Die älteste Würstchenbude der Welt

Freitag, 3. Januar 2014

Seit einem Vierteljahrhundert hilft Hightech, Rätsel der Vergangenheit zu lösen.

In der Nähe der Oase Dschieh kräuselt sich der Sand einer Anhöhe anders als sonst in der Wüste. Die Infrarotkamera zeigt: Er ist an dieser Stelle verfärbt, doch die Verfärbung ist für das bloße Auge nicht sichtbar. Archäologen graben und finden die Überreste einer vor siebzehn Jahrhunderten verschütteten Stadt: Isment. Die Forscher sichern Mauerreste, Goldschmuck und 18 Holzplatten, auf denen in feiner Handschrift Worte des berühmten Philosophen Aristoteles stehen. Es ist das bisher älteste bekannte Dokument mit Texten des großen Denkers.

Schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert hilft Hightech der Wissenschaft, Rätsel der Vergangenheit zu lösen, zuweilen mit erschreckenden Resultaten. In einer Grotte bei Salernes in Südfrankreich etwa fanden Forscher die Knochen von dreizehn Menschen, darunter vier Kindern. Laboruntersuchungen beweisen, dass die Kinder vor 12.000 Jahren sterben mussten, weil die Mörder ihr Gehirn und Knochenmark verspeisen wollten - erster wissenschaftliche Nachweis, dass es auch in Europa Kannibalen gab.

Einen anderen Fall lösten britische Altertumsforscher mehr als 2000 Jahre nach der Tat. Ein Torfstecher hatte im August 1984 im Lindow-Moor bei Manchester eine Leiche gefunden. Die Untersuchungen zeigten: Der „Lindow Man" wurde etwa dreißig Jahre alt. Seine Haut zeigt weder Narben noch Schwielen, er war also weder Krieger noch Bauer. Der Mageninhalt verriet, dass er dreißig Minuten vor seinem Tod ein Fladenbrot verzehrte. Es war exakt acht Minuten über einem Feuer geröstet worden und dabei stark angebrannt. Nach der Henkersmahlzeit wurde der „Lindow Man“ Mann durch zwei wuchtige Hiebe auf den Hinterkopf getötet. Anschließend legten die Täter ihm einen Lederriemen um den Hals und zogen ihn zu. Um ganz sicher zu gehen, schnitten sie ihrem Opfer auch noch die Kehle durch und drückten den Kopf des Leblosen unter Wasser. Die nackte Leiche warfen sie schließlich ins Moor. Solche Opfer brachten die keltischen Ureinwohner ihren Göttern regelmäßig dar. Die Kandidaten zogen Brotstückchen aus einem Lederbeutel. Wer den verbrannten Fladen erwischte, musste sterben.

Nicht nur bei der Aufklärung solcher Kultmorde leisten Archäologen detektivische Kleinarbeit. Computer errechnen aus winzigen Tonscherben in Sekundenschnelle die ursprüngliche Form des Originals und rekonstruieren aus verstreuten Steinblöcken ganze Tempel. In Zürich zeichnete ein Elektronengehirn aus 30.000 Holzproben, 50.000 Fragmenten von Tierknochen und mehr als zwei Tonnen Tonscherben das genaue Bild einer 6000 Jahre alten Steinzeitsiedlung.

Radargeräte ersparen mühsame und oft erfolglose Suchgrabungen: Mit einem Apparat, der ursprünglich zur Erkundung alter Mülldeponien entwickelt wurde, orteten deutsche Forscher die Mauern der Stadt Selinunt auf Sizilien, die einst ein Tsunami zerstörte. Mit Hightech spürt die Luftbildarchäologie längst vergessene Straßen und Siedlungen auf. Neue Karten über das römische Straßennetz in Nordrhein-Westfalen führten schon bald zu der Erkenntnis, dass der Römer Varus und seine drei Legionen vermutlich gar nicht im Teutoburger Wald untergingen, wie Generationen von Historikern angenommen hatten.

Emissionsspektralanalyse, Gaschromatographie, Thermolumniniszenzanalyse: Immer neue Verfahren helfen der Wissenschaft, die Vergangenheit immer besser zu verstehen. Mit einer Neutronenaktivierungsanalyse fanden französische Wissenschaftler heraus, dass eine in Marseille ausgegrabene Vase vor zweieinhalb Jahrtausenden mit Ton aus einer Grube bei Athen geformt worden war. Amerikanische Forscher fanden das Alter von Knochen heraus, indem sie 21 darin vorkommende Aminosäuren untersuchten. Der Anteil von Strontium in Skeletten zeigt, ob Urmenschen überwiegend Fleisch- oder Pflanzenfresser waren. Elektrophoretische Untersuchungen winzigster Blutspuren an bis zu 20.000 Jahre alten kanadischen Steinmessern geben Aufschluss darüber, ob der frühere Besitzer damit ein Rentier oder nur einen Schneehasen schlachtete. Am spannendsten sind solche Forschungen immer dann, wenn sie helfen, das Schicksal großer Gestalten der Weltgeschichte zu enträtseln.

Pharao Ramses II. (1290-1224), einer der mächtigsten Herrscher der Weltgeschichte, war schwerkrank: Seine Wirbelsäule war nahezu auf der gesamten Länge steif. Er litt an Karies und einer Unterkiefergewebeentzündung sowie an einem fistelartigen Abzess am Kinn, und diese eitrige Entzündung führte schließlich zum Tod. Den medizinischen Befund lieferte drei Jahrtausende später in Paris ein Team von Ärzten, Biologen und Physikern nach, das die Mumie neu konservierte.

Einer seiner Nachfolger, Pharao Ramses-Siptah, litt an einem Klumpfuß. Pharao Sekenenre-Taa, genannt: Der Tapfere, fiel im 16. Jh v. Chr. im Kampf – erst jetzt weiß man, wie er starb: An seiner Mumie wurden Spuren von Degenstichen entdeckt.

US-Genetiker stellten an den Mitochondrien in den Zellen fest, dass sich die gesamte heutige Erdbevölkerung – wie in der Bibel geschildert – auf eine einzige Stamm-Mutter zu rückführen lässt: Eva lebte vor mindestens 140.000, höchstens 280.000 Jahren in der afrikanischen Savanne südlich der Sahara. Sie hatte vermutlich eine dunkle Hautfarbe und dunkle Haare. Die Forscher fanden sogar heraus, dass Evas Töchter alle denselben Großvater hatten - danach war Adam also nicht nur Evas Ehemann, sondern auch ihr Vater.

Auch der älteste bisher bekannte Mensch der Welt, eine nur 1,20 Meter große und 27 Kilogramm schwere Urmenschenfrau, der Forscher den Namen „Lucy“ gaben, fand einen gewaltsamen Tod. Den Täter ermittelten Wissenschaftler nach zehnjähriger Arbeit mit Hilfe winziger Bißspuren an einem drei Millionen Jahre alten Hüftknochen Lucys: Es war ein Krokodil.

Und in der englischen Grafschaft Suffolk konnten Archäologiedetektive sogar Todesfälle aufklären, bei denen es nicht einmal Leichname vorhanden sind: In 1300 Jahre alten Gräbern sind die Umrisse der Toten nur an leichten Verfärbungen und Verhärtungen des Bodens zu erkennen. Die Forscher setzten Sonden ein, die jeden Millimeter abtasteten und die Impulse an einen Computer weiterleiteten. Daraus wurden exakte Bilder der Toten geformt. Sogar Wunden wurden sichtbar.

Solche Erfolge machten Altertumsforschern Hoffnung, bald auch die letzten archäologischen Welträtsel zu lösen: Wo sich das sagenhafte El Dorado in Kolumbien befindet, oder das Grab des Pharaos Echnaton, die verschollene Bundeslade oder das Grab Dschingis-Khans. Doch auch die nicht ganz so großen Dinge des Lebens sind von wissenschaftlichenInteresse: Vor dem Apollo-Heiligtum bei Milet (Türkei) gruben deutsche Forscher die Reste einer Bude aus, in der vor 2000 Jahren Schmackhaftes verkauft wurde: Würstchen.

 



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