Südsudan: Im Stammeskrieg ging es nicht immer um Öl

Samstag, 28. Dezember 2013

Der blutige Kampf zwischen Dinka und Nuer hat eine lange Vorgeschichte. Am Anfang stand ein Verteilungskampf um das Wasser des Nils. Damals, vor 35 Jahren, standen die Stämme des Südens noch gegen die Zentralregierung in Khartoum zusammen. Die Reportage aus dem Juni 1978 zeigt die Hintergründe auf. Vor allem die Nuer treiben ihr Vieh bis heute in den Sudd am Weißen Nil.

Im großen Krokodilsumpf soll es trockener werden, denn Ägypten und der Sudan wollen das größte Feuchtgebiet Afrikas anzapfen: Mit achtwöchiger Verspätung werden im August 1978 die Arbeiten am größten Kanalbauprojekt der Welt beginnen: dem Jonglei-Kanal. Durch die Tonerde des südlichen Sudan wird sich dann, jede Stunde 420 Meter weit, ein 21 Meter hoher und 2200 Tonnen schwerer Schaufelradbagger fressen. Er wurde 1968 in Lübeck gebaut und war zuletzt in Pakistan im Einsatz war. Das 1600 Kilowatt starke, 30 Millionen Mark teure Gerät gräbt dem Nil einen neuen, künstlichen Nebenfluss, vier bis sechs Meter tief. Er soll die Bewässerungsprobleme des Sudan, besonders aber Ägyptens lösen.

Von den 84 Milliarden Tonnen Wasser zu, die der Nil alljährlich nordwärts führt, stehen Kairo 55,5 Milliarden zu. Khartum war im Vertrag von 1959 mit 18,5 Milliarden Tonnen zufrieden. 10 Milliarden Tonnen kostbaren Wassers aber verdunsten jährlich in dem riesigen Nasser-Stausee vor Assuan. Allerlei ehrgeizige land- und energiewirtschaftliche Projekte, dazu die rasante Geburtenrate der Fellachen, ließen in beiden Staaten den Wunsch nach mehr Wasser aufkommen. Schon seit der Jahrhundertwende existieren detaillierte Pläne: Es galt, einen riesigen Schwamm auszuwringen.

Dieser Schwamm ist der „Sudd" (arabisch: Hindernis), das mit 100.000 Quadratkilometern größte Feuchtgebiet Afrikas. In diesem Sumpf, von dem ein Drittel ständig mit Wasser, der Rest mit bis zu sechs Meter hohem Schilf bedeckt ist, bleiben die großen Flüsse des Südens (Bahr el Jebel, Bahr el Ghazal und Bahr el Zeraf) durch ihr geringfügiges Gefälle sozusagen „stecken". Jährlich versickern und verdunsten dort 33 Milliarden Tonnen Wasser.

Immerhin 4,67 Milliarden Tonnen soll ab 1981 der neue „Jonglei-Kanal" retten. Seine 52 Meter breite Rinne wird mit 285 Kilometern fast doppelt so lang wie der Suez-Kanal. Sie zweigt bei dem Dorf Jonglei vom Bahr el Jebel ab und führt am Sumpf vorbei, um das wertvolle Wasser schließlich bei der Stadt Malakal, 600 Kilometer südlich von Khartum, in den Weißen Nil zu entlassen.

Allein der parallel dazu laufende Bewässerungskanal wird in der Nachbarschaft, in der heute nur meterhohes Sumpfgras wächst, den Anbau von Reis, Sorghum, Baumwolle und Tabak im Wert von jährlich 80 Millionen Mark ermöglichen. Die Baukosten, mit Dämmen, Schleusen und Straßen umgerechnet 330 Millionen Mark, wollen sich Ägypten und der Sudan ebenso brüderlich teilen wollen wie das Wasser. Der Sudd ist größer als Bayern und Hessen zusammen. Der Jonglei-Kanal wird eine Fläche von der Größe Schleswig-Holsteins fruchtbar machen.

Dennoch kämpft im Südsudan eine schon lange ins Zwielicht geheimer Treffen abgedrängte Opposition gegen Afrikas größtes Projekt. Denn während der arabische Norden des Sudan ebenso wie Ägypten alle Vorteile daraus ziehen wird, müssen die afrikanischen Südsudanesen schwere Nachteile befürchten.

Vor allem die Existenz der rund 500.000 Niloten in der Jonglei-Provinz, die den beiden größten Stämmen des Südens, den Dinka und den Nuer, angehören, scheint gefährdet. Bisher ziehen sie als Nomaden mit ihren zwei Millionen Rindern im Rhythmus der Regen- und Trockenzeiten an den Sumpfrändern entlang. Der Kanal wird für solche Wanderungen ein unüberwindliches Hindernis sein.

Naturschützer sehen zudem durch die teilweise Austrocknung -der Sumpfregion Gefahren für die Tierwelt des Sudan, die mit großen Beständen an Elefanten, weißen Nashörnern, Flusspferden, Krokodilen, Büffeln, Giraffen und Löwen und mit seltensten Arten wie dem schon fast ausgestorbenen Storch „Schuhschnabel" zu den reichsten Afrikas gehört.

Noch schwerwiegender scheinen die Befürchtungen von Ökologen, der Jonglei-Kanal werde den Wasserhaushalt ganz Nordafrikas aus der Balance bringen. Experten der in Nairobi im möglicherweise mitbetroffenen Kenia angesiedelten Umweltschutzorganisation „United Nations Environmental Programme" (UNEP) zeichnen bereits das Schreckensbild eines endgültig verlorenen Sahel: Wenn der Sudan erst ausgetrocknet, Nordkenia verdorrt und der Tschad versandet sei - und all das könne ein durch den Jonglei-Kanal sinkender Grundwasserspiegel bewirken —, dann werde die Sahara durch die absterbenden Regenwälder von Zaire in wenigen Jahren bis zum Kongo vordringen. Die fortschrittsgläubige Regierung in Khartum haben solche Visionen bisher allerdings ebenso wenig beeindrucken können wie die schlimmen Erfahrungen ihrer Kairoer Kollegen mit dem Nasser-Staudamm, der sich aus wasserwirtschaftlicher Sicht immer deutlicher als gigantische Fehlspekulation erweist.

Heute ist das Jonglei-Projekt praktisch tot: 1983 begann der Bürgerkrieg des Südens gegen den Norden, und 1984 wurde der Bau unterbrochen, nachdem bereits 70 Prozent des Kanals fertiggestellt waren. Die Regierung Südsudans hat sich schließlich gegen eine Fortsetzung der Bauarbeiten entschieden. Ägypten setzt sich jedoch immer noch für das Projekt ein. Die zuletzt hart umkämpfte Stadt Bor liegt am Jonglei-Kanal.

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