Kapitel 30: Die Rettung

Montag, 13. Januar 2014

Das dunkle Gewölk schlug über Maria Behring und Sander zusammen, als wären sie in einen See getaucht. Während sie rasch tiefer sanken, schaltete Maria Behring die Taschenlampe an ihrer Brust ein und richtete sie nach oben. Nur etwa drei oder vier Meter des Drahtseils waren zu sehen, dann wurde der Strahl von den zahllosen winzigen Asche- und Rußpartikeln der vulkanischen Dämpfe verschluckt.

  Maria Behring drehte die Lampe und leuchtete seitlich umher. Einmal fuhr der Lichtschein über Sander, der mit der Schutzmaske wie eine riesige Fliege aus sah; geblendet schloss er die Augen. Hinter ihm war anfangs alles grau, dann aber schien es plötzlich, als führen sie in einem Lift an einer grauen Betonwand entlang. Maria Behring zwinkerte kurz mit den Augen, um die Sehschärfe zu erhöhen, und erkannte die rissige Rinde des Matamatá; sie waren noch etwa fünf Meter von dem Stamm entfernt.

Sander griff nach Maria Behrings Hand und drehte sie mitsamt der Lampe nach unten. Sie verstand, was er damit ausdrücken wollte, und spannte die Beinmuskeln an. Die Landung war noch härter als befürchtet, denn der schwarze Grund raste ihnen wie eine Asphaltplatte entgegen. Sander zog die Knie an, um den Aufprall abzufedern, und ließ das Seil los. Maria Behring aber landete auf der scharfen Oberkante einer riesigen Wurzel; mit einem Schmerzensschrei stürzte sie auf den Boden.

Erschrocken wollte Sander zu ihr eilen, konnte aber seine Beine kaum bewegen; es fühlte sich an, als steckten sie in zähem Schlamm. Er tastete mit den Händen umher und stellte fest, dass er fast bis zu den Knien in einer weichen Masse aus verfaulten Blättern stand.

  Maria Behring saß auf dem Boden und hielt sich den Knöchel. Sander versuchte sie aufzuheben, aber sie zeigte auf ihren Fuß und schüttelte heftig den Kopf. Daraufhin ging er in die Hocke und deutete auf seinen Rücken. Sie zögerte einen Moment; da ihr jedoch nichts anderes übrig blieb, stemmte sie sich hoch, setzte sich auf ihn und hielt sich an seinen Schultern fest.

  Sander kam mühsam auf die Beine; schon seit Jahren hatte er sich kein derartiges Gewicht mehr aufgeladen. Schwankend machte er sich auf den Weg nach Süden; die knapp eineinhalbtausend Meter bis zum Kraterrand mussten in der Zeit, die ihnen blieb, zu schaffen sein, dachte er; dann würde man weitersehen.

  Schwerfällig stakste er durch den Morast der faulen den Blätter; fast bei jedem Schritt sank er bis zu den Knöcheln ein, und schon nach wenigen Metern begann er unter der Anstrengung zu keuchen. Maria Behring leuchtete auf seinen Weg; von Zeit zu Zeit schienen sich die schwarzen Schwaden zu lichten, doch jedes Mal flogen bald wieder neue Nebelwolken heran.

  Als Maria Behring merkte, dass Sanders Kräfte nachließen, schlug sie ihm mehrmals kräftig auf die Schulter, löste ihren Griff und ließ sich auf den Boden gleiten. Schwer atmend blieb Sander stehen; sie hatten erst etwa 50 Meter geschafft. Maria Behring drehte ihn um und beleuchtete die Sauerstoffflasche auf seinem Rücken. Natürlich, dachte sie, er hat gar nicht richtig aufgedreht. Rasch holte sie das Versäumnis nach. Sander tat ein paar tiefe Züge und erholte sich rasch. Nach einer Weile nickte er und nahm sie wieder auf den Rücken.

  Als sie weiterstapften, sahen sie vor sich in den Nebelschwaden etwas Weißes schimmern: es lag genau auf ihrem Weg. Beim Näherkommen erkannten sie große Knochen, einen Tierschädel, eine verrostete Arkebuse und einen Totenkopf, der noch immer einen Helm trug. Hier also hatten die sechsbeinigen Teufel ihr Ende gefunden.

  Nach weiteren hundert Metern musste Sander Maria Behring wieder absetzen und hockte sich auf den Boden. Sie nahm die Sauerstoffflasche von ihrem Rücken und leuchtete auf die Anzeige. Der Inhalt reichte noch für eineinhalb Stunden. Wenn sie weiter so langsam vorwärts kamen, konnte es knapp werden. Sie zeigte Sander ihre Uhr und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass sie nun wieder versuchen wolle zu laufen. Er nickte. Sie schnallte sich das Gerät erneut auf den Rücken und humpelte einige Schritte, stieß aber gleich wieder einen Schmerzensschrei aus. Sander eilte zu ihr und stützte sie. Sie legte ihren rechten Arm um seinen Nacken und versuchte, nur auf dem linken Bein weiterzuhüpfen, aber schon nach wenigen Sätzen ging ihr die Kraft aus, und Sander musste sie abermals auf den Rücken nehmen.

  Hoffentlich hält er das durch, dachte sie, als sie ihn unter der Belastung immer lauter keuchen hörte. Sie bemühte sich, möglichst, exakt nach Süden zu leuchten und, wenn sie einem Baumstamm ausweichen mussten, gleich danach auf den kürzesten Weg zum Kraterrand zurückzufinden. Wenn sie sich jetzt auch noch verirrten, konnte es lebensgefährlich werden.

  Zu ihrem Glück wurde der Boden bald etwas fester, und sie kamen ein wenig schneller voran. Nach einer Stunde hatten sie nach ihrer eigenen Schätzung etwa 400 Meter zurückgelegt. Bei der nächsten Rast überprüfte Maria Behring wieder die Sauerstoffflaschen und rechnete den Verbrauch hoch. Dann hielt sie Sander erneut ihre Armbanduhr vor die Augen und tippte energisch auf die Digitalanzeige.

Sander nickte müde. Seine Brust schmerzte, sein Rachen war vom Sauerstoff wund, und seine gesamte Beinmuskulatur zitterte fibrillär; er begann Oberschenkel und Waden zu massieren, um Krämpfen vorzubeugen.

  Nach einigen Minuten raffte er sich wieder auf. Schon als er Maria Behring auf den Rücken nahm, wankte er leicht: während er durch den Wald stapfte, kam es ihr vor, als könne jeder Schritt der letzte vor einem Zusammenbruch sein. Nach einer Viertelstunde blieb Sander mit rasselnden Lungen an den gut zwölf Meter breiten Brettwurzeln eines riesigen Baumes stehen. Maria Behring rutschte herunter und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. Da er nicht mehr die Kraft auf brachte, sich umzudrehen, hüpfte sie auf einem Bein um ihn herum und hielt ihm vier Finger vor die leicht beschlagenen Augengläser der Maske. Noch 400 Meter! Hoffentlich hielt er durch. Sie verspürte ein fast zärtliches Gefühl der Verbundenheit, als sie ihn keuchend vor sich stehen sah.

  Sander ging wieder in die Knie: es tat Maria Behring fast körperlich weh zu sehen, wie er litt. Sie setzte sich wieder auf seinen Rücken und schlang die Arme um ihn. Als er sich in die Höhe stemmte, drang ein tiefes, gequältes Stöhnen aus seiner Brust. Torkelnd setzte er sich in Bewegung, schleppte sie um die gewaltigen Brettwurzeln herum und stapfte weiter in die Richtung, die ihm ihre Taschenlampe wies.

  Bei der nächsten Pause schaute Maria Behring erneut auf die Uhr; der Sauerstoff reichte allenfalls noch für eine Stunde, und der Kraterrand war mindestens noch 300 Meter entfernt. Sander lag neben ihr auf dem Rücken und rang nach Atem. Sie wartete, bis er sich einigermaßen erholt hatte: dann stützte sie sich auf Hände und Knie und kroch weiter.

  „Was soll das?“, dachte er. Wollte sie sich jetzt etwa ohne ihn davonmachen? Mühsam hob er sich auf die Knie. Sie winkte ihm zu. Ächzend stand er auf und ging zu ihr. Sie kroch weiter, und er stapfte schwerfällig hinter ihr her.

  Nach hundert Metern setzte sie sich erschöpft, hin und schaute auf ihre Uhr. Noch eine halbe Stunde! Sie hielt Sander das Zifferblatt hin. Er nickte und deutete auf seinen Rücken. Diesmal hatte sie Mühe, sich an ihm festzuhalten. Mechanisch setzte er Schritt vor Schritt. Nach 50 Metern begann er zu taumeln; rasch löste sie sich von ihm.

  Er zeigte nach unten. Sie leuchtete auf ihre Füße und sah, dass sie im Wasser standen. Ein Bach? fragte sich Maria Behring. Ein See? Natürlich, es musste ein Kratersee sein, der seit Jahrhunderten unter dem Gewölk verborgen lag. Sie richtete den Strahl ihrer Taschenlampe nach vorn; so weit er reichte, wurde er von einer schwarzen Wasserfläche reflektiert.

  Es gab nichts zu überlegen; auf Händen und Knien kroch sie hinein. Als sie merkte, dass das Gewässer rasch tiefer wurde, reichte sie Sander die Taschenlampe und versuchte zu schwimmen. Sander stieg neben ihr immer tiefer in das Wasser, das ihm bald bis an den Bauch, dann bis an die Brust reichte. Schließlich musste er ebenfalls schwimmen. Nach einer Minute bekamen sie wie der Boden unter die Füße. Der Sauerstoff in den Flaschen würde nun jede Sekunde verbraucht sein.

  Eilig arbeitete sich Maria Behring aus dem schlammigen Wasser heraus und kroch die glitschige Böschung hinauf; Sander folgte ihr so dicht, dass sein Kopf fast ihre Füße berührte. Gerade als er merkte, dass seine Flasche leer war, schwebte ein heller Schimmer über ihnen; Sekunden später lichtete sich das Gewölk, und sie krochen erschöpft auf das im Sonnenschein liegende Gelände.

Sander riss sich die Atemschutzmaske vom Gesicht und pumpte die heiße Luft in seine Lungen, bis er laut husten musste. Maria Behring schlug ihm auf die Schulter und deutete nach oben; sie hatte nicht die Kraft zu sprechen, aber Sander verstand auch ohne Worte, dass sie einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu dem Gas einlegen wollte. Um die Last der Atemschutzgeräte erleichtert, robbten sie hangaufwärts. Einige Minuten später lagen sie auf dem Kraterrand im Gras.

„Wir haben es geschafft“, stieß Maria Behring hervor.

Sander nickte.

„Und ich habe gewusst, dass wir es schaffen“, fügte sie hinzu.

„Ja“, keuchte Sander. „Aber wir sind noch lange nicht in Sicherheit.“

„Das schaffen wir auch noch“, sagte sie zuversichtlich. „Bisher haben wir es noch jedes Mal geschafft, wenn wir es zusammen angepackt haben.“

„Das stimmt“, sagte er.

Sie blickten auf den Wolkenwald.

„Sieht so friedlich aus“, sagte sie.

„Ja“, sagte Sander. „Jetzt ist er wieder so friedlich, wie er war, bevor wir hergekommen sind.“

Sie sah ihn von der Seite an. „Sie hätten mich ja da unten liegen lassen können, wenn Sie meinen, dass ich es verdient habe.“

„Entschuldigung“, sagte er. „Ich wollte Ihnen keine Vorwürfe machen. Jetzt ist es sowieso zu spät.“ Er schaute nach Norden, wo sich in der Ferne der Tafelberg des Cerro de la Neblina erhob. Das Licht der Sonne färbte die Felswand gelb.

  „Wie lange werden wir brauchen?“ fragte sie.

  „Zwei oder drei Tage“, schätze ich. „Geben Sie mir mal das Messer.“

  Er ging zu einer kleinen Gruppe von Tachigalien, suchte eine Weile umher, brach dann einen kräftigen, gleichmäßig gegabelten Ast ab und schnitt ihn zu einer Krücke zurecht. „Hier,, versuchen Sie mal.“

Sie humpelte einige Schritte. „Zu lang“, erklärte sie.

„Besser als zu kurz“, sagte er und säbelte mit dem Wellenschliff ein Stückchen ab; es war eine mühselige Arbeit.

Sie blieben zunächst auf dem Kraterrand und gingen um den Wolkenwald herum zu seiner Nordseite. Dort stiegen sie in die Ebene hinunter und wanderten auf den Tafelberg zu. Als es dunkel wurde, legten sie sich unter einen der Baumriesen. Sein Blätterdach war dicht genug, dass sie im Trockenen schliefen, obwohl in der Nacht mehrere starke Regenfälle niedergingen.

Am Morgen erwachte Maria Behring mit dem Kopf auf Sanders Brust; sein Arm lag um ihre Schulter. Verlegen befreite sie sich und richtete sich auf. Sie befühlte ihren Fuß. Er schmerzte und war noch stärker geschwollen als am Tag zuvor.

Sander war aufgewacht, als sich der Druck von seiner Brust gelöst hatte. „Was ist mit Ihrem Fuß?“ fragte er, als er sie herumtasten sah. „Besser?“

Sie schüttelte den Kopf. „Schlechter“, sagte sie. „Ich glaube, er ist tatsächlich gebrochen.“

„Ich werde Sie tragen“, sagte Sander.

Sie schüttelte wieder den Kopf. „Das schaffen Sie nicht.“

„Was schlagen Sie dann vor? Etwa, dass ich Sie hier zurücklassen soll?“

„Genau“, sagte sie. „Gehen Sie zum Neblina. Bestimmt sitzt der Teniente immer noch dort oben. Er soll den Oberst alarmieren. Dann holen Sie mich mit dem Hubschrauber heraus.“

„Ich kann Sie doch hier nicht zurücklassen!“

„Doch!“ sagte sie bestimmt. „Hier habe immer noch ich das Sagen. Wir haben einen Vertrag miteinander. Vergessen Sie das nicht!“

„Ich pfeife auf Ihren Vertrag. Wir sind hier im Dschungel und nicht auf irgendeiner märkischen Schafweide! Ich habe keine Lust, hier morgen vor Ihren abgenagten Knochen zu stehen und mich vom Oberst fragen zu lassen, wie ich eine Frau mit einem gebrochenen Fuß unter Jaguaren und Pythonschlangen zurücklassen konnte.“

„Ich habe ja mein Messer“, sagte sie eigensinnig.

  Er lachte sarkastisch und packte die Krücke. „Noch ein Wort“, drohte er, „und ich haue Ihnen das Ding hier über den Schädel!“

„Und dann?“ fragte sie spöttisch.

„Dann binde ich Ihnen Hände und Füße zusammen und schleppe Sie wie ein Pekari nach Hause.“

  „Das würden Sie nicht wagen, oder.“

Er hörte an ihrem Tonfall, dass er gewonnen hatte.

 “Ja“, sagte er. Seinen drohenden Ton noch etwas verstärkend, fügte er hinzu: „Wie ein kleines, dickes Nabelschwein!“

„Wie charmant Sie sein können“, sagte sie.

Trotz ihrer ernsten Lage mussten sie lachen. Sie lachten, als hätten sie den Verstand verloren. Ihre Psyche reagierte mit Hysterie darauf, dass sich nach der ungeheuren Anspannung des vergangenen Tages endlich ein Gefühl der Erleichterung Bahn brechen wollte, aber immerzu neue Widrigkeiten dem entgegenstanden. Ihre Leidensfähigkeit schien nun endgültig erschöpft. War nicht doch alles vergeblich? So lagen sie da und schüttelten sich vor Lachen, bis Maria Behring sich plötzlich wieder aufrichtete und sagte: „Still! Hören Sie nichts?“

  Sander verstummte und stützte sich auf den Ellenbogen. Dann sprang er auf. „Ein Hubschrauber!“ rief er. „Schnell!“ Er lief unter dem Baum hervor auf eine kleine Lichtung und wedelte wild mit den Armen. Maria Behring eilte zu ihm. Wie die Verrückten tanzten sie umher; sie hörten auch dann nicht auf, als der Hubschrauber schon gelandet war. Ihre Bewegungen verlangsamten sich erst, als sich die Tür öffnete und Oberst Gómez herauskletterte.

Der Oberst eilte durch das Gras auf Sander und Maria Behring zu. „Um Himmels willen“, sagte er. „Was ist passiert?“

„Wir hatten einen Unfall“, sagte Maria Behring mit brüchiger Stimme. Dann klappte sie wie in Zeitlupe zusammen; Sander fing sie im letzten Augenblick auf.

  Gómez drehte sich um und brüllte gestikulierend Befehle. Zwei Soldaten eilten mit einer Trage herbei. Sie legten die Bewusstlose darauf und trugen sie in den Hubschrauber.

„Bringen Sie sie nach Cocuy“, sagte Sander, der gesehen hatte, dass der Hubschrauber voll war. „Ich werde hier auf Sie warten.“

„Wo denken Sie hin!“ protestierte der Oberst. „Ich lasse zwei von meinen Leuten hier. Steigen Sie ein! So gesund sehen Sie nicht aus, dass ich Sie guten Gewissens hier zurücklassen könnte.“

  Sander gehorchte. Der Hubschrauber hob ab und ratterte im Tiefflug über den Regenwald. Der Oberst spähte besorgt nach allen Seiten. Erst als sie die unsichtbare Grenze zu Venezuela hinter sich gelassen hatten, entspannte er sich. „Was ist denn passiert?“ fragte er und zerrte eine Kühltasche unter seinem Sitz hervor. Mit einem festen Ruck zog er den Reißverschluss auf. Dann holte er zwei Büchsen Bier heraus und gab Sander eine davon. „Trinken Sie erst einmal. Ich bin wirklich froh, dass ich Sie gefunden habe. Er riss seine Büchse auf. „Worauf warten Sie noch?“

  Sander stieß mit ihm an und schüttete sich das Bier genießerisch in den Mund. Dann sagte er: „Also, es war so –“

  Aber der Oberst ließ ihn nicht ausreden. „Nein, erzählen Sie es mir nicht“, sagte er. „Lassen Sie mich raten. Sie hatten einen Unfall. Plötzlicher Druckverlust im Helium. Mussten eine Notlandung machen. Richtig?“

„Richtig“, sagte Sander.

