Frauke Ludowig & Co.: Horror, Sex und Monstrositäten

Freitag, 27. Dezember 2013

Günther Jauchs mathematische Krawattenknoten, Nina Ruge als Wackeldackel, Birgit Schrowanges Biedercharme: Vor 15 Jahren bot der deutsche TV-Boulevard echtes Asphaltfernsehen. Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was damals über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 5 vom 22. Juli 1999 ging es um den ganz alltäglichen Quoten-Kampf mit Blut und Busen, Sensationen und Perversionen,Schicksalsausbeutung und Schlüsselllochguckerei.

Ein britischer Bauarbeiter entblößt, was nach einem Unfall am Zementmischer von seinen Geschlechtsteilen übrigblieb - Kommentar: „Die rotierende Maschine hat ihm das Glied und die Hoden regelrecht abgerissen.” Ein Stimmungssänger hampelt durch ein Haarstudio und grölt einen Reim, der absichtsvoll gar keiner ist: „Nackte Frisösen, mit richtig feuchten Haaren!” Der Geliebte einer Mutter, die zwei Kinder verdursten ließ, bricht vor der Kamera in Tränen aus. Philippinische Liliputaner werfen Basketbälle, behinderte Models führen transparente Blusen vor, und Kriminalisten zeigen im Detail, wie ein Psychopath seine Ehefrau und das ungeborene Baby zerstückelte.

Jeden Tag setzen Deutschlands schlimmste TV-Verunstalter ihrem Publikum ein Panoptikum aus Horror, Sex und Monstrositäten vor. Quotenjäger versorgen voyeuristische Neugier mit einem journalistischen Unrat, den keine Zeitung drucken dürfte.

Das Blut-und-Hoden-Programm nennt sich zwar Boulevard-TV, hat aber mit der lebensfrohen Beschwingtheit weltstädtischer Prachtstraßen so viel zu tun wie ein Mülleimer mit einem Champagnerglas.

Die Unterschiede zwischen den vorgeblich seriösen öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern sind marginal. In „hallo Deutschland” zeigte das ZDF zum Vergewaltigungs-Vorwurf gegen einen badischen Gefängnisdirektor genauso nachgestellte Fernseh-Bilder einer grabschenden Uniformierten-Hand an prallem Frauen-Po, wie sie die selbsternannten Mainzer Saubermännchen gern bei der kommerziellen Konkurrenz beklagen. Einen Unterschied machte höchstens der politisch verquaste Kommentar: „Die Menschenrechte gelten auch und gerade im Gefängnis!” Ansonsten sind Mischung und Methoden sich überall gleich. Typische Elemente:

Schicksalsausbeutung. Vorgeblich, um andere zu warnen oder den Betroffenen zu helfen, heuchelt mancher TV-Macher Opfern so lange Anteilnahme vor, bis Tränen fließen. Der Geliebte der Frau, die ihre Kinder gleichgültig in Frankfurt/Oder verdursten ließ, verlor erst die Beherrschung, als ein RTL-Reporter bohrte: „Gibt's da Trauer?” Dem verstümmelten Bauarbeiter wiederum ent-lockte vermeintlich mitfühlendes Zureden die Aussage, der Penis sei wieder angenäht worden, aber „auf der Toilette spritzt es in alle Richtungen”, und außerdem gebe es „keine morgendliche Erektion mehr, das ist schon blöd.” Danach verhöhnte den Versehrten auch noch ein Krokodils-Kommentar: „Ein hartes Los für einen Mann, der sein Sexualleben bisher genossen hat!”

Scheinheiligkeit. Illegaler Nervenkitzel provoziert den verlogenen Zeigefinger. Milena Preradovic in „Echt wahr” (SAT.1) zu Autorennen Jugendlicher: „Sie verabreden sich hinter vorgehaltener Hand zu ihren infantilen Rasertreffen. Und da alle Fahrer gleich dämlich sind, gewinnt der Schnellste.” Danach regten spektakuläre Bilder ungeniert zum Nachmachen an.

