Wie die Linke auf „Dallas“ schimpfte

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Pastor Albertz und seine Parteipropaganda im „Wort zum Sonntag“, Traumquote für das „Traumschiff“: In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1983, welche Themen vor 30 Jahren wichtig waren und wie das Fernsehen sie präsentierte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 25.Dezember.

Zum zweiten Mal durfte der Berliner Pastor Albertz am Samstag vergangener Woche im „Wort zum Sonntag" seine politische Meinung kundtun: „Einsamkeit und Verlassenheit, Krankheit und Todesangst des einzelnen hat es immer gegeben", meinte der geistliche Friedensmarschierer, „aber die Hoffnungslosigkeit von Millionen, noch eine lebenswerte Zukunft zu haben, seit dem Krieg in dieser Weise nicht. Und die Kluft zwischen denen, die zu bestimmen haben, und denen, über die bestimmt wird, ist noch nie so groß gewesen in den beiden deutschen Staaten wie heute." Dass sich ein Seelsorger auf diese Weise den atheistischen Diktatoren des Ostens nützlich macht, ist seine Sache. Doch wie verträgt sich das mit den ARD-Richtlinien?

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Beim ZDF-„Traumschiff“ am vergangenen Sonntag schalteten mehr als 50 Prozent der TV-Zuschauer ein. Für die erlesene Fernsehserie „Wiedersehen mit Brideshead" nach Evelyn Waugh eine Stunde später interessierten sich 15 Prozent. Wen das wundert, der muss sich auch wundern, dass Simmel besser geht als Lenz.

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Über „Dallas" sagte ZDF-Sprecher Stefanski im September 1980: „Das lässt sich nicht ins Deutsche übertragen." Die ARD strahlte die Serie dennoch aus - linke TV-Kritiker überschlugen sich vor Empörung: „Das mieseste, verkommenste Stück Fernsehen, das uns seit langem auf den Bildschirm gekommen ist", klagte epd-Mitarbeiter Janke. Die „Süddeutsche Zeitung" empfahl ihren Lesern nach vier Folgen, „Dallas" zu boykottieren. Der SPD-Abgeordnete Wallow forderte die Bundesregierung auf, die Serie zu verbieten. Vergangenen Dienstag wurde das texanische Driller-Drama zum 107. Mal gesendet - es ist damit auch in der Bundesrepublik die erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten, zusammen mit „Derrick", der am 9. Dezember zum 107. Mal (seit 1974) lief. „Bonanza" kam von 1967 bis 1969 auf insgesamt 105 Einsätze.

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Der Rat der fünf Weisen machte sich bei linken TV-Journalisten unbeliebt: Er lobte des Kanzlers erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Dem „Panorama"-Moderator Gatter fiel dazu am Dienstag ein: „Dummerweise waren die Prognosen der Weisen fast immer falsch." Als Zeuge wurde Prof. Hickel ins Bild gerückt, der die „radikale Pluralisierung" des Wirtschaftsweisen-Gremiums verlangte - er selbst gehört ihm nicht an. Schlüssige Beweise für die Unzuverlässigkeit der Rats-Prognosen wurden nicht geliefert. Sie waren wohl auch schwer zu finden in einer Zeit, da die Deutschen die Kaufhäuser stürmten und für Weihnachtsgeschenke mehr Geld ausgaben als je zuvor.

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In den „Tagesthemen" vom Mittwoch meinte TV-Kommentator Günther von Lojewski über den Bundeswirtschaftsminister: „Wer ihn trifft, trifft die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung … Darum schüren die Sozialdemokraten verständlich die öffentliche Meinung" gegen Lambsdorff. Was heißt hier verständlich?

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„Die schwarzen Sheriffs" hieß ein ARD-Beitrag am Donnerstag über eine Münchener Sicherheitstruppe, die unter anderem die U-Bahn überwacht. Gestört fühlen sich von den schwarzgekleideten Ordnungshütern vor allem Diebe, Automatenknacker, Stadtstreicher, Rocker und Rauschgifthändler. Doch ARD-Reporter Engstfeld setzte andere Schwerpunkte: Er forschte bei den Zivilpolizisten nach faschistoiden Zügen. Als Betroffene vorgeführt wurde zum Beispiel eine Punkerin. Rentner und junge Frauen, die sich dank der „Sheriffs" in der U-Bahn sicherer fühlen dürfen, wurden nicht gefragt.

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Zur Weihnachtszeit treibt öffentlich-rechtliche Programmvielfalt ihre schönsten Blüten: Die Ansprache des Bundespräsidenten wird am Sonntag um 19.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt, aber schon um 19 Uhr von Bayern III, dann um 20.05 Uhr von der ARD und zur gleichen Zeit auch in den III. Programmen von NDR, WDR, Radio Bremen und SFB. Frohes Fest!

Anmerkungen

Der evangelische Pastor und SPD-Politiker Heinrich Albertz (1915-1993) war 1966-1967 Regierender Bürgermeister von Berlin. Er scheiterte an den Studentenunruhen jener Zeit.

Der SPD-Politiker Hans Wallow saß 1981-1983 und 1990-1998 im Bundestag. Er trat 1991 aus seiner Partei aus.

Peter Michael Gatter (1943-1997) wurde 1981 Leiter der ARD-Redaktion „Panorama“, 1987 ARD-Korrespondent in Singapur und 1992 Fernsehchef sowie stellvertretender Direktor des NDR-Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern in Rostock.

Rudolf Hickel wurde an der Universität Bremen 1971 Professor für politische Ökonomie, 1973 für Finanzwissenschaften und 1975 Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik. Heute ist es Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Günter von Lojewski wurde 1969 Leiter der ZDF-Nachrichtenredaktion, 1977 Moderator der Report-Redaktion des Bayerischen Rundfunks und 1989 Intendant des SFB. Seit 1997 ist er Honorarprofessor an der FU Berlin.



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