Der SPD-Denkzettel von 2003

Freitag, 27. Dezember 2013

Olaf Scholz nur 52 Prozent, Hans Eichel flaue 61 Prozent, selbst Gerhard Schröder bekommt einen mit: In POLITIK RETRO zeigen politische Kolumnen aus früheren Jahren, welche Themen damals die Republik bewegten. Heute: 25. November 2003. Damals hatte Bundeskanzler Schröder einen radikalen Reformkurs eingeschlagen. Die Reaktionen waren ähnlich wie zuletzt beim Mitgliederentscheid zur Großen Koalition: Die Praktiker wurden abgestraft.

Mein Freund, der Kanzlerberater, hatte sich seit dem SPD-Parteitag nicht mehr sehen lassen. Gestern kam er plötzlich mal wieder vorbei. Er litt noch immer unter den Nachwirkungen und sah gar nicht gut aus.

"Eine Katastrophe!", legte er gleich beim ersten Whisky los. "Unser armer Olaf Scholz, nur 52 Prozent!"

Ich sah, der Mann brauchte dringend Trost. "52 Prozent ist wirklich nicht toll", sagte ich deshalb mitfühlend, "aber doch immerhin doppelt so viel, wie eure Partei in Umfragen hat!"

Das schien ihn nicht recht zu überzeugen. "Aber der Eichel Hans: auch bloß gerade mal 61 Prozent..."

"Was willst du?", wandte ich ein. "Das ist doch fast so viel wie Stoiber in Bayern!"

Er guckte etwas irritiert. "Und sogar der Gerd selber!", lamentierte er weiter. "Nur 80 Prozent!"

Wenn ich mal tröste, dann tröste ich auch richtig. "Deine SPD ist eben eine ehrliche Partei!"

"Ja, das sagst du", erwiderte er, "aber der Gerd sieht das ganz anders. Der ist vor Wut fast ausgerastet, nannte das eine Sauerei..."

"Das musst du positiv sehen", sagte ich. "Kraftausdrücke beweisen Führungsstärke."

"Findest du?", zweifelte er. "Den widerspenstigen Niedersachsen hat er sogar gedroht: Euch mach ich fertig!"

Ich winkte ab: "Ach, die hat er doch schon am 2. Februar erledigt, bei der Landtagswahl!"

Er schaute mich misstrauisch an. "Unsere Leitanträge sind auch alle erst nach massiven Änderungen durchgekommen!", jammerte er dann.

"Mag sein", beruhigte ich, "aber der wichtigste Satz blieb ja doch voll erhalten."

"Ach! Und welcher was das, deiner Meinung nach?"

"Der Satz: ,Die Zukunft ist unvermeidlich'."

Das war ein Tick zu viel. "Du willst mich wohl veräppeln!", sagte er vorwurfsvoll.

"Und wenn?", fragte ich sanft. "Ihr veräppelt uns ja auch die ganze Zeit!"

Das kostet den Rest der Flasche, aber die Wahrheit hat eben ihren Preis...

Anmerkung

Zwei Jahre später beschloss Schröder eine vorzeitige Bundestagswahl, die ihn um sein Amt brachte.



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