Als der SPD-Manager Verheugen den lieben Gott aus dem Grundgesetz streichen wollte

Dienstag, 24. Dezember 2013

Goethe und der deutsche Fußball, die ARD vergleicht Kohl mit der NSDAP und der SED: In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Freitag, 24. Dezember 93.

SAMSTAG

Fußballspiel USA-Deutschland. Die Amerikaner nur eine bessere „Busfahrer-Truppe" (ihr Kapitän verrät, man lasse zuweilen das Training ausfallen und spiele statt dessen lieber Golf). Trotzdem schaffen die deutschen Weltmeister lediglich drei Tore, davon zwei nach Eckbällen. Das deutsche Sturmspiel wirkt seit längerem wie von Goethe vorausgeahnt - in Faust II heißt es: „Da herrschet Welle auf Welle kraftbegeistert, / Zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet!"

SONNTAG

Bei der Predigt kein Wort über das Verlangen des früheren FDP- und jetzigen SPD-Managers Günter Verheugen, Gott aus dem Grundgesetz zu streichen: Der Vorschlag ist weder neu noch seriös; noch weniger verdient sein Urheber die höheren Weihen der Kanzelschelte. Der Pfarrer folgt dem Rat Wilhelm Buschs, der in „Die fromme Helene" reimt: „Schweigen will ich von Lokalen, / Wo der Böse nächtlich prasst, / Wo im Kreis der Liberalen / Man den Heilgen Vater hasst."

MONTAG

Zum Ergebnis der Potsdamer OB-Wahl mit dem knappen Sieg der SPD gegen den Kandidaten der in PDS umbenannten SED sagt der brandenburgische Ministerpräsident: Er habe befürchtet, dass die Stadt sonst unregierbar werde. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff“ (A. D. 1494): „Wer guten Weg zeigt andern zwar, / Doch bleibt, wo Sumpf und Pfütze war,/ Der ist der Sinn' und Weisheit bar."

DIENSTAG

Zur Finanzierung der Pflegeversicherung soll nach Vorschlag der SPD als erster Feiertag der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober gestrichen werden. Die Wahl überrascht nicht.

Ein deutsches Sprichwort weiß: „Wie der Glaube, so das Opfer".

MITTWOCH

Der Schauspieler Heinz Rennhack, Hauptdarsteller der ARD-Serie „Trotzki", sagt: „Erst 1000 Jahre NSDAP, dann 40 Jahre SED und jetzt einmal im Monat Kohl auf SAT1." Von ähnlicher Qualität ist die ganze vorgebliche „Comedy"-Reihe. Stanislaw

Jerzy Lee: „Können zu Plattfüßen Sporen getragen werden? Jawohl. Nur sollte man nicht mit ihnen klirren.“

DONNERSTAG

Euripides „Medea" in den Frankfurter Kammerspielen. Die Heldin hat große Wäsche, das Bühnenbild zeigt eine Trümmerlandschaft mit Kakteen. Auf Litfaßsäulen kleben Überschriften aus der „Bild"-Zeitung. Der Chor der korinthischen Frauen sitzt unter einer Stehlampe. Mitten im Gewusel sondert ein Stadtstreicher geräuschvoll Speichel und Nasenschleim ab. Danach verwandelt er sich erst in den Todesboten, dann in Jesus und zum Schluss in Uwe Barschel. Mancher Besucher denkt hinterher an Melchior Grimms Klage: „Wir werden weiser, doch die Zeit, die uns bleibt, kann uns nicht für die kostbare zeit entschädigen, die wir verloren haben.“

FREITAG

Das typische deutsche Weihnachten droht sich auch dieses Jahr auf den Austausch von Geschenken und den geselligen Verzehr von Gänsebraten zu reduzieren, begleitet von sorgenvoller Konversation über die Wirtschaftslage. Der religiöse Sinn des Festes, die Freude über die Ankunft des Erlösers und die daraus gespeiste Zuversicht, ist weiter in Vergessenheit geraten. Das vereinigte Deutschland wurde nicht, wie einst von Lothar de Maizière vermutet, protestantischer, sondern heidnischer. Deshalb trifft Weihnachten 1993 in besonderem Maße Jesaja 33,9 zu: „Das Land liegt kläglich und jämmerlich."

Anmerkungen

Am 18.Dezember 1993 siegte die deutsche Fußballnationalmannschaft in San Francisco mit 3:0.Die Tore schossen Andreas Müller, Stefan Kuntz und Andreas Thom.

Der Politiker Günter Verheugen war erst in der FDP und wann in der SPD. 1999-2010 war er EU-Kommissar. 2006 schadeten ihm Fotos, die ihn „händchenhaltend“ und nackt am Strand von Litauen mit einer Mitarbeiterin abbildeten, die er kurz zuvor zu seiner Büroleiterin befördert hatte. Heute ist er Honorarprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Ministerpräsident in Brandenburg war damals Manfred Stolpe.




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