Andrea Kiewel und die Zunge von Sean Connery

Montag, 23. Dezember 2013

Jessi von TicTacToe geht „unten ohne“, Markus Maria Profitlich mahnt schon zur Morgenstunde: „Ficken!“ Maybrit Illner lobt ihren DDR-Blick und Jörg Kachelmann gibt den „Regen-Rilke”: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmert. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 1 vom 24. Juni 1999 geht es um das Frühstücksfernsehen, auch „Hühnerfutterfernsehen“ genannt. Vorreiter sind 1987 die privaten TV-Sender. ARD und ZDF steigen erst fünf Jahre später ein.

Ein Jung-Moderator mit gepunktetem Schlips fragt im ZDF: “Was haben PKK-Chef Öcalan und die EXPO Hannover gemeinsam? Beide haben nicht den besten Ruf.“ Für RTL saust eine Mittdreißigerin auf einer Rutsche ins Schwimmbecken des Köln-Müngersdorfer Stadions und meldet: „Im Moment baden nur zwei Erpel hier.“ Bei SAT.1 lockt eine Frauenstimme zum Bild eines Ohrringträgers mit Wischmob und Wassereimer: „Stellen Sie sich vor, Sie trinken gemütlich Kaffee, während ein flotter Feger Ihre Wohnung putzt!” Wenn in Deutschland der Morgen dämmert, graut es manchem Zuschauer. Denn ab 5.30 Uhr beginnt das Frühstücks-TV, für das der SAT.1- Redaktionsleiter Bernd Dassel 1997 den Begriff "Hühnerfutterfernsehen” fand.

Die Beschreibung trifft nicht nur den körnchenweisen Informationsgehalt und die häppchenweise Portionierung: Womöglich schwebten dem Wortschöpfer auch Studio-Dekorationen, Kaffeewärmer oder Moderatorinnen vor Augen. Obwohl sich bis zum Finale um 9 Uhr nacheinander bis zu sieben Millionen Menschen vor den Monitoren sammeln (jeder durchschnittlich für 20 Minuten), präsentiert sich der deutsche TV-Frühstart zuweilen, als laufe unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Offener Kanal.

Das Problem liegt beim Personal. Das angestrengte Bemühen um ausgeschlafene Lockerheit bewirkt jenes TV-typische Gequassel, das mit Jetzt-rede-ich-Hektik und Geisterbahn-Humor Pointen von Grabbeltisch-Qualität zeugt: Kurt Lotz, ein Westerwälder im Wegwerflook, aber mit Diplom in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, kommentierte die Zubereitung von Ingwersteaks in der “SAT.1-Genießerküche“ z. B. mit „Nein, das sind keine Kindersteaks und auch keine Indersteaks.“

Kommt nichts aus Kalau, droht oft noch Plumperes. ZDF-Moderator Andreas Klinner, der mit dem gepunkteten Schlips, beschimpfte die Grand-Prix-Siegerin Charlotte Nielsen grobschlächtig als „schwedischen Breitmaulfrosch“.

Fast schon kleine Kunstwerke komödiantischer Inkompetenz dagegen sind die Dialoge der gemischten SAT.1-Doppel, die ihre Kaffeebecher durch eine sperrmüllreife Couchlandschaft schwenken. Andrea Kiewel, eine kompakte Kurzhaarblondine mit Garderobe wie aus der Altkleidersammlung, war einst DDR-Nationalschwimmerin, jetzt kann sie das Wasser nicht halten. Von Shooting-Star Catherine Zeta-Jones („Verlockende Falle”) wusste sie: „Sie hat gesagt, wie gut Sean Connery küsst.“ - Co- Moderator Lotz: „Mit Zunge?“ - Kiewel: „Ganz tief rein.“ - Lotz: „Sean Conne-rein!“

Früh fällt die Gürtelliniengrenze, Anrüchiges ist eher Regel denn Ausnahme. SAT.1-Frühfrau Marlene Lufen, Schauspielerin und Ex-Publizistikstudentin: „Jessi von TicTacToe hat ihren eigenen Geheimtipp für Klamotten im Sommer, einen ziemlich erotischen, sie läuft unten ohne.“ - SAT.1-Morgenmann Andreas Franke, einst Gymnasiallehrer in Hannover: „Es soll einfach ein tierisch gutes Gefühl sein, geil und ein irres Ding, ohne Unterwäsche rumzulaufen, da fahre ich völlig drauf ab.“

Falls das nicht reicht, spielt die Regie schnell mal ein Stück vom nicht jugendfreien Spätabend ein, z. B. aus der SAT.1-„Wochenshow“. Ein Sketch mit Ingolf Lück, Anke Engelke und Markus Maria Profitlich handelte von einem Vergesslichen, dem auf Schritt und Tritt ein professioneller „Merker“ folgt. 1. Szene: Lück kriegt sein Auto nicht in Gang, “Merker” Profitlich rät vom Rücksitz aus: „Kupplung treten!” 2. Szene: Lück kommt aus dem WC, Profitlich alarmiert: „Hose zu!” 3. Szene: Lück und Engelke im Bett - der „Merker” mahnt: „Ficken!”

