Jörg Pilawa und das Pamela-Anderson-Double

Dienstag, 24. Dezember 2013

Vera Int-Veen über Exhibionisten, Sonja Zietlow über Scheibenpinkler: Vor 15 Jahren rollte die Welle der nachmittäglichen Schmuddeltalkshows an. Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was damals über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 2 vom 1. Juli 1999 geht es auch um die Jugendsünden mancher Talkmaster.

Petra, 42, Kinokassiererin aus Berlin, kann von einer Gala Ungewöhnliches berichten: „Ich hatte meinem Mann gesagt, dass er mich um zwei Uhr abholen soll. Um Mitternacht habe ich ihn schon gesehen, wie er da rumläuft und mitfeiert. Es waren auch Stars da, Iris Berben und so, die haben an einem Bistrotisch gegessen und getrunken, die trennte von den Leuten nur so eine Glasscheibe. Und plötzlich gucke ich, da pinkelte mein Mann die Scheibe hoch und runter. Hoch und runter.”

Die Verblüffte zieht den richtigen Schluss: „Irgendwie muss er getrunken haben.” Trotzdem folgt sie ihm ins Auto. Auf der Heimfahrt prügelt der Bezechte so brutal auf seine Frau ein, dass Zeugen die Polizei alarmieren. Das Opfer kommt ins Krankenhaus, der Täter ins Gefängnis. Er bereut so überzeugend, dass das Paar seit vier Jahren wieder zusammenlebt und jetzt als positives Beispiel vorgeführt werden kann - zum Thema „Mein Ex lässt mich nicht in Ruhe”, aufgetischt von SAT.1-Talkmasterin Sonja Zietlow.

Jeden Tag beutet eine Riege heuchlerischer Amateur-Therapeuten die psychischen Probleme ihrer Gäste und die voyeuristischen Neigungen ihrer Zuschauer aus. Wie die beiden Berliner aus dem faulen Zietlow-Zauber geben jeden Tag knapp hundert Talk-Gäste vor Publikum preis, was die meisten Menschen kaum ihren engsten Verwandten gestehen würden. Zwölf deutsche Talk-Shows auf vier Sendern befriedigen mit jeweils einstündigen Seelenstrips die Neugier von täglich knapp zwölf Millionen Zuschauern. System, Methode und Rollenverteilung sind einheitlich: Die Talkmaster sind Gutmenschen, die aber in Wirklichkeit ihre Gäste kaufen, ihre Geschichten türken und Gefühle nur vorspielen. Bevorzugt: Damen um die dreißig. Typus: taff. Stimmlage: quengelig bis schrill. Themen: quer durch den Neurosengarten.

Die Gäste sind zu 70 Prozent arbeitslos, zu 80 Prozent aus dem Osten und zu 90 Prozent wegen der Gage (100 bis 500 DM) gekommen. Fast alle Herren tragen Ohr-, die meisten Mädchen Nasenringe, viele sind tätowiert, beim Outfit überwiegen Punk und Proll. Im Publikum sitzen Verwandte, Sympathisanten, vor allem aber Seelengaffer mit voyeuristischen Neigungen und beschränktem Schamgefühl. Die Totale zeigt das Gesichtsgulasch einer Fankurve. Die meisten treibt das schlichtmenschliche Bedürfnis, einmal ins Fernsehen zu kommen. Garderobe: Altkleidersammlung. Frisur: neudeutsch, entweder Vokuhila (vorne kurz, hinten lang) oder Gulagschnitt.

Der IQ der Eingeladenen erleichtert den Talkmastern zwar, sie zu manipulieren, zwingt aber häufig dazu, Gespräche vorher zu proben. Kernsätze klingen einstudiert, manche müssen in der Sendung mehrmals abgerufen werden, weil der aufgeregte Gast sein Stichwort vergaß.

