Die Welt vor 1000 Jahren

Freitag, 27. Dezember 2013

Wieder einmal steht ein Jahreswechsel an, und auch wir blicken zurück, aber nicht auf 2013, sondern auf eine viel frühere Zeit: jene Epoche, in der unsere europäische Zivilisation begann. In Europa zeigt das Mittelalter sein finsterstes Gesicht. Viele Menschen leiden Hunger, Gewalt geht über Gesetz. Die damals bekannte Welt teilen sechs Großmächte unter sich auf. Und die Globalisierung des Handels hat längst begonnen.

Es ist eine Zeit kühner Unternehmungen und bitterer Not. Seefahrer in winzigen Booten bringen aus unbekannten Meeren phantastische Schätze heim. An Land hungern sich verzweifelte Bauern von Ernte zu Ernte. Kaufleute fahren auf rumpelnden Karren durch Europas Urwälder. Sie handeln mit Sklaven; hatten sie Pech, wurden sie selber welche. Frauen dürfen gebären und sterben; alles andere bestimmt der Mann.

Eine Rückschau auf das Jahr 1013 ist ein Blick in die Anfänge der modernen Zivilisation. Die neue Zeit führt den Menschen nur langsam aus dem Dunkel seiner Unwissenheit. Mancher staunt, dass er überhaupt noch lebt: Weit mehr Abergläubische als heute haben damals angenommen, das Jahr 1000 sei das Datum der Apokalypse. Hysterische Mütter schlugen ihre Kinder tot, um ihnen das Grauen des Weltuntergangs zu ersparen.

Das Dasein ist grausam genug. Das gesamte zehnte Jahrhundert hindurch hat Deutschland in Angst und Schrecken gelebt. An den Küsten, aber auch an den Ufern der großen Ströme zittern die Menschen vor dem Terror der Wikinger. Die Nordmannen brandschatzen Hamburg, Köln und viele andere Städte, bringen die Männer um, vergewaltigen die Frauen und verschleppen die Kinder. Die kühnsten lenkten ihre Knorren unter den furchterregenden Drachenköpfen nach Kiew, Konstantinopel und Kanada.

In den Wäldern wiederum können plötzlich wie aus dem Nichts die räuberische Steppenreiter von der Donau auftauchen. Die Ungarn streifen bis nach Bremen und Basel, plündern Kirchen und Klöster, stecken ganze Dörfer in Brand, ziehen hinter ihren struppigen Pferden Menschenketten her, zusammengebunden wie Vieh.

Auch im Frieden geht Gewalt über Gesetz. Der bewaffnete Adel zwingt die Bauern ins Joch. Grafen und Barone ziehen wie Mafiosi durch die Dörfer, pressen den Wehrlosen Schutzgelder ab und schänden Frauen und Töchter.

Der Familienvater ist in Haus und Hof Herr über Leben und Tod. Fremde gelten als Feinde. Bei Wien packt der Pöbel einen jungen Reisenden und knüpfte den vermeintlichen Spion kurzerhand am nächsten Baum auf. Der Unglückliche heißt Koloman und ist der Sohn eines irischen Königs. Sein Tod als Pilger auf dem Weg nach Palästina macht ihn zum Märtyrer; in späteren, besser gesitteter Zeit wird er heiliggesprochen und Landespatron Österreichs.

Der Alltag birgt Sonderbares. Eselsmilch gilt als Medizin. Obst ist Kleinkindern, Senioren und Rekonvaleszenten verboten. Ein Gericht aus Aal und Käse steht im Verdacht, Heiserkeit zu erzeugen; als probates Gegenmittel gilt ein Liter Wein. Brotrinde darf nicht essen, wer nicht an Depressionen leiden will. Zweihundert Jahre zuvor, als Karl der Große das christliche Abendland gründet, hat der Durchschnitt täglich 6000 Kalorien konsumiert. Jetzt sind es nur noch 2000, viel zu wenig für harte Arbeit auf kargem Feld und kalte Nächte in kaum beheizten Katen.

Besteck ist unbekannt, der Gast bringt sein Messer mit, die Finger dienten als „fünfzinkige Gabel". Weil es den teuren Zucker nur in Apotheken gibt, sorgt Honig für die Süße. Auch in der Liebe: Verliebte bestreichen den nackten Körper mit dem klebrigen Aphrodisiakum, wälzen sich in Weizenmehl, picken die Körner von der Haut, zerstampfen sie im Mörser und kneten den Teig zwischen den Brüsten, bevor sie ihn backen - wer den Laib vom Leib koste, glauben sie, werde vom Zauber zum Kosen gezwungen.

