Abraham: Sagenheld oder historische Figur?

Montag, 30. Dezember 2013

Der Nomadenfürst, den die Menschheit als Stifter dreier Weltreligionen kennt, gibt Historikern bis heute Rätsel auf. Lebte er in der Nähe der erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckten Stadt Ebla?

Als vor gut hundert Jahren die erste Tontafel mit dem Namen Abraham aus dem Sand Mesopotamiens gegraben wird, glaubt die Wissenschaft, endlich einen Beweis für die historische Existenz des Religionsgründers in der Hand zu haben. Bald gibt es jedoch so viele Belege aus den verschiedensten Jahrhunderten und unterschiedlichsten Kulturkreisen mit den Namen Abraham oder Ibrahim, dass Ratlosigkeit den ersten Jubel ablöst. Das Rätselraten, wann und wo der biblische Erzvater denn nun wirklich lebte, nimmt von Fund zu Fund zu.

1977 aber entdecken italienische Archäologen eine Stadt; ein Reich, mehr noch: eine bis dahin unbekannte Kultur in einem Gebiet, das bis dahin als ödes Steppenland gilt, durch das nur gelegentlich Nomadenstämme zogen. Beim Tell Mardiq, gute 50 Kilometer vom syrischen Aleppo entfernt, legen sie die Ruinen einer Stadt frei: Ebla.

In der Bibel wird sie nicht erwähnt, aber sumerische Texte kennen ihren Namen. Niemand hatte geglaubt, dass dieses Ebla so groß, so eigenständig sei, wie es sich jetzt nach den Ausgrabungen zeigt: Es ist die Metropole einer hoch entwickelten altsemitischen Zivilisation. In Ebla lebten vor fünftausend Jahren eine Viertelmillion Menschen. Es zählt damit zu den größten Städten des Altertums.

Bis dahin ist die Archäologie fest davon überzeugt, dass es kaum noch weiße Stellen in der Geschichte des alten Orients gäbe. Nun aber stellen die 15.000 Tontafeln des Staatsarchivs von Ebla alle bisherigen Zeit- und Kultureinteilungen plötzlich wieder in Frage.

Zuerst geben die Tafeln Rätsel auf: Sie sind mit unbekannten Schriftzeichen versehen. Doch die Archäologen haben Glück und entdecken ein Wörterbuch. Es ist das wohl älteste der Welt. Vokabeln der unbekannten Sprache sind darin den entsprechenden in sumerischer Keilschrift gegenübergestellt. Und Sumerisch können die Experten schon lange lesen.

Professor Giovanni Petinato, der die neue Sprache entziffert und ihr den Namen „Eblaisch" gibt, identifiziert danach auf Fundstücken zahlreiche Namen aus dem Alten Testament, darunter auch die Stadt Damaskus. Andere Archäologen wenden ein, die syrische Metropole existiere erst seit dem 2. vorchristlichen Jahrtausend. Doch während die Diskussion noch im Gange ist, stürzte in Damaskus bei Renovierungsarbeiten der Boden einer Moschee ein - darunter findet sich ein Gewölbe aus dem 3. Jahrtausend.

Seit Petinatos Untersuchungen steht fest: Nicht nur sind die Sprache Eblas und das Hebräische miteinander verwandt, auch die Kulturen der Eblaiter und der Israeliten weisen gemeinsame Züge auf: Der Grundriss des großen Palastes zu Ebla zum Beispiel entspricht genau der Gliederung des von Salomo in Jerusalem erbauten Tempels. Und der eblaische Gott Kemosch wurde von jüdischen Gläubigen noch 1500 Jahre nach Eblas Untergang in einem Heiligtum auf dem Ölberg angebetet. Das 2. Buch der Könige (23,13) lobt den jüdischen Herrscher Josia dafür, dass er „die Kulthöhen für Kemosch, dem greulichen Götzen von Moab" zerstörte.

Außerdem findet der Italiener in Ebla Berichte von der Erschaffung der Erde, die denen des Alten Testaments ähneln und älter zu sein scheinen als alle anderen altorientalischen Vorläufer des Buches „Genesis". Im ersten Überschwang werden darauf viele Kombinationsfäden zu Angaben der Bibel gezogen: Der eblaische König Ebrum etwa wird zu jenem „Eber", den Noahs „Völkertafel" als Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Abrahams nennt und aus dessen Namen wahrscheinlich das Wort „Hebräer" abgeleitet ist. Als in Eblas Staatsarchiv Handelsverträge gefunden werden, auf denen Städtenamen aus Abrahams Welt wie Adoma, Zibahim, Zuhar, Sodom und Gomorrha aufgeführt sind, für die es bisher keinen außerbiblischen Beleg gegeben hatte, steht für viele fest, dass Abraham in Ebla lebte und seine riesigen Herden vor ihren Mauern weidete.

Endgültige Beweise für diese These fehlen allerdings bis heute. Darum bleibt Abraham vorerst weiter der Wanderer durch die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende: Seine Geschichte enthält Hinweise auf Mesopotamiens älteste Zeiten, aufgeschrieben aber wird sie erst nach dem babylonischen Exil etwa um das Jahr 530 v. Chr. Und bis heute verweisen Wissenschaftler die Geschichten von Abraham und Isaak, Jakob und seinen Söhnen oder Joseph von Ägypten trotz aller archäologischen Entdeckungen noch immer ins Reich der Fabel.

 



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt