Als Manfred Krug am „Tatort“ motzte

Mittwoch, 8. Januar 2014

Ottfried Fischer als „Bulle von Tölz”, Rolf Schimpf als „Der Alte“, Spannung statt sozialkritischer Zeigefinger-Krimis: Die Serie „Deutschland, dein Fernsehen“ glossiert, was vor 15 Jahren über unsere Bildschirme flimmerte. Ähnlichkeiten mit heutigen Sendungen sind rein zufällig. In Folge 17 vom 7.Oktober 1999 geht es um die Deutschlands TV-Kommissare: Wenn sie auf Mörderjagd gehen, haben die Zeugen am Bildschirm gute Karten. Abschalten können Sie woanders…

Der eifrige Streifenpolizist befragte bereits einen Zeugen und meldet dem Kommissar: „Der Nachbar hat geglaubt, die Schüsse kämen aus dem Fernseher!” Erstaunte Antwort: „Wieso, die klingen doch nie echt!”

Die sympathische Selbstironie bestätigt: Die leichtesten Fälle der deutschen TV-Macher sind Krimis. Dort auch spielen die besten Darsteller, sind Reinfälle zuletzt immer seltener geworden.

Vor allem die ARD-Renommierreihe „Tatort” hat sich stark gebessert, seit die Macher nicht mehr wie einst in den siebziger Jahren plump auf politische Indoktrination setzen: Charaktertypen wie der frühere Stahlgießer Manfred Krug als „Kommissar Stoever”, dem nicht nur die allzu eilfertige Dienstbeflissenheit subalterner Wichtigtuer ein Dorn im Auge ist, sichern der Serie heute wieder stattlichen Unterhaltungswert und kapitale Quoten.

Denn Drehbuchautoren und Dramaturgen haben gemerkt: Das Publikum will feierabends nicht mit Elend, Weltanschauung oder Pseudophilosophie malträtiert, sondern möglichst spannend und amüsant von allgemeiner und individueller Alltagstristesse abgelenkt werden. Krug und sein kongenialer Kollege Charles Brauer, die Gebrüder Grimmig der deutschen TV-Polizei, schaffen das in ihren kurzweiligen Küstenkrimis ohne Mühe und Mätzchen - mit bärbeißigem Charme, hanseatischem Understatement, brillanten Doppelpass-Dialogen und lockeren Sprüchen. Krug vor einem Erschossenen: „Das haut mich jedesmal um - so ein kleines Loch, und der ganze Mensch ist tot.” Zu den sich drängenden Schaulustigen: „Was ist denn hier los? Fehlt nur noch der Eisverkäufer!” Über moderne Unterhaltungsmusik: „Techno lasse ich nur beim Zahnarzt spielen, damit ich den Bohrer nicht höre.”

Sogar Komparsen dürfen Witze machen, z. B. ein Dresdner Skinhead in verblüffender Klarsicht: „Was ist der Unterschied zwischen Türken und Sachsen? Türken können Deutsch!”

Leider aber gibt es auch immer noch Gegenbeispiele - dort, wo übriggebliebene Sozialkritiker ihre Zeigefinger-Krimis machen. Für sie gelten nach wie vor die klassischen Regeln des politisch-propagandistischen Fernsehspiels: 1. Nicht Mörder, Diebe oder Zuhälter sind die wahren Verbrecher, sondern Chemiefabrikanten, Atomstromproduzenten und Müllunternehmer. 2. Unionspolitiker sind grundsätzlich korrupt, Grüne dagegen edel und gut. 3. Hausmeister, Schrebergärtner und Schäferhundbesitzer sind Neofaschisten. 4. Der Mann mit Schlips und Kragen ist nicht der Kommissar, sondern der Mörder. 5. Der Mann in der schmuddeligen Lederjacke ist nicht der Mörder, sondern der Kommissar.

