kam er auf sie zu, eine schwarzglänzende Keule aus Eisenholz in der Hand.

Sander ging langsam rückwärts, bis er wieder einige Meter von der Tür entfernt war.

Uriel untersuchte das Bambusgitter, konnte aber nichts Beunruhigendes entdecken. „Bleibt, wo ihr seid!“ ermahnte er die Gefangenen und kehrte zu seinem Platz im Schatten zurück. Eine Zeitlang saß er auf dem Boden und beobachtete sie; dann bettete er sich wieder bequem in das hohe Gras.

Sie warteten, bis er den Kopf nach der anderen Seite drehte. Dann legte Sander sich auf den Bauch und kroch geräuschlos zu dem Gitter. Noch immer bewegte kein Windhauch die Halme. Er steckte das Röhrchen zwischen die Lippen, blies die Backen auf und visierte den Rücken des Erzengels an. Mit einem leisen Zischen flog der Pfeil aus dem Halm.

Der Indianer fuhr auf, stieß einen leisen Schmerzensschrei aus und tastete mit den Händen auf seinem Rücken umher. Sander kroch hastig zurück in die Dunkelheit der Katakombe.

Gelenkig drehte der Erzengel Arme und Oberkörper, um mit den Fingern an die schmerzende Stelle zu kommen; befriedigt erkannte Sander, dass er genau zwischen die Schulterblätter getroffen hatte. Nach einigen Sekunden hatte Uriel es geschafft: er zog die winzige Spitze aus der Haut und schleuderte sie zornig von sich. Dann legte er sich wieder hin. Es war offensichtlich, dass er nicht daran dachte, die Gefangenen könnten etwas mit dem Schmerz in seinem Rücken zu tun haben.

  Gespannt warteten sie. Nach einigen Minuten richtete sich Uriel erneut auf. Er dehnte ein paarmal den Hals, als habe er sich verlegen, und fasste sich an die Kehle. Dann legte er sich wieder hin. aber schon wenige Sekunden später hob er sich auf die Knie. Seine Hände zitterten.

„Es geht gleich los“, flüsterte Sander.

„Ich sehe es“, sagte Maria Behring.

Uriel stützte sich schwerfällig auf Hände und Knie. Nach wenigen Sekunden begann er sich zu erbrechen. Das Zittern griff auf seinen ganzen Körper über und wurde zu einem krampfartigen Zucken; dann fiel der Indianer zu Boden und blieb bewegungslos liegen.

Sander nahm das Messer und schnitt die Verschnürungen auseinander, die das Bambusgestänge zusammenhielten. Bald hatte er die ersten Bastriemen durchtrennt. Er gab das Messer zurück, schob seinen Körper in das Gitter und drückte mit aller Kraft, bis eine der Stangen zerbrach und er durch die Lücke schlüpfen konnte.

Maria Behring folgte ihm. Sie eilten zu dem Indianer. Sander hob die Keule auf. Maria Behring drehte Uriels Kopf zu sich herum und schob eines der Augenlider nach oben. „Perfekt dosiert“, sagte sie erleichtert. „Er schläft. In ein paar Stunden dürfte er wieder auf den Beinen sein.“

  Sander packte die Keule fester und schlich in gebeugter Haltung durch die Oleanderbüsche. Maria Behring folgte dicht hinter ihm; seine Entschlossenheit flößte ihr Zuversicht ein.

  Der Vorplatz war leer, aber am Anfang der Brücke stand einer der Erzengel. Sander schlich sich gekonnt an ihn heran und schlug zu. Dann ließ er rasch die Waffe fallen, fing den Betäubten mit einem Griff unter die Achseln auf und ließ ihn geräuschlos in das hohe Gras gleiten.

  Sie eilten über die Brücke. Nirgends waren Indianer zu sehen, auch nicht vor den Hütten am Hochweg zu dem Matamatá; der Wald schien wie ausgestorben.

  Nach einer Viertelstunde kam der große Baum in Sicht, an dem das Luftschiff festgemacht war. Sander blieb stehen und versuchte zu erkennen, ob sich Indianer in dem Fahrzeug befanden, konnte aber niemanden entdecken.

  Rasch ging er zu der Leiter und kletterte in die Tiefe. Die Hülle des Luftschiffes schien unversehrt, aber die Fensterscheiben waren zerschlagen. Als Sander die offene Tür sah, blieb er stehen.

„Was ist?“ flüsterte Maria Behring hinter ihm. „Sind sie drin?“

Sander hob die Keule und kletterte in die Gondel. Sie war leer. Er ließ die Waffe sinken und sah sich fassungslos um.

  Hinter ihm drängte Maria Behring herein. „Mein Gott“, sagte sie.

