TV-Serien: Marie-Luise Marjan und die halbierte Kittelschürze

Dienstag, 31. Dezember 2013

„Lindenstraße“, „Marienhof“, „Verbotene Liebe“: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 9 vom 19. August 1999 ging es um die Seifenopern.

Konfuzius hat wie immer recht: „Das Leben führt den ernsten Mann auf bunt verschlungne Pfade. Oft wird gehemmt des Laufes Kraft, dann wieder geht es grade!” So auch in Deutschlands Seifenopern, und nicht zu knapp. In einer der meistgesehenen wollte kürzlich eine kleine Koreanerin mit dem fernöstlichen Weisheitsspruch einen verknallten Klempner ausbremsen. Doch als das Konfuzius-Zitat seelentiefe Seufzer unter dem Blaumann hervorlockte, war flugs Mitleid geweckt, wenn auch nicht ohne Einschränkung: „Feng Shui heißt, die Energie strömen zu lassen, aber man muss ja nicht gleich einen Wasserfall daraus machen!” Da wich die Enttäuschung des Handwerkers einem erleichterten Grinsen: „Du überlegst es dir vielleicht noch anders und kommst auf verschlungenen Pfaden zu mir?”

Verschlungen oder nicht, Titel und Treiben deutscher TV-Familienserien zeigen: „Verbotene Liebe” bahnt sich stets einen Weg, durch die „Lindenstraße” oder nach „Mallorca”, in „Gute Zeiten, schlechten Zeiten”, aber nie „Unter uns”, sondern immer vor Publikum.

Doch der Dauersieg der Schicksalsmacht bleibt beileibe nicht die einzige Banalität, auch nicht in der Vorabend-Spießer-Serie „Marienhof”, die so wahnwitzig zwischen Konfuzius und Konfusion taumelt, dass sie der Branchenspott längst in „Manienhof” bzw. „Maria hilf” umbenannte. Noch schlimmer: Wenn deutsche TV-Schreiber vorgeben, dem wahren, dem wirklichen Leben zu lauschen, schrillen die Klischees wie Fahrradklingeln.

Väter sind Idioten, Mütter Opfer, Rentner Nazis, Lehrer Grüne, Politiker korrupt, Unternehmer Ausbeuter, Frauen die besseren Menschen, Schwule die besseren Männer, Ausländer die besseren Demokraten, und überall blühen Neurosen. Inzwischen auch beim Publikum, denn die Schmierentragödien wuchern wie Metastasen in allen Programmen.

Seifenoper, Pfeifenoper: Wenn Deutschlands TV-Macher zu Serientätern werden, drohen Öd- und Blödheiten aller Art. Wenn die Kritik auch noch so keift, das Publikum wird eingeseift

Der erste Schaum wird schon um 9.15 Uhr geschlagen, in „Springfield Story” (RTL), die als Mutter aller Seifenopern gilt. Das salzarme Sippenspiel um Ärzte und Anwälte, in den USA schon seit 1939 im Radio und seit 1952 im Fernsehen, wird gerechterweise vom Waschmittelriesen Procter und Gamble produziert. Aber nicht davon bekam das Genre den Namen, sondern von der ursprünglichen Sendezeit: nachmittags, wenn Millionen amerikanischer Hausfrauen an der Wäsche werkten.

Vielen ging dabei wohl durch den Kopf, was die amerikanische Lehrerin und TV-Autorin Irma Philipps damals so formulierte: „Das ganze Leben ist eine Serie, entfliehe, wer kann!” Realitätsferne ist die wichtigste Grundvoraussetzung für unterhaltsame Zerstreuung zur besten Bügelzeit und zugleich die einzige, die auch deutsche Produktionen erfüllen.

Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Seifenoper ist: Bei einer schlechten weiß man nie, ob man eine Episode schon mal gesehen hat oder nicht. Bei einer guten weiß man das zwar auch nicht, aber es macht einem nichts aus. Die „Springfield”-Qualität ist seit der ersten „Story” klar: gefönte Jünglinge, gesülzte Liebesschwüre, Action einer Tropfsteinhöhle - dieses müde Mischpoken-Marathon mag nur, wer auch gern mal zuschauen würde, wie Farbe trocknet.

Nicht ermutigender wirkt, um 11 Uhr und ebenfalls bei RTL, die nächste Weichspül-Ware made in USA auf den Erlebnishunger: Die retortenhafte Reinlich-Reihe „Reich und schön” zeigt die Middle Class im Mittelmaß lähmend langweiliger Beliebig- und Belanglosigkeiten, schal wie Schaumwein mit Schraubverschluss und spannend wie der Einweckgummi aus dem Burenkrieg.

