Taizé: „Ihr seid auf der Welt, um sie zu verändern"

Samstag, 28. Dezember 2013

Vor zehn Jahren kamen 60.000 junge Pilger aus ganz Europa zum Jugendtreffen nach Hamburg. Welche Erfahrungen machten sie?

Die kleine Eingangshalle im Haus Bethlehem an der Budapester Straße im Hamburger Problemstadtteil St.Pauli hat den architektonischen Reiz einer Bushaltestelle, doch die Heiligenbilder an den Wänden zeigen: Es geht nicht um Fahr-, sondern um Lebenspläne - um die der fünf „Schwestern von Mutter Teresa", die sich in Hamburg seit 1990 um die Ärmsten der Armen kümmern. Um die Obdachlosen, auf die hier nicht nur Suppen warten. Und um die noch etwas unfertigen unter den rund hundert jungen Leute, die vom Taizé-Treff in den Messehallen zu Besuch gekommen sind. „Ihr könnt alle bei uns mitmachen, gern auch nur mal am Wochenende", verspricht Schwester Maric-Claire aus Bayern, „wir haben viele Helfer, und wir brauchen sie."

Der Kurz-Trip in den Sozialdschungel zwischen Kiez und Knast ist eins von zwanzig Thementreffen am zweiten Taizé-Tag zwischen Weihnachten und Silvester 2003. Andere Taizejaner meditieren über „Die Güte ist tiefer als das tiefste Übel", begegnen Behinderten oder zeigen in der Rathauspassage, „wie das Evangelium einen U-Bahn-Schacht verwandelt". Zuvor haben die Sechzigtausend einen Imbiss aus Apfel, Joghurt, Brötchen und Würstchen verdrückt, auf den Beton der Halle 11 hingelagert wie weiland die Jünger am See Genezareth, nur dass die übrig gebliebenen Brotstücke nicht in Körben, sondern in blauen Müllsäcken landen. Sie haben „Halleluja" gesungen und der Predigt eines bescheiden anonym gebliebenen Ordensbruders über die Freude gelauscht: „Was ist es, was jeden von uns am Leben erhält? Freude und Güte des Herzens. Freude ist, wenn Gott durch uns hindurch scheint. Güte ist, wenn wir aus unserem Leben ein offenes Haus für die Menschen machen, denen wir begegnen."

Und sie haben einander von kleinen Wundern des Alltags berichtet: von Kirchenleuten in Rahlstedt, die verzweifelt mit einem Dutzend keiner Fremdsprache kundiger Ukrainern gestikulierten, bis zufällig eine Landsfrau der Weitgereisten um die Ecke bog und sich als Dolmetscherin notverpflichten ließ. Oder von enttäuschten Gastgebern, die vergeblich auf zehn Ungarn gewartet hatten und nach kurzer Klage beim Organisationsstab mehr als getröstet mit fünfzehn Slowaken abzogen.

Singen, Beten, Meditieren und sich auf andere Menschen einlassen sind auch Wege, etwas über sich selbst zu erfahren. Marie-Claire wurde eine Schwester Mutter Teresas, „weil Jesus mich rief. Den jungen Leuten zu ihren Füßen sagt sie: „Ihr seid auf der Welt, um sie zu verändern." Und: “You pray together, you stay together" - im Glauben ist keiner allein.

Das erste Ordenshaus der „kleinen Schwestern“ öffnete 1957 in Kalkutta, das älteste deutsche 1978 in Essen. Die Ordensfrauen stehen jeden Tag um 4.40 Uhr auf. Sie beten und singen auf Englisch, feiern täglich eine Messe. Sie kümmern sich um die Armen, Alten, Kranken und Familien mit Kindern. Ihr Beispiel hat damals viele Teilnehmer der Hamburger Taizé-Tage tief bewegt.

 



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