„Obergeil” und „hammermäßig“: Das Elend der TV-Musikshows

Dienstag, 7. Januar 2014

MTV, VIVA und die Generation Videoclip: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 16 vom 23.September 1999 geht es um die Teenie-Kasper – voll cool, voll tralala. Wer gar nichts kann außer zappeln und angeben, wird Moderator im Disco-TV…

 

Die Sendung kam zur Kaffeestundenzeit, doch den Moderator hatten offenbar stärkere Getränke gelockert: Erst lobte er die „Riesentitten” einer Sängerin und witzelte: „Wenn man auf einem Geländer eine Party macht, tun einem die Eier weh!” Dann tat er, als uriniere er an eine Studiotanne, wollte eine Kollegin „bei den Hinterfüßen packen” und riet einem Kritiker: „An deiner Stelle würde ich mal wieder so richtig ordentlich f.....!”

So geht es zu, wenn Frank Lämmermann durch seine VIVA-Show führt: „Comic-Geräusche und Comic-Sprechblasen” verspricht der Pressetext des Musiksenders - zu sehen gibt es einen mega-mäßig angeturnten Moderations-Mutanten: Mimik und Gestik wie die klassischen Kult-Konfusis Zappelphilipp und Struwwelpeter, Frisur: Haarspray-Hochtoupet, Klamotten: lila Samt, türkiser Kord, Sprache: Pubertärgeplapper, Witz: Erstklässler-Niveau.

Was Mediziner als Symptome entwicklungsbedingter Verhaltensstörung klassifizieren, gehört in Wirklichkeit zu den körpersprachlichen Grundvoraussetzungen für eine Karriere in jenem TV-Genre, das wie kein anderes an der Intelligenz überwiegend jugendlichen Publikums nagt: Trotz minimaler Marktanteile sind Musiksender wie MTV und VIVA Verursacher, Förderer und Nutznießer eines kulturellen Phänomens, das man die „Videoclip-Generation” nennt.

Jene einseitig interessierten Teenager, die sich so an raschen Reizwechsel gewöhnt haben, dass sie kaum noch ein längeres Schau- oder Lesestück, geschweige denn ein Theaterspiel oder ein Buch durchhalten, sind die eifrigsten Zuschauer, mit fatalen Folgen: Wohin es führt, wenn man nur Musikprogramme guckt, zeigt sich am deutlichsten bei ihren Machern.

Einer der bekanntesten ist Andreas Morgenstern, genannt „Sterni”. In seiner MTV-Sendung „emtevau” hockt der friedsame Vorzeige-Ossi der Teeniequatscher-Branche gern auf einem Baumstumpf vor einer Landschaftstapete Marke Alpenglück, erzählt „’ne heiße Schtory aus meim Lehbm” und erheitert sein Publikum mit urigen Konzert-Tips: „Da is nadierlich oooooch ne Menge drumrum angeboden, ne Skater-Rampe aufm ameriganischen Schulbus, und Bungee-Jumping könnter oooooch machen.” Einen guten Teil des Erfolges danken seine Leipziger Albernheiten dem Boom um die sächselnden „Ö-la-Palöma-Boys”, die den 70er-Jahre-Hit der „George Baker Selection” verhunzen.

Immerhin spart sich Morgenstern Flachsinn und Plattwitz, darf demnach bereits als Ausnahme gelten. Wie der Hamburger Gerd Bischoff: Der Senior der Video-Jockeys legte früher für In-Läden Platten auf, bis ihn Mitte der 80er Jahre das Privatradio anheuerte. Sein „brand:neu”-Studio besteht aus einer grün-weißen Wand, vor der die Eigenart des Moderators, sich beim Sprechen ständig hin- und herzuwiegen, besonders auffällt. Der seiner Branche eigene Stil, Novitäten lautstark anzupreisen, lässt zwar zuweilen Halsadern hervortreten, doch der Elternschreck-Faktor seiner Sprüche liegt nahe null, und statt des üblichen Wortgedröhns wagt sich manchmal sogar MTV-untypischer Witz hervor: „Unser Interview ist heute so exklusiv, dass es leider überhaupt nicht stattfinden kann, das Tape ist irgendwo hängengeblieben.”

Alle Klischees hibbeliger Teenie-Moderation erfüllte dagegen Steffie Krause (24). Die angehende Grundschulpädagogin finanzierte ihr Studium als Kellnerin in der Kölner Südstadt, ehe sie als Jeans-Junghuhn in die VIVA-Sendung „Film ab” flatterte. Leider blieb ihr Sprachschatz so arm wie ihr Charme, alles war immer nur „obergeil” oder „hammermäßig”. Mitte September übernahm Katharina Schwarz (25), eine Kölner Schauspielschülerin mit einschlägiger TV-Erfahrung, über deren frühere ZDF-Jugendsendung „X-Base” der TV-Terrorkritiker Oliver Kalkofe spottete: „Eine Horde kleiner Popelköpfe daddelt dösig an irgendwelchen Videospielen rum wie ,Pickel ausdrücken mit dem Nightrider', da ist es ja sogar noch cooler, der scheintoten Oma beim Gebissreinigen zuzugucken!”

Ähnlicher Machart ist heute noch Joel Korenzechers VIVA-Sendung „Interaktiv - live”, wo kichernde 14jährige flirten lernen sollen: „Hallo, ich heiße Nicole, komme aus Leverkusen, und meine Hobbys sind Telefonieren und VIVA gucken!” Der Moderator, Typ Internatsschüler, bewundert nach eigenem Bekunden „die Art von Lebenskünstlern, die aus nichts etwas ganz Besonderes machen können” - er selbst strebt dieses Ziel bislang vergeblich an. Kennzeichen: unbeholfene Ausdrucksweise, sehr nasse Aussprache, Kindergarten-Humor der Sorte Pups & Pickel.

Etwas routinierter gehen drei Jungmoderatorinnen die Sache an: In „Was geht ab” (VIVA) läutet eine rothaarige Potsdamerin mit dem holland- und blumenfreundlichen Künstlernamen Enie van de Meiklokjes die Glocken für sich selbst so laut, dass sie bereits in Gottschalks „Wetten, dass..?”, Veronas „Peep!” und sogar dreimal zu Nighttalker Harald Schmidt geladen wurde. Ihre Spezialität sind sinnige Storys über ungarisches Wassereis, Apfelsinensoße oder Ostbrause mit Pfefferminzgeschmack („Plittiplatsch”). Die Deutsch-Inderin Nandini Mitra kabbelt sich immer heftig mit ihrem hampeligen Hamburger Co-Moderator "Nima”, deshalb bekommt kaum jemand mit, dass ihre vorgebliche Klamotten-Show „Fashion” in Wirklichkeit eine absolut modefreie Mogelpackung ist: „Fashion”-Freunde hören höchstens mal einen Dialog wie "Wo kauft du denn deine Klamotten?” – „In München.” Daisy Dee schließlich erreicht bei ihrer „Club Rotation” die höchste Drehzahl, weiß selten, wo vorn, hinten oder die Kamera ist, und redet pausenlos Risi-Bisi: „Die Leute kommen natürlich für eine reason only... ihr seid jetzt dick in die Charts geflogen... Welcome mit unseren fetten Gästen...” Erleichternd wirkt, dass man vor lauter Hintergrund-Lärm kaum ein Wort versteht.

Max von Thun sammelte Fernseherfahrung schon in der ZDF-Familiensaga „Das Erbe der Guldenburgs”. In seiner MTV-Personalityshow „Kitchen”, deren Deko eher an einen Rummelplatz erinnert, drückt der deutsch-österreichische Schauspielersohn allerlei Dreistigkeiten ab - zu Talkgast Christof Arnold („Marienhof”): „Marillendorf? Ich dachte, du baust Tofu-Häuser und läufst in Hanfschlappen rum. Hast du dich beim Singen mehr auf die Strapse konzentriert als auf die Texte?” Vernünftig klingt indes, wenn er behauptet: „Ich schaue keine Daily Soaps, denn die paar Mal, wo ich den Fernseher einschalte, achte ich auf Niveau” - täten ihm das seine Zuschauer nach, wäre bald Ende der Sendung.

Manche Musikkanäle verzichten auf Moderatoren und nudeln nur Platten ab. VH-1 versucht in „Pop Up Videos” einen Kompromiss und liefert wie ein Comicstrip in Sprechblasen Infos zu Hits und Machern, kippt damit allerdings des öfteren aus der Balance: Zu „She Drives Me Crazy” der englischen Gruppe „Fine Young Cannibals” hielten die Macher Hinweise für witzig wie "Zehn englische Fleischesser starben letztes Jahr an BSE-verseuchtem Fleisch” oder "BSE kommt von Kuh-Kannibalismus”. Zum Schluss informierte ein wahrer Geisterbahn-Gag über einen inzwischen vor Jahren in der Gefängnispsychiatrie erschlagenen Massenmörder: „Ein weiterer Jung-Kannibale, Jeffrey Dahmer, war als US-Army-Soldat in Deutschland stationiert.” Derlei überwürzter Schwarzwitz ist für Normalpublikum kaum genießbar.

Typische Beispiele für modernes Teenie-Kauderwelsch bietet der deutsch-kongolesische Schlapphut Patrice Bouédibéla, dessen sprachlicher Multikulti-Mix schillernde Satzblüten treibt - auf der Pop-Messe in Köln: „Businessmäßig ist es für mich ja nicht interessant, ich komme nur zum Representen.” Außerdem bekommt der Zuschauer seiner Hip Hop-Show „Fett TV” häufig Rüdes oder Rätselhaftes zu hören wie „Check die Scheiße aus!” oder "Die Scheiße ist high, wir kickens halt, so lange es geht.” Diese durchgetickte Dollerei dreht bereits total am Rad!

Vorturner der Vidiotenriege ist Mola Adebisi, ein zwanghaft zappeliger Faxenmacher mit Rasta-Zotteln wie aus Zement, Khaki-Klamotten und einem Schlapphut im Stadium fortgeschrittener Verwesung. In seinem Kuppel-Klamauk „In Luv” kauert der Sohn einer Gospelsängerin auf schäbigem Kunstrasen zwischen Plastiksonnenblumen vor einer hässlichen Herztapete und plappert Auswendiggelerntes: „Hier meine erste Anregung zur deutschen Steuergesetzgebung, liebe Gesetzgeber, nehmt euch ein Beispiel an Italien, dort kann man den Kondomkauf von der Steuer absetzen, allerdings, wer in den Genuss einer steuerlichen Abschreibung kommen will, muss für 250 Mark im Jahr Kondome kaufen - kein Problem!” TV-Scharfrichter Oliver Kalkofe reimte über ihn und seine Kollegen: „VIVA hat die geilsten Moderatoren, mit jeder Menge Hohlraum zwischen den Ohren. Wer hier ’nen Job kriegt, das ist klar, war früher unvermittelbar!”

In Haltung und Habitus eines Bekifften meldet sich Tobias Schlegl aus dem mit Graffitis dekorierten Pappschachtel-Verhau seiner Klatsch-und-Quatsch-Show „kEwl - live” (VIVA): „Guten Tag, ich habe einen Ohrwurm in meinem Ohr.” Der bekennende Spätpubertierende, der seinen ausgeprägten Mangel an schauspielerischen Fähigkeiten u. a. in der RTL-Shitcom „Die Camper” demonstrieren durfte, pflegt eine Vorliebe für Schmudddelscherze und bestätigt das Kalkofe-Verdikt: „Heutzutage reicht es aus, sich ein paarmal auf den Kopp zu kloppen und dann die Rübe in den Farbeimer zu halten, um berühmt zu werden, sozusagen vom Pickel-Ausdrücker zum Millionär - der deutsche Teenie-Traum!”

Auf Klärgruben-Kurs knattern die Kalauer in „Kami-kaze” (VIVA 2). Moderator Nils Ruf soll die weite Welt in Deutschlands Teenie-Zimmer holen, liefert aber nur dumme Sprüche, z. B. aus Rimini: "Meine Ex-Freundin Maria, ich habe ihr lange nachgetrauert, sie hat mich verlassen, weil ich mit ihrer besten Freundin geschlafen habe, dabei habe ich gar nicht mit ihrer Freundin geschlafen, sondern mit ihrer Mutter.” Spannerblicke einer Kamera, die gern auf die Busen ahnungsloser Sonnenanbeterinnen zoomt („jede Menge Italo-Weiber!”), begleiten anzügliche Infantil-Infos wie „Passen Sie auf, dass Sie nicht verschaukelt werden”, „Achtung vor Wippen!” oder „Ich muss die Mädels einreiben, ich bin nämlich der Schmierboy”. Nach geräuschvoller Entfernung überschüssigen Nasenschleims ferkelte Ruf: „Ich stehe hier am Hafen von Rimini, und da riecht es wie in einer Frauensauna, denn hier wurde gerade noch eine Fischladung gelöscht.”

Ursachen solcher geistigen Sturzflüge ist eine TV-Strategie, die voll auf solche Moderatoren mit Einzeller-IQ setzt, auf ein junges, noch wenig kritisches Publikum - und auf die Unwissenheit einer Elternschaft, die gar nicht ahnt, welche geballte Ladung Schwachsinn und Schweinkram tagtäglich in den Kinderzimmern explodiert.

Die Teenie-Trolle

Schmuddel-Schelm Frank Lämmermann (23) ferkelt sich seit Januar 1999 bei VIVA durch den Debil-Talk „Lämmermann”. Der Franke aus Fürth begann als Stand-Up-Comedian, bringt aber statt Gags nur nervtötenden Schmierwitz zustande. Mix aus Struwwelpeter und Zappelphilipp.

Viva-Diva Daisy Dee (29) animiert seit 1998 im VIVA-„Club Rotation”, wo die Dröhnung so laut ist, dass Zuschauer nur ab und zu englisch-deutsche Moderationsfetzen aufschnappen können. Kam mit acht Jahren von der Karibik-Insel Curaçao nach Holland, wurde in der Disco entdeckt.

Plietschboy Andreas „Sterni” Morgenstern (24) führt seit Juli 1999 in der MTV-Show „emtevau” deutsche Schlager vor. Der Ex-Koch aus Leipzig setzt schlau auf den noch immer nützlichen Ossi-Bonus und verstreut sächsischen Sprach-Charme: „Nu, da simmer wieder ausm Reglameblogg!”

Ramsch-Rasta Mola Adebisi (26) hampelt seit 1993 durch VIVA-Programme von „Interaktiv” über „in Luv” bis zu den Chartsendungen. Der Ex-Handelsschüler aus Uelzen peppt sein Exoten-Image mit Khaki-Klamotten und Schlapphut auf, plappert Monologe auf Sandkisten-Niveau.

Schmuspanner Nils Ruf (26) stürzt seit September 1998 für VIVA II täglich in „Kamikaze” ab. Der Wormser Wahlmünchner hat schon ZDF und DSF hinter sich, steigt gern als Video-Voyeur den Frauen nach, will dem Publikum plump-debile Anmachsprüche als weltmännisches Geplauder verkaufen.

Geräuschflegel Tobias "Tobi” Schlegel (22) macht seit Januar 1998 in „kEwL -live” (VIVA) auf cool. Inhalt: News und Klatsch aus der Musikszene. Der Kölner stand schon mit 13 als Hobbyzauberer auf der Bühne, verströmt aber nur die Magie einer Magermilchtüte

Modelpackung Nandini Mitra (24) startete 1997 bei MTV mit „50:1”, erkundet jetzt die „Fashion Zone”, die mit Mode allerdings wenig zu tun hat, dabei brachte die Hamburger Deutsch-Inderin immerhin eine Schneiderlehre bei Jil Sander hinter sich. Mogelpackung mit Model-Moderatorin.

Schrillbroiler Enie van de Meiklokjes (25) moderiert seit 1996 Viva-Shows wie „Was geht ab?”, „Planet VIVA”, „Chartsurfer” und die Kuppelstunde „In Luv”. Zu DDR-Zeiten bleichte sich die Potsdamerin die Haare per Pilzgift, jetzt sollen sie in Pippi-Langstrumpf-Rot schocken.

Wackel-Dackel Gerd Bischoff (42) erhellt seit 1996 für MTV in „brand:neu” Hintergründe der Szene. Der Hamburger Kapitänssohn ist Diplom-Ökotrophologe (Haus- und Ernährungswissenschaftler) und liefert, wenn auch schon leicht tatterig, noch die nahrhaftesten Informationen und Sprüche.

Kochtropf Max von Thun (22) serviert seit Juli 1999 in der Küchendeko seiner „MTV Kitchen” heiße Musik und halbgare Sprüche. Der Schauspielersohn aus München ging in England zur Schule, doch der britische Humor blieb ihm leider fremd. Stattdessen plumpe Straps-Sprüche.

Laberknödel Joel Korenzecher (18) verspricht seit 1998 bei VIVA „Interaktiv - live”, aber der Berliner mit der kurzen Model-Karriere bringt leider nur so wenig Leben in die Bude wie das Sandmännchen. Auch das Jahr im New Yorker Internat hilft dem drögen Trauerklops nicht auf Touren.

Hip Hop-Haspler Patrice Bouédibéla (24) wagt sich seit Januar 1999 an die deutsche Hip Hop- und Rap-Randale „Fett MTV”. Getreu der modischen Parole „Is aber fett, ey!” liefert der Berliner deutsch-kongolesischer Herkunft jede Menge Multikulti-Musik, aber leider nur magere Sprüche.

 



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