So gut können es die Deutschen auch, z. B. in dem nachmittäglichen RTL-Schülerschrott „Unter uns”, in dem Lehrer vor der Klasse Sätze sagen wie „Im Herbst veranstalten meine Freundin Gundula und ich einen Rebirthing-Workshop - vielleicht sehen wir uns ja da.” Im Hintergrund nervt permanentes Chartgedudel, und die Dialoge unterschreiten mühelos die Debilitätsgrenze, z. B. wenn die Klassenschöne den fetten Streber abhängt, indem sie eine Freundin auf ihn hetzt und dann die Betrogene spielt: „Wie kannst du es wagen, hinter meinem Rücken Paulina aufzureißen! Du weißt ganz genau, dass ich in dich verliebt bin! Verdammt, Torty, du hast alles kaputtgemacht. Ich hasse dich!”

Solche Pubertär-Tiraden sind nicht nur für den armen Torty eine Tortur. Noch schlimmer leidet einigermaßen erwachsenes Publikum nur noch unter der hirnstromsparenden Holzschnitt-Mimik, wie sie z. B. die gripsarme Gören-Gala „Verbotene Liebe” pflegt, oder den pointenfreien Peinlichkeiten der Postkarten-Plotte „Mallorca - Suche nach dem Paradies”, für deren Sinn noch immer Finderlohn winkt.

Noch eine Etage tiefer dreht sich das RTL-Dauerdramolett „Gute Zeiten, schlechte Zeiten” im Ausguss der deutschen TV-Schmierseifensiederei: Drehbücher, so solide wie die Sperrholzkulissen, Lacher so häufig wie Swimmingpools in der Sahara, und die Mimen sind nicht nur Laien, sie zeigen es auch.

Zombige Typen, rostige Witze („Du bewegst dich wie eine Wanderdüne”), Storys der Sorte Sockenschuss - dieses kunstgesüßte TV-Junkfood für die Möchtegern-Yuppies der Bildungsnotstandsgeneration schlägt schwer auf den Magen. Nicht zu Unrecht giftet die notorische Nonsens-Natter Harald Schmidt: „Katzen haben sieben Leben, zehn Vokale und 16 Konsonanten in ihrer Sprache, das ist ungefähr der dreifache Wortschatz eines normalen Drehbuchs.”

RTL-Humorist Bernd Stelter konnte unwidersprochen behaupten, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten” sei auch der Hit in Polen, dort allerdings unter dem Titel „Aldi auf, Aldi zu”. Und Esther Schweins riet in „RTL Samstag Nacht”, bald gebe es „ein Computerspiel, darin kann man bei der Serie selber mitmachen. Wer es realistisch gestalten will, überlässt das Spielen dann einem Toastbrot.”

Wie man es richtig macht, zeigen die US-Erfolgsserien „Beverly Hills 90210” (RTL) und „Dawson's Creek” (SAT.1): starke Storys, taffe Typen, irre Ideen, stramme Sprüche, pralle Pointen, Action im Tarantel-Tempo - und alles trotzdem irgendwie real.

Wie es in Deutschland gemacht wird, zeigt dagegen die „Lindenstraße”, nun schon im 15. Jahr. Gleich nach dem Start protestierte einhellige Kritik gegen die elektronische Volksverdummung: „Blindenstraße”, „Lindenstrafe”. Die „FAZ” beanstandete eine „quälende Mischung aus Neorealismus und linksliberaler Klippschule”, und selbst der sonst gegenüber Gesellschaftsveränderern eher wohlwollende „Evangelische Pressedienst” registrierte erbost „kleine Dramen-Fürze” bei den Weltverbesserern zwischen Wohnküche und Woolworth.

Die Absicht der Macher war schnell durchschaut: Plumpe Alt-68er-Indoktrination, vorgeführt von Betroffenheitsmimen und anderen Knallchargen. Zur Asyldiskussion z. B. hieß es in atemberaubender Annäherung an Auschwitz: „Diese ganze Abschiebungspraxis ist doch eine einzige ekelhafte Selektion, und woran erinnert uns das?”

In der typisch neudeutschen Problemismus-Parade marschieren seither Fixer, Anarchos, saufende Alt- und Neonazis, Frust-Frauen jeden Alters und Miesmacher aller Art durch ein Katastrophen-Szenario wie aus grünen Parteitagsreden: Waldsterben, Tschernobyl, Ozonloch, Golfkrieg, Asylgesetz - alles wurde verhackstückt wie nach dem Motto des Kabarettisten Martin Buchholz: „Und wenn der Missstand noch so wimmert, es nutzt ihm nichts, er wird verschlimmert!” Und geflimmert!

Dazu servieren die Drehbücher Witze wie aus dem Komödienstadl für Spätpubertäre, z. B. als Homosexuelle vor dem Hineinschlüpfen in enge Latexanzüge die Haut mit Puder trocknen: „So schön bin ich noch nie gepudert worden!”

Kernzielgruppe war anfangs eine Klientel von kleinzeitgeistigen Ökopaxen und postmodischen New-Age-Anhängern, revolutionslüsternen Sozialschwärmern und Fußkranken des langen Marsches durch die Institutionen. Doch dann griff Hauptdarstellerin Marie-Luise Marjan ein, die Serie etwas aufzupeppen: „Die Regisseurin wollte mich nicht mehr in der Kittelschürze. Jetzt trage ich nur noch Halbschürze.”

Dass die „Lindenstraße” heute dauerbrennt, obwohl die Dialoge immer noch den Tiefgang von Suppentellern und den geistigen Gehalt von Weinbrandbohnen aufweisen, sagt soviel über die Produzenten wie über Programme und Publikum der Pfeifenopern aus. „Bist du glücklich?” fragt die bettlägerige Ehefrau den besorgten Gatten. Der schafft nur die matte Gegenfrage: „Glücklich? Glück ist so ein großes Wort. Was heißt denn das überhaupt, Glück?” Zusätzlich zur Qual der Verlegenheitspause zerrt ein Geigen-Adagio an den Nerven. „Du weißt genau, was das heißt”, behauptet die Deprimierte dann. „Wir beide wissen es, oder haben es zumindest gewusst...“ Wir Zuschauer auch.

Die Seifen-Schrecklichen

Sozial-Studio: „Lindenstraße”. ARD, Sonntag, 18.40 Uhr, seit 1985. 710 Folgen, 7,11 Mio. Zuschauer pro Folge, Marktanteil: 25,8 Prozent. Handlung: Außenseiter aller Art (Alt- und Neonazis, Schwule, Fixer) teilen sich eine Adresse und geraten ständig aneinander. Spott-Name: „Lindenstrafe”.

Doof-Parade: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten”. RTL, Montag bis Freitag, 19.40 Uhr, seit 1992, 1780 Folgen, 6 Mio. Zuschauer, Marktanteil 20 Prozent. Handlung: Junge schöne Menschen erleben in Berlin lauter völlig unrealistische Geschichtchen. Lahme Love Parade aus dem Resopal-Studio.

Popper-Plotte: „Unter uns”. RTL, Montag bis Freitag, 17.30 Uhr, seit 1994, 1150 Folgen. 1,53 Mio. Zuschauer, Marktanteil 16,8 Prozent. Handlung: Junge-Leute-Jux in Kölner Mietshaus. Power eines platzenden Würstchens, Witz wie in Anwendungsvorschrift für Kopfschmerztabletten.

Schmerzinfarkt: „Verbotene Liebe”. ARD, Montag bis Freitag, 17.55 Uhr, seit 1995, 1100 Folgen. 2,19 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 21,4 Prozent. Handlung: Verzweigte Adelssippe mischt in der Modebranche mit, böse Konkurrentin hext dazwischen. Folge: Herz-Schmerz, bis die Augen tränen.

Puppen-Übungsplatz: „Reich und schön”. RTL, Montag bis Freitag, 11.05 Uhr, seit 1988, 2250 Folgen. 640 000 Zuschauer, Marktanteil. 15,6 Prozent. Handlung: Liebe und Hiebe bei Designern. Darsteller wie Schaufensterfiguren, Dialoge wie aus dem Fernkurs für Amateur-Autoren, Dramaturgie: Kasperltheater.

Neurotik-Center – „Marienhof”. ARD, Montag bis Freitag,18.25 Uhr, seit 1992, 1250 Folgen. 2,12 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 18,3 Prozent. Handlung: Anwohner einer Großstadt-Straße teilen Alltagsprobleme und Political correctness. Aufregend wie Baldrian, prickelnd wie Kamillentee.

Jugend forsch: „Dawson's Creek”. SAT.1, Sonntag, 17 Uhr, seit 1999, 20 Folgen. 670 000 Zuschauer, Marktanteil 5,7 Prozent. Handlung: Leicht psychotische US-Kleinstadtjugend nagelt pausenlos an allen möglichen Beziehungskisten, heiter und ernst. Frische Typen und Töne, abgedrehte Sprüche.

Reihengraus: „Springfield-Story”. RTL, Montag bis Freitag, 9.15 Uhr, seit 1988, 3250 Folgen. 480 000 Zuschauer, Marktanteil 15,1 Prozent. Handlung: Familie Bauer (Mediziner, Juristen, Krankenschwestern) erlebt Freud und Leid. Verquaste Clan-Chronik voller Versager, statt Schmackes nur Schmalz.



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt