Ulrich Wickert: Silben-Slalom und Verbalkatastrophen

Mittwoch, 1. Januar 2014

Peter Kloeppel nuschelt Bäcker-Witze, Katja Burkard lispelt Dellen ins Mikrophon, Susan Stahnke landet als Lachnummer im Damenpissoir: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 10 vom 26. August 1999 ging es um die die TV-Newslinge: Stotter, Lall & Labertran - auf der Schwatzinsel der deutschen Fernseh-Nachrichten treiben bezechte Zappelzungen, Leier-Ladys und kunstgefönte Eitelscheitel ihr Unwesen.

Der Wein war gut, die Stimmung locker, der Moderator verdammt gut drauf: „Drei Kilometer von hier entfernt gingen Klopstock, Fichte und Nietzsche zur Schule”, meldete Ulrich Wickert live aus dem Tal der Unstrut in die „Tagesthemen” und ließ wissen, dass Deutschlands nördlichstes Anbaugebiet manchen edlen Tropfen zu bieten habe.

Das war bald auch zu hören, denn plötzlich machte die Zunge Zoff: „Die berühmte Forst...äh, Fürstenschule”, lallte es aus dem Lautsprecher, „Tometen...äh, Tomatenketchup” und „bekampfen” statt "bekämpfen” - ein halbes dutzendmal bohrte sich der Beschwingte beim Silben-Slalom tief in den Stakkatozaun.

Die selbst für einen Wickert ungewöhnliche Fehlerdichte tat der Popularität kaum Abbruch, der Herrenreiter unter den deutschen Newsmen kommt besonders bei den Damen gut an. Dabei ähnelt die Langnase mit dem stechenden Blick dem Pascha einer Primatenhorde, und er redet auch so: Seine Unfallstatistik weist mehr Verbalkatastrophen aus als die irgendeiner anderen TV-Stimme der Republik. „Käpenhagen” statt „Kopenhagen”, „Edemie” statt „Epidemie”, „Böthoven” statt „Beethoven”, „Meineid” statt „Mehrheit”, „Hoffnungstreter” statt „Hoffnungsträger”. Zum chronischen Zungenzittern kommen die für gegenwärtige und ehemalige Parteibuchjournalisten typische Einäugigkeit sowie die stupende Eitelkeit intellektuell überschätzter Bildschirmgrößen, die sich besonders deutlich bei einem Besuch auf dem „Boulevard Bio” entlarvte. Biolek über das zwischen Buchdeckel gepresste Wickert-Werk „Der Ehrliche ist der Dumme”: „Jetzt halten Sie auch Vorträge über dieses Thema.” - Wickert: „Hauptsächlich an Universitäten, übrigens.” - Biolek: „Dann sind Sie ja so was wie eine Instanz geworden.” - Wickert: „Ich rege ja nur zum Denken an.”

Von wegen „Anchorman“: Der 1.96 Meter krumme Diplomatensohn mit dem überflüssigen Jura-Examen ist keineswegs Ausnahme, auch andere Nachrichten-Moderatoren servieren dem Publikum am liebsten Zungenhaschee mit Faselnüssen und Labertran. Publikumsliebling ist, bereits im dritten Jahrzehnt, eine Betonblondine mit borealem Kaltpresslächeln und musealem Tüllgardinencharme: Dagmar Berghoff. Da die ostholsteinische Kaufmannstochter trotz Sprachen- und Schauspielstudiums immer nur Briefträgerinnen und ähnlich Undramatisches mimen durfte, hatte sie sich mit Mitte zwanzig kurz entschlossen hinters Mikro geklemmt und war dort prompt kleben geblieben. Inzwischen wirkt sie als neudeutsche Nationalheroldine so aktuell wie Borgwards Isabella. Dazu kommen schmachvolle Stockfehler: Mal verwechselte sie Tschernobyl mit Russlands Ministerpräsidenten Tschernomyrdin, dann vermutete sie das sowjetische Außenministerium in Bonn, und bei der Berliner Funkausstellung schwärmte sie: „Diese neuen schönen Bildschirme, also, da könnte ich auch flach werden.”

Mike Krüger schwört sogar, er habe Frau Berghoff einmal statt „statistisches Bundesamt” aphorismusverdächtig „buddhistisches Standesamt” sagen hören. Kein Wunder, dass TV-Spötter schon lange die Zungen wetzen. Lutz von Rosenberg-Lipinsky rechnete die dröge Dauerlächlerin unter die „Barbiepuppen-Fehlpressungen”. Harald Schmidt urteilte, sie sei „definitiv nicht geliftet”, sondern habe nur „aus Versehen den Lippenstift von Wilhelm Wieben benutzt”.

Als Chefsprecherin steht die tutige Tagesbeschließerin einer Vorleser-Schwadron vor, in der sich nach Spülbecken-Art die ganze Vielfalt profilneurotischer TV-Drittklassigkeit sammelt. Der sonnenstudiogeselchte Lederschlingel Wilhelm Wieben, Grinsregent der Grufti-Szene, versprach einen „stillen Abschied” und tingelte dann durch alle Talk-Shows, die nicht rechtzeitig zusperrten. Die Berufsblondine Susan Stahnke hob nach Hollywood ab und landete als Lachnummer im Damenpissoir „Lady P“. Der News-Softi Jens Riewa legte sich mit der rosa Szene und gleich auch noch mit Herrn Stahnke an. Frau Herman hält sich für eine Talkmasterin, liefert in der „Tagesschau” aber Fehlleistungen wie „Das KZ Buchenwald wurde vor 50 Jahren von den Amerikanern errichtet” und wirkt überdies so fidel wie eine von latenter Adipositas geplagte Heilsarmistin, die mit Rohkost Figur halten muss.

Wickerts Co-Moderatorin Gabi Bauer (37), eine leicht kopflastige Celler Architektentochter mit internationalem Rundum-Studium, hat zwar nur die Ausstrahlung einer 5-Watt-Birne, parliert sich aber klug und konzentriert um alle Fallen. Und die resche Rollzunge Hannelore Fischer beweist im „Mittagsmagazin” mit juchtenlederner Interview-Zähigkeit, dass weder Blond noch Bayrisch ein Handikap ist.

Beim ZDF guckt News-Oldie Wolf von Lojewski (62), Spross einer 400jährigen Gelehrtenfamilie, zwar immer so verknautscht und traurig, als stammten seine Klamotten wirklich aus dem Secondhand-Shop, lässt sich aber laufend Lustiges einfallen wie „Lieber gar kein Wetter als dieses”. Leider wird das „heute-journal” jedoch auch von dem Schweizer Politologen Alexander Niemetz aufgeblättert, bei dessen Vereinfachungsversuchen stets komplizierte Gehirnbrüche drohen, z. B.: „40 Milliarden, eine unvorstellbare Summe. Man stelle sich einen Hundertmarkschein auf einem Fußballfeld vor. 88 von ihnen ergeben einen Quadratmeter. Legt man das Feld komplett mit 100-Mark-Scheinen aus, ergibt das rund 62 Millionen Mark. Erst wenn man 650 Fußballfelder übereinanderstapelt...”, schwatzte Niemetz weiter - aber da hatte das Gros der Zuhörer bereits das Handtuch geworfen.

Bei ZDF-„heute” sind meist die Mainzer Vielzweckmoderatorin Petra Gerster (44) und der hanseatische US-Heimkehrer Klaus-Peter Siegloch (53) zu sehen, doch taucht immer mal wieder auch Deutschlands schönster Krawattenträger Claus Seibel auf, ein selbstleuchtender Nähkästchenplauderer mit dem milden Majestätsgehabe eines Alterspräsidenten, zuweilen aber auch dem wilden Mienenspiel eines Tenors an der Schmerzgrenze. Alles nur Show, denn natürlich liest auch der schläuliche Schöntuer nur vor, was Klügere schrieben, mitunter fröhlich falsch: Einmal machte er aus „lokale Stellen”, weil er die Buchstaben „lo“ als Zahl „10“ las, „zehn kahle Stellen”. Obwohl längst pensioniert, klammert sich der wohllebende Wiedergänger zäh ans Mikro und wehrt sich mit bejahrten Witzen gegen das Altenteil: „Ab 1. Oktober dürfen Rentner bei Rot über die Straße, ab 1. Januar müssen sie!”

Die Privaten lachen, können es selbst jedoch kaum besser. Bei SAT.1 präsentiert um „18.30” die in Texas ausgebildete Astrid Frohloff ihr Programm, als säße sie in der Portiersloge eines Polizeipräsidiums. Bei den „PRO7-Nachrichten” starrt der Quadratpreuße Florian Fischer-Fabian so bösen Blickes ins Publikum, als wolle er gegen Weghörer juristisch vorgehen. Und im RTL-Mittagsmagazin „Punkt 12” lispelt die Germanistin Katja Burkard gnadenlos Dellen ins Mikrophon.

Der Agraringenieur Peter Kloeppel schrieb einst eine Diplomarbeit über „Ferkel in streuloser und eingestreuter Haltung”. Heute holt er mit „RTL aktuell” trotz notorischer Nuschelei pralle Quoten, doch sein Bäcker-Witz (viel Mehl, wenig Rosinen) streift regelmäßig die Unterkante deutschen Nonsens-Humors: „Bei der Formel 1 vergessen sie nach dem Tanken immer, zu bezahlen.” Stets korrekt geschniegelt, wirkt der leichtgesichtige News-Yuppie so seriös wie ein Makler, der seiner Kundschaft teure Eigentumswohnungen aufschwatzen will, während er selber billig zur Miete wohnt.

Mit Hajo Friedrichs Abgang schien die Zeit der selbstverliebten TV-Silberscheitel vorbei, da flatterte plötzlich ein Weißkopf-Suppenhuhn aus dem Amateurlager auf den Schirm: Zur Geisterstunde dilettiert der frühere „Stern”-Chefredakteur Heiner Bremer im RTL-„Nachtjournal” (Branchenspott: „Geschichten aus der Gruft”). Als 68er-Jungdemokrat befand er noch: "Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist eine gefährliche Sache.” Heute steht er für die intellektuellen Gefahren des Privatfernsehens. Stilblüten säumen seinen Weg. Außerdem liefert der grünrotstichige Mattsinn-Multiplikator lieber Meinung als Nachricht. Im Repertoire finden sich zudem sauertöpfischer Hanseaten-Humor, Schmuddelsprüche und jede Menge Zungensalat: Aus „Mauthäuschen” wurde „Maushäuschen”, aus „Kollaboration” ein kabarettreifes „Kollabaraboration”, und einmal war „die Rühe trügerisch”.

Noch schlimmer wirkt indes die Transusigkeit des Nachtlaberers. Harald Schmidt empfahl ihn für die Valium-Werbung und höhnte: „Wenn man in Narkose liegt und trotzdem etwas hört, dann ist das ungefähr so, wie wenn man Heiner Bremer im Fernsehen sieht.” Und Terror-Kritiker Oliver Kalkofe fragte sogar: „Sie reden so künstlich - kann es sein, dass Sie vielleicht noch 'nen Kleiderbügel im Hintern haben?” Einhelliges Urteil: Dieser elektronische Kleingärtner besitzt die Kompetenz eines einarmigen Karussellbremsers, den Charme eines übereifrigen Hilfspolizisten und die Seriosität eines alternden Heiratsschwindlers.

Die Newslinge

Queen-Mum: Dagmar Berghoff (56) liest seit 1976 für die „Tagesschau” vor (ARD, täglich 20 Uhr, seit 1952. 10,07 Mio Zuschauer, Marktanteil 34,8 Prozent). Lady Bieder des deutschen Verlautbarungsjournalismus.

Lord Lall: Ulrich Wickert (56) schielt schon seit 1991 auf den Teleprompter der „Tagesthemen” (ARD, täglich 22.30 Uhr, seit 1978. 2,30 Mio Zuschauer, Marktanteil 12,4 Prozent). Frauentyp, aber höchste Versprecher-Frequenz.

Highnoon-Herrin: Hannelore Fischer (43) dominiert seit 1989 das ARD-Mittagsmagazin (Montag-Freitag, 13 Uhr, seit 1989. 1,5 Mio Zuschauer, Marktanteil 25 Prozent). Hochtouriges Münchner High-Tech-Mundwerk mit Charivari-Charme.

Schweizer Schwätzer: Alexander Niemetz (55) stieß 1991 zum „heute-journal” (ZDF, Montag-Samstag, 21.45 Uhr, seit 1978. 5,33 Mio Zuschauer, Marktanteil 25,4 Prozent). Alpiner Tiefschürfer mit Nussknacker-Mimik.

Schönrentner: Claus Seibel (62) heuerte 1970 bei „heute” an, macht seit 1998 als freier Mitarbeiter weiter (ZDF, täglich 19 Uhr, seit 1963. 6,22 Mio Zuschauer, Marktanteil 27,1 Prozent). Alt-Adonis mit Kunstsonnen-Charisma.

Lispel-Lady: Katja Burkard (34) stellt sich ihrem Sprachfehler seit 1995 in „Punkt 12” mutig mit Marilyn-Monroe-Miene und Zahnweiß-Lächeln (RTL, Montag-Freitag, seit 1992. 1,45 Mio Zuschauer, Marktanteil 27,7 Prozent).

Smartgummi: Florian Fischer-Fabian (42) begann im Dezember 1998 bei den „PRO7-Nachrichten” (Montag-Samstag, 19.30 Uhr, seit 1991. 1,37 Mio Zuschauer, Marktanteil 5,4 Prozent). Elitärer Edelzwirn, zähes Kautschuk-Lächeln.

Mr. 100 000 Valium: Heiner Bremer (58) eröffnete 1994 das „RTL-Nachtjournal” (Montag-Freitag, 24 Uhr. 980 000 Zuschauer, Marktanteil 14,9 Prozent). Linksdrehender Zeitlupen-Zombie mit friedhofsblondem Eitelscheitel.

Muttis Yuppie: Peter Kloeppel (40) moderiert seit 1992 „RTL aktuell” (täglich 18.45 Uhr, seit 1984. 4,4 Mio Zuschauer, Marktanteil 20,3 Prozent. Erprobter Infotainer nicht ohne Selbstironie, aber schmierseifenglatt.

Newscomerin: Astrid Frohloff(36) übernahm erst im Januar die Newsshow „18.30” (SAT.1, Sonntag-Freitag um halb sieben, seit 1995. 2,33 Mio. Zuschauer, Marktanteil 10,8 Prozent). Trotzt ihren schlechten Quoten mit erbarmungswürdigem Eifer.

 



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