Die besten Lacher liefert morgens eher unfreiwilliger Humor. Die matrosenbemützte RTL-Wetterfee Maxi Biewer erprobte vor der Müngersdorfer Rutschpartie Sonnenschutz aus der Dose: "Sprays kann man wunderbar auftragen, wenn man nur eine Hand hat.” Wer auf Meteorologisches hoffte, musste sich mit dem Rat begnügen: "Halten Sie die Augen offen, was sich am Himmel tut.” Das steckt auch Gäste an. Im ZDF-Sendeteil „Szene” gestand ein Sänger der Gruppe „Illmatic”: "Der einzige Grund, warum ich auf deutsch rappe, ist, dass die Leute verstehen sollen, was ich sage.”

Frühstücksfernsehen als Talentschuppen oder Sozialstation? Nein - nicht Frührentner begleiten die Nation vom Bett zum Job, sondern Karrieretypen in der Lebensmitte. Beispiele: Maybrit Illner (ZDF), Studentin auf der Leipziger DDR-Kaderschule für kommunistische Journalisten, will das neudeutsche Betroffenheitstimbre der grünen Ex-Bundestagspräsidentin Antje Vollmer imitieren, brachte es bisher aber nur zum leiernden Singsang urlaubsreifer Lufthansa-Stewardessen. Dass sie trotzdem reüssierte und sogar zur Redaktionsleiterin aufstieg, weiß die brünette Berlinerin mit der verkniffenen Sprechkerbe über dem Kinn korrekt zu begründen: „Als Ex-DDR-Bürger habe ich Dinge manchmal anders gesehen und hinterfragt, das hat das ZDF auf mich aufmerksam gemacht.”

Für RTL morgenstundet ein Herr namens Wolfram Kons, Jurist norwegischspanischer Herkunft aus Düsseldorf. Er kann offenbar Einflüsterern nicht entkommen, die ihn auf der Charme-Skala zwischen Clark Gable und Frank Sinatra wähnen. Verbal wirkt er eher banal: Den neuen Trendbikini aus Klebefolie empfahl er mit einem simplen „Kleb dir einen!” Zu importierter Kosmetik aus Hanf fiel ihm das naheliegende „Hanfdampf in allen Gassen” ein, und seinen Meteorologen Bernd Fuchs nennt er noch schlichter „unseren Wetterfuchs”. Von Nachrichten über NATO-Bomben aus Belgrad leitete er zum „News-Quiz” über mit einem donnernden „Jetzt können Sie die ersten Volltreffer des Tages landen.” Privates bleibt außen vor: Mit keiner Miene verrät der kleine Mann, dass er einst mit seiner Wolkenschieberin Maxi Biewer verbandelt war, wie Yellow- Archiven zu entnehmen ist.

Noch konsequenter weiß ARD-Moderator Sven Kunze Privatleben und Profession zu trennen - im Februar ließ er sich im Interview von Bundeskanzler Gerhard Schröder doch tatsächlich sagen: „Schauen Sie, nehmen Sie mich selbst. Ich brauche kein Kindergeld. Ich kann meine Tochter so groß bringen, ohne dass der Staat mir was geben muss.” Kein Zucken verriet dem Zuschauer, dass Schröders Stieftochter Klara (8) die leibliche Tochter Kunzes ist: Der ARD-Mann lebte als Korrespondent in New York bis 1992 mit der späteren Kanzlergattin zusammen.

Dass die Geschichten hinter der Sendung viel spannender sind, gilt nicht nur fürs Frühstücksfernsehen. Doch hier herrscht außerdem noch das rätselhafte Prinzip, dass die farbigsten Figuren stets die blassesten Beiträge bieten. Die republikweit renommierte Beischlafberaterin Erika Berger hütet viel Plaudernswertes im Nähkästchen, darf aber nur Horoskop-Dünnsinn servieren: „Schützen sollten es mit der Treue genauer nehmen. Jungfrauen haben Ärger mit dem Chef.” Der ARD-Meteorologe Jörg Kachelmann wiederum, wegen pseudolyrischer Prognosen „Regen-Rilke” genannt, und der ZDF-Politologe Cherno Jobatey, der für die Mainzer eine multikulturelle Frühschicht fährt, heben ihre besseren Gags für quotenstärkere Sendetermine auf. Kachelmann, Erfinder des Witzwortes „gesäßkalt”, motzt seine Isothermen-Litanei gern jugendsprachlich auf: „Jetzt hat sich der Satellit wieder eingegroovt.”

Mit ihm ringt ein Dreier- Team angestrengt um das Adjektiv „flott”: Inka Schneider gerät trotz eines Diploms in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation rasch ins Verona-Feldbusch-Deutsch: „Heute morgen sind die Bombardements wieder eingesetzt worden.” Co-Moderator Peter Schreiber, besonders heftig auf jung getrimmt, walzt gnadenlos jede platte Pointe aus: „Theo Waigel hat immer noch die alten Augenbrauen.”