„Dabei konnten Sie natürlich keine Rücksicht auf Landesgrenzen nehmen. Richtig?“

„Richtig.“

„Als Pilot war es Ihre Pflicht, einen möglichst sicheren PLatz für die Notlandung zu suchen. Richtig?“

„Genauso war es“, sagte Sander.

„Unter diesen Umständen ist es nicht strafbar, eine internationale Grenze zu verletzen. Richtig?“

  Sander trank wieder einen tüchtigen Schluck. „So besagen es die internationalen Luftfahrtbestimmungen.“

  Der Oberst lächelte. „Ich habe mir gleich gedacht, dass es für einen hervorragenden und gesetzestreuen Piloten wie Sie keinen anderen Grund gegeben haben kann ohne offizielle Genehmigung der betreffenden Behörden bei unseren brasilianischen Nachbarn zu landen.“

„Natürlich nicht“, sagte Sander.

„Das wusste ich. Und das Luftschiff? Verloren, nehme ich an.“

„Glauben Sie, dass man es überhaupt jemals wiederfinden wird?“

Sander schüttelte den Kopf. „Bestimmt nicht“, sagte er.

„Ich werde meine brasilianischen Kollegen natürlich trotzdem informieren“, sagte der Oberst. „Auch wenn sie vermutlich nach einer Stecknadel im Heuhaufen suchen werden, nicht wahr? Ich meine, Sie haben doch bestimmt überhaupt keine Ahnung, wo genau Sie eigentlich heruntergegangen sind.“

„Keinen blassen Schimmer. Wenn man versucht, so ein Ding möglichst lange in der Luft zu halten, achtet man nicht mehr so auf Karte und Kompass.“

„Natürlich nicht“, sagte der Oberst sanft. „Ich gratuliere Ihnen, dass Sie das so gut hingekriegt haben. Sie sind wirklich ein ganz hervorragender Pilot.“

„Nun tun Sie mir aber entschieden zuviel der Ehre an“, sagte Sander.

„Nein“, hörten sie plötzlich Maria Behring sagen. „Der Oberst hat ganz recht.“

„Frau Doktor!“ rief der Oberst erfreut durch das Dröhnen des Hubschraubers. „Geht es Ihnen wieder besser?“

„Ich habe gehört, was Sie gesagt, haben“, antwortete sie. „Sie sind wirklich ein sehr kluger Mann.“

„Zuviel der Güte“, wehte der Oberst bescheiden ab.

„Nein“, sagte sie. „Ich muss gestehen, dass ich anfangs… — sie zögerte wirkungsvoll — …gewisse Vorbehalte hatte. Ich meine, nicht gegen Sie als Menschen natürlich, aber gegen diese militärischen Angelegenheiten. Wir Wissenschaftler glauben immer, dass es keiner besonderen intellektuellen Anstrengungen bedürfe, bei der Armee Karriere zu machen. Das ist ein großer Irrtum. Ich wäre froh, wenn es gelänge, einem Mann die Verantwortung für die Sicherheit unserer gesamten Einrichtungen in diesem schönen Erdteil zu übertragen.“

  Der Oberst musste lachen. „Vielen Dank“, erwiderte er. „Aber mich hindert eine lange Familientradition daran, jemand anderem als meinem Land und meinem Land anders als in Uniform zu dienen. Mein Urgroßvater kämpfte unter Simón de Bolivar, 1819 bei Boyacá und 1829 bei Carabobo. Seien Sie trotzdem meiner Dankbarkeit versichert.“

„Hören Sie auf“, sagte sie. „Wir stehen tief in Ihrer Schuld. Sie haben für uns Kopf und Kragen riskiert.“

„Ganz so schlimm war es nicht“, sagt Gómez lächelnd. „Notfalleinsätze auf Territorien jenseits der Grenze sind schon seit 1971 durch ein bilaterales Abkommen zwischen Venezuela und Brasilien gedeckt. Unter ganz bestimmten Voraussetzungen natürlich.“

  Maria Behring richtete sich auf. „Bekomme ich auch ein Bier?“ fragte sie.

  „Aber natürlich. Entschuldigen Sie.“ Der Oberst griff in seine Kühltasche.

  „Wie haben Sie uns denn so schnell gefunden?“ fragte Maria Behring. „Ich meine, eigentlich waren wir doch die ganze Zeit drüben am Rio Manipitari…“

  „Über diesen Wäldern kann man sich ja so leicht verirren“, sagte der Colonel.

„Das stimmt“, erwiderte Maria Behring. Es war ihr klar, dass irgendwo in dem Luftschiff oder ihrer Ausrüstung ein Abhörgerät installiert gewesen sein musste. Aber wo hatten Gómez' Leute die Wanze versteckt? Sie überlegte. Dann kam ihr ein Gedanke. „O nein“, sagte sie.

