Angstparolen in der ARD, Altmänner-Ferkelei im ZDF

Montag, 30. Dezember 2013

Rundfunk-Ayatollah Bednarz, Parteibuchjournalist Ulrich Kienzle, TV-Anakonda Stefan Aust: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 8 vom 12. August 1999 ging es um die TV-Scharfrichter: In Polit-Magazinen sieht das Volk der Dichter und Denker fast nur Richter und Henker

Der Krieg im Kosovo war gewonnen, die ersten Flüchtlinge kehrten zurück, erleichterte Politiker planten bereits den Wiederaufbau, da drückte ein graugesichtiger Griesgram mit dem rasselnden Behagen einer Panzerkette neue Angstparolen ins ARD-Abendprogramm. „Von NATO-Bomben in Brand geschossene Ölraffinerien und Chemiefabriken verseuchen die Luft”, erfuhren erschrockene Zuschauer, „ganze Landstriche auf dem Balkan werden demnächst unbewohnbar sein, auch in Griechenland...”

Neue Flüchtlingsströme, Ägäis-Urlaub ade? Nein - die angebliche Apokalypse, ausgelöst von „amerikanischen” Angriffen, entsprang einer Polit-Neurose des Moderators, die sich vor allem in drei agitatorischen Gleichungen äußert: Soldat = Mörder, NATO = Kriegstreiber, Chemie = Gift.

Das schlimme Schwarz-Weiß dieses schlichten Weltbilds entstammt vergangenen Zeiten: Klaus Bednarz, Moderator des fundamentalistischen Räsonniermagazins „Monitor”, transportiert noch immer die Ideologie der siebziger Jahre, die Stasi-Agenten für Friedensfreunde hielt, Sitzblockaden vor Atomkraftwerken für antifaschistischen Widerstand ausgab und die Rettung der Welt von Sonnenblumen-Projekten aller Art abhängig machte.

Sozialdemokraten wie Bundeskanzler Gerhard Schröder und Grüne wie Joschka Fischer ließen die rotgrünen Nebel jenes Bermuda-Dreiecks zwischen Idealismus, Ideologie und Idiotie längst hinter sich, Moderatoren bei ARD und ZDF aber machen unverdrossen weiter - sie haben nichts anderes gelernt.

Scharfrichter Bednarz, in Falkensee bei Berlin geborener Sohn masurischer Vertriebener, ist ein in Moskau studierter Slawist - und der klammheimliche Chef einer TV-Stasi, die jeden ausspioniert und an den elektronischen Pranger stellt, der gegen das Konformitäts-Gebot einer angeblichen „politischen Korrektheit” zu reden wagt: Dem Andersdenker droht der Bildschirm-Henker.

Die Methode hat in Deutschland Tradition: fragwürdige Beweise, dafür jede Menge Vermutungen und Verdächtigungen, Motto: „Semper aliquid haeret” - irgendwas bleibt immer hängen. Beispiel: Nach der Schießerei des RAF-Terroristen Grams mit BGS-Beamten in Bad Kleinen versuchte Bednarz trotz aller gegenteiligen Ermittlungsergebnisse den Eindruck zu wecken und wachzuhalten, rachsüchtige Polizisten hätten ihr wehrloses Opfer per Kopfschuss aus nächster Nähe ermordet.

Mit dem Blick eines magenkranken Verhörspezialisten und im verbissenen Tonfall eines nordkoreanischen Kaderschmieds bringt Rundfunk-Ayatollah Bednarz seine krude Weltsicht unters Fernsehvolk: Unionschristen seien verlogen, FDP-Liberale korrupt, rechte Sozis Verräter, nur Sozialisten Menschheitsbeglücker, Industrielle aber Ausbeuter, Kraftwerksbetreiber sowieso Zukunftsverbrecher und Gentechnologen allesamt des Teufels.

