Waldi Hartmann und Co.: Tutti Fuzzi

Montag, 6. Januar 2014

Jörg Wontorras Turbozunge, Werner Hansch als „Kohlenpott-Caruso”, schwarze Späße von Marcel Reif: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 15 vom 23.September 1999 ging es um die TV-Sportreporter. Diagnose: Sabbelfehler, Sprachfouls, Flachspäße und Zungenkrampf am Mikro.

Nach einem Foul des Albaners Abazi scherzte der Kommentator: „Genausogut könnte man sagen: a Bazi!” Den Spielmacher Demollari sah er „demoliert”. Eine missglückte Aktion des dänischen Torhüters Peter Schmeichel bewertete er als „wenig Schmeichel-haft”, einen Pass des Stürmers Stefan Kuntz als „Kuntzstück” und über einen missglückten Eckstoß Mario Baslers spottete er: „Das war eher eine Marionette.”

Die dürftigen Namenswitze stammen von einem ARD-Reporter, der den Teint einer Bratwurst, den Nackenspoiler eines Mantafahrers, das Outfit eines Vorstadt-Gigolos und den Witz eines langzeitpubertierenden Kegelbruders vereint: Gerd Rubenbauer.

Der Bayer ist das aktuelle Musterexemplar einer TV-Spezies, die in seltener Perfektion Pleiten, Blech und Pannen liefert: der Sportreporter. Mit Notizblock, Feldstecher und Mikrophon ist in den Stadien eine ideenarme Truppe eitler Selbstdarsteller, ahnungsloser Dampfplauderer und nervtötender Flachwitzler am Werk. Auf ihr Konto gehen reihenweise die schlimmsten Fouls an Sprache und Stimmung, ihnen dankt das Fernsehen die Gleichung Sport = Tort.

Schmerz breitet sich unter den Zuschauern aus, wenn etwa der Holzhumorist Gerhard Delling für die ARD aus Sevilla meldet: „Der Siebenkampf der Frauen ist alles andere als ein Siebenkrampf.” Oder SAT.1-Reporter Erich Laaser in „ran” beim Fußballspiel Bielefeld gegen Berlin scherzt: „Das Stück auf der Alm heißt nicht 'Heidi und der Geissenpeter” sondern ,Arminia gegen Hertha’.”

Kommandeur des kompaniestarken Stusstrupps ist Heribert Faßbender, bekannt für seinen klassischen „Sportschau”-Gruß „Gut'n Abend allerseits” (Branchenspott: „Gute Nacht allerseits”). Kübel von Kritikerhohn haben sich schon über den dienstalten Biedermann mit dem graumelierten Polizistenbart ergossen, und er bot auch immer wieder Anlass dazu, wenn er in Redewendungen aus der Mottenkiste schwelgte: „Squadra azurra”, „Tifosi”, „das immergrüne Duell”. Harald Schmidt spottete: „Beim Pay-TV müssen Sie für ein Spiel 30 DM zahlen, bekommen aber 20 DM Ermäßigung, wenn Sie die Kommentare von Fassbender mitkaufen.” Doch der sachlichen ARD-„Sportschau” (5 Millionen Zuschauer) aus Köln trauern heute viele nach, denen die ewig-langen Werbepausen und das selbstgefällige Moderatoren-Brimborium bei den Privatsendern gehörig auf die Nerven gehen.

Kaum weniger oft als Faßbender setzt sich der notorische „ran”-Schmeißer Jörg Wontorra in Szene, der bei den Kritikern gleichfalls nicht viele Freunde findet. Die Kölner TV-Schimpfkanone Gaby Köster höhnte: „Prinz Valium des deutschen Fernsehens... lebende Eduscho-Kollektion mit Alpina-Deckweiß-Lächeln... Sportfuzzi mit dem Unterhaltungswert einer dreistündigen Bundestagsrede von Rudolf Scharping” - zu Unrecht, denn die von Freunden „Wonti” genannte Turbozunge feuert ständig starke Sprüche ab, z. B. über Bremer Bundesligisten: „Fußball, den die Welt nicht braucht.” Über Kölner Angriffe: „Schnell, direkt, erfolglos.” Über Hamburger Kiez-Kicker: „So frei wie Drasic stehen auf St. Pauli sonst nur die Aquisiteure der Heilsarmee.” Über Dresdner Stürmer: „Für die ist es heute genauso schwer, ein Tor zu schießen wie eine Kuh unter einem Bierdeckel zu verstecken.” Über Lebemänner: „Geliebt, geraucht, gesoffen und dann auf Herzverpflanzung hoffen!” Der gefinkelte Interviewer, der wie eine Kobra gleichzeitig grinst und beißt, schießt allerdings auch mal ein Eigentor, wenn Eitelkeit ihn so Verräterisches sagen lässt wie: „Mich nannte man früher 'Teflon', weil ich nichts anbrennen ließ”.

Geradezu rührend wirken mitunter die Anstrengungen des ZDF-Kommentators Wolf-Dieter Poschmann, seine drögen Sachstandsberichte dramaturgisch aufzupeppen. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Sevilla hatte er vor dem Halbfinale der Hürdenläufer über 400 Meter den Asienmeister Kazuhiko Yamazaki gerühmt und nach dem Rennen spontan sein Mikrophon zum über ihm sitzenden japanischen Reporter erhoben. Doch statt exotischer Temperamentsausbrüche vernahm das Publikum fünfzehn Sekunden lang nur betretenes Schweigen, bis endlich auch Poschmann den Flop erkannte: „Allzu großen Grund zum Jubel oder zur lauten Rede haben sie nicht, denn ihr Mann ist nicht unter die besten vier gekommen, hat sich nicht qualifiziert, und da verstummt auch selbst der temperamentvollste japanische Kollege.” Puh, Poschmann!

Ähnlich originell versucht die Pfälzer Plaudermasche Marcel Reif zu reden. Der angestrengte Intellektuelle, Typ VIP-Bereich-Yuppie mit krampfhaft bemühtem Dreitagebart, gefällt sich vor allem in verbalem Kopfschütteln („Es ist das Treffen des deutschen Meisters gegen den amtierenden Vizemeister, was immer das sein mag”) und hochsprachlichem Stelzenlauf („Dem schwächeren rechten Fuß gebricht es an Präzision”). Am unterhaltsamsten bleiben indes seine Versprecher, z. B. als er von Dreharbeiten für einen TV-Spot berichtete: „Das Bier war handwarm, und obendrauf war Seifenschaum, bei der Werbung muss das ja länger halten... und dann nach dem 12. Mal dieser Saufenschaum...” Dazu kommen immer wieder peinliche Unbedachtheiten wie bei Deutschland gegen Ghana: „Die Ghanaer sind die mit den gelben Stutzen.”

Ähnlich wackelig wurstet sich der „Premiere”-Liveberichter Günter Peter Ploog durch den Fallenreichtum solcher Stegreif-Vergleiche: „Cardoso ist dem HSV zugelaufen wie ein illegitimes Kind.” Hörbar wohler fühlt sich der große Blonde mit dem alten Schmu, wenn er liebgewordene Klischees hinter dem Ofen hervorholen kann: „Der HSV marschiert durch die Abwehrreihen des VfB Stuttgart wie das heiße Messer durch die angewärmte Butter” oder: „So, wie es vom Himmel tröpfelt, tröpfelt auch das Spiel dahin.” Dazu kommen immer wieder waghalsige Satzschöpfungen: „Präger hat sich den Unterleib wieder sortiert.” Einen Höhepunkt erreichte die Kreativität des Kappes-Kommentators, als er bei einem Fußballspiel in Leverkusen ein „Olé” auf der Anzeigetafel erblickte: „Das kann eigentlich nur heißen O Lé-verkusen!”

Im Bemühen um bildhafte Ausdrucksweise stürzt der fidele Bayernfunker Waldemar Hartmann besonders oft vom schmalen Grat, seine Fehlspäße bereichern den deutschen TV-Zitatenschatz: „Die deutschen Ruderer rissen sich am Riemen”. Gern liefert er Beweise wortmächtiger Weltläufigkeit, z. B. bei torlosem Halbzeit-Spielstand zwischen München und Mailand: „Obwohl es hier zwischen einem bayerischen Schweinebraten und einer italienischen Pizza eine Nulldiät gegeben hat, hoffen wir weiter auf eine große italienische Nacht.”

In Jugoslawien wiederum kritisierte der Biederbayer kennerhaft: „In Deutschland würden wir sagen, das Salz in der Suppe fehlt, hier in Belgrad fehlt natürlich der Knoblauch.” Als Hartmann dem knorrigen Klaus Augenthaler erklären wollte, die Höchststrafe für einen Fußballspieler sei, wenn ihm der Ball durch die Beine geschoben werde, widersprach der Abwehrrecke barsch: „Höchststrafe sind die Pressegespräche!” Zuletzt suchte sich der bisherige Großschnauzer per Totalrasur zu verjüngen, doch weckte die nackte Oberlippe sofort Branchenspott, z. B. bei Harald Schmidt: „Mensch, Waldi, wo ist die Schenkelbürste geblieben?”