Sander schaute sie neugierig an.

Maria Behring zog die Lampe aus der Tasche und schraubte den Stab auf. Hinter dem Stromabnehmer klebte ein winziges elektronisches Teil: es war nicht größer als eine Tablette.

„Sie war in der Taschenlampe“, erklärte sie Sander.

„Was denn?“

„Die Wanze?“ fragte der Oberst interessiert. „Zeigen Sie mal.“ Ehe Maria Behring es verhindern konnte, hatte er ihr die kleine Metallhülse aus der Hand genommen.

„Sie haben uns verwanzt!“

Der Oberst reagierte nicht; stattdessen hob er das Minigerät vor die Brille. „Das ist keine Wanze“, stellte er fest.

„Ach!“ sagte sie sarkastisch. „Na, Sie müssen es ja wissen!“

„Ich meine, es ist kein elektronisches Abhörgerät“, präzisierte der Colonel. Es handelt sich vielmehr um einen kleinen, offenbar aber sehr leistungsfähigen Peilsender.“

„Wo ist denn da der Unterschied?“ wollte Maria Behring wissen.

„Ganz einfach“, erklärte Gómez. „Ein Abhörgerät überträgt Töne. Stimmen, Worte. Aber nur über eine begrenzte Entfernung. Meistens ungefähr ein bis zwei Kilometer weit. Dort muss dann ein Aufnahmegerät stehen. Ein Peilsender dagegen strahlt nur ein Dauersignal aus. Dafür aber über sehr große Distanzen. Dadurch kann man ihn genau lokalisieren - und natürlich auch die Person, der man ihn... äh... mitgegeben hat. Ihre Konkurrenz scheint ja in ihren Methoden nicht eben wählerisch zu sein!“ Er spitzte die Lippen und begann ein Lied zu pfeifen.

„Konkurrenz!“ versetzte Maria Behring mit einem abschätzigen Lachen. „Das war keineswegs unsere Konkurrenz!“

„Wer sonst sollte auf so eine Idee kommen?“ fragte der Oberst und ließ das Gerät in seiner Brusttasche verschwinden.

„Jetzt ist ja wohl klar, wem das Ding gehört“, stellte sie fest.

„Wie?“ meinte der Oberst: dann lächelte er. „Aber nein, meine Liebe, wo denken Sie hin! Die Armee hat mit dieser Angelegenheit nicht das Geringste zu tun. Solche Geräte sind in Venezuela illegal, das müssten Sie doch wissen! Es ist deshalb meine Pflicht, es einzuziehen. Möchten Sie Anzeige gegen Unbekannt erstatten?“

  Maria Behring musste lachen. „Wer immer sich das ausgedacht hat, versteht jedenfalls seine Sache. Die Taschenlampe ist so ziemlich das einzige Gerät, das man im Urwald immer bei sich trägt. Weil man sie jederzeit brauchen kann. Zum Beispiel, wenn mal der Stromgenerator ausfällt.“

Der Oberst schmunzelte.

„Ich glaube, wir haben Ihnen mehr zu verdanken, als wir zugeben dürfen“, fügte sie hinzu.

Gómez hob abwehrend die Hand. „Ich habe nur den einen Wunsch, dass Sie die Gastfreundschaft unseres schönen Landes noch recht lange in Anspruch nehmen.“

„Ich danke Ihnen“, sagte Maria Behring.

„Und dann hätte ich noch eine kleine Bitte“, fügte der Oberst hinzu.

„Was immer zu Ihrem... äh, Unfall geführt hat“, sagte der Oberst, „und was immer davor oder danach geschehen ist - reden Sie mit niemandem darüber. Es könnte sonst vielleicht unerfreuliche Verwicklungen geben.“

„Natürlich“, versicherte sie.

„Danke.“ Er zögerte. „Sie werden es ohnehin bald erfahren“, sagte er dann. „Man spricht in der ganzen Gegend über nichts anderes. Die drei Garimpeiros, die uns so viel Ärger gemacht haben, sind gefunden worden.“

„Hat man sie verhaftet?“ fragte Sander geistesgegenwärtig.

„Nein“, antwortete der Oberst. „Sie waren tot. Eine brasilianische Patrouille fand ihre Spuren in der Nähe eines Credo Impacto. Wissen Sie was das ist?“

„Ist das nicht so ein großes Loch im Boden?“ fragte Maria Behring.

„Es ist ein Intrusionskrater“, erklärte der Oberst. „Manche werden einige hundert Meter tief. Bei uns gibt es eine ganze Reihe davon, in Brasilien aber auch ein paar. Man weiß noch nicht genau, was eigentlich passiert ist. Die Gewehre der drei lagen gleich neben einem solchen Cerro Impacto unter einem Strauch. Außerdem gab es Schleifspuren zum Rand des Cerro Impacto. Die Brasilianer haben eine Winde geholt und einige Polizisten abgeseilt. Die drei Verbrecher lagen zerschmettert auf dem Grund. Man hat sie nach Manaus geflogen und dort gerichtsmedizinisch untersucht. Es steht fest, dass sie erschossen wurden, ehe man sie in den Intrusionskrater warf. Vermutlich hatten sie andere Garimpeiros zu überfallen versucht und wurden dabei umgebracht.“

„Höchstwahrscheinlich“, bemerkte Sander.

„Es ist nicht schade um diese Kerle“, fuhr der Oberst fort. „Aber wie gesagt: Wenn Sie etwas gesehen oder etwas gehört haben, behalten Sie es lieber für sich.“

„Natürlich“, sagte Maria Behring. „Wir haben aber weder etwas gesehen noch etwas gehört.“

„Natürlich nicht“, sagte der Oberst.

Nach der Landung in Cocuy ließ Maria Behring sich in die Krankenstation tragen. „Ruhen Sie sich gut aus“, sagte sie zu Sander. „Und vielen Dank für alles.“

„Schon gut“, erwiderte er bescheiden.

Sie nickte ihm zu. „Besuchen Sie mich morgen.“

„Ja“, sagte er.

Er schlug sich in der Kantine den Bauch voll, neugierig beobachtet vom Personal, das sich nicht traute, ihn auszufragen. Dann zog er sich in seinen Container zurück und trank Bier, bis es dunkel wurde. Irgendwann schlief er ein.

  Als er aufwachte, hörte er ein Flugzeug landen. Er schaute aus dem Fenster. Der Rumpf trug die Aufschrift „Deutsche Rettungsflugwacht“.

  Er zog sich frische Sachen an und eilte hinaus. Maria Behring stand an der Gangway des kleinen Jets.

  „Da sind Sie ja“, sagte sie. Ich wollte gerade nach Ihnen schicken. Der Fuß ist leider wirklich gebrochen. Ich lasse ihn lieber gleich in Berlin operieren. In diesem Flieger werde ich bestimmt bestens versorgt.“

  „Sicher“, pflichtete Sander ihr bei.

Sie streckte ihm die Hand hin. „Ich danke Ihnen noch einmal für alles“, sagte sie feierlich. „Ohne Sie wäre das alles… nicht so gut abgegangen.“

Er nahm ihre Hand: sie war so glatt und kühl wie damals bei ihrer ersten Begegnung in der Suite des „Interkontinental Guayana“. „Man tut, was man kann“, sagte er.

Was ist? dachte sie. Wollte er sie denn gar nicht mehr loslassen?

  Sander schaute sie traurig an. „Sie haben uns beiden nicht die geringste Chance gegeben“, sagte er.

  Maria Behring zögerte einige Augenblicke. Dann straffte sie sich. „Nein“, erwiderte sie.

  Er nickte. „Mein Pech“, sagte er und gab ihre Hand frei.

  Wieder schwiegen sie eine Weile. „Es tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Aber es wäre sowieso nichts geworden mit uns beiden; dazu sind wir viel zu verschieden.“

  Sander wusste nicht, was er erwidern sollte.

  „Ich meine, wir sind doch beide nicht die Typen, die heiraten und Kinder kriegen“, fuhr sie fort, um keine peinliche Pause entstehen zu lassen. „Und dann ist da ja auch noch die Firma.“

„Natürlich“, sagte er unglücklich. „Ich verstehe.“

„Sie sind mir auch bestimmt nicht böse?“

„Nein.“

„Ja, dann“, sagte sie. „Also – auf Wiedersehen!“ 

Maria Behring humpelte die Leiter hinauf; Sander schaute ihr nach.

„Kommen Sie denn wieder her?“ rief er ihr zu. „Ich meine, wenn ihr Fuß auskuriert ist?“

„Vielleicht“, erwiderte sie. „Aber bestimmt nicht so bald. Wir wollen erst mal abwarten, wie sich die Regierung hier zu den Ereignissen stellt. Ich meine…“ 

„Da ist nichts zu befürchten“, versetzte er beruhigend. „Gómez wird es schon so hinbiegen, dass niemand erfährt, was wirklich los war.“

„Ja, sicher“, sagte sie. Dann fiel ihr etwas ein. „Hören Sie: Morgen kommt unser Notar aus Caracas und macht mit Ihnen einen neuen Vertrag. Beratende Tätigkeit. Laufzeit drei Jahre. Gleiches Honorar. Dann sind Sie aus dem Gröbsten raus.“

„Lassen Sie nur“, sagte er. „Ich komme schon klar.“

„Sicher?“

„Sicher.“

  Das Flugzeug rollte über die Startbahn, wendete und sauste mit laut dröhnenden Motoren an der kleinen Flugplatzbaracke vorbei. Maria Behring schaute nachdenklich aus dem Fenster. Als Sander in ihr Blickfeld kam, winkte sie ihm zu, obwohl sie wusste, dass er sie nicht sehen konnte. Er winkte nicht.