Die neue Europol diffamierte Bednarz als „riesige Datensammelstelle”, die deutsche Sozialgemeinde als „Wolfsgesellschaft”, die Bundeswehr als Hort vom Rambos. Widerspruch wird nicht geduldet, Berufung ist nicht vorgesehen, das Urteil wird sofort vollstreckt - Politiker wissen: Ist der Ruf erst ruiniert, hat's meist Bednarz inszeniert. Doch das Strickmuster ist auch bei anderen selbsternannten TV-Scharfrichtern beliebt.

Olaf Buhl, ein hessischer Ex-Politikstudent mit linientreuer ZDF-Laufbahn, stellt schon seit Volontärszeiten in jeder Sendung seine parteipolitische Schlagseite zur Schau: einäugige Wahrnehmung, eindimensionale Darstellung im Stil von Urteilsverkündungen eines Großinquisitors. Seine Themen heißen „Ende der Unschuld: NATO-Bomben und Völkerrecht” oder „Wirtschaftsbosse und ihre Subventionen”. Dazu kommt immer wieder Angstmacherei, am liebsten mit dem, was dem Zuschauer lieb ist: bunte Ostereier? Krebsgefahr! Und die populäre Volksmusik fällt neogermanischem Selbsthass zum Opfer: „Deutsche Heimat, röhrende Hirsche... Deutschtümelei.”

Dritter im Bunde ist Stefan Aust, ein Bauernsohn von der Unterelbe und Soziologie-Student: Erst frühgrüner Gesellschaftsveränderer bei der Polit-Postille „Konkret”, dann beim Sexblatt „St.Pauli-Nachrichten” aufklärerischer Vorkämpfer gegen moralinsaure Lustfeindlichkeit, später Kapitalismus-Kritiker bei ARD-„Panorama“ und Bestsellerautor („Der Baader-Meinhof-Komplex”). Heute betreibt Aust die elektronische Denkfernlenkung und doppelsinnige Wortbildnerei schon fast so genialisch wie sein Ziehvater, „Spiegel”-Chef Rudolf Augstein. Kostproben: „Junge Männer, die von der rot-olivgrünen Regierung ins Balkanfeuer geworfen werden”, „Die Bundeswehr auf Schussfahrt”. Feindbilder: CDU/CSU, Amerika, Hightech, aber auch Dealer, Sozialschnorrer, grüne Spinner.

Nimmt Aust eine Auszeit, mimt Mit-Moderatorin Maria Gresz (32) die typisch magazynische Betroffenheit. Die ehrgeizige Eisblondine aus Hamburg, eine abgebrochene Archäologiestudentin, provoziert als coole Kassandra mit hintersinnigen Texten wie von des Meisters Hand. Über CDU-Wahlerfolge: „Der Tiefflug über die hessischen Stammtische hat sich gelohnt.” Über „Wetten, dass..?” auf Mallorca: „Die deutschen Eroberer, jetzt schießen sie mit Stimmungskanonen und Lachsalven.” Über Viagra: „Viele Liebhaber messen ihren Erfolg noch immer in Zentimetern. Je höher die Messlatte, desto größer das Selbstbewusstsein.”

Der Parteibuchjournalist und SPD-Altkader Ulrich Kienzle drängt sich zwar ebenfalls in diese Riege, gehört aber nur zur Leichthohngruppe, obwohl der Neckargröninger Ex-Politologiestudent und langjährige ARD-Afrikakorrespondent immer noch im Stil der siebziger Jahre zu holzen versucht - über die Reichstags-Kuppel spottete er: „Vorwärts Demokraten, wir müssen zurück!”

Dazu kommt viel Altmänner-Ferkelei: „Fußball ist zutiefst frauenfeindlich. Allein schon die Wortwahl: Freistoß. Manndeckung. Voll an die Latte.” In seinem sonst gar nicht unansehnlichen ZDF-Magazin „Frontal” findet der schwäbische Großschnauzer einen kongenialen Gegenpol in dem unionsnahen Bodo H. Hauser, einem Krefelder Schlipsfabrikantensohn mit Schiebedach-Frisur und schrägen Sprüchen, Zitat: „Ich bin sicher, der Populist verspricht seinen Wählern bald Viagra als Wundermittel für den ganz großen Aufschwung. Ein typisches SPD-Rezept: statt die Ärmel hochzukrempeln, lieber die Hosen runterlassen...” Viel Hohn & Spott, doch da dank der Dialog-Form die Henkrichtung der Scharflacher ständig wechselt, ist das Polit-Paar nur eine neue Version von Plisch und Plum.

Seit Patricia Schlesinger als erste Frau „Panorama” moderieren darf, hat die ARD-Traditionssendung weder an Überblick noch Weitsicht gewonnen, denn die einstige Wirtschafts- und Politologiestudentin kennt nur den Horizont der ARD: Ob als frühere „Panorama”-Mitarbeiterin oder als Auslandskorrespondentin in Singapur, die Maßstäbe und Methoden des Gebührenfernsehens prägten sie bis ins biedere Styling. Das wiederum passt so gar nicht zu der geradezu erschütternden Selbstüberschätzung, mit der sich die eitle Eiferin nach Beginn der Luftangriffe gegen Restjugoslawien meldete: „Willkommen zur ersten Panorama-Sendung im Krieg!”

Systematisches Niedermachen aller Andersgläubigen ist die Passion der Scharfzunge - dafür treibt sie das unkritische Lob ihrer Gesinnungslobby bis zur Lachnummer: „In Bonn wird neuerdings regiert”, meinte sie noch Ende Juni, "Entschlusskraft und Führungsstärke bewiesen.” Auch so kann man Exklusivität erreichen, denn außer ihr behauptet so was nur noch der Regierungssprecher. Und der bekommt Geld dafür.

Auch Petra Lidschreiber will den Deutschen unentwegt ins Denkrad greifen, doch im Gegensatz zu ihren parteigeistlichen ARD-Genossen fährt die in München geborene Politologin bevorzugt auf der Mittelspur des Menschenverstandes und verteilt ihre Verdikte nach links und rechts - so, wie es die Ex-ARD-Korrespondentin in New York von US-Kollegen lernte: „Wir wollen Geschichten um Menschen herumstricken und nicht den Anspruch haben, die Welt zu erklären.”

Über Kohls letzten Regierungssprecher spottete sie: „Er kam, sprach und stolperte. Wortminen pflastern seinen Weg.” Grüne Fundamental-Pazifisten wiederum haute sie in die Pfanne: „Es geht nicht um unsere korrekten Positionen, Selbstdarstellung und Selbstbeschau. Wer Völkermord toleriert, rettet vielleicht das eigene Gewissen, aber kein Menschenleben.” Dafür winkt jetzt die Ehrenmitgliedschaft im Verein für deutliche Aussprache.

Von rechts verhängt nur der Bayer Andreas Bönte verbale Prügelstrafen über missliebiges Politvolk: Der Politologe und Soziologe, einst Mitarbeiter von Professor Michael Wolfssohn an der Münchner Bundeswehrhochschule, kennt kein Pardon, wenn es darum geht, zu entlarven, was ihm als linke Lüge erscheint. Dabei wechselt seine Hand zuweilen vom leichten Florett zum schweren Säbel, z. B. als er der SPD-Stakkatozunge Regine Hildebrandt vorhielt: „Man müsse, so die brandenburgische Arbeitsministerin, unterscheiden zwischen der PDS als Partei und den einzelnen PDS-Abgeordneten, mit denen man im öffentlichen Interesse zusammenarbeiten müsse. Ähnliche Worte sollte mal einer im Zusammenhang mit den Republikanern gebrauchen!” Dieser Staatsanwalt der Law-and-Order-Fraktion fordert ausnahmslos Höchststrafen.

Etwas ruhiger geht es bei Polit-Magazinen wie Christiane Gerboths „Focus TV” (PRO 7), Sabine Hingsts „Fakt” (ARD) oder gar Bernhard Nellessens „Report Baden Baden” (ARD) zu, die vor Ausgewogenheit kaum raufen können und deshalb das Publikum ungefähr so erregen wie das Schauspiel des Schneckenschlafs: Auch am Schafott will Schaulust ja nicht Worte wechseln hören, sondern Köpfe rollen sehen.

Das deutsche Polit-Fernsehen bedient diesen Instinkt, weil er den Intentionen der Macher entgegenkommt. Fatale Folge: Das TV-Trommelfeuer aus Hohn und Häme schadet nicht nur dem Ansehen der Politiker, sondern auch der Wahlbeteiligung. Denn wenn Demokraten immer nur niedergemacht werden, profitieren die Radikalen.

Die Polit-Henker

Zoff-Zwillinge: Ulrich Kienzle (63) und Bodo H. Hauser (53) kabbeln sich seit 1993 in „Frontal” (ZDF, Mittwoch 21 Uhr, 3,41 Mio. Zuschauer, Marktanteil 11,2 Prozent). SPD-Mitglied Kienzle spielt den revolutionären Provokateur, Unionsanhänger Hauser hält konservative Balance. Dialog mal top, mal hopp: tausendmal geführt, nichts passiert.

Eis-Blondine: Maria Gresz (32) geht als Abwechslung zu Stefan Aust seit 1989 auf Sendung, mit Kühlschrank-Charme: „Alles, nur nicht lächeln.” Lockerer zeigte sie sich 1992 bei Model-Fotos für Mode-Macher Otto Kern.

Scharfdichter: Olaf Buhl (46) propagiert seine speziellen Ansichten seit 1995 in „Kennzeichen D” (ZDF, Mittwoch 22.15 Uhr, 1,73 Mio. Zuschauer, Marktanteil 8,0 Prozent). Als linker Vorhenker spezialisiert auf Klassenkampf-Themen. Viel Erfindungsgabe, großer Wortschwatz.

TV-Python: Stefan Aust (53) leitet und moderiert seit 1988 „Spiegel TV” bei RTL (Sonntag, 22.05 Uhr, 2,25 Mio. Zuschauer, Marktanteil 9,7 Prozent). Berüchtigter Wortbrenner mit Anakonda-Lächeln.

PC-Politruk: Klaus Bednarz (57) agitiert seit 1983 in „Monitor” (ARD, Donnerstag 21 Uhr. 3,6 Mio. Zuschauer, Marktanteil 12,9 Prozent). Deutschlands schärfster Gedankenpolizist, ahndet jeden Verstoß gegen seine diktatorische Form der Political correctness mit Hassausbrüchen.

Schnellhenkerin: Patricia Schlesinger (37) präsentiert seit 1997 ihre Weltsicht in „Panorama” (ARD, Donnerstag, 21 Uhr, 2,97 Mio. Zuschauer, Marktanteil 11,3 Prozent). Ihren strengen Urteilen geht kaum gediegene Überlegung voraus, meist geben alte Antipathien den Ausschlag. Wort-MG ohne Logikhemmung.

Gerechtigkeitsglucke: Petra Lidschreiber (47) zeigt seit Januar dem Publikum „Kontraste” (ARD, Donnerstag, 21 Uhr, 3,15 Mio. Zuschauer, Marktanteil 11,6 Prozent). Teilt gerecht nach links und rechts aus, ihr Sinn für politische Balance macht sie an der öffentlich-rechtlichen Meinungsfront zur Einzelkämpferin.

Polterknecht: Andreas Bönte (40) liefert seit 1990 den „Report” aus München (ARD, Montag, 21 Uhr. 4,22 Mio. Zuschauer, Marktanteil 13,6 Prozent). Besonders Wendekommunisten kriegen von dem CSU-Mann keinen Nachlass. Gepfefferte Polit-Plädoyers vor allem für Bundeswehr, Arbeitgeber, Hightech.



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