Die Expedition durch die siechen Psychen des Talk-Personals beginnt um 10 Uhr mit Sabrina Staubitz. RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler unterstellt ihr, dass sie „für Harmonie und Lösungen steht” - zu Unrecht, denn die Münchner Einserabiturientin und studierte Politikwissenschaftlerin liefert reine Rede-Randale. Beim Thema „Mein Mann ist bi” heizt sie den Diskutanten ein, bis ein blonder Schnäuzer brüllt: „Das einzige, was bisexuell ist, ist ein Regenwurm!” Bei „Als Frau hat man eine harte Zeit im Knast” klagt eine Drogenhändlerin: „Die Zelle ist nicht besonders freundlich, es gibt ein hartes Bett.” Noch vor halb elf folgt ein Kurzlehrgang in Knastologie: "Als erstes muss man zum Abpissen, also Urin abgeben.”

Jörg Pilawa, Multiakademiker (Medizin, Geschichte, Politik, Soziologie) aus Hamburg, macht auf netter Nachbar, nennt seine Sendung einen „Plausch über den Gartenzaun” und hofft, dass seine Gäste hinterher sagen: „Gut, dass ich bei Pilawa war.” Seine Show lebt davon, Leute überraschend mit Ex-Partnern zu konfrontieren, vor denen sie aus guten Gründen Reißaus genommen hatten. Besonders peinlich misslingt der vorbereitete Versöhnungsversuch bei einem schwäbischen Pamela-Anderson-Double: Die dralle Blonde möchte nicht zum verlassenen Ehemann, sondern zu Harald Schmidt. „Manche Themen sind so emotional, dass sich die Gäste anschreien”, gibt Pilawa zu, „ab und zu ist das okay” - jedenfalls für die Quote.

Die Mittagsstunde gehört Vera Int-Veen, einer übergewichtigen Ex-Obstverkäuferin aus dem Rheinland, die einst für Rudi Carrells „Herzblatt” das Studiopublikum klatschwarm quatschte. Ihr Erfolg gründet sich auf Themen wie „Exhibitionismus”, „Mein Chef grabscht”, „Kinder vom Strich” oder „Sex, Spiel ohne Grenzen” - Gäste: eine Domina, ein Sklave mit Gasmaske und ein Herr in Windeln. Ihr Credo: „Voyeurismus steckt in jedem von uns. Meine Aufgabe ist es, Dinge zu fragen, die jeder wissen will, aber keiner sich zu fragen traut.”

Die Drohung von Politikern und Medienwächtern, den Schmuddelshows das Mundwerk zu legen, hat die kumpelhafte Talk-Kugel mit der Quetschstimme etwas vorsichtiger gemacht. In „Du hast mir die besten Jahre meines Lebens genommen” fetzen sich zwei gleichfalls überschwere Schwestern auf Hessisch mit ihrer alkoholkranken Mutter. Auch hier bleibt die talktypische Verzeihungssoße ohne Wirkung. Eine Enttäuschte erkennt: „Wenn meine Familie tot wäre, wäre sie nicht mehr da.”

Um 13 Uhr kommen zwei Talk-Damen in direkter Konkurrenz: Auf SAT.1 Sonja Zietlow, auf RTL Ilona Christen. Frau Zietlow, eine Bonner Ex-Animateurin mit Pilotenausbildung und Model-Erfahrung, hat dank ihres Berliner Scheibenpinklers die Nase vorn. Frau Christen, TV-Veteranin und Brillen-Model mit Kneifzangen-Charme, mischt ihren Banalitäten unmotivierte Kühnheiten bei - zu einer 15jährigen Mutter: „Wunschkind oder Kondom gerissen?” Zum Thema „Männer vergewaltigen - das geht doch gar nicht!” bittet sie: „Haben Sie es anders erlebt? Rufen Sie jetzt an, und wir sehen uns im Studio!” Es klappt, die Sendung bietet Proben Volkshumors, z. B. als ein Mann mit Manta-Matte sächselt: „Manche Frauen sehen zwar aus wie Ferraris, haben aber auch dauernd 'ne Panne.”