  Sie drehte vorsichtig den Kopf. Der Arzt und die Krankenschwester waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft; es ging um irgendeinen spannenden Rettungseinsatz in Tansania, mit dem verglichen dieser Trip nach Venezuela offenbar langweiliger Routinekram war. Sie konnte sich vorstellen, wie die beiden dachten. Unglaublich, dass sich diese verwöhnte Ziege wegen eines gebrochenen Fußes von einem ärztlichen Flugrettungsdienst aus Venezuela abholen ließ. Aber wenn sie das nötige Kleingeld hatte...

  Maria Behring lächelte. Über dem Atlantik würde sie ich das Telefon bringen lassen und ihren venezolanischen Notar aufscheuchen. Er würde Sander schon zu überreden wissen, dachte sie. Die meisten Männer waren zu stolz, von einer Frau Geld anzunehmen; unter ihresgleichen aber regelten sie so etwas immer recht vernünftig.

  „He!“ rief sie.

  Arzt und Krankenschwester drehten sich um.

„Ja, Frau Doktor, können wir etwas für sie tun?“ fragte der Arzt.

„Allerdings“, sagte Maria Behring aufgeräumt. „Bringen Sie mir mal einen anständigen Whisky. Und nehmen Sie sich auch selber einen!“

  Er nickte und kam wenig später mit dem Gewünschten zurück.

  Maria Behring nahm das Glas und betrachtete die goldgelbe Flüssigkeit. Möge das Leben gut zu Ihnen sein, Sander, dachte sie. Sie sind ein guter Mensch. Ich trinke auf Sie!

  Sander schaute dem Flugzeug nach, bis es hinter den Wipfeln der Bäume verschwunden war. Noch nie hatte er sich so elend gefühlt.

  Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. Es war Gómez. „Kommen Sie“, sagte der Oberst mitfühlend, „gehen wir etwas trinken. Sie sehen so aus, als könnten Sie einen vertragen.“

 

***

 

Im Wolkenwald war es Abend geworden. Das Zwielicht, des scheidenden Tages hatte begonnen, den Blüten und Blättern die Farbe zu stehlen: was in der hellen Sonne lebensfroh geleuchtet hatte, schien jetzt müde und stumpf, und das alles beherrschende Grün mit seinen vielen hundert Schattierungen verblasste im schwindenden Licht rasch zu gleichförmigem Grau. Es waren jene magischen Minuten, die der Uirapurú, der brasilianische Flötenzaunkönig, mit seinem unvergleichlichen Gesang erfüllte, einem Gesang, der so bezaubernd war, dass in dieser Zeit alle anderen Vögel des Waldes verstummten.

  Der amerikanische Teil des weltumspannenden Bioms, das man den tropischen Regenwald nennt, drehte sich mit der Erdkugel ostwärts, verließ den kosmischen Scheinwerferkegel des Zentralgestirns und tauchte in den Schatten ein, in dem sich die Atmosphäre auf etwa 14 Grad abkühlen würde. Die mikroskopisch kleinen Chlorophyllkraftwerke in den Zellen der Blätter stellten den lebenserzeugenden Produktionsprozess bis zum nächsten Morgen ein. Ein Zwergseidenäffchen schleckte zum letzten Mal für diesen Tag süßen Saft an seiner Zapfstelle in der Rinde einer Leguminose, bevor es sich zum Schlafplatz seiner Horde trollte.

  Wolkenfänger saß auf dem obersten Ast des Axtbrecherbaumes und schaute zu der Stelle hinunter, an der die beiden Teufel mit den Wespenköpfen an ihrem zauberischen Spinnenfaden in die schwarze Höllenwolke hinabgetaucht waren. Die Bewohner des göttlichen Gartens waren in großer Gefahr gewesen, denn beide Satansgehilfen hatten sich schlau verstellt, und fast wäre es ihnen gelungen, die Frucht vom Baum des Lebens zu stehlen. Aber der Herr hatte seine Herde beschützt und die Teufel vertrieben; sie würden nicht wiederkehren, denn ihr Zauberschiff war zerstört und würde für immer an dem Matamatá bleiben, künftigen Generationen zur Warnung und zur Mahnung. Das Paradies war wieder sicher, so wie das Nest des Kolibris an den Zweigen des Korallenbaumes; niemals, niemals würde es anders sein.

 

ENDE

 

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