Noch nachhaltiger nervt der grelle Gaudi-Geck Gerd Rubenbauer seine Hörer, ein mundartelnder Modepapagei mit Schmalzkringel-Charme und Vokuhila-Vokabular, an dessen Pennäler-Humor stets eine Anzüglichkeit klebt, z. B. zu einem Rempler im Strafraum: „Campos beschwert sich über jeden Annäherungsversuch, ein gewisses jungfräuliches Verhalten, das der mexikanische Torhüter an den Tag legt.” Über Dortmunds Libero Stefan Reuter witzelte er: „Wie ein 16jähriger, der von einer erfahrenen Frau verführt werden soll.” Das Rüstzeug erwarb der Münchner Mundwerker als Moderator der ARD-Zoten-Gala "Gaudimax”, wo er Wortwitze wie „telefonanieren” brachte oder einen Eber die Ferkel „zur Sau machen” ließ. Dazu kommen Bonmots besonderer Prägung: „Einen Brasilianer in eine Hintermannschaft zu integrieren ist ungefähr so, als würde man einen Roulettespieler bei einer Bank beschäftigen.”

Der „Funk-Report” nannte „Rubi” eine „Kreuzung zwischen Walter Jens und Karl Dall”, doch glaubt sich der rüde Reimwerker Harald Schmidt der Wahrheit mit einem Zweizeiler näher: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, bei Rubi ist es andersrum.” Belege dafür bietet der bayerische Banalytiker in allen Bereichen, z. B. über einen Langstreckenläufer: „Wir nennen seine medizinischen Probleme beim Namen: Hämorrhoidale - menschlich verständlich!” Sogar den legendären Heinz Mägerlein suchte er zu toppen. Der hatte vor vielen Jahren den seither oft zitierten Satz gesprochen: „Sie standen an den Hängen und Pisten” - Rubenbauer formulierte bei Olympia: „Das einzige, was hier nicht installiert wurde, war eine maschinelle Rasensprengung. Das wird noch von Hand praktiziert. Ein kleines Männchen stand in der Mitte des Rasens und versuchte, ihn nasszumachen.”

Die Blamagedisziplinen deutscher Sportreporter heißen:

Stilblüten-Slalom. Faßbender formulierte bei der Fußball-EM: „Diese Eröffnungsspiele tragen den 0:0-Verdacht auf der Stirn.” Hansch schalt Fans, die Münchens Torwart mit Südfrüchten bewarfen: „Der Zusammenhang zwischen einer Banane und Olli Kahn ist unter der Gürtellinie.” Thomas Wark forderte im ZDF: „Dieses Tor muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.” Reif beobachtete: „Das Entsetzen auf den Rängen ist mit Händen zu greifen.” Ploog konstatierte: „Er hatte sich gute Karten ausgerechnet.” Klaus Schwarze (ARD) erkannte: „Da schaut fast die Angst aus jedem Abspielversuch.” Jochen Sprentzel (ARD) fand: „Erst jetzt kommen die Boote aus dem Ameisencharakter heraus.”

Verräterische Versprecher. Werner Zimmer (ARD) lobte Franzi von Almsick: „Sie hat auch in der Stunde ihres größten Erfolges an ihren Treter, äh, Trainer gedacht.” ARD-Kollege Alexander Bleick rief nicht ohne Feinsinn: „Nun zum olympischen Schwimmspecken, äh, Schwimmbecken.”

  1. Hansch meldete aus Ostwestfalen: „Das ist ein Almtraum, die Bielefelder Alm!” Peter Ebel sinnierte in RTL über das Team der Vereinigten Arabischen Emirate: „97 Prozent des Staatsgebietes bestehen aus Sand, vielleicht haben sie deswegen ihre WM-Qualifikation in den Sand gesetzt.” Ploog bei einem Eishockeyspiel: „Statt ,Go, Kanada, go’ kann man nur sagen: ,Oh, Kanada, oh’.” Rubenbauer fiel bei der Siegerehrung über 400 Meter in Sevilla zum Leichtathletik-Boss und seinem größten Zugpferd ein: „Der eine heißt nur Primo Nebiolo, der andere ist auch primo: Michael Johnson!”

Flachpass-Philosophie. Faßbender: „Meine Mutter sagt immer, wer weiß, wozu's gut ist.” Jürgen Emig (ARD): „Ein Spiel ist immer dann zu Ende, wenn der Schiedsrichter abpfeift.” Ploog: „Es ist die Frage, ob das die Frage ist.” Hartmann: „So mancher Schuss im Leben geht daneben.” Delling: „Manchmal liegt es an Kleinigkeiten, dass man nicht weiterkommt.” Zimmer: „Man muss im richtigen Augenblick gewinnen.”

Anzüglichkeiten. Hansch vor einer Zeitlupe: „Jetzt holen wir noch mal das lange Rohr raus, äh, das langsame Rohr!” Vor einem Interview mit Trainer Stepanovic: „Der Mann hat Stil. Aber wir wollen ihn heute nicht beim Stiel packen, sondern beim Wort nehmen.”

Gewagte Sprachbilder. Reif über Dänemarks besten Stürmer: „Das dänische Dynamit hat sich weitgehend als Platzpatrone erwiesen.” Rubenbauer bei einem Spiel gegen Bulgarien: „Die deutsche Mannschaft hat die Zündschnur in Richtung Publikum gelegt.”

Da gibt es kaum noch einen Unterschied zu professionellen Pointenschützen, wie z. B. Björn Hergen Schimpf, der zuweilen als „Karlchen” ARD-Sportsendungen auflockern soll, zuletzt in Sevilla - Kostprobe: „Bei uns im Dorf wohnt eine Frau, die wirft den Hammer 68 Meter weit - Hauptsache, sie trifft ihren Mann!”

„Jeder, der mal mit dem Kopf irgendwo gegengerauscht ist, weiß, wie sehr so was wehtun kann”, sagte "Premiere”-Ploog. Jeder, der ihm und seinen Kollegen einmal zugehört hat, weiß das auch.

Die Sportreporter

Blechvogel Gerd Rubenbauer (51) – kam 1979 zum Bayerischen Rundfunk, kommentierte 1987 sein erstes Länderspiel, moderierte auch die Witz-Sendung „Gaudimax” und ARD-Jahresrückblicke. Der Ex-Chemiker und Skilehrer perfektionierte den geistigen Tiefflug, prägt bis heute die plattesten Pointen.

Bierpfleger Marcel Reif (49) – kam 1974 zum ZDF, wechselte 1994 zu RTL, wo er 1996 Sportchef wurde, und dieses Jahr zum Pay-TV-Sender Premiere. Die Branche nennt den in Schlesien geborenen Politikwissenschaftler und Wahlpfälzer wegen seiner Pils-Werbung „Bitburger”. Populärer Pfiffikus mit fatalem Hang zum Wort-Klamauk.

Rentnertainer Jörg Wontorra (50) – volontierte 1972 beim NDR, wurde 1974 Sportredakteur, moderiert seit 1992 die SAT.1-Show „ran”. Der Lübecker Zugführersohn studierte Jura, versucht sich auch als Entertainer („Bitte melde dich”). Sein betulicher Charme und hausbackener Humor findet Fans vor allem bei der Heizdecken-Fraktion.

Bart des Hauses: Heribert Faßbender (58) – kam schon 1963 in die Königsklasse der Kommentatoren (Fußball-Länderspiele, Olympia), leitete 1982-1992 die ARD-„Sportschau”. Der studierte Jurist aus Ratingen zählt zu den bekanntesten Gesichtern seines Senders. Wasserfall-Eloquenz.

Liniendichter Werner Hansch (60) – begann beim WDR-Radio, kam 1992 zu SAT.1, leitet heute das Dortmunder Studio. Der Bergmannsohn aus Recklinghausen, ein mit Prädikat examinierter Polito- und Soziologe, begann als Stadionsprecher auf der Schalker Trabrennbahn. Der Möchtegern-Poet nervt mit witzarmer Westkurven-Lyrik.

Fragegeist Wolf-Dieter Poschmann (48) – kam 1986 zum ZDF, leitet seit 1995 die Hauptredaktion Sport. Der Kölner Ex-Gymnasiallehrer und Vizemeister im Marathon profitiert vom Ping-Pong-Fragespiel mit prominenten Partnern wie Karl-Heinz Feldkamp (Foto oben: Pelé). Engagiert und fleißig, Prädikat harmlos.

Biederjan Günter Peter Ploog (51) – volontierte bei der Deutschen Presse-Agentur, ging 1978 als Sportreporter zum ZDF, wurde 1992 Chefreporter bei „Premiere”. Der Hobby-Handballer aus Schleswig-Holstein ist das Kaltblut unter Deutschlands TV-Sportreportern, sein treuherziger Humor lässt das Zwerchfell erstarren.

Panadebayer Waldemar Hartmann (50) – heuerte 1976 beim Bayerischen Rundfunk an, kommentiert seit 1991 live. Zuvor war der Augsburger Discjockey, Studentenkneipier, Versicherungskaufmann. Kumpeliger Schulterklopfer mit unwiderstehlichem Duz-Drang.

 



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