Kachelmann & Co.: Das Elend der Wetterfrösche

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Barometer-Beauty Maxi Biewer, Iso-Ösi Christian Häckel, Fliegen-Baron Uwe Wesp: Vor 15 Jahren bot die deutsche TV-Meteorologie jede Menge Sprach- und Stilsünden, billige Pseudo-Philosophie und Witze platt wie Watt. Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was damals über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 4 vom 15. Juli 1999 geht es um die Jugendsünden einer beliebten Branche: der Windmacher von der TV-Wetterfront. Zappelig, platt, überdreht. Cumulus circensis. Jahrmarkt der Eitelkeiten. Auf der Strecke blieben Information und Nerven der Zuschauer.

In Köln kriecht ein Chaot im Blaumann durch ein Schrottauto und schildert, wie Eiswürfel in einer Butterdose die Klimaanlage ersetzen. Auf Sylt kündigt ein fröstelnder Yuppie im Morgengrauen an, er werde sich jetzt mit einem Limbo-Tanz wärmen. Und zwischen Mainzer Weinbergen doziert ein Wanderer: „Beim Wetter wird es immer Unzufriedene geben - dem einen ist es zu warm, dem anderen zu kalt, dem dritten zu trocken und dem vierten zu nass...”

...und dem fünften zu dumm. Denn wenn Deutschlands TV-Meteorologen ihrem Publikum Meldung machen, breiten sich auf dem Bildschirm rasch intellektuelle Tiefdruckgebiete aus: Sprach- und Stilsünden, billige Pseudo-Philosophie und Witze platt wie Watt rauben vielen Zuschauern den Nerv, gestikulierende Clowns und hochgestylte Hampelfrauen stören den Blick auf die teuren Karten, der letzte Rest guter Laune geht im seichten Flachsinn-Filmchen unter.

Dabei wird es vom Fernsehvolk durchaus gern gesehen, wenn TV-Sender statt sturer Isothermen-Infos flotte Klima-Kurzweil liefern. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit klaffen Unterschiede wie zwischen Sizilien und Sibirien: Die vermeintlich heißen Sprüche lassen den Zuschauer kalt.

Besonders im Frühstücks-TV zeigt mancher Wetter-Entertainer, dass er in Wirklichkeit ein Antitainer ist. Der RTL-Frühfrosch Bernd Fuchs zum Beispiel, Typ Sonnyboy mit Selbstauslöser, hat in Sylts Surferparadies „Brandenburger Strand” nach der Limbo-Nummer nur noch ein paar morgenmüde Beachvolleyballer sowie den abgedroschenen Spruch zu bieten, am Samstag sei „Grillen absolut angesagt”. Vor lauter Dollerei schlägt seine Zunge selbst in simpelsten Interviews Saltos, dass der Kaffee in der Kanne schwappt.

Seinen ARD-Kollegen Karsten Schwanke, Berufsmeteorologe, aber Typ Ballermann mit Baumschulabschluss, treibt der Drang, Dramatik zu erzeugen, vor der Wetterkarte zu frühsportähnlichen Streck-, Dehn- und Beugeübungen bis an die Schmerzgrenze des Zuschauers. Wärmegrade verkauft er so bedeutungsvoll wie ein Anlageberater Börsenkurse, und wenn er manchmal nicht gleich weiß, wo Irland liegt, lässt ihn der Stress im Straßendeutsch landen: „Drei Tiefdruckgebiete versauen uns das Wetter!”

Wohltuend wirkt nach soviel Windmacherei der milde Museumsführer-Charme von Dr. Katja Horneffer, die im ZDF-Morgenmagazin an Mimik, Gestik und Rhetorik spart. Dafür weist sie fundierte Kenntnisse nach, blendet z. B. persönlich das passende Bild ein, wobei sie die Fernbedienung wie eine Reitpeitsche schwingt. Haltungsnote: 6,0, technische Schwierigkeit: ebenfalls Höchstwert - ihr Kompromiss mit der Einschaltquotenjägerei beschränkt sich auf gelegentliche Umgangssprache: "Noch köchelt unser Sommer ein bisschen auf Sparflamme.”

Das Gegenbeispiel bietet mittags der RTL-Lurch Christian Häckl, ein besonders österreichischer TV-Moderator mit Schmalspur-Schmäh und Eintänzer-Charme. Mit seinen Markenzeichen (sandfarbenes Sakko mit Weste, Silberschlips) wirkt er vor dem schwebenden Globus auf der schwarzen Spirale im Studio wie ein Magier der Meteorolügie. Dabei sind seine Infos korrekt, getreu seinem Motto „erst die eisigen, knallharten Facts, dann der versöhnliche, wärmende Schluss”. Der fällt allerdings wie der gesamte Vortrag dermaßen schmalzig aus, dass sich die Butter auf dem Frühstücksbrötchen erübrigt.

Im ARD-Mittagsmagazin macht sich Anne Lemmer mit wahren Wortungetümen wichtig: „Jetzt haben wir eine klassische Schafskältewetterlage.” Das angestrengte Lächeln könnte aus der „Lindenstraße” stammen, die Witze auch: „Die Kühe im Allgäu geben ab morgen wieder Milch und kein Speiseeis mehr.” Kollisionen mit dem guten Geschmack entkommt sie mitunter um Haaresbreite: „Im Osten ist das Wetter ziemlich besch...eiden.”

Allen stiehlt der Celsius-Chaot Frank Sitter die Schau, der die RTL-News „Punkt 12” mit witzigen Filmchen aufmotzen will: Kaum hat er seine selbstgebastelte Butterdosen-Klimaanlage am Armaturenbrett eines Schrottautos verdrahtet, ritzt er der alten Kiste mit einer Trennscheibe das Dach: „Ich habe mir vorgenommen, meine alte Mühle umzubauen in ein ganz tolles Cabrio!”

Kabarettistischer Kleinkunst kommen Sitters Dialoge mit Moderatorin Katja Burkard nahe, z.B. bei einem physikalischen Experiment. Burkard: „Frank Sitter ist jetzt in einem Aachener Hochspannungslabor. Zwei Fragen: Erstens, was treibst du da? Und zweitens, wird's jetzt gleich spannend?” Sitter: „Hast du dich etwa jemals bei meinem Wetter gelangweilt?... Wenn so ein Blitz herunterfährt, entladen sich gewaltige Spannungsmengen.” Burkard: „Das war wieder ,Schlau mit Punkt 12’”. Vielen Dank, Frank.”

Am Abend zelebriert Jörg Kachelmann das ARD-Wetter zwar wie eine Dichterlesung, liefert aber zu seinen Barometer-News nur Banal-Infos, z. B. „Südpol minus 64 Grad, Bahrain plus 31, also, wir sind in der gemäßigten Zone.” Im ZDF lullt Dieter Walch, der Isobaren-Philosoph aus den Mainzer Weinbergen, sein Publikum mit Allgemeinplätzen ein: „Sonne, Wärme, ab und zu Regen, das ist eigentlich der mitteleuropäische Sommer.”

Bei „SAT.1” verstärkt Andrea Ballschuh durch weiße Hosenanzüge den Eindruck, sie sei Stationsschwester in einer Kinderklinik. Bei „RTL aktuell” schreitet Christina Fleischberger im Model-Walk auf Häckls Spirale und witzelt im bemühten Ton einer Kondomberaterin: „Wie war das Wetter heute in Wetter? Der kleine Ort in der Nähe von Wuppertal bot ebenfalls abwechslungsreiches Sonne-Wolken-Wetter.”

Für die ARD zeigt Sven Plöger Wolkenfelder in dem Stil, in dem ein Trainer an der Tafel Taktik lehrt. Fürs ZDF zieht Dieter Beyer rote Jacken an und lässt Sätze los wie „Bevor Hitze, Sommer und Sonne bei uns Fuß greifen können, ziehen noch einige Wolken über uns weg.”

Wetterfrosch Uwe Wesp macht die Fliege, nämlich sich um den Hals. Und Dr. Gunther Tiersch, der promovierte Agrarmeteorologe, hat für „heute” einen Abschiedsspruch ersonnen, den er nun jeden Abend wiederholt: „Machen Sie's gut.” Ja, wieso denn wir?

Klima-Clowns und Wetter-Feen

Meteoro-Model

Maxi Biewer (34) erlernte in Berlin die Schauspielkunst, wählte dann aber statt der Bretter das Wetter und deklamiert seit sechs Jahren als Barometer-Beauty in der RTL-Frühschicht Niederschläge und Temperaturen. Kennzeichen: Business-Look, viel Kosmetik, Auftreten wie Avon-Beraterin. Besonders wichtige Infos unterstreicht sie durch leichtes Wippen. Tollkühne Sprachbilder: „In Osteuropa schießen die Gewitter wie Pilze aus der Erde”

Klima-Clown

Frank Sitter (31) studierte Technische Chemie in Paderborn, denkt sich jeden Tag für RTL eine lustige Wettergeschichte aus. Besonderes Kennzeichen: Hemden, bei deren Anblick jeder Blindenhund knurrt. Zitat: „Bei solchem Sommerwetter fehlt mir einfach der Antrieb, und deshalb habe ich mich auf dem Schrottplatz umgesehen und habe hier so einen neuen Zahnriemen gefunden, und vielleicht kriegen wir es damit ja auf Schwung gebracht”

Iso-Ösi

Christian Häckl (35) kurvt für RTL durch das Labyrinth der Isobaren und Isothermen (Linien gleichen Luftdrucks und gleicher Temperatur). Kennzeichen: Mimik und Gestik wie Möchtegern-Copperfield. Sakko, Weste und Schlips Marke Gigolo. Nervtötender Höhlen-Humor, z. B. „Die polare Gänsehaut trifft vor allem die Bergvölker”, dazu Gags von vorgestern („Flachland-Tiroler”) und Billig-Banalitäten: „Später Schnee tut den Pflanzen weh”

 

Sabbelphilipp

Karsten Schwanke (29) tapezierte schon sein Kinderzimmer im brandenburgischen Ziesar mit Landkarten, wurde später in Potsdam Meteorologe, zappelt heute immer noch infantil durchs ARD-Morgenmagazin: Hampelei wie Chaos-Trainer an der Außenlinie, dazu viel künstliche Dramatik: „Das Grauen am Alpenrand.” Kleidung: Altkleidersammlung. Redeweise: Rasselt seine Werte runter wie ein Auktionator die Schweinepreise. Zitat: „Diese Wolken sind ziemlich dumm.”

Fliegen-Baron

Uwe Wesp (57) ist Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst und der Grandseigneur unter den TV-Wetterfröschen, gibt ZDF-Zuschauern schon seit 1975 Sonne und Regen kund. Hasst „Showeinlagen und Hampelei”. Sparsame Beschwichtigungsgesten. Besonderes Kennzeichen: Fliege. Erscheinung wie zerstreuter Professor, Tonfall wie Norbert Blüm, Sprache Anno dunnemals, z. B. „Deutschland liegt flächendeckend unter einer Regenfront”

Wolkerei-Genossin

Andrea Ballschuh (27) fing mit elf Jahren in Berlin als Kinderansagerin beim DDR-Fernsehen an, ging nach dem Abitur als Au-pair-Mädchen nach Los Angeles. Serviert seit 1997 für SAT.1 das Wetter als wolkigen Mix aus Gute-Laune-Sprüchen und Durchhalteparolen. Kennzeichen: müheloses Dauerlächeln, viel Herumgewusel vor der Wetterkarte, ab und zu Zeigefinger. Sonnige Tips, z. B. „Es bleibt sommerlich warm, Sie können etwas mehr Haut zeigen”

Snow-Master

Jörg Kachelmann (40), Diplom-Meteorologe aus Basel, entstaubte 1994 das ARD-Wetter, wurde dann übermütig und wollte Showmaster werden. Fiel mit „Einer wird gewinnen” abendfüllend auf die Nase. Seither kommt nur noch alter Schnee. Besonderes Kennzeichen: Billiger Populismus, will sich bei den Frauen anwanzen, indem er Tiefs neuerdings keine weiblichen, sondern nur noch männliche Namen gibt. Statt Gags Banalitäten, z. B. „Die Welt steht nicht still.”

 



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