Die Kirche gestattet fleischliche Liebe ausschließlich Eheleuten zu Fortpflanzungszwecken, nachts und auf natürliche Weise. Der Durchschnittsdeutsche liegt seiner Gemahlin einmal pro Woche bei. Mönche verfassen Verzeichnisse des Verbotenen. Im Jahr 1012 zählte Burchard von Worms in seinem „Decretum“ 194 Perversionen auf, von der Sodomie bis zum Sex mit Nonnen.

Dem Klerus fehlt es nicht an praktischer Kenntnis, denn noch ist fast die gesamte Geistlichkeit verheiratet. Im Jahr 964 will Englands Bischof Ethelwold das Zölibat durchsetzen. Er stellt seine Pfarrer vor die Wahl, entweder ihre Frauen oder ihre Jobs zu behalten. Bis auf einen optierten alle für die Ehe.

Die Mode gebietet helle, kräftige Töne. Selbst die Sackkleider der Bauern leuchten in lebhaftem Rot, Blau oder Grün. Frauen weben Stoffe aus Schafwolle oder Flachsleinen, färben sie mit Säften heimischer Pflanzen. Männer und Frauen tragen den gleichen Schnitt.

Der Weg ins Nachbardorf ist gefährlich, denn überall in den Wäldern leben Bären, Wölfe und riesige Stiere. Der Hund ist schon damals der beste Freund des Menschen. Die Hauskatze hingegen muss stets auf der Hut sein, denn ihr Fell war als Decke begehrt; außerdem entstehen aus ihrer Haut besonders haltbare Einbände und Dokumente. Fast jedermann bereichert seinen Speiseplan mit Hirsch, Reh und Hase. Als erstes Opfer rücksichtlosen Naturverbrauchs stirbt der Kranich aus.

Statt Klassen gibt es Stände: Adel, Ritter, Geistlichkeit. Sozialhilfe und Krankenpflege zählen zu den barmherzigen Aufgaben der Kirche. Hilfe findet der Einzelne sonst nur in der Familie. Schutz lässt sich der Landesherr teuer per Steuer bezahlen. Das Arbeitsrecht regeln Zünfte, ohne deren Zustimmung kein Handwerksbetrieb öffnen darf.

Die Justiz straft streng und ungerecht. Auf Abtreibung, Zauberei und Homosexualität steht die Todesstrafe. Unschuld beweist etwa der sogenannte „Kesselfang“, wenn der Angeklagte einen Stein aus kochendem Wasser zieht, ohne sich zu verbrühen. Schwerer gerät die Prüfung für Frauen, die im Verdacht standen, Hexen zu sein. Sie werden gefesselt ins Wasser geworfen. Können sie trotz gebundener Hände schwimmen, sind sie Hexen und werden verbrannt. Können sie es nicht, sind sie unschuldig, aber ertrunken.

Erst um das Jahr 1100 ist das finstere Mittelalter zu Ende, erlebt Westeuropa eine Explosion neuer Technologien, Künste und militärischer Energie. Kreuzritter erobern den Orient, und die Kaufleute der Hanse dringen bis ins Eismeer Sibiriens vor. Die Völker der iberischen Halbinsel am westlichen Rand Europas legen die Grundlagen für die Weltherrschaft ihres Erdteils, die bis heute andauert. Das alles aber ist nur möglich, weil es den Menschen des Jahres 1013 irgendwie gelungen ist, zu überleben.

Der internationale Wirtschaftsverkehr vor 1000 Jahren

Die Transportmittel der Händler

Die Händler des ersten Jahrtausends sind oft Monate unterwegs, um ihre Waren über die Meere oder in Kamelkarawanen oder gar zu Fuß zu den Kunden zu transportieren. Alle sind ständig in Gefahr, der unruhigen See, marodierenden Räuberbanden oder plündernden Wikingern zum Opfer zu fallen.

Wikingerknorr

Das Schiff des Nordens wird zum Transport von Ladung oder Passagieren über lange Distanzen eingesetzt. Ein Knorr kann bis zu 50 Tonnen Getreide oder 30 Kolonisten befördern, die sich mitsamt ihrem Hab und Gut etwa in Irland ansiedeln wollen. Der Rumpf ist aus Kiefern- und Eichenholz, die Segel sind aus Wollstoff und die Taue aus Robben- oder Walrosshaut. Der Knorz ist mehr auf ihre Segel als auf andere Antriebsmöglichkeiten angewiesen. Ein niedriger Kiel ermöglicht leichtes Be- und Entladen in seichten Gewässern.

