SAT.1-Blasphemie vor dem Kölner Dom

Donnerstag, 2. Januar 2014

Im Westen „Trotzki“-Spott über Helmut Kohl, im Osten Dankbarkeit für die Wiedervereinigung: In „TELE-RETRO“ zeigen „Teletäglich“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 20 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom 2. Januar 94.

In einem Sketch der SAT.l-Sendung „Donner's Tag bei Kanal 4" am Sonntag standen eine TV-Reporterin und zwei Wissenschaftler vor dem Kölner Dom. Dialog:

Reporterin: „Überall lauert das Verbrechen ... Besonders hier an diesem Ort. Diese beiden jungen Wissenschaftler machen sich nun daran, einen ziemlich schweren Fall aufzudecken ... Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?"

Erster Wissenschaftler (hält eine Hostie hoch): „Unsere chemischen und radiologischen Untersuchungen haben ergeben, dass es sich hier um zweitausend Jahre altes Fleisch handelt."

Zweiter Wissenschaftler: „Also wir raten dringend vom Verzehr ab."

Reporterin: „Tja, eine erschütternde Nachricht. Das christliche Abendmahl ein Fall für die Gesundheitsbehörde."

Und zwar in der Abteilung Psychiatrie.

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In den „Tagesthemen" am Montag sagte ARD-Kommentator Elitz: „Unser Rentensystem ist heute kein Auslaufsystem. Verbessern, nicht abschaffen, heißt die Devise. Und all die anderen düsteren Zukunftsgemälde erinnern mich etwas an das Bleigießen in der Silvesternacht. Das können wir ja dann in einigen Tagen tun, mit Herrn Biedenkopf. Aber aus dieser Bleigießerei sollten wir keine Schlüsse für die Sicherheit unserer Renten ziehen."

Ein alter Irrtum hat mehr Freunde als eine neue Wahrheit (deutsches Sprichwort).

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Am Dienstag zeigte die ARD eine neue Folge der Serie „Die Trotzkis" um eine Leipziger Familie, die aus einem ständig murrendem Taxifahrer, dessen Frau, einer nymphomanischen Tochter und einem debilem Sohn „Benno" besteht. Kostproben:

Vater zu Mutter: „Kannst du mir vielleicht sagen, wer so blöd ist, deine Pullover zu kaufen?" - Sohn: „Ich!" - Vater: „Ja. Und vielleicht noch Helmut Kohl. Das sind dann zwei Pullover."

Mutter: „Vielleicht werde ich eines Tages sogar mit Theo Waigel über die Zukunft Deutschlands diskutieren." - Vater: „Da kannst du auch mit Benno diskutieren, der weiß genauso viel darüber."

Besucher aus dem Westen zu Mutter Trotzki: „Das gefällt mir - sein Schicksal nicht dem lieben Gott überlassen, geschweige denn Helmut Kohl."

Im Osten nichts Neues.

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Am Dienstag zeigte „Kennzeichen D" Interviews mit Arbeitern einer Brigade aus Zeitz, die das ZDF schon vor 20 Jahren einmal porträtiert hatte. Damals hatten sie den Sozialismus gepriesen - heute sagten sie:

„Die Einheit hat uns doch relativ viel gebracht. Ohne diese Einheit sähe es im östlichen Teil Deutschlands wesentlich schlimmer aus, als wir angenommen hätten."

„Ich war froh, als es kam, dass die Deutschen wieder zusammenkommen. Egal wie - unser Volk gehört zusammen. Das war für mich das Wichtigste."

„Unsere Wünsche haben sich echt erfüllt. Wir haben uns ein neues Auto gekauft, uns neu eingerichtet, einen Fernseher, einen Waschvollautomaten gekauft, haben uns alles gekauft - das haben wir der Einheit zu verdanken."

„Jetzt fühle ich mich besser und wohler - und freier."

Das musste wohl auch mal wieder gesagt werden.

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In „Nachschlag" am Mittwoch veranstaltete ARD-Kabarettist Rogler einen „Politiker-Quiz". Kostproben:

„Putzfrau und Sachsen-Aufhalt? Bingo. Krause und München!"

„Achtung - Sekt oder...? Seiters! 9 GSG-Punkte nach Bad Kleinen!"

„Wie heißt der Minister und Rechtsanwalt, der als Einnahmequelle das Mandanten-Leasing erfunden hat? Super! Der schwarze Peter alias Gauweiler. Das gibt fünf Schweinderl auf einmal"

„Im Kohl-Kabinett, da kickt ja mittlerweile nur noch die dritte Liga."

So ist der Abstieg der ARD vorprogrammiert.


Anmerkungen

Der Kabarettist Martin Zuhr trat seit 1990 als Moderator „Rolf Donner“ mit der Satiresendung „Donner's Tag bei Kanal 4“ auf.

Ernst Elitz wurde 1985 Chefredakteur Fernsehen des Süddeutschen Rundfunks. Von 1994–2009 war er Intendant des „Deutschlandradio“, heute ist er Kommentator der Bild-Zeitung.

Die TV-Serie „Die Trotzkis“ lief 1993-1994 in der ARD.  

Richard Rogler lag mit seiner Satire über Bad Kleinem so schlimm daneben wie viele andere Kollegen seiner Zunft. Bad Kleinem war am 27. Juni 1993 Schauplatz einer Polizeiaktion, die wegen unseriöser Berichterstattung zu einer Medienaffäre wurde. Der RAF-Terrorist Wolfgang Grams hatte sich auf dem Bahnhof seiner Festnahme widersetzt, einen Polizeibeamten der GSG9 Michael Newrzella und dann sich selbst erschossen. Linke Medien wie der „Spiegel“, die „Süddeutsche Zeitung“ und das ARD-Magazin „Monitor“ legten damals den Verdacht nahe, GSG9-Beamte hätten den Terroristen ermordet. Als dementsprechend gedeutete Zeugenaussagen aber immer unglaubwürdiger waren, entschuldigte sich der SZ-Reporter Hans Leyendecker für den unberechtigten Vorwurf und gestand: „Eine verheerende Geschichte … für den ‚Spiegel’ verheerend … Die Folgen waren, dass eine Reihe von Leuten zurückgetreten ist, und eigentlich hätte ich auch gefeuert werden müssen.“ Die ARD verzichtete nicht nur damals auf personelle Konsequenzen, sie strahlte auch jetzt 20 Jahre nach dem Vorfall in einigen Dritten Programmen die Dokumentation „Endstation Bad Kleinem. Vom Versagen deutscher Sicherheitsorgane“ aus, in dem die ARD-Autorin Anne Kauth die längst widerlegten Vorwürfe von neuem insinuiert: Es habe sich für die RAF um ein „letztes Duell mit der Polizei“ gehandelt, und Grams habe mit der damals verhafteten Terroristin Birgit Hogefeld in der Bahnhofsgaststätte eine „Henkersmahlzeit“ eingenommen. Schlaue Schlussfolgerung der Autorin zur Entlastung früherer ARD-Fehlbeurteilungen: „Die Republik dachte, hier hat ein Racheakt stattgefunden.“ Der einstige Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz hat laut FAZ „seine Unterstützung für Kauths Film inzwischen revidiert“ und „findet den Film im Ergebnis geschichtsverfälschend.“



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