Dank der Konkurrenz des Privatfernsehens indes, das voll auf Action setzt, landen solche letzten Attacken auf den gesunden Menschenverstand stets relativ rasch im Quoten-Nirwana: Der Berliner „Tatort” Winfried Glatzeders musste ins Trockendock, der chronisch missgelaunte schwäbische Weltverbesserer „Kommissar Bienzle” ging an Auszehrung ein, sein radfahrender Saarbrücker Öko-Kollege „Max Palu” rollt in der Publikumsgunst längst nur noch auf der Felge.

Weitaus erfolgreicher ermitteln „Tatort”-Twins wie Klaus J. Behrendt/Dietmar Bär in Köln oder Peter Sodann/Bernd-Michael Lade in Dresden. Von dort, aus dem Osten, stammt auch der zweite ARD-Erfolgskrimi. Der „Polizeiruf 110” überlebte als eine von wenigen Serien des DDR-Fernsehens die Wende und rettete sich ins wiedervereinigte TV-Programm, aus gutem Grund: Die Storys wirken lebensecht wie Kuhmist am Gummistiefel, und die Kommissare Kurt Böwe/Uwe Steimle stänkern so unverwechselbar wie die Abgasfahne eines Trabi.

Im September exhumierte die ARD zudem den Crime-Klassiker „Stahlnetz”, der 1958 startete und unter der Regie-Legende Jürgen Roland den sagenhaften Einschaltquotenrekord von 92 Prozent aufstellte. Zwei neue Folgen mit Susanne von Borsody, Michael Roll und Bernhard Bettermann schafften diesen September immerhin acht Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 27 Prozent, weitere Episoden sind in Arbeit.

Auch das ZDF setzt auf lange Kriminalisten-Karrieren, auch wenn „Derrick” 1998 in Pension geschickt werden musste, weil der biedere Ersatz-Bogart aus Bayern zuletzt so aufregend wie die Telefonseelsorge wirkte und selbst bei Verfolgungsjagden nur wie ein Eierhändler fuhr. Nachfolger „Siska” demonstriert ebenfalls gern psychologisches Feingefühl, wagt sich aber ab und zu aus dem Ghetto der Münchner Nobelviertel und gestattet sich auch schon mal eine Annäherung ans andere Geschlecht.

Senior der Kriminalisten-Gilde ist „Der Alte” Rolf Schimpf, ein schnurrbärtiger Scharfblicker, den das Publikum sehr unterschiedlich wahrnimmt: Auf die einen wirkt er behäbig wie ein Oberbuchhalter nach durchzechter Kegelnacht, der ungefähr so fix denkt, wie sich eine handgekurbelte Bahnschranke senkt. Handlung flott wie ein Leichenzug, Dialoge wie aus Pattex-Tuben, Prädikat trostlos. Andere schätzen den einstigen Kaufmannsgehilfen, der im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfte, als Idealfigur deutscher Solidität, Spannungs-Garant in konventionellen Mitrate-Krimis und tadellosen Musterbeamten in einer Zeit ohne Treu und Glauben. Wie auch immer, die Einschaltquoten machen dem Schimpf keine Schande.

Die jüngere Generation meldet sich beim ZDF mit Gunda Ebert und Jophi Ries in der „Mordkommission” zum Dienst, einem gemischten Doppel, das privat immer auf Ball- und professionell immer auf Fallhöhe bleibt und dabei ungleich näher an der Realität als die „SK Babies” von RTL. Denn die liefern nach gutem Start heute nur noch infantile Geschichtchen, mühsam mit Rockmusik aufgemotzt - diese schlappen Teenie-Plotten sind für denkendes Publikum schlicht zu schwach. Billiger macht's dann nur noch „Balko”, der Yuppie-Kommissar von RTL: Spannung wie im Hosenträger-Museum, Handlung wie in einer tibetanischen Teestube ersonnen, Ohrring statt Dienstvorschrift, hochgestylte Kunstcharaktere - dieser auf kantig getrimmte Krimi hat in Wirklichkeit so viele Ecken wie eine Banane.

SAT.1 hängt die Konkurrenz unfair mit dem „Kommissar Rex” ab, hat aber auch zweibeinige Publikumslieblinge zu bieten: Ottfