Ingo Appelts Zoten über Gerhard Schröder

Donnerstag, 2. Januar 2014

Schlüpfriges von Bastian Pastewka, schlimme Schumi-Witze von Jörg Knör, Schmuddeliges von Rudi Carrell, Obszönes von Stefan Raab: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 11 vom 26. August 1999 ging es um „Miese Zoten, Riesen-Quoten: Deutschlands Comedy-Chaoten“: Kasse statt Klasse, mit Schwachsinn, Machosprüchen und menschenverachtendem Spott.

Der Abend war fortgeschritten, die Stimmung auch da nahm Ingo Appelt das letzte Schamtuch von der Lästerlippe: „Die Clintonisierung der Bundesrepublik ist in vollem Gange. Machtgeil, notgeil, Schwerenöter, unser Hengst heißt Gerhard Schröder!” - „Was macht der Kanzler? Er regiert, er regiert, erigiert!” - „Praktikanten von vorn, Praktikanten von hinten, und sie rufen laut im Chor: Du bist besser als Bill Clinton!” - „Schröder hat es richtig gemacht, er hat seine Praktikantin gleich geheiratet!” – „SPD, das heißt ja auch: Schröder poppt Doris!”

Der Appelt fällt nicht weit vom Schlamm: Mit Späßen wie aus der Spüle schnoddert sich nicht nur der frühere Metallwerker, optisch ein Mix aus Mephisto und Mickymaus, durch einschlägigen TV-Jux inzwischen arbeitet schon eine halbe Kompanie kalauernder Comedy-Chaoten rastlos am neuen Programmschwerpunkt Schweinigelei. Denn: Je schlimmer die Zoten, desto besser die Quoten.

Kostproben: In der neuen SAT.1-Erfolgsshow „Voll witzig” forderte Moderator Ingolf Lück den TV-Spaßmacher Theo West auf, ein Reiseziel pantomimisch darzustellen, das Komiker-Kollege Mirko Nontschew erraten sollte. Als West sich die Brust rieb, rief Nontschew: „Titten!” Als West auf sein Gesäß klopfte, riet Nontschew: „Arschfi....?” Zuletzt imitierte West Geräusche der Darmentleerung. „Er pustet, ich komme nicht drauf”, resignierte Nontschew, bevor Lück das Rätsel löste: „Es war der Titicacasee.”

In der noch erfolgreicheren SAT.1-„Wochenshow” fiel dem rheinischen Ulk-Erotomanen Bastian Pastewka ein: „Schröder nennt Doris zärtlich sein kleines Kanzleramt - er will da unbedingt rein!” Im „Festival der Komik” des öffentlich-rechtlichen WDR witzelte der Parodist Jörg Knör (39): „Was ist der Unterschied zwischen Ralf und Michael Schumacher und Siegfried und Roy? Der Gesichtsausdruck, wenn der eine dem anderen hinten reinfährt!”

In der meistgesehenen Sendung des Genres, der RTL-Blödelrunde „7 Tage, 7 Köpfe”, serviert der Kölner Zoten-Zwerg Kalle Pohl Pubertärwitze wie „Wenn das Kondom platzt, läuft die Garantie aus” oder „Das beste Verhütungsmittel ist Palmin, es heißt doch immer: Schließt die Poren und hält den Saft zurück!” Über Inge Meysel scherzte er: „Sie soll jetzt ,Peep‘ moderieren. Thema: Oralverkehr und dritte Zähne, beißt sich das?”

Zum Vorbild nimmt sich Pohl dabei offenbar den Altmännerhumor seines Produzenten Rudi Carrell (64), der einst in seiner „Tagesshow” perfekt Pointen prägte, heute aber meist plumpe Machowitze ablässt: „Clintons Sekretärin war neulich beim Arzt, aber der hat gesagt, sie soll sich keine Sorgen machen, in ein, zwei Tagen ist sie wieder auf den Knien!”

Auch Frauen machen mit. Die Kölner Krawallkugel Hella von Sinnen griff für den WDR in unterste Schubladen: „Was ist schwarz und gelb, fliegt durch die Luft und hat den Mund voller schwarzer Sägespäne? Die Biene Maja, nachdem sie dem Pinocchio gerade einen geblasen hat!”

Die Kreativität der Comedy-Kretins erschöpft sich in Toiletten-Prosa. Appelt ferkelte: „Was kommt raus, wenn man einen Hasen mit einem Elefanten kreuzt? Ein toter Hase mit sooooo einem A...loch.” Carrell balhornte: „Andere Länder, andere Titten.” Michael Herbig sprach in „bullyparade” ein „v” als „f” und ein „y” als „i” - heraus kam: "Udo Jürgens sagte, ich muss jetzt los, heute abend Vick-y Leandros Tochter!”

Doch nicht nur jenseits der Gürtellinie dringen Deutschlands Debilwitzler immer tiefer vor, auch auf anderen Gebieten lassen sie Geist und Geschmack weit hinter sich. Bevorzugte Sujets:

Ekliges. Nontschew über Nutella: „Sachen, die aussehen wie Durchfall, verkaufen sich wie von selber!” West in „Voll witzig”: „Hat jemand mal eine Nase zum Popeln? Meine ist leer.” Pastewka: „Modeschöpfer Wolfgang Joop hatte Kokain im Kamin. Noch schlimmer traf es seinen Kollegen Karl Lagerfeld: Er hatte Stuhl im Pool!” Hamburgs Trash-Texter Thomas Hermanns (33), Moderator des „Quatsch Comedy Club”: „Wenn man die Buchstaben von Megaperls vertauscht, ergibt es das Wort Sperma-Gel, und darin möchte ich meine Wäsche wirklich nicht waschen."

Schwachsinn. Pohl: „Wenn ich jetzt einen Puff erbe, muss ich dann zu meiner Mami Puffmutter sagen?” Die Quickborner Quatschnase Mike Krüger (47): „Brennt es eigentlich beim Wasserlassen? Weiß ich nicht, habe es noch nicht angezündet!"

Frauenfeindliches. Der Münchner Magerkomiker Michael Mittermeier, der sich mit Lederjeans und Baseballkappe zum Komik-Kid trimmt, schwachsinnierte zu einem Werbespot: „Was versteht Claudia Schiffer denn von Autos, außer ,Aha, brumm, brumm, Liegesitze‘!"

Kalauer. Pohl: „Den Dalai Lama halten 73 Prozent für den Ex-Ehemann von Daliah Lavi.” Carrell: „Es heißt ,Scherben bringen Glück‘ und nicht ,Serben bringen Glück‘!” Nontschew: „Warum heißt Wimbledon Wimbledon? Weil es dort vor Tennisspielern wimbelt.” Herbig: „Mein Dackel ist schwul, man nennt ihn auch den ,Bayer auf Rüden'."

Religionswitze. Der unvermeidliche Appelt in „Veronas Welt” (RTL): „Vater unser, der du bist im Himmel, ich hab' einen Pimmel.” Das war selbst der Gastgeberin zu viel, doch vergeblich versuchte Frau Feldbusch, den Genitalkomiker zu stoppen.

Ausländerfeindliches. Appelt: „Es kann kein Pole im Himmel sein, der Große und der Kleine Wagen sind immer noch da.” Carrell über Giovanni Trapattoni: „Typisch Italiener, wie bei der Liebe: Kurzes Vorspiel, kleine Erregung, dann der Satz ,Ich habe fertig‘, und dann hauen sie ab.”

Viel Hohn zielt auf alte Menschen. Hermanns: „Wenn man 70 Jahre verheiratet ist, heißt das Gnadenhochzeit. Wie heißt dann das Frühstück - Gnadenbrot? Und der Sex - Gnadenstoß?”

Der Tod ist nicht das Ende. Selbst der Paderborner Pointen-Softi Rüdiger Hoffmann (35), das Comedy-Genie mit der Cabrio-Frisur, frevelte: „Der Michael Schumacher ist jetzt ganz oben. Obwohl, ganz ganz oben, da ist der Ayrton Senna.” Appelt nach dem Massaker an deutschen Touristen in Luxor: „Wir wollen unsere Rentenkassen schonen, drum, Rentner, fahrt ins Land der Pharaonen!” Knör: „Lady Di war kurz vor ihrem Tod im Radio, und auch auf dem Armaturenbrett, im Steuerrad, in der Windschutzscheibe...”

Auch vor schwerer Krankheit macht kaum ein Komiker Halt. Mittermeier über den Filmklassiker „Love Story”: „Ich kann im Kino den Mund nicht halten. Wie der Ryan O'Neal gerade die hübsche Ali McGraw kennenlernt, habe ich gerufen: ,Nimm die nicht, die hat Krebs‘!”

Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. Von Anstand, Takt und Sitte wissen die meisten TV-Comedianten so viel wie Kanarienvögel von der Relativitätstheorie. Appelt über Niki Lauda. „... hat sich kaum verändert. Tja, Geräuchertes hält eben länger.”

Lichtblicke sind selten. Der Hamburger Ex-Theatermaler Olli Dittrich (42), der mit Wigald Boning „Die Doofen” gründete, peppt als Außenreporter Thomas Gottschalks „Wetten, dass..?” auf: „Normalerweise ist es so, dass die Füße laufen und die Nase riecht - bei mir ist es umgekehrt.” Der Recklinghauser Verkleidungskünstler Hape Kerkeling (34), der für sein Leben gern Leute hinters Licht führt, ersann für seine WDR-Comedyserie „Gisbert” z.B. das hinterhältige Kompliment „Sie haben eine Haut wie ein 16jähriger Pfirsich.” Der Berliner Show-Chauvi Hans-Werner Olm (42) motzte in seiner Lieblingsrolle als Ruhrpott-Proll „Günna”: „Früher konnte man eine Frau treffen, die kochte wie deine Mutter - heute kannst du eine Frau treffen, die säuft wie dein Vater!”

Besonders viel Erfolg hat die verlogene Methode der Tele-Petze Stefan Raab, der in „TV Total” (PRO 7) publikumswirksam Geschmacklosigkeiten aus anderen TV-Sendungen anprangert und dabei selbst regelmäßig noch viel Schlimmeres vom Stapel lässt. Über-Fußballerinnen: „Großes Kompliment an unsere Torfrau: 28 Jahre und noch nie einen reingekriegt.” - Über Homosexuellen-Ehen: „Ist es nicht ein bisschen geschmacklos, auf einer Schwulenhochzeit Dudelsäcke spielen zu lassen?” Und über den Grand-Prix-Schlagertitel „Ich habe meine Tage”: „Bekommt da der Begriff ,Vorausscheidung' nicht eine völlig neue Bedeutung?” – „Es heißt immer, die Demokratie ist im - Arsch”, meinte Appelt, „aber das stimmt gar nicht - sie ist im Fernsehen.” Und wo das Fernsehen mit Appelt & Co.? Im Finstern.

Die Comedy-Chaoten

Zoten-Mephisto Ingo Appelt (32) - Früherer Metallwerker, verstreut seine Gossen-Gags zur Zeit auf allen Kanälen.

Sexkübel Bastian Pastewka (27) - Bonner Ex-Student der Pädagogik und Soziologie, setzt als Talk-Tunte „Brisco” die „Wochenshow” um (SAT.1, Samstag, 22 Uhr, seit 1996, 5.66 Mio Zuschauer. Marktanteil 21.9 Prozent)

Nonsens-Nabob Mirko Nontschew (29) - Ex-Zahntechniker aus Ostberlin, startete seine Komik-Karriere in „RTL Samstag Nacht”, ist zur Zeit Dauergast in dem SAT.1-Quatschquiz „Voll witzig” (Sonntag, 22.15 Uhr, seit Mai, 3,61 Mio Zuschauer, Marktanteil 17,2 Prozent)

Niederlacher Kalte Pohl (42) - Der kabbelköpfige Kleindarsteller, Ex-Hauptwachtmeister der Kölner Polizei, hier mit Rudi Carrell, drückt sogar noch das Niveau der RTL-Brüll-Bambule „7 Tage, 7 Köpfe” (Freitag, 22 Uhr, seit 1996, 5,52 Mio Zuschauer, Marktanteil 27,1 Prozent)

Müllhippe Hella von Sinnen (40) - Bürgerlich Kemper, einst Angestellte einer Lippenstiftfabrik, lässt ihre Thekenwitze jetzt in Sendungen wie „Festival der Komik” recyceln (WDR, Mittwoch, 22.45 Uhr, seit 1998, 750 000 Zuschauer, Marktanteil 3,5 Prozent)

Gaga-Guru Michael Herbig (31) - Münchner Morgenshow-Moderator, führt in seiner "bullyparade” geschmackliche Grenzfälle, aber auch kunstvollen Gaga-Humor vor (Montag, 23.10 Uhr, seit 1997, 1,13 Mio Zuschauer, Marktanteil 9,8 Prozent)

Comedy-Kid Michael Mittermeier (33) - Ex-Student der Anglistik, mäht mit seiner Satire-Sense sämtliche Lach-Sendungen nieder, wurde besonders mit dem „Quatsch Comedy Club” bekannt (PRO 7, Montag, 22.15 Uhr, seit 1997, 1,46 Mio Zuschauer, Marktanteil 9,6 Prozent)

Schrottdrossel Stefan Raab (32) - Der Kölner Metzgerssohn lässt Sendungen seiner Kollegen mitschneiden, führt Fehlleistungen vor („TV Total”, PRO 7, Montag, 22.15 Uhr, seit März 1999, 2,5 Mio. Zuschauer, Marktanteil 11,5 Prozent)

Narrenknappe Hape Kerkeling (34) - Startete seine Karriere schon mit 16, hatte Tops („Total Normal”) und Flops („Cheese”), lieferte zuletzt mit „Gisbert” ansehnlichen Slapstick (WDR, Mai bis Juli, 340 000 Zuschauer, Marktanteil 1,2 Prozent)





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