Als Anke Engelke noch die Aufsteigerin des Jahres war

Sonntag, 29. Dezember 2013

Ingolf Lück über Bundeskanzler Schröder und die Slip-Einlagen. Gaby Kösters Spott über Alice Schwarzer und die Wechseljahre. Dirk Bach und „Barocke Sau vom Bodensee”:Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 7 vom 5. August 1999 ging es um echt und angeblich Lustiges: Humor ist, wenn es lacht und kracht.

Die Situation wirkt alltäglich, der Dialog klingt absurd: „Wo soll die Reise denn hingehen?” fragt der Touristik-Experte den Fremden, der seinen Laden betritt. Antwort: „Auf die Toilette!” Nach kurzer Verblüffung spult der eifrige Verkäufer trotzdem sein Standardprogramm ab: „Raucher oder Nichtraucher? Sind Sie allein? Haben Sie Gepäck? Sind Sie ausreichend versichert?” Der Bedrängte wird immer nervöser: „Ich will doch nur aufs Klo!” Finale: „Ich versuche lediglich, Ihnen zu helfen”, betont der Reiseberater energisch - der plötzlich Erleichterte dankt: „Nicht mehr nötig!”

„Nichts wird dem deutschen Humoristen zum größeren Erlebnis als die Vorgänge der Verdauung”, wusste schon der große Spötter Karl Kraus, obwohl es unser Fernsehen zu seiner Zeit noch gar nicht gab: Der österreichische Satiriker starb 1936 - die meisten der Sketche und Späße neudeutscher TV-Komiker sind viel älter, oder sie wirken wenigstens so.

Wenn Deutschlands selbsternannte Spaßkanonen aufs Zwerchfell ihrer Zuschauer zielen, lösen sie allzu oft das Gegenteil von Gelächter aus: Enttäuschung, Unwillen, Verdruss, Ärger oder Wut. Die Lachsäcke der Nation sind in großer Mehrzahl Trauerklöße. Ausnahmen machen das triste Bild umso schärfer. Zu ihnen zählt die neue Kölner Comedy-Kompresse Anke Engelke, eine Ex-Studentin der Anglistik und Romanistik, die privat „nichts isst, was Vater und Mutter hat”, aber vor der Kamera in Blut watet: „Archäologen haben in Kairo die älteste Schrift der Welt ausgegraben, auf einer Autogrammkarte von Inge Meysel!” Die propere Pointen-Perle mit Mickymaus-Mimik und Steinsägen-Stimme liefert jungen Jux und neuen Nonsens, z. B.: „Rachen-Gold kenne ich, das sind doch diese Kondome.” Außerdem tückische Ratschläge: „Halten Sie die Ohren steif, der Rest kommt schon noch!” oder „Pickel sind die einzige Möglichkeit für Teenager, sich auszudrücken.”

Der Bielefelder Handwerkersohn Ingolf Lück studierte Philosophie, ehe er sein Leben zum Witz machte. Anfangs erlebte der Kleinkünstler mit der Spinnaker-Nase nur Tele-Tiefpunkte („Peng”, „Boing”), wurde dann aber doch nicht wie von Spöttern prophezeit „Zahnbürsten-Reiniger”, sondern Nachfolger Rudi Carrells als Verkünder leicht anrüchiger Nonsens-News: „Unser Bundeskanzler macht jetzt Werbung für Slip-Einlagen. Sie sind wie Schröder: äußerst anpassungsfähig und immer da, wo was los ist.” Oder: „Woran erkennen Sie, dass Sie den falschen Arzt haben? Er kostet Ihre Urinprobe und tauscht mit Biolek Rezepte aus!” Als Sketch-Quirl tobt Lück, am liebsten als Prolo, Irrer oder Taubenzüchter, im Tollhaus-Tempo durch die Kulissen - gute Quoten danken ihm.

Die rheinische Rohnatur Gaby Köster verdiente früher als Telefonistin und Kellnerin ihr Kleingeld. Die so dralle wie drollige Gagschleuder hat den kunstblonden Aldi-Charme einer Manta-Mieze und riskiert am liebsten als Anti-Macho-Haubitze eine dicke Lippe: „Bei manchem Mann muss man nur ganz leicht am Stammbaum rütteln, und schon fallen die Affen alle runter.” – „Alte Männer sind wie alte Weine, irgendwann bröselt der Korken, und dann ist es Essig.” – „Der Durchschnittsmann hat ein Gehirn und zwei Eier, da sind doch die Mehrheitsverhältnisse klar.” Aber sie kannibalisiert auch Co-Emanzen, z. B.: „Wenn ich sehe, wie Alice Schwarzer im Fernsehen Heiterkeit verbreitet, frage ich mich, ob die kritischen Tage der Frau so lange anhalten müssen!”

Die Bayernwäldlerin Sissi Perlinger hat eine Rundum-Ausbildung (Musik, Tanz, Theater) und pries sich früher als „Skurril-En-tertainerin” an, landete aber mit ihren Witzen rasch in der Lachrinne: „Staubsaugen ist wie Meditation, es hat so was Reinigendes.” In ihrer jüngsten ARD-Show liefert die Blödel-Ballerina am liebsten intellektuellen Unsinn („Undank ist der Welpen Lohn”) und zeitgeistige Partnerschafts-Pointen: „Männer und Frauen passen nicht zusammen, außer vielleicht in der Mitte.” – „Für manchen Ehemann braucht man in der Apotheke kein Rezept für Arsen, es genügt völlig, ein Foto zu zeigen.” – „Wir feiern blecherne Hochzeit, fünf Jahre nur Dosenfutter!”

Der frühere Filmmusiker Piet Klocke, ein Typ mit Akopads-Frisur, Ötzi-Teint und Konfirmandenanzug, kam zum Fernsehen, weil er die Kult-Comedy „RTL Samstag Nacht” sah und dachte: Das kann ich auch! Seither versucht er sich als rheinischer Karl Valentin, hat seinen Sympathie-Kredit aber wegen allzu vieler Wiederholungstaten fast verspielt. Zwar gelegentliche Geistesblitze: „Piercing bei Fischen wäre eine prima Sache, für Angler.” – „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich zunächst alle Daueraufträge stornieren.” Aber auch viele Abtörner: „Mieder und Mieder hat der Mensch versucht, sich vom Sex loszusagen.”

Der Bonner Bauernsohn Markus Maria Profitlich, einst Rettungssanitäter bei der Bundeswehr, dann Tischler, hobelt jeder Sendung penibel die Pointen raus. Zur Teilnahme Irans an der Fußball-WM z. B. fiel ihm ein: „In der zweiten Halbzeit wird es schwierig, da spielen alle nur noch auf ein Tor, so gen Mekka!” Der Dicke mit der Deoroller-Frisur drückt bei jedem Lacher die Augen vor, als plage ihn der gleiche Schmerz wie sein Publikum. Dazu Gags wie aus der Geisterbahn: „Warum verbieten die eigentlich Tabakwerbung? Die meisten Raucher kaufen sich doch gar keinen Tabak, sondern Zigaretten!”

Aber auch der Kölner Goldschmiedesohn und Ex-Messdiener Dirk Bach kugelt mit seinem Babuschka-Bauch durch Sendungen, die keiner braucht. Als Krawall-Komiker kennt er nur Zoten („Bier in Gläsern ist wie Vögeln im Dunkeln”) und Doofheiten („Nimmt einer mir mein Mett weg, dann kriegt er gleich sein Fett weg”). Einziger Lichtblick war ein Dialog in „Lukas”: „Hast du mal das Haltbarkeitsdatum auf dem Hackfleisch gesehen? - Nein, und du? - Ich kann es nicht lesen, es ist in Keilschrift!” Lang, lang ist's her. Seither serviert der Stofftiersammler und Träger des Preises „Barocke Sau vom Bodensee” nur Flachsinn, darf aber trotzdem weitermachen, denn im Jeckset sind stets Stellen frei.

Der gelernte Handelsdolmetscher Dieter Hallervorden, genannt „Didi” aus Dessau, sucht Deutschlands Publikum schon seit drei Jahrzehnten in erschütternder Scherzlosigkeit mit Primitiv-Pointen und Simpel-Slapstick heim. Besonders gern zieht er Kollegen durch den Kakao: „Bio-Kartoffeln lassen das Gehirn schrumpfen, das ergab eine Testreihe bei ,Modern Talking’.”

Gern schmuddelt er altmännerhaft unter der Schamgrenze: „Monica Lewinsky will in ihren Memoiren berichten, wie sie ihr Abitur gemacht hat - mündlich!” Noch schlimmer nervt sein Hang zu Polit-Pointe: „Diese intelligenten Raketen, wenn man diese Dinger losschickt, muss da unbedingt vorher eine Sperre rein: Spätestens bei einem IQ von 25 ist Schluss, denn sonst kommt so eine intelligente Rakete ins Grübeln und nimmt Kurs auf das nächste Kreiswehrersatzamt, um den Kriegsdienst zu verweigern.”

Der frühere Uhrenfabrik-Kontrolleur Eddi Arent geht bereits seit 1946 als komische Figur auf das Publikum nieder, nervte als Film-Depp in Karl-May- und Edgar-Wallace-Werken. Nach langen Jahren im harten Pointen-Ping-Pong mit Harald Juhnke wurde der drömelige Danziger jetzt noch einmal aus der Gag-Gruft gehievt, und mit ihm auch sein Repertoire. Sketche mit dem Charme eines Sanitärreinigers, Pointen aus der Altwitzverwertungsanlage, z. B. „Tunten aus Amsterdam”, „Freude, schöner Götterfunken, himmlisches Delirium!” oder „Ich bin aus Yokohama, meine Großväter waren die sieben Samurai. Der achte war ein Bonsai.” Wann darf dieser Mann endlich in die verdiente Rente?

Die Ex-Soziologiestudentin und Familientherapeutin Cordula Stratmann trieb schon 1995 in der ZDF-Plottenparade „MannGold” ihr Unwesen. Unter dem Pseudonym „Melanie” mutete die selbsterklärte „Doris Day von Düsseldorf” dem arglosen Publikum den Comedy-Talk „Sonst gerne” zu. Dabei entpuppte sich die umtriebige Ulkoholikerin als blamabler Blindgänger: Schlafpillen-Satire, Nerv-Nonsens, Langweiler-Witze mit Lachfaktor Null, z. B. "Diese Klausel da, bis dass der Tod euch scheidet”, vielleicht können Sie das ja ein bisschen unkonkreter sagen, weil es muss ja nicht immer der Tod sein.” Amen.

Der Sohn Essener Schreibwarenhändler und Folkwangschüler Diether Krebs bedient seit Jahrzehnten den Billig-Geschmack schlichter TV-Macher-Gemüter mit typischem Promille-Humor. Durchbruch als Schwiegersohn von „Ekel Alfred”, seither nur noch Debil-Witz, Motto „Schlimmer geht's immer”, z. B. mit der Blödel-Ballade „Ich bin der Martin, ne...” Zwischendurch in der Scherz-Senke verschwunden, produziert der grobschlächtige westfälische Witzarbeiter permanent Peinlichkeiten, Späße unter Normal-Null: „Wie heißt das Reh mit Vornamen? Kartofelpü!” Dazu Grabbeltisch-Gags und Fäkalferkelei: „Preise sind wie Hämorrhoiden, irgendwann kriegt sie jeder A...” Diesen Plebs-Krebs bitte sofort behandeln!

Der breigesichtige Ex-Bäcker Wolfgang Völz schließlich geistert seit bald 38 Jahren durch die deutsche Klamauk-Kulisse und hat trotzdem noch nie einen lachfähigen Gag gebacken. Dafür scheut der bierfrohe Berliner keinen Kneipenwitz zwischen Kalau und Küritz an der Knatter. Hält zum guten Geschmack gern mindestens eine Darmlänge Abstand: „Weißt du, was die Steigerung von ,imposant” ist? Im-Po-Sand, im-Hintern-Kies, im-A...-Geröll!” Anerkannter Großmeister des Debil-Dialogs, z. B.: „Gibt es sexuelle Belästigung auch bei der Post?” – „Natürlich, die Kunden kommen doch nur dorthin, um zu lecken!”

Die Liste der witzlosen Lachsäcke, die längst nur noch Konserven-Beifall vom Band belohnt, ist damit nicht zu Ende. Der SAT.1-Schmuddelscherzer Theo West („Voll witzig”) steht mit seinem Spruch „Hat mal jemand eine Nase zum Popeln, meine ist leer” ebenso drauf wie Hella von Sinnen, die kreischende Kalorienbombe mit dem Kölner Karnevalhumor: „Lesbischer Sex ist einfach unproduktiv!”

Und natürlich auch Peer Augustinski, der übereifrige Verkäufer aus dem anrüchigen Reisebüro-Sketch, der zur Zeit auf Nord 3 durch den „Comedy-Club” tingelt und seit seiner Zeit bei „Kabel 1” den Super-GAU des deutschen TV-Humors zu verantworten hat: „Meine Sendung heißt ,Fiktiv” und nicht ,F... tief’!” Hoffen wir, dass bald ein Machtwort des Publikums die Flachwitzler, Pointendiebe und Stimmungstöter für immer vom Bildschirm jagt!

Die Lachsäcke

Mimik-Mirakel: Anke Engelke (33). „Wochenshow”, SAT.1, Samstag, 22 Uhr, seit 1996. 5,25 Mio. Zuschauer, Marktanteil 19,6 Prozent. Krasse Grimassen. Auch herrliche Parodien, z.B. als Pop-Göre „Ricky”. Aufsteigerin des Jahres.

Großklotz: Markus Maria Profitlich (39). „Happiness”, RTL, seit 1997. 1,44 Mio. Zuschauer, Marktanteil 9,5 Prozent. Außerdem „Wochenshow”, „Voll witzig”. Gefürchteter Flachwitzler, nur Gürtellinien-Gags.

Pointen-Pinocchio: Ingolf Lück (41). „Voll witzig”, SAT.1, Sonntag, 22.20 Uhr, seit Januar. 1,93 Mio. Zuschauer, Marktanteil 8,0 Prozent. Außerdem „Wochenshow”-Moderator. Abgedrehte Langnase.

Schrille Scherzdame: Sissi Perlinger (35). „Sissi - die Perlinger-Show”, ARD, Frühjahr 1999, Dienstag, 22.05 Uhr, 2,52 Mio. Zuschauer, Marktanteil 12,3 Prozent. Schlaue Sprüche, viel Verwandlungskunst, aber viel zu oft viel zu albern.

Ulk-Knuddel: Gaby Köster (37). „7 Tage, 7 Köpfe”, RTL, Freitag, 22.15 Uhr, seit Februar 1996. 6,41 Mio. Zuschauer, Marktanteil 25,8 Prozent. Erst Prolo-Tussi, jetzt kölschende Klamauk-Queen. Aber immer die höchste Gagfrequenz.

Irrwitzkopf: Piet Klocke (40). „Köln Comedy Festival”, RTL, Samstag, 0.10 Uhr, seit 1998. 590 000 Zuschauer, Marktanteil 8,6 Prozent. Oft Gast in „7 Tage, 7 Köpfe”. Hat nur eine Masche (abgehacktes Gefasel), Halbwertzeit längst überschritten.

Kneipenclown: Wolfgang Völz (68). „Kanal fatal”, BR, Freitag, 22 Uhr, seit 1995. 290 000 Zuschauer, Marktanteil 1,2 Prozent. Abgehalfterter Kneipenclown mit Gröl-Humor jenseits der Scherzgrenze. Absolut ungenießbar.

Plottenolm: Diether Krebs (52). „Der Dicke und der Belgier” (mit Carry Goossens), SAT.1, Montag, 21.45 Uhr, seit 1998. 2,11 Mio Zuschauer, Marktanteil 7,8 Prozent. Lange weg vom Fenster, nur noch bitterer Brachial-Klamauk & zynische Zoten.

Klamaukermann: Dieter Hallervorden (63). „Hallervordens Spottlight”, ARD, Dienstag, 21.05 Uhr, seit 1994. 3,5 Mio. Zuschauer, Marktanteil 17,8 Prozent. Parteibuch-Polemik statt Pointen-Pepp, Totengräber des TV-Humors. Leise rieselt der Kalk.

Gag-Grufti: Eddi Arent (74). „Nonstop Comedy”, ARD, Dienstag, 21.05 Uhr, seit 1996. 2,65 Mio. Zuschauer, Marktanteil 10,9 Prozent. Der Zwerchfell-Zombie hat seit 50 Jahren den gleichen Humor im Gepäck.

Komik-Kugel: Dirk Bach (38). „Dirk Bach Show”, Super-RTL, Donnerstag, 20.15 Uhr, seit 1992 (damals bei RTL). 730 000 Zuschauer, Marktanteil 2,9 Prozent. Tutige Peinlichkeiten und platte Possen aus der Pointenwüste.

Laberflasche: Cordula Stratmann (36). Gab im Mai ein humorloses Gastspiel mit „Sonst gerne” (ZDF). 2,73 Mio. Zuschauer, Marktanteil 10,4 Prozent. Statt Witz und Wonne gab es nur lahmen Quatschtalk in totaler Pointenfinsternis.



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