Mexico City: Der Schock der toten Vögel

Montag, 30. Dezember 2013

Keine Stadt auf Erden ist größer. Und keine Stadt hat gefährlichere Luft – berichtete dieser Report schon vor 25 Jahren. Geändert hat sich wenig.

In Mexico City haben die Behörden vor kurzem eine neue Schadstoff-Skala zur Bewertung der Luft-Qualität vorgestellt. Die Skala umfasst 500 Punkte: 0 bis 50 für „gute Luft", 51 bis 100 für „ordentliche Luft", 101 bis 200 für „bedenkliche Luft", 201 bis 300 für „sehr bedenkliche Luft", 301 bis 500 Punkte für „gefährliche" Luft. Unmittelbar nach der Einführung der neuen Skala wurde der Wert 290 gemeldet - „sehr bedenkliche Luft".

Zu Anfang des Jahrhunderts wurde Mexico City noch von Ärzten als Kurort für Erkrankungen der Atemwege empfohlen. Heute warnt der Rundfunk der Metropole vor Sport im Freien. Wer eine Stunde durch die Innenstadt von Mexico City spaziert, schädigt seinen Körper so, als würde er zwei Packungen Zigaretten rauchen. In Restaurants wischen sich Gäste vor jedem Gang mit Servietten den schwermetallhaltigen Staub von den Lippen.

Jedes Jahr sterben in Mexico City 150.000 Kinder an Pseudokrupp, Asthma, Krebs der Lungen, des Kehlkopfs, des Gaumens oder der Lippen. Jedes Jahr gehen etwa 100.000 Menschen im Alter von mehr als 40 Jahren an Erkrankungen der Atemwege zugrunde. Millionen leiden ständig unter Schwindel- und Ohnmachtsanfällen. Und doch hat die Stadt keine Nachricht so getroffen wie diese: Hunderte von Vögeln fielen verendet vom Himmel — zumeist Rotkehlchen und Wanderdrosseln. Ihr Blut enthielt Blei und Cadmium. Es waren Zugvögel. Beim Zug über Mexico City hatte sie der Tod ereilt.

In der Luft von Mexico City konzentrieren sich doppelt so viele Schadstoffe wie in der Luft von Los Angeles – jener Stadt, die einst als schmutzigste galt. Messungen in Mexico City ergaben in jedem Kubikmeter Luft je nach Tageszeit zwischen 349 und 1393 Mikrogramm Giftstoffe. Durchschnittlicher Wert: 969 Mikrogramm. 275 Mikrogramm gelten bei Ärzten schon als „äußerste Obergrenze".

In 15 Jahren stieg in der Stadt die Zahl der Kraftfahrzeuge von 800.000 auf drei Millionen - doch noch immer prüft kein TÜV die Auspuffanlagen. Auf dem Gebiet der Stadt arbeiten 130.000 große und kleine Industriebetriebe — doch noch immer arbeiten sie ohne Behörden-Auflagen. Autos und Fabriken erzeugen zusammen Tag für Tag 12.000 Tonnen Schadstoffe. Die Verschmutzung steigt Jahr für Jahr um 20 Prozent. So werden es in einem Jahr über 14.000 Tonnen sein.

Der Stadt droht der Kollaps: Wenn wieder einmal eine Kaltluftfront schwer über der Stadt lastet, wenn wieder einmal Smog über der Stadt liegt - dann muss mit der akuten Vergiftung von Tausenden gerechnet werden. Für den Notfall hat die Regierung ein Programm vorbereitet: Im Nordwesten der Stadt werden 50 Prozent der Industriebetriebe geschlossen, dazu 30 Prozent der Fabriken in der Industriezone von Tlalnepantla. Die 7000 dieselgetriebenen Busse der Stadt dürfen nicht starten. Der Rundfunk fordert Autofahrer auf, zu Fuß zur Arbeit zu gehen (schwer vorstellbar in einer Stadt, in der die Autofahrt zum Büro über 50 Kilometer lang sein kann).

Die Zeit drängt. Nach einer UNO-Schätzung wird die heute schon größte Stadt der Erde bis zum Jahr 2000 von 20 Millionen auf 30 Millionen Einwohner wachsen. Verkehr und industrielle Verschmutzung werden im gleichen Tempo wachsen.

Heute gilt die Luft in Mexiko-Stadt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer als eine der schlechtesten der Welt. Schwefeldioxid, Feinstaub, Kohlenstoffmonoxid, Ozon: Überall werden die empfohlenen Grenzwerte der WHO deutlich überschritten. Die Zahl der Autos stieg inzwischen auf mehr als vier Millionen. Dazu kommen 120.000 Taxen, 28.000 Omnibusse und mehrere zehntausend Lastkraftwagen.

 



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