  Die Indianer hatten Verwüstungen angerichtet, als hätten sie dazu tagelang Zeit gehabt. Die meisten Kisten waren geöffnet und ausgeleert worden; überall in der Gondel lagen Geräte, Werkzeuge. Medikamente, Decken. Verbandszeug und Lebensmittel verstreut. Die Sitzpolster waren aufgeschlitzt, die Seile durchgeschnitten. Griffe und Hebel verbogen. Computer und Monitor lagen zertrümmert auf dem Boden, aus Video- und Audiokassetten waren die Bänder herausgerissen, Kamera und Tonbandgerät zertrümmert; nur fest verschlossene Leichtmetallkisten hatten dem Wüten widerstanden.

  Am schlimmsten zugerichtet war das Armaturenbrett. An allen Anzeigegeräten für Gasdruck, Temperatur, Geschwindigkeit, Ladedruck und Kraftstoffdurchfluss, auch an Ampere- und Variometer. Drehzahlmesser, Audio Selector, den beiden Tankanzeigen und den verschiedenen Navigations- und Kommunikationsgeräten waren die Scheiben zerschlagen, die Zeiger abgebrochen und die digitalen Leuchtdioden zerstört worden. Auch die Gashebel, der Brandhahn, die Schieber für die Ballonetts. Generatoren, Kraftstoffpumpen, Blower und die vielen anderen Installationen waren verbogen, die Schalter für die Magnete, für Alternatoren, Innen- und Außenbeleuchtung ab gebrochen und die meisten Sicherungen herausgerissen.

„Kriegen Sie das wieder hin?“ fragte Maria Behring; das Herz klopfte ihr bis zum Halse.

Sander blickte auf das Chaos. „Ich weiß nicht“, sagte er zweifelnd.

„Können Sie nicht wenigstens versuchen, das Nötigste zu reparieren?“

„Selbst wenn wir auf die meisten Geräte verzichten - wir brauchen Strom, vor allem auf dem Starter, und natürlich Kraftstoff“, erwiderte Sander. Er legte die Keule zur Seite und kletterte auf den Pilotensitz. Aber selbst das wird Stunden dauern“, sagte er kopfschüttelnd.

„Fangen Sie an!“ sagte Maria Behring. „Sehen wir, wie weit wir kommen!“

Sander legte die Hand auf den Starter und versuchte den zerbrochenen Schalter zu betätigen; es rührte sich nichts.

„Sieht nicht gut aus“, sagte er und suchte auf dem Boden nach der Sicherung. Als er sie gefunden hatte, stellte er fest, dass auch sie zerbrochen war. Er klappte den Kasten mit den Reservesicherungen auf. Sie waren unversehrt. Er nahm eine von ihnen heraus und betätigte wieder den Starter. Nichts.

  Sander stieg von seinem Sitz, kroch unter das Armaturenbrett und angelte nach den elektrischen Leitungen. Bald hielt er mehrere abgerissene Kabel in der Hand.

„Aus“, sagte er. „Sie haben auch die Kabel durchgeschnitten.“

„Da sind sie“, sagte Maria Behring und zeigte zum Fenster hinaus.

Sander hatte nicht recht zugehört. „Haben Sie verstanden?“ fragte er. „Sie haben auch die Kabel durchgeschnitten!“

„Ich habe sehr wohl verstanden“, antwortete Maria Behring; ihr Gesicht war bleich. „Sie kommen. Sie sind schon oben auf dem Matamatá.“

Sander griff nach seiner Keule, ging zum Fenster und schaute nach oben. „Wie viele sind es?“ fragte er.

„Mindestens zwanzig“, antwortete sie. „Gabriel ist auch dabei. Sie haben ihre Blasrohre mit.“

„Haben sie uns schon gesehen?“

„Ich weiß nicht.“ Suchend schaute sie sich um. „Sollen wir uns in der Hülle verstecken?“

„Sinnlos“, sagte Sander. „Es hilft nichts, wir müssen das Schiff aufgeben.“

„Es gibt keinen anderen Weg!“ sagte er beschwörend. „Holen Sie die Atemschutzgeräte heraus!“

Er schaute wieder aus dem Fenster: die Indianer waren höchstens noch zehn Meter über ihnen. Sie schienen völlig sorglos zu sein, denn sie schwatzten und lachten.

Herr im Himmel, dachte Sander, lass nicht zu, dass die Kerle uns wieder in die Katakombe schleppen! Während er flehend nach oben schaute, fiel sein Blick auf den Schalter der Warnanlage; der Plastikknopf war unbeschädigt. Rasch zog Sander an ihm. Ein schrilles Geheul ließ ihn zusammenzucken; es klang, als kreischten tausend wilde Tiere zugleich.

  Die New Yorker Feuerwehr, dachte Sander begeistert. Das einzige, was hier noch funktionierte, war ausgerechnet der als Warnsignal einprogrammierte Sirenenton der New Yorker Feuerwehr! Trotz der verzweifelten Lage hätte er fast gelacht. Er hob die Hand und schaltete die Sirene wieder aus. Unglaublich, was das Schicksal für Spott mit ihm trieb!

