Churchills Streichhölzer überzeugten Stalin

Sonntag, 1. Dezember 2013

Vor 70 Jahren begann die Konferenz der alliierten Mächte in Teheran

„Stalin erklärte, die Russen wollten nichts, was anderen gehöre, nur aus Deutschland würden sie sich vielleicht auch einen Brocken herausschneiden ... Ich demonstrierte dann mit Hilfe dreier Streichhölzer meine Gedanken über eine Westverlagerung Polens. Das gefiel Stalin..." So schildert Winston Churchill in seinen Memoiren die für Deutschland wichtigsten Minuten einer Besprechung, in der vor 70 Jahren ein großer Teil der europäischen Nachkriegsordnung festgelegt wurde: der Konferenz vom 28. November bis zum 1. Dezember 1943 in Teheran.

Um sich mit seinen wichtigsten Verbündeten Auge in Auge zu beraten, hatte Stalin seine Heimat zum ersten Mal seit der Oktoberrevolution verlassen. Dritter Gesprächspartner war US-Präsident Franklin Delano Roosevelt. Ziel der Zusammenkunft war es, die auseinanderdriftenden Interessen der drei Großmächte auf einen Nenner zu bringen: Roosevelt wünschte Entlastung auf dem pazifischen Kriegsschauplatz durch Angriffe der Briten in Südostasien und eine Kriegserklärung der Sowjets an Japan. Stalin drängte auf die Invasion der Westmächte über den Kanal, damit Hitler nicht länger seine sämtlichen Elitetruppen allein gegen die Rote Armee stellen könne. Churchill wiederum war vor allem an alliierten Erfolgen im Mittelmeerraum und am Kriegseintritt der Türkei interessiert - er wollte die zentrale Lebensader des Empire über Gibraltar, Malta, Zypern und Suez nach Indien stärken.

An der ersten Vollsitzung am Sonntag, 28. November, im großen Konferenzzimmer der Sowjetischen Botschaft in Teheran erschienen die drei Politiker mit ihren wichtigsten Ministern und Offizieren: Churchill brachte den späteren Premierminister Anthony Eden, Feldmarschall John Dill, die drei britischen Stabschefs und General Lord Lionel Hastings Ismay mit. Roosevelt kam mit seinem engsten Vertrauten Harry Lloyd Hopkins, den Admiralen William D. Leahy und Ernst J. King sowie zwei weiteren Offizieren; die Generäle George Marshall und Henry H. Arnold hingegen fehlten, sie hatten die Konferenzstunde missverstanden und eine Stadtrundfahrt unternommen. Stalin war nur von seinem Außenminister Molotow und Marschall Woroschilow begleitet.

Der sowjetische Diktator stellte zunächst präzise Fragen nach den Vorbereitungen der alliierten Invasion in Frankreich, die für Mai 1944 geplant war, und kündigte an, sie durch Schläge der Roten Armee gegen die deutschen Truppen zu unterstützen. Danach unterhielt er sich mit Churchill auf einem Sofa über die Zeit nach dem Sieg. Dabei sagte Stalin, Deutschland besitze jede Fähigkeit, sich schnell zu erholen und binnen verhältnismäßig kurzer Zeit einen neuen Krieg zu beginnen. Die Deutschen seien ein tüchtiges Volk, voller Erfindungsgeist und sehr fleißig. Nach Versailles habe der Friede als gesichert gegolten, aber Deutschland habe sich sehr rasch erholt. Das werde auch diesmal so sein. „Innerhalb welcher Zeit?", fragte Churchill. „In 15 bis 20 Jahren", meinte Stalin.

Churchill erwiderte, der Frieden der Welt müsse auf mindestens 50 Jahre gesichert werden; wenn er nur 15 bis 20 Jahre dauere, hätten sie ihre Soldaten betrogen. Er schlug deshalb vor, Preußen zu verkleinern und zu isolieren, während Bayern, Österreich und Ungarn einen großen, friedlichen Bund ohne Aggressionstendenzen bilden könnten. Damit war Stalin jedoch nicht einverstanden.

Danach sprachen die beiden Politiker über Polen, und Churchill demonstrierte seine Vorstellung von einer Westverschiebung des Landes. Er legte drei Streichhölzer auf eine Karte. Zwischen 1 und 2 lag Polen, zwischen 2 und 3 der Westen der Sowjetunion. Dann schob er die Hölzer – die Grenzen – nach links, bis Schlesien, Pommern und Ostpreußen zu Polen gehörten.

Zwei Tage später, an einem Empfang zu seinem 69. Geburtstag, wiederholte der britische Premier die Vorführung mit den Streichhölzern und erinnerte Stalin an dessen frühere Äußerung über die Oder als neue Westgrenze Polens. Diesmal griff Stalin zu und erklärte, dann dürften die Polen allerdings weder weißrussisches noch ukrainisches Land an sich reißen. Sowjetrussland halte an den „ethnographisch richtigen" Grenzen von 1939 fest.

Eden fragte, ob damit die Ribbentrop-Molotow-Linie gemeint sei. Stalin antwortete: „Nennen Sie sie, wie Sie wollen." Churchill sagte dann, nach seiner Erinnerung „mit einigem Nachdruck" zu dem zögernden Eden, ihm werde die Abtretung deutscher Gebiete an Polen „nicht das Herz brechen". Dafür mussten die Polen den Osten des Landes an die Ukraine abtreten.

Doch als die neuen Grenzen auf einer Karte fixiert wurden, zeichnete Stalin rasch noch eine weitere Linie ein und erklärte, Russland brauche unbedingt den eisfreien Hafen Königsberg. Damit hatte er fast alle seine Ziele erreicht - lediglich die totale Zerstückelung Deutschlands in fünf Teile (Preußen, Hannover und Nordwestdeutschland, Sachsen, Hessen sowie Bayern, Baden und Württemberg) konnte er nicht mehr durchsetzen.

 



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