Arabische Dau

Sie werden aus Teak- und Kokosnusspalmenholz hergestellt - ohne Nägel. Stattdessen schnürt man die Holzbohlen mit Kokosnussseilen zusammen und kalfatert sie mit Wal- oder Haiöl. Dank der dreieckigen Lateinsegel sind sie leichter zu manövrieren als die Schiffe mit viereckigen Segeln.

Chinesische Dschunke

Der erstmals im 4. Jahrhundert v. Chr. eingesetzte Dschunke hat bis zu fünf Masten für ihre viereckigen Schlaufensegel. Jedes Segel ist mit Bambusrohren versteift und kann wie eine venezianische Jalousie gehisst oder gerefft werden. Die Dschunke besitzt keinen Kiel, aber das tiefe und robuste Ruder hält das Schiff auch bei starkem Wind stabil. Der Rumpf besteht aus Teakplanken.

Die sechs großen Mächte vor 1000 Jahren

Die Islamischen Kalifate

Bevölkerung: 60 Millionen

Religion: Islam

Export: Pferde, Silber, Kupfer, Elfenbein

Die islamische Welt ist die erste Zivilisation, die ausgedehnten Handel mit den wichtigsten Reichen Europas, Asien und Afrika treibt. Islamische Händler befahren regelmäßig das Mittelmeer, segeen nach China und durchqueren die Sahara, um Sklaven gegen Seide, Eisen, Team und Kokosnusspalmen einzutauschen.

Das Indische Reich

Bevölkerung: 50 Millionen

Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus

Export: Weihrauch, Gewürze, Edelsteine, Gold, Baumwolle, Holz

Von seinen Nachbarn durch hohe Gebirge isoliert, ist Indien durch Schiffsrouten mit Afrika, dem Mittleren Osten, Südostasien und Indonesien Jahrhunderte lang verbunden. Gewürze aus dieser Region sind in anderen Teilen der Welt sehr gefragt. Zu den Importen gehörten islamisches Silber und chinesische Seide.

Das Wikingerreich

Bevölkerung: 1 bis 2 Millionen

Religion: Nordischer Asenglaube

Export: Sklaven, Felle, Honig, Getreide, Elfenbein, Waffen, Holz

Die Grenze zwischen Handel und Piraterie wird von den Wikingern häufig ignoriert. Von Skandinavien aus fahren sie nach Süden, Westen und Osten, siedeln sich in Nordfrankreich, Britannien, Island, Grönland und Russland anzu.

Das Heilige Römische Reich

Bevölkerung: 35 Millionen

Religion: Christentum

Export: Wein, Holz, Mineralien, Schwerte, Wolle, Sklaven

Obwohl es keine große Handelsmacht ist, sorgt das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unter Otto III. für Stabilität, da es den barbarischen Überfällen vorhergehender Jahrhunderte ein Ende setzt. Die Handelswege sind wieder sicher, die Grundlagen für eine erste wirtschaftliche Blüte Europas gelegt.

Das Byzantinische Reich

Bevölkerung: 20 Millionen

Religion: Christentum

Export: Seide, purpurgefärbte Stoffe, Elfenbein, Luxusgüter

Der Handel wird von der Regierung stark kontrolliert. Byzantinische Kaufleute dürfen nur auf Reichsgebiet aktiv werden. Ausländische Händler bringen Gewürze, Parfüm und Edelsteine aus der islamischen Welt, Sklaven, Felle und Wachs aus Russland zum Bosporus.

Das Song-Reich

Bevölkerung: 75 Millionen

Religion: Buddhismus; Konfuzianismus.

Export: Porzellan, Seide, Tee, Jade.

Der Innen- und Außenhandel Chinas erfährt in dieser Periode einen Aufschwung. Seit der Kompass erfunden ist, reisen Händler lieber über See als auf der gefährlichen „Seidenstraße“.

Die größten Städte des Mittelalters

Einige der damals größten Städte Europas sind immer noch urbane Zentren, aber keine blieb unter den 15 größten von heute.

Córdoba
Bevölkerung: 450.000
Die größte und wohlhabendste Stadt jener Zeit ist damals besonders für Architektur, Handwerk und Wissenschaft berühmt.

Kaifeng
Bevölkerung: 400.000
Durch die Lage am Hoangho profitiert die Stadt von guten Verbindungen zum industriellen Kern des Reiches.

Konstantinopel
Bevölkerung: 300.000
Als strategisches Drehkreuz zwischen Europa und Asien auch ein idealer Handelsplatz.

Angkor
Bevölkerung: 200.000
Gehört heute zu Kambodscha. Die Khmer-Hauptstadt ist vor 1000 Jahren das politische Zentrum Südostasiens und ein Hauptumschlagplatz für Reis.

Kyoto
Bevölkerung: 175.000
Als japanische Hauptstadt seit dem späten 8. Jahrhundert ist Kyoto ein religiöses und kulturelles Zentrum, auch bekannt für Seidenarbeiten.

Kairo
Bevölkerung: 135.000
Als Hauptstadt der Fatimiden-Dynastie glänzt Kairo mit vielen Büchereien und Universitäten.

Bagdad
Bevölkerung: 125.000
Die Hauptstadt der Abassiden-Kalifate ist im Jahre 1000 als intellektuelles Zentrum der Welt berühmt. Der persische Einfluss prägt Architektur, Literatur und Rechtswesen.

Neyshabur
Bevölkerung: 125.000
Gehört heute zum Iran. Eine der fortschrittlichsten Städte Persiens. Hauptquelle des Reichtums: Türkise.

Al Hasa
Bevölkerung: 110.000
Gehört heute zu Saudi-Arabien. Al Hasa ist das Zentrum der Karmatianen-Bewegung, eines radikalen Flügels der schiitischen Muslim-Sekte.

Anhilvada
Bevölkerung: 100.000
Gehört heute zu Indien. Seine Größe verdankt Anhilvada vor allem den Handelswegen auf seinen Flüssen.

Rayy
Bevölkerung: 100.000
In der Nähe des heutigen Teheran. Die Stadt ist für ihre hervorragenden Seiden und Keramiken berühmt und gilt als außergewöhnlich schön.

Isfahan
Bevölkerung: 100.000
Gehört heute zum Iran. Hoch auf einer fruchtbaren Ebene gelegen, profitierte die Stadt von besonders hochwertigem Getreide.

Sevilla
Bevölkerung: 90.000
Eine der reichsten und kultiviertesten Städte des muslimischen Staates Andalusien, berühmt für ihre Wissenschaftler und Künstler aus.

Dali
Bevölkerung: 90.000
Gehört heute zu China. Der feine Marmor. der damals überall für Gebäude und Skulpturen begehrt ist, wird dort noch heuite abgebaut.

Thanjavur
Bevölkerung: 90.000
Einst Hauptstadt der indischen Chola-Dynastie ist König Rajaraja baute einen gewaltigen Tempel zu Ehren der Gottheit Schiwa.
Die stärksten „Lastwagen“ vor 1000 Jahren

Wüstenschiffe

Kamele tragen Lasten von bis zu 300 Kilo, kommen bis zu einer Woche lang ohne Futter und Wasser aus. Karawanen schaffen täglich bis zu 45 Kilometer. Die Kamele werden an Nasenringen geführt und marschierten in kleinen Gruppen von ungefähr sechs Tieren.

Bukht

Mischung aus dem einhöckrigen Dromedar und dem zweihöckrigen Kamel, speziell für den Karawaneneinsatz gezüchtet. Auch sie haben nur einen Höcker, manchmal mit einer kleinen Teilung. Heute leben Bukhts noch in Kasachstan.

Die wichtigsten Handelsgüter des Mittelalters

Gewürze: Pfeffer aus Indien und Zimt, Gewürznelken und Muskatnuss aus Ostasien sind im Mittelalter ebenso wie Gewürze, Parfüm, Weihrauch und Medizin extrem teuer.

Gold: Islamische Golddinare sind im Mittelalter das häufigste Münzgeld für den internationalen Handel.

Holz: Wegen seiner Resistenz gegenüber „Seewürmern“ (Bohrmuscheln) ist Teak aus Indien und Südostasien für den Schiffbau damals besonders gefragt.

Porzellan: Die im achten Jahrhundert von den Chinesen erfundenen, empfindlichen Keramiken sind damals nach der Seide das zweitteuerste Exportgut Chinas.Salz: Überwiegend zur Konservierung von Nahrungsmitteln benutzt. Besonders in Afrika sehr wertvoll. In Ghana tauschen arabische Händler es gegen Gold ein.

Seide: Von hohem Wert, aber in Europa damals nur in geringen Mengen verfügbar.

Sklaven: Muslime importieren Sklaven aus Afrika, Zentralasien und Europa. Von den Wikingern in großen Gruppen gefangene Sklaven werden in Dublin, dem größten Sklavenmarkt Nordeuropas, verkauft.

 

 



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