  Über sich hörte er laute Entsetzenschreie. Die Indianer flüchteten in panischer Angst. So schnell sie konnten, kletterten sie die Leiter wieder hinauf und rannten über die Brücke davon.

„Sie hauen ab!“ jubelte Maria Behring. „Sie haben es geschafft, Sander! Was für eine grandiose Idee!“ Ihre Freude klang schon fast hysterisch.

„Holen Sie die Atemschutzgeräte heraus“, sagte Sander noch einmal. Wir seilen uns mit der Winde ab und gehen durch das Gas.“

Ihre Euphorie verflog so schnell, wie sie gekommen war.

„Sie glauben, die kommen wieder?“

„Ja. Jetzt halten sie die Sirene vermutlich für schreckliches Teufelsgeheul. Aber wenn sie feststellen, dass außer dem Geräusch nichts Bedrohliches auf sie zukommt, werden sie ihre Angst schnell verlieren.“

Sie dachte nach. „Sie haben recht“, sagte sie dann. „Vermutlich hätte ich schon viel früher auf Sie hören sollen.“

Er verkniff sich eine Antwort.

Maria Behring beugte sich über den Metallkasten mit den Atemschutzgeräten, stellte das Ziffernschloss ein und klappte den Deckel auf. Sander machte sich inzwischen an der Winde zu schaffen.

„Funktioniert sie denn?“ fragte Maria Behring nervös.

„Wir nutzen sie mechanisch, ohne die Elektrik“, sagte Sandet. „Was wiegen Sie denn?“

„Wie bitte?“

„Wie viel Sie wiegen! Ich muss den Widerstand einstellen.“

„Ach so, 55 Kilo.“

„Ich 75“, sagte Sander. Macht zusammen 130. Er klappte die Messskala der Winde heraus und stellte den Verzögerer ein.

„Ich habe gar nicht gewusst, dass die Winde auch ohne Strom funktioniert“, gestand Maria Behring.

„Ja. Gott sei Dank“, sagte er mit Nachdruck. „Wir stellen uns auf den Haken, ich zuerst, dann Sie, auf meinen Fuß“, erklärte er. „Ich löse die Sperre, und sie spult sich durch unser Gewicht ab. Wenn der Boden unten nicht allzu hart ist, sollten wir einigermaßen vernünftig aufkommen.“

Maria Behring zog die Atemschutzgeräte heraus und überprüfte die Anzeige auf den Sauerstoffflaschen. „Alles in Ordnung“, meldete sie.

  Plötzlich hörten sie über sich wieder Stimmen. „Schalten Sie die Sirene ein!“ rief Maria Behring. „Sie sind wieder da.“

  „Beeilen Sie sich!“ sagte Sander. Er legte den Warnschalter um und ließ die Sirene heulen, bis die Indianer wieder geflohen waren. Diesmal liefen sie jedoch nicht mehr so weit davon.

„Die lernen schnell“, sagte Sander. Er öffnete den Hebel, der den Boden der Gondel verriegelte, und stieß die Klappen auf. Zehn Meter unter ihnen wallte das schwarze Gewölk.

  Maria Behring nahm das Sauerstoffgerät auf den Rücken und setzte die Atemschutzmaske auf.

  „Halten Sie sich gut fest“, sagte Sandet.

  Sie nickte und hob den Daumen.

  Sander schaute wieder aus dem Fenster. Die Indianer hatten sich von dem erneuten Schrecken erholt und kletterten die Leiter hinab, Gabriel an der Spitze: als er Sander erblickte, hob er sein Blasrohr. Rasch sprang Sander auf; ein kleiner Pfeil bohrte sich in seinen Sitz.

„Nichts wie weg hier!“ rief Sander erschrocken. In fieberhafter Hast schulterte er sein Sauerstoffgerät, setzte sich die Schutzmaske auf und trat in den Haken der Winde. Maria Behring stellte ihren Stiefel auf den seinen und klammerte sich fest, mehr an Sander als an dem Seil.

  Sander löste die Winde; das starke Drahtseil gab nach, und sie schwebten durch den offenen Boden der Gondel, als ihre Verfolger gerade den Rumpf des Luftschiffes erreichten.

  Während sie immer tiefer sanken, schauten sie nach oben; das letzte, was sie sahen, war das zornige Gesicht des Erzengels, der zehn Meter über ihnen sein Flammenschwert schwang und die Waffe dann nach ihnen schleuderte. Es flog so knapp an Sander vorbei, dass er den Luftzug spürte. Dann umhüllte sie das schwarze Gewölk. Das Phänomen, das sie so sehr gefürchtet hatten, erwies sich jetzt als hilfreich, indem es sie den Blicken und den Blasrohren ihrer Verfolger entzog. 

 

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