Thomas Beckett: Am Hochaltar meuchelten ihn die Ritter

Samstag, 21. Dezember 2013

Vor 895 Jahren wurde der berühmte Erzbischof von Canterbury. Seine Treue zur Kirche kostete ihn das Leben.

Conrad Ferdinand Meyer schrieb über ihn die Novelle „Der Heilige". T. S. Eliot versuchte in „Mord im Dom" die psychologischen Hintergründe seines Märtyrertums zu ergründen. Jean Anouilh beleuchtete in „Becket" die Motive einer erstaunlichen Wandlung: Kaum ein anderer Kirchenmann des Jahrtausends hat das Interesse der Menschen so dauerhaft auf sich gelenkt wie Thomas Becket.

Die Faszination, die der berühmte Erzbischof von Canterbury auf die Nachwelt ausübt, erklärt sich nicht so sehr aus seiner historischen Bedeutung, sondern mehr aus der Zeitlosigkeit des Konflikts, der ihn das Leben kostete: der Auseinandersetzung zwischen der Pflicht gegenüber dem Staat und dem Gehorsam gegenüber Gott, dem Gebot der Freundschaft und den Forderungen einer höheren Aufgabe.

Dabei war der am 21. Dezember 1118 in London geborene Sohn eines wohlhabenden normannischen Kaufmanns zu Beginn seiner Laufbahn keineswegs ein Gegner der weltlichen Macht: Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in London und Paris übernahm der Zwanzigjährige bald die juristischen Angelegenheiten der Erzdiözese Canterbury. Seine Begabung blieb nicht unentdeckt, und Thomas Becket machte rasch Karriere. Im Jahr 1155 erhob König Heinrich IV. den 37jährigen zum Kanzler – eine ungewöhnliche Auszeichnung für einen Mann, der nicht dem Adel, sondern dem städtischen Bürgertum entstammte.

Beckets Stärken waren seine Energie, sein administratives Talent und sein Takt im Umgang mit schwierigen Verhandlungspartnern. Sie verhalfen ihm bald zu einer engen Freundschaft mit dem Herrscher. Im Volk hieß es über die beiden Männer: „Sie haben nur ein Herz und einen Sinn". Becket unterstützte die Autorität des Thrones mit solcher Unnachgiebigkeit, dass ein klerikaler Chronist klagte: „Er hatte das Schwert des Staates in der Hand und stieß es durch die Brust seiner Mutter der Kirche." Der Herrscher aber schwärmte: „Unsere Seelen sind verwandt."

König und Kanzler gingen gemeinsam auf die Jagd, führten Feldzüge gegen aufrührerische Adelige und widmeten sich den Genüssen der Zeit. Das gute Verhältnis änderte sich jedoch, als Erzbischof Theobald von Canterbury 1162 starb und König Heinrich seinen ganzen Einfluss in die Waagschale warf, um Beckets Wahl zum Nachfolger durchzusetzen.

Der Monarch hoffte, auf diese Weise die Kirche Englands unter seine Kontrolle bringen und sich danach noch ungestörter seinen weltlichen Aktivitäten zuwenden zu können. Der Kanzler aber nahm das neue Amt nur zögernd an. Und kaum hatte er den Stuhl des Kanzlers mit dem des Bischofs getauscht, wechselte er auch die Loyalität: Nun galt sie plötzlich nicht mehr der Krone, sondern der Kirche.

Zum Bruch kam es, als Heinrich sich darüber ärgerte, dass kriminelle Geistliche von den für sie zuständigen kirchlichen Gerichten oft zu milde bestraft wurden. Er forderte deshalb, die Schuldigen auszuliefern, damit sie vor bürgerliche Gerichte gestellt und genauso hart bestraft werden konnten wie alle anderen Untertanen. Der neue Erzbischof aber sah in diesem Ansinnen einen Anschlag auf die Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche. Er lehnte ab - und galt dem König fortan als Verräter.

Im Jahr 1164 zwang Heinrich die anderen Bischöfe, die 16 Artikel von Clarendon zu unterzeichnen, in denen die Autonomie der Kleriker eingeschränkt und sie der weltlichen Gerichtsbarkeit unterworfen wurden. Becket aber weigerte sich auch, nachdem seine geistlichen Brüder nachgegeben hatten.

Um den Widerstand des einstigen Freundes zu brechen, war Heinrich jedes Mittel recht. Er beschuldigte ihn sogar, während seiner Kanzlerschaft große Geldsummen veruntreut zu haben. Der Erzbischof floh schließlich nach Frankreich ins Exil. Von dort aus drohte er, ganz England mit einem Interdikt zu belegen, das alle Gottesdienste verbot. Daraufhin blieb dem König nichts übrig, als sich persönlich zu Beckets Kloster in Frevetal an der Loire zu begeben und dem Erzbischof zu versprechen, alle Forderungen zu erfüllen.

Becket ließ sich darauf ein und kehrte in seine Heimat zurück. Das Volk bereitete ihm einen triumphalen Empfang – es meinte, die Macht der Kirche habe endlich über die Willkür des Adels gesiegt. König Heinrich aber wetterte an seiner Tafel, wie armselig es doch um die Diener stünde, die er füttere. Denn keiner könne ihn von dem „Pfaffen" befreien. Vier Ritter aus seinem Gefolge empfanden den Vorwurf als Kränkung ihrer Ehre. Sie ritten nach Canterbury und forderten vom Erzbischof Rechenschaft. Becket floh in seine Kathedrale. Die zornigen Recken setzten ihm nach und stellten ihn am Hochaltar. Dort spaltete ein Schwerthieb den Schädel des großen Mannes. Ein Chronist rief ihm nach: „Er wurde förmlich vom Streben nach Gerechtigkeit verbrannt, ob er allerdings dabei immer mit Weisheit verfuhr, weiß allein Gott."



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