In der nächsten Stunde folgt ein zweites Damen-Duell: Karalus - Kiesbauer. Birte Karalus, eine Frankfurter Ex-Germanistikstudentin, zeigt typisches Trash-TV, das sich von den Aggressionen Zukurzgekommener nährt. Ihre Plaudermasche: Erst Kontrahenten aufstacheln, dann unter Beifall Frieden stiften. Drei Schwestern aus Mecklenburg-Vorpommern zanken ums ererbte Elternhäuschen: „Da steckt ein Scheißdreck dahinter!” – „Du kotzt mich an!” Dem Zuschauer ist schon lange schlecht, da kann die Talkmasterin ihm noch so verschwörerisch aus ihrem jugendlichen Jeans-Anzug zuplinkern.

Gegen die nassforsche Newcomerin hat Arabella Kiesbauer einen schweren Stand. Ihr Handicap: Sie wurde schon besonders oft von Schwindlern reingelegt, zuletzt gab sich eine 13jährige Ausreißerin als betrogene Ehefrau aus. Tapfer vernimmt die Wienerin mit dem Voodoo-Blick Teenies zu Pubertätsproblemen, z. B.: „Glaub mir doch endlich, ich habe mich geändert!” Die Sprache entspricht dem sozialen Status der Streitenden - zwei gepiercte Herren nach schallendem Versöhnungskuss: „In den letzten Monaten lief alles scheiße” - "Du weißt, dass ziemlich viele Wochenenden im Arsch waren.”

Um 15 Uhr schlägt Andreas Türck, ein Pulliträger der Kategorie Pizzaservice, aus Straftaten Kapital: „Missbraucht. Mein Leben ist zerstört.” Ein Mann berichtet, sein Vater habe ihn jahrelang sexuell misshandelt: „Ich habe neben unserem Kohleofen eine Axt gepackt, habe zugeschlagen, bin verurteilt worden, 18 Monate auf Bewährung.” PRO7 sieht auch so etwas locker: „Bei Andreas Türck wird die Talk-Show zum Happening”, den Zuschauer erwarte „Witz und Optimismus”, es werde "gestaunt und gelacht”.

Türck muss sich gegen Kanalnachbarin Bärbel Schäfer behaupten, eine gelernte Hotelkauffrau aus Bremen, die es mit besonders plumpem Populismus probiert: Andere surfen auf dem Zeitgeist, Schäfer planscht ihm hinterher. Michaela, 21, Zahnlücke, Nasenring, ist sauer auf ihre Tante, die ihr Tagebuch las. Schäfer: „Warum hat sie das denn getan?” – „Sie hat sich eingebildet, dass ich mit dem Freund von ihrer Freundin geschlafen hätte!” – „Und, hast du?” – „Ja.”

Zum Finale um 16 Uhr steigen eine junge Dame und zwei angegraute Herren in den Rede-Ring. Nicole Noevers (spricht sich "Nufers” aus) bittet zu eher harmlosem Partnerplausch, z. B. „Deine Emanzentour nervt. Wann wirst du endlich wieder weiblich?” Die Diplomjournalistin aus Celle hasst angeblich „Hinterlistigkeit und Verlogenheit”, neigt aber zur gleichen zweideutelnden Talk-Tücke wie die Kollegen: „Eine Frau wie du, da stehen doch die Männer stramm, oder?” – „In welcher Beziehung?” – „Oh, das war jetzt aber verfänglich von mir!”

Hans Meiser, ein abgebrochener Germanistik-Student aus dem Teutoburger Wald, wurde als Daily-Talk-Pionier mehrfacher Millionär, neigt aber besonders seit der Trennung von seiner Frau zu vorzeitigem Altmännerschmuddeltum. Beim Thema „Jammer nicht rum - nimm endlich ab!” schlurfen drei doppelzentnerschwere „Sä(x)chsi Girls” aus Dresden in Dessous über die Bühne. Der Talkmaster, Autor eines Buches über den Orgasmus, ruft ins grölende Zuschauergelächter: „Ei verbibsch!”

Menschenverachtender geht nur noch der notorische Anpasser und Anfasser Jürgen Fliege mit seinen Gästen um. Der evangelische Pfarrer, ein besonders gefinkelter Verbschleicher mit Gestik und Redeweise zwischen Vertrauenslehrer und Vertreter, fleddert gutmütige Gesprächspartner ohne Gnade - Branchenspott: „Wie lange muss man tot sein, bis der erste Fliege kommt?” Sogar bei einer einstigen Schulkameradin des Papstes versuchte es der silberlingzüngige Softie auf die fiese Tour: „Da sehe ich einen zehnjährigen Jungen und ein neunjähriges Mädchen. Da ist man doch schon neugierig aufeinander, oder?” Seine Zuschauer verabschiedet der esoterisch erhellte Seelenzocker: „Passen Sie gut auf sich auf!” Für seine eigene Sendung kommt der Rat zu spät, für andere bleibt er aktuell - nicht nur für Talk-Shows.

Schmuddelshows vor 15 Jahren: Die Prozente der Talkoholiker

Zoten-Zar Hans Meiser (52) - peppt seine RTL-Show (16 Uhr) besonders gern mit schmuddeligen Späßen auf. 1,49 Mio. Zuschauer, Marktanteil 21,3 Prozent.

Streitposten Sonja Zietlow (31) - heizt seit 1997 in "Sonja” (SAT. 1, 13 Uhr) vor Publikum Kräche an. 1,22 Mio. Zuschauer, Marktanteil 19,8 Prozent.

Show-Kuppler Jörg Pilawa (33) - bastelt seit 1998 bei SAT.1 (11 Uhr) an alten Beziehungskisten herum. 810.000 Zuschauer, Marktanteil 21,7 Prozent.

Quassel-Model Sabrina Staubitz (30) - jagt seit Januar 1999 für RTL (10 Uhr) nach fremden Intimitäten. 570.000 Zuschauer, Marktanteil 20,5 Prozent.

Kumpelkugel Vera Int-Veen (30) - rollt seit 1996 unerbittlich in "Vera am Mittag” (SAT. 1, 12 Uhr) Privatgeschichten auf. 960.000 Zuschauer, Marktanteil 18,6 Prozent.

Laber-Lady Ilona Christen (47) - fragt seit 1993 als eitle RTL-Lebensberaterin Leute aus (13 Uhr). 730.000 Zuschauer, Marktanteil 11,8 Prozent.

Trash-Diva Birte Karalus (32) - hetzt für RTL (14 Uhr) Todfeinde aufeinander und tut, als will sie versöhnen. 1,32 Mio. Zuschauer, Marktanteil 21 Prozent.

Schwatzgräberin Arabella Kiesbauer (30) - schnüffelt seit 1994 für PRO7 (14 Uhr) in fremden Partnerschaftsproblemen. 870.000 Zuschauer, Marktanteil 14,4 Prozent.

Seelenbohrer Andreas Türck (30) - geht seit 1998 für PRO7 (15 Uhr) fremden Psycho-Nöten auf den Grund. 1,03 Mio. Zuschauer, Marktanteil 17,1 Prozent.

Talk-Petze Nicole Noevers (30) - spricht sich "Nufers”, macht seit März 1999 allzu Vertrauensselige öffentlich naß (PRO7, 16 Uhr). 770.000 Zuschauer, Marktanteil 21,7 Prozent.

Quatschsalber Jürgen Fliege (52) - überredet seit 1994 in der ARD (16 Uhr) Arglose zum Seelenstrip. 880 000 Zuschauer, Marktanteil 12,3 Prozent.

Krawall-Queen Bärbel Schäfer (34) - führt seit 1995 bei RTL (15 Uhr) Konflikte unter Minderbemittelten vor. 1,14 Mio. Zuschauer, Marktanteil 19 Prozent.





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