Für den Sport stottert der Dortmunder Ohrringträger Peter Großmann, den schon Viersilber wie „Relegation” an den Rand des Zungenbruchs treiben. Dafür lässt er gern Philosophisches auf sein Publikum los: „Beim Sport ist es manchmal auch so, man weiß nicht ganz genau, was drin ist.” Da nicken die roten Gladiolen hinter dem blaugelben Plastikservice auf dem gelben Nierentisch.

Wo Verkäufer schwächeln, müssen Sonderangebote her. SAT.1 verloste zuletzt im Zusammenwirken mit einem Küchentuch-Konzern („Wisch und weg”) sogenannte „putzfreie Tage”, an denen hilfswillige Heinzelmännchen Gewinnerwohnungen wienern: „Wunderschöne Menschen, leicht geschürzt”, versprach Munter-Moderatorin Kiewel. Der als "flotter Feger” gepriesene Ohrringträger hatte allerdings Pech, ihn erwischte eine siebenköpfige Familie in Wandlitz.

Außerdem spielen bei SAT.1 Anrufer im Computerrennen „Super-Ball” auch schon mal um 6666 DM oder antworten - wie bei RTL - auch beim ZDF auf Quizfragen, dort allerdings auf solche, bei denen mancher die Ohren anlegt: „Wer war der Innenminister beim Fluglotsenstreik?” – „Genscher!”

Das Angebot der Bilder ist bunt. Nackte Kicker in Bielefelder Entmüdungsbecken. Pierce Brosnan nach Helikopter-Notlandung beim Beruhigungsbier. Lotz: „Wie trinkt eigentlich James Bond sein Bier, geschüttelt oder gerührt?”

Zum Interview mit zwei Berliner Weltumseglern schnallen Gag-Redakteure der SAT.1-Bulldogge „Helga” eine Haifischflosse auf den Rücken. Andrea Kiewel über die tierische Reaktion: „Sie rülpst und pupst.” Der RTL-„Katastrophenreporter” Dirk Penkwitz provoziert per Einkaufswagen Zusammenstöße und weidet sich am Schrecken der ahnungslosen Opfer: „Geht im Supermarkt eigentlich rechts vor links?”

Natürlich gibt es auch Nachrichten, regelmäßig und in immer neuen Wiederholungen. Dazu wechselt die Sendeleitung seriöseres Personal ein. Bei SAT.1 z.B. Bettina Müller. Ausgerechnet sie bevorzugt strengstes Business-Outfit, dabei war sie mit 14 schon Model und 1990 „Look of the Year”. Aber, ach, auch hier: Ein Report über Hautkrebs zeigt Schwarten und Cellulite. Ein Bericht über Zahnarztphobie führt den angewiderten Blick in blutige Rachenhöhlen. Hund „Helga” sabbert derart, dass sich sogar die nervenstarke Tierfreundin Uschi Glas ekelt.

Der ZDF-Wetterbericht wird von „ASS + C Hexal“ gegen „Schmerzen und Fieber” gesponsert. Der Sprecher des Spots stöhnt so arg, dass erschrockene Zuschauer schlagartig zwei Aspirin einwerfen müssen, was allerdings zu ertragen hilft, dass Meteorologe Gunter Tiersch auf blaugestreiftem Hemd unter rostroter Jacke einen gelben Schlips leuchten lässt.

Da hilft es auch nicht mehr, dass die ZDF-Showschöne Sharon Sawyer in ihrem Film-Tipp aus dem Schocker "Die Mumie” nur Harmloses vorführt. Moderator Christian Sievers, Typ braver Computerspezialist, mosert zwar: „So gruselig fand ich das eben aber nicht!” Doch die behutsame Blondine belehrt ihn: „In dem Film sieht man schon auch Innereien, aber ich wollte nicht, dass jemandem das Frühstücksbrötchen aus dem Mund springt.”

TV im Morgengrauen: Das Frühstücksfernsehen vor 15 Jahren

"Deutschland heute morgen“, SAT.1, Berlin. Montag-Freitag 5.30-9 Uhr. Seit 1987, 280 000 Zuschauer, Marktanteil 22 Prozent.

"Punkt 6”, "Guten Morgen Deutschland”, "Punkt 7”

RTL, Köln. Montag-Freitag 6 Uhr, 6.30 Uhr, 7-7.35 Uhr. Seit 1997. 240 000 Zuschauer, Marktanteil: 18 Prozent.

"Morgenmagazin”, ARD und ZDF. Die Öffentlich-Rechtlichen senden im vierzehntägigen Wechsel. Einschaltquote: 420 000. Zuschauer. Marktanteil: 25 Prozent.Die ARD sendet mit dem Untertitel "Frühstücksfernsehen” aus Köln, das ZDF aus Berlin.

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