Etikettenschwindel. Im Ratgeberteil wird selten etwas Praktikables, ständig dagegen Absurdes präsentiert, bei „Explosiv” etwa eine „Imageberaterin”, die von der Form des Bauchnabels auf den Charakter schließen will: Flach bedeute offenherzig, tief hingegen undurchschaubar. Neckischer Kommentar: „Die Antwort trifft den Nabel auf den Kopf.” Im Kontrast zu solchem Quatsch gibt sich die Moderation gern amtlich seriös: Meist agieren betont kühle Blondinen - die Farbe des Goldes, wissen Psychologen, erhöht die Glaubwürdigkeit ebenso wie die vorgetäuscht sachliche Schmallippigkeit.

Zurschaustellung. Für Nacktes genügt die banalste Begründung. In „Blitz” holte SAT.1 die sechs Wochen alte Nachricht über eine neue Sonnencreme mit verstellbarem Lichtschutzfaktor aus dem Archiv, um eine nackte Blondine bei der Busen-Behandlung zu zeigen. Soziales Elend im Osten illustrieren fast stets Szenen mit Stripperinnen und Prostituierten, längst kommt auch kein Urlaubsbericht mehr ohne die übliche Busen-Parade aus.

Tricks. Liefert die Wirklichkeit zu wenig, wird nachgeholfen. In „Explosiv” durfte sich ein Maler brüsten, Dauer-Opfer liebestoller Kundinnen zu sein. Dialog: „Was haben Sie in 25 Berufsjahren über die Frauen gelernt?” – „Dass viele verdorben sind. Definitiv verdorben.” Als Dokument dienten getürkte Szenen mit Negligés und Strapsen.

Schlüsselloch-Guckerei. „Exclusiv” erfuhr, dass Sophie Rhys-Jones aus beruflichen Gründen einen Teil der Woche in London wohnen will. Prompt verkündete Frauke Ludowig, eine Jetsetterin der Holzklasse mit dem Souterrain-Charme professioneller Reichenfledderei: „Entlarvt! Prinz Edward und seine Sophie verbringen die Nächte in getrennten Schlafzimmern!” Als Kritikerin wurde eine Kollegin bemüht: „RTL-Moderatorin Barbara Eligmann, seit zwei Jahren verheiratet, will ihren Ehemann Thomas keine Nacht missen.” Die Schauspielerin Jenny Jürgens dagegen erklärte, man müsse „nicht 365 Tage im Jahr die Pobacken aneinanderreiben.” Ludowig: „Ob Schnarchen der Grund ist, dass Edward und Sophie auf Matratzenspiele verzichten?” Die Vorstellungskraft des Zuschauers unterstützte derweil ein halbnacktes Model-Pärchen im Laken-Clinch.

Dazu kommen immer wieder Kostproben des dem Genre eigenen Humors. ZDF-Reporter in „hallo Deutschland” zu einem Ferrari-Besitzer bei einem Konvent der kostspieligen Karossen: „Warum trefft ihr euch am Wörthersee? Weil ihr so viel Kühlwasser braucht?”

Der Themenvorrat scheint schier unerschöpflich. „Blitz” beleuchtet eine ältere Amerikanerin, die ihren Pudel mumifizieren ließ und für sich selbst Gleiches plant. „Die Reporter” führen italienische Teufelsaustreiber vor, „Explosiv” eine australische „Kleinfamilie”, deren Eltern nur 1,07 und 1,27 Meter messen. Der ARD reicht für „Brisant” schon ein Deutscher, der seit Jahren nur noch Schottenrock trägt. Die unvermeidlichen Kinderporno-Fotos aus dem Internet zeigt zuletzt „taff” (PRO 7), das sich auch Tiefkühl-Spermien und Damenbärten widmete.

In „Stern TV” lässt die notorische Mutterherz-Made Günther Jauch schon mal einen Mathematiker Formeln für Krawattenknoten ertüfteln und fragt dabei in launigem Missverstehen eines Fachausdrucks: „Wie berechnet man die harte Potenz?”

Für „Exclusiv” auf RTL nervt Stimmungssänger Mickie Krause mit seinen „Frisösen” ein Haarstudio. Moderatorin Ludowig tut, als wisse sie nicht, dass die Betroffenen den schlichten Gossenhauer vor allem deshalb ablehnen, weil der natürliche Reim zu einem obszönen Wort führt. Stattdessen darf ein Reporter scheinheilig behaupten: „Für viele ist das Lied eine Beleidigung, das Wort Frisöse bedeutet für sie nämlich: Ich bin dumm und blöd.” So wird offensichtlich auch der Zuschauer eingeschätzt - der „Exclusiv”-Kommentar: „Mickie versteht die Aufregung nicht, er singt doch nur ein lustiges Lied.”

Solche Beiträge entlarven die angebliche TV-Wundertüte als Plundertüte, in der das einzig Echte die Macher sind. Bei Nina Ruge fällt auf, dass ihr Kopf bei jedem Wort leise bebt, ganz so wie der eines Wackeldackels auf der Hutablage im Auto. Das ist zwar keine wichtige, aber immerhin eine verlässliche Information.

Die Boulevardiers

News-Lady - Barbara Eligmann (35) aus Ludwigshafen studierte einst „ein Viertelsemester Wirtschaftswissenschaft”, kam mit 22 zum Fernsehen. Seit 1992 „Explosiv” (RTL, täglich 19.10 Uhr, 5 Mio. Zuschauer, Marktanteil 20,3 Prozent). Coole News-Lady der Computerzeit, klinische Professionalität, viel besser als ihre Sendung.

Show-Schranze - Frauke Ludowig (35). Die niedersächsische Fleischerstochter lernte Bankkauffrau, tauschte dann Konto gegen Kameraführung, seit 1995 „Exclusiv” für RTL (täglich 18.30 Uhr, 2,36 Mio. Zuschauer, Marktanteil 16,9 Prozent). Hof- und Doofberichte, Make-up wie von der Leichenkosmetikerin.

Biederfrau - Birgit Schrowange (41), Sauerländische Ex-Anwaltsgehilfin, legt sich schon seit '94 für RTL ins Zeug. In „Extra - Das Magazin” (Dienstag, 22.15 Uhr, 3,3 Mio. Zuschauer, Marktanteil 20,5 Prozent) serviert die Sauberfrau (Branchenspott: „Biggi Schrottzange”) Biedercharme.

Betroffenheits-Krösus - Günther Jauch (43), Ex-Pfadfinder aus Münster/Westfalen, steht schon seit 1990 bei RTL unter einem unglücklichen „Stern TV” (Mittwoch, 22.05 Uhr, 2,9 Mio. Zuschauer, Marktanteil 19 Prozent): Lügen-berichte, von denen er als Chefredakteur nichts ahnte. Passend dazu noch immer unschuldiges Schwiegersohn-Image. Genial!

Zappelitiker - Britta Sander (29) und Steven Gätjen (26). Die Berliner Sportwissenschaftlerin und ihr Co-Moderator, Geburtsort Phoenix, Arizona, machen zwar einen auf „taff” (PRO 7, täglich 17 Uhr, 1,44 Mio. Zuschauer, Marktanteil 8,4 Prozent), nerven aber mit Zungensalat und Zappelitis.

Klatsch-Queen - Nina Ruge (42). Die Münchnerin war früher Gymnasiallehrerin für Deutsch und Biologie in Wolfsburg. Seit 1997 zeigt sie „Leute heute” (ZDF, täglich 17.45 Uhr. 1,78 Mio. Zuschauer, Marktanteil 15,5 Prozent). Markenzeichen: Die hochgezogenen Augenbrauen wirken wie auf die Stirn getackert.



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