Warum war Hildegard Hamm-Brücher wirklich gegen Helmut Kohl?

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Ein SPD-Politiker spottet zum Advent über brennende Autos in Kreuzberg, das Ozonloch fördert den Absatz von Hüten: In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Samstag, 11. Dezember 1993.

SAMSTAG

Der „Spiegel" feiert die FDP-Präsidentenkandidatin als „Legende", die am 1. Oktober 1982 „leidenschaftlich gegen den Koalitionsbruch ihrer Partei anredete". „Focus" dagegen zitiert Ohrenzeugen, die gehört haben wollen, dass Hildegard Hamm-Brücher damals nicht die Koalition mit der SPD, sondern ihren Posten im Auswärtigen Amt zu retten versuchte: „Wenn ich wieder Staatsministerin werde, mache ich die Wende mit", soll sie angeboten haben. Erst als der Schacher nicht klappte, habe sie einen „schmerzhaften Gewissenskonflikt" verspürt. Es ist doch gut, dass man sich nicht mehr nur auf ein einziges Nachrichtenmagazin verlassen muss. Deutsches Sprichwort: „Zwei wissen mehr als einer.“

SONNTAG

Nach der Wahlschlappe der CDU in Brandenburg geraten einige Unionsmatrosen in Panik: Sie wollen den Dampfer flottmachen, indem sie den Kapitän über Bord werfen. Die Folgen lassen sich leicht vorhersagen. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff“ (A.D. 1494): „Wir sind all guten Rates bar, / Uns droht des Untergangs Gefahr."

MONTAG

Die SFB-„Abendschau" öffnet einen „Adventskalender", für den Berliner Bezirksbürgermeister gedichtet haben. Der erste Beitrag stammt von Peter Strieder aus Kreuzberg: „Advent, Advent, ein Daimler brennt./Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4 / Dann steht der Staatsschutz vor der Tür." Goethe zu Eckermann: „Denkt man sich... recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es einem oft vor, als wäre diese Welt zum Jüngsten Tage reif."

DIENSTAG

Allgemeine Heiterkeit über eine Bemerkung des Bundeskanzlers in SAT1: „Wenn man jetzt die Statistik anguckt, wie viele Leute montags und freitags krankfeiern, dann müssen wir sagen, es ist ein wahres Wunder, das über die Republik hereingebrochen ist. Binnen zwei Jahren... hat sich doch die Zahl total verändert... Wir hatten doch

schon vor zwei Jahren eine sonderbare Entwicklung: In der Gruppe der 20- bis 30jährigen war viel mehr Krankheit als in der Gruppe der 50jährigen..." Wilhelm Busch: „Man ist ja von Natur kein Engel, / vielmehr ein Welt- und Menschenkind./Und ringsherum ist ein Gedrängel / von solchen, die dasselbe sind."

MITTWOCH

Das Hutgeschäft meldet Zuwächse. Grund: Angst vor dem Ozonloch. Ein Hersteller bietet deshalb eine Kopfbedeckung aus Material mit besonders hoher UV-Absorption an. Slogan: „Gut behütet gegen Strahlung." Werner Mitsch: „Das wichtigste Produkt einer jeden Marktwirtschaft ist der Konsument."

DONNERSTAG

Die derzeit in Deutschland agierenden Stimmungsmacher hat Lichtenberg offenbar schon vor 200 Jahren vorausgesehen: „Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform, er hält den Zustand, in dem sich jetzt alles befindet, für den einzig möglichen, und verhält sich leidend bei allem."

FREITAG

Dezemberfieber: Angesichts drohender Sparbeschlüsse steigern sich viele Staatsdiener in eine sinnlose Ausgaben-Wut, auf dass ihnen nicht etwa Geld in der Kasse zurückbleibe und deshalb 1994 der Etat gekürzt werde. Tucholsky: „Es gibt, um die Bureaukratie zu säubern, nur eines. Jenes eine Wort, das ich nicht hierhersetzen möchte, weil es für die Herrschenden seinen Schauder verloren hat. Dieses Wort bedeutet: Umwälzung. Generalreinigung. Aufräumung. Lüftung."

Anmerkungen

Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher war von 1976 bis 1982 Staatsministerin im Auswärtigen Amt und kandidierte 1994 für das Bundespräsidentenamt.

Bei den Kommunalwahlen in Brandenburg am 5.Dezember 1993 erlitt die CDU eine schwere Schlappe. Grund war vor allem die Zerstrittenheit der Parteiführung: In vier Jahren wechselten sich fünf Parteivorsitzende ab.

Der SPD-Politiker Peter Strieder wurde 1992 zum Bezirksbürgermeister von Berlin-Kreuzberg gewählt, musste das Amt jedoch nach der Berlinwahl 1995 jedoch wieder abgeben, da die SPD im Bezirk ihre Mehrheit verloren hatte. 1996 wurde er Senator für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie im Senat Eberhard Diepgen (CDU) gewählt. 2001 diente er in gleicher Funktion dem SPD-Senat Klaus Wowereit. Nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen über die umstrittene Finanzierung des „Tempodrom“ gab Strieder 2004 den SPD-Landesvorsitz, das Senatsressort und sein Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus auf. Heute ist er Politikberater.

Bundeskanzler war damals Helmut Kohl. Er hatte schon 1982 in seiner ersten Regierungserklärung gesagt: „Wer krankfeiert, ohne krank zu sein, handelt unsolidarisch und unsozial.“



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt