Dieter Hildebrandts Toiletten-Reime

Samstag, 4. Januar 2014

Otfried Fischers Wadlbeißer-Witze, Wilfried Schmicklers Pitbull-Pointen, Mathias Richlings Religionsbeschimpfung: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 13 vom 9.September 1999 ging es um das TV-Kabarett: Nur noch Spott, Schrott, Schimpf, Schlamm und Anschwärzerei.

Den amerikanischen Sonderermittler Kenneth Starr, der Licht in die Lewinsky-Affäre brachte, nannte er „den Schwanzanwalt, äh, Staatsanwalt“. Über den deutschen Verteidigungsminister spottete er: „Vielleicht, dass der Scharping vom vielen Radeln wunde Eier hat.“ Der Diskussion, ob und wo Anhören erlaubt sein soll, widmete er den Toiletten-Reim: „Es sitzt der Gonokokk und lauscht, wie der Urin vorüberrauscht.“

So grobschlächtig geht es zu, wenn Deutschlands bekanntester TV-Kabarettist Dieter Hildebrandt seiner Lachlust freien Lauf lässt: Schon lange liefert der langjährige Münchner Lach- und Schießgesellschaftler statt prägnanter Polit-Pointen nur noch schlammigen Schimpf, statt feinsinnigen Spotts plumpe Niedermache und statt zielsicherer Zeitkritik primitive Altmänner-Zoten.

„Ein gutes Kabarett sorgt dafür, dass die Menschen etwas zu lachen haben", wusste der Satiriker Gabriel Laub, „eine Regierung sorgt auch für das Gegenteil." In Deutschland scheint es umgekehrt. Folge: sinkende Einschaltquoten. Hildebrandts einstige ARD-Renommiersendung „Scheibenwischer", 1984 noch von zehn Millionen Zuschauern belacht, verlor vier Fünftel ihres Publikums.

Spottskamerad Hildebrandt, genannt „verfolgende Mimose", weil er pausenlos auf andere einprügelt, selbst aber Kritik nur schlecht verträgt, ist Hauptverursacher, jedoch nicht Alleinverantwortlicher: Zum allgemeinen Niedergang der deutschen Fernseh-Satire trägt eine ebenso kopfstarke wie witzarme Kollegenschar kräftig bei.

Der Offenbacher Literaturwissenschaftler Mathias Richling, Autor einer Magisterarbeit über Karl Valentin, höhnte 16 Jahre lang fast ausschließlich über Kanzler Kohl. Seit dem Machtwechsel im Oktober 1998 muss sich der vorzeitige Spottinvalide mit mäßig witzigen Spitzfindigkeiten behelfen: „Wer springt denn heute noch vom Fernsehturm? Die meisten Selbstmörder sind doch schon umgestiegen auf die Deutsche Bahn!"

Der gelernte Druckvorlagenhersteller Jürgen Becker aus Köln, der eigentlich Sozialarbeiter werden wollte, findet es schon hintersinnig, wenn er in seiner Sendung scheinheilig fragt, warum man im Fernsehen „einen Kardinal nicht Arschloch nennen" dürfe. Weitere Kostproben des kabarettistisch nur kleinkalibrigen Kneipenkomikers: „Die Ärzte müssen sich mal was einfallen lassen, zum Beispiel Schnupperwochen beim Urologen." Manchmal ersetzt er auch einfach Witz durch Wut: „Gentech, Hightech, Scheißdreck!"

Der Passauer Metzgerssohn Bruno Jonas, ein Banalerotiker mit systemkritischem Mephisto-Mecki, soll zwar Hildebrandts Nachfolger werden, hat sich aber einstweilen auf unpolitische Aktualität spezialisiert: „Der Gourmet-Suizid auf Rindfleisch-Basis wird immer beliebter." Außerdem bedient der rauflustige Räsonnierbayer sein Publikum schon mal mit Kegelclub-Humor: „Was passiert, wenn eine Blondine von Deutschland nach Österreich einreist? Es hebt in beiden Ländern den Intelligenz-Quotienten!"

Der Ex-Internatsschüler Ottfried Fischer, ein schlaues Schwergewicht mit Wadlbeißer-Witzen, macht am liebsten Landsleute nieder: „Die Münchner Polizei, dein Freund und Hehler." - „Peter Gauweiler war gegen die Prostituierten auch sehr negativ eingestellt. Heute kennt ihn keiner mehr, bis auf ein paar Nutten!" Der bayerische Bazibub trompetete einst besonders laut gegen das Privatfernsehen, bis er merkte, wie man dort kabarettistisches Kleingeld in dicke Honorare ummünzen kann. Seither als Witz-Walze im Dauerdienst, liefert der listige Krachleder-Komiker indes auch manchen Lichtblick: „Was haben Erich Kästner und die Kriminalität gemeinsam? E-mail und die Detektive!"

Der hessische Kaufmannssohn Matthias Beltz, einst bei Opel Rüsselsheim am Fließband, aber Jurist mit Staatsexamen, holzte im Kosovo-Krieg: „Der Scharping hat nur deshalb einen Kopf, damit er das Stroh nicht in der Hand tragen muss“ und stellte fest: „Der Clinton hätte seinen guten Ruf bewahren können, wenn man ihn vor zwei Jahren erschossen hätte.“ Weitere Kostproben: „Was haben Männer ohne Beine? Erdnüsse!“ Nach dem Neonazi-Attentat auf Wiens Bürgermeister Helmut Zilk, dessen Hand bei der Explosion einer Briefbombe verstümmelt wurde, setzte der schnurrbärtige Schreckens-Sarkast die Brutal-Pointe: Die Wiener haben ihm hinterhergerufen, er solle doch in einen Secondhandshop gehen.“

Selbst der sonst so präzise Gag-Graveur Richard Rogler, Sohn eines Porzellanmalers aus Selb, ließ sich infizieren, greift immer öfter zum Vorschlag- statt zum Ziselierhammer: „Rudolf Scharping, früher zu dumm zum Radfahren, heute Kriegsminister!“ – Dabei hat der filigrane Feinschmecker sonst die subtilsten Sottisen im Schatzkämmerchen: „Bloß weil ein Grüner den Wald schützen will, muss er ja nicht gleich so aussehen, als wohne er darin!“

Auch Frauen fackeln nicht bange. Die blonde Bodytalkerin Lisa Fitz, Tochter einer Münchner Künstlerfamilie, zeigte einst ihr kabarettistisches Können in glanzvollen Solonummern, z.B. als zerknautschtes Opfer kosmetischer Chirurgie – jetzt zieht es sie an die Ursprünge in Sexfilmchen („Schulmädchenreport“) zurück: „Da reden die zehn Minuten lang über das Wort ,fiktiv' - in der Zeit habe ich das schon längst gemacht!" - „Woran erkennt man, dass ein Mann BSE hat? Wenn er die Fliege mit dem Schwanz erschlägt!" - „Warum ist der Preis für einen Mann bei 4,75 DM stehengeblieben? Zwei Überraschungseier und ein Kümmerling!“

Besonders laut misstönt es aus der zweiten Reihe. WDR-Kabarettist Wilfried Schmickler, Erfinder der Pitbull-Pointe, über den Bundeskanzler: „Mischung aus Speichellecker, Märchenonkel und Wünschelrutengänger." Über den Oppositionsführer: „66 Prozent wollen, dass Schäuble in Zukunft eine wichtige Rolle spielt, wenigstens solange sein Rollstuhl nicht quietscht."

Gag-Gnom Herbert Pachl über Helmut Kohl: „Wenn die geizigen Holländer sich viermal denselben Teebeutel aufbrühen lassen, sind wir schon viel weiter: Wir haben uns denselben alten Sack schon in vier Bundestagswahlen als Regierungschef aufbrühen lassen!"

„An Satire müssen Qualitätsansprüche gestellt werden", forderte ein ARD-Leitsatz noch im Jahr 1987. Die Realität ist weit davon entfernt - statt würzigem Witz und intelligentem Spott vernimmt das Publikum allzu oft Niveauarmut ohne Nährwert:

Obszönitäten. Hildebrandt über seinen Feldwebel im Krieg: „Ihm ist das Geschlecht abgeschossen worden, er hat dem Führer seine Eier geopfert." Schmickler über Roman Herzog: „Bundespräser." Fischer ferkelte: „Friss, Vögel oder stirb!" und witzelte über Clintons Neujahrsempfang: „Sie wissen doch, was ihm der chinesische Botschafter gewünscht hat: Guten Lutsch!" Lisa Fitz: „Habt ihr gewusst, dass der Kohl schwul ist? Weil er dem Waigel immer so die Stange hält!"

Fäkalsprache. Hildebrandt über Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber: „Vor den Wahlen kann man noch ein großer Kopf sein, und nach den Wahlen ein kleiner Arsch." Jonas erläuterte: „Wenn Ihr Kind in der analen Phase ganz schnell den Darm freigibt: ganz schlecht! Das sind die, die später SPD wählen, die können nichts halten, müssen immer verteilen, und dann geht das mit der sozialen Gerechtigkeit, der ganze Scheiß geht dann los!" Becker schmutzte über Frankreichs Staatspräsidenten: „Ich kack' auf Jacques Chirac, das atomare Arschloch der Grande Nation."

Beleidigungen. Jonas über Bayerns Kultusministerin: „Das ist die Tochter von Franz Josef Strauß, da passt jetzt der Name wirklich zum Kopf, die heißt jetzt Hohlmeier." Becker über Lothar Matthäus: „Dumm kickt gut."

Religionsbeschimpfung. Richling über den Papst: „Der Pontisex maximus hat in einer Kondomkonferenz gesagt, safer AIDS ist das wichtigste Mittel gegen Sex." Becker über ein Kölner Fest: „Die Transsexuellen tun erotisch und tanzen Arm in Arm mit dem Erzbischof und rufen: Wir vergeben dir, du dummes Schwein."

Macho-Sprüche. Becker: „Frauen und Politik ist wie Dolly Buster und Schach." Rogler: „Frauen haben in der Politik nichts zu suchen, sie sind nachweislich dümmer als Männer." Selbst Lisa Fitz steuerte frauenfeindlichen Flachsinn bei: „Warum haben Blondinen vier Hirnzellen? Für jede Herdplatte eine!"

Fremdenfeindlichkeit. Auch Kabarettisten, die sonst keine Lichterkette auslassen, opfern bedenkenlos ihre Grundsätze für ein paar miese Lacher mehr. Schmickler: „Wie hört sich das an, wenn ein Pole mit einem Türken Tischtennis spielt? Polack-Kanak-Polack-Kanak..." Lisa Fitz: „Ich habe gestern einen Satz mit sieben Worten und drei Lügen gelesen: Ehrlicher Pole mit eigenem Auto sucht Arbeit!"

Publikumsverachtung – sie trifft vor allem Andersdenkende. Hildebrandt ärgerte sich über Widerspruch aus dem Volk: „Kneipen sind hirnfreie Zonen, also Stammeltische." Schmickler pöbelte nach einem für ihn enttäuschenden Urnengang: „Der typische Wähler ist eine Mischung aus zahnlosem Wiederkäuer, schwerhörigem Blindfisch und politischem Müllschlucker.“

„Ich bin achtzigprozentig davon überzeugt, dass 90 Prozent der Deutschen zu verarschen sind“, meinte Hildebrandt – typisch für die Arroganz elektronischer Volkserzieher, die sich für unantastbar, ihre Meinung für verbindlich und ihr Publikum für minderbemittelt halten. Doch es gibt auch Ausnahmen: Der türkobayerische Realsatiriker Django Asül, ein sprachgenialer Witz-Virtuose voll hinterlistiger Heimatliebe, begeistert junges Publikum mit Kabarett quer durch den aktuellen Gemüsegarten: „Kriegt die Stephanie von Monaco jetzt pro Kind einen Leibwächter oder pro Leibwächter ein Kind?“ – „Heute gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder gute Allgemeinbildung oder Kommunalpolitik!“

Die listigen Leipziger Gunter Böhnke und Bernd-Lutz Lange zeigen ein verwirrendes Sachsfigurenkabinett mit viel Hinter- und Doppelsinn. Böhnke: „Politiker versprechen den Wählern nichts, was die nicht halten können.“ Lange: „Man kann überhaupt nichts mehr sagen, ohne dass irgendein Idiot der gleichen Meinung ist!“ Doch auch allzu Menschliches ist ihnen nicht fremd – Böhnke: „Was heißt Orgasmus auf Sächsisch? Fertsch!“


Die Kabarettisten-Lachnummern

Theken-Clown Jürgen Becker (39) – zeigt seit 1992 die WDR-„Mitternachtsspitzen“, die sein Vorgänger Richard Rogler erstmals 1988 klöppelte. Liefert hauptsächlich Latrinenhumor mit Niveau nicht unter zwei Promille.

Wehberater Richard Rogler (50) - forderte 1986 „Freiheit aushalten!", genießt seit 1997 „Roglers Freiheit" (3sat), teilt wacker aus. Wahlspruch: „Kabarett muss schmerzen, sonst hat es keinen Sinn".

Horror-Humorist Matthias Beitz (54) - debütierte 1991 mit einem „Nachschlag“ in den ARD-„Tagesthemen", startete 1995 die Satire-Talkshow „Das fröhliche Standgericht". Besonders böse Zunge in Paraderolle als neonazistischer Hausmeister.

Motz-Mimose Dieter Hildebrandt (72) - sendet seit 1980 den ARD-„Scheibenwischer". 1,86 Mio. Zuschauer, Marktanteil 11,9 Prozent. Kabarett-Ayatollah, macht Andersdenkende gnadenlos nieder, reagiert aber allergisch auf jede Kritik.

Kohlspiegel Mathias Richling (46) - erklärte seit 1989 im Südwestfunk: „Jetzt schlägt's Richling" und ruft seit 1996 jährlich „Klappe, die 199xste". Langjähriger Kohl-Parodist, seit dem Kanzlerwechsel 1998 im kreativen Vakuum.

Immer auf Sachse. Bernd-Lutz Lange (55) und Gunther Böhnke (56) – gründeten 1966 das Leipziger Kabarett „academixer“, treiben den kabarettistischen Ossi-Wessi-Hader mit Guggemal-Gags auf die Spitze.

Spitzenspottler Django Asül (27) – tritt seit 1997 in Satire- und Comedyshows auf („7 Tage, 7 Köpfe“, „Mitternachtsspitzen“), nimmt besonders gern Provinzialismus und Spießbürgertum aufs Korn.

Brutal-Blondine Lisa Fitz (48) – debütierte 1976, trat an „Tatort“ und in „Bio’s Bahnhof“ auf, provozierte mit frechen Kabarett-Programmen („Die heilige Hur‘“, „Ein Perser kommt selten allein“, „Ladyboss“, „Heil“).

Niederlacher Bruno Jonas (46) – debüttierte 1986 mit seiner TV_Serie „Jonas“, ein aktuelles TV-Programm heißt „Hin und zurück“ und wird von 3sat ausgestrahlt. Der Kasper der Kabarett-Szene: viel Mimik, wenig Witz.

Bullen-Bayer Ottfried Fischer (45) – überfüllt seit 1982 den Bildschirm, metzelt seit 1995 in „Ottis Schlachthof“ (Bayerischer Rundfunk, 500 000 Zuschauer, Marktanteil 2,8 Prozent). Seit 1996 als SAT.1-Kommissar „Der Bulle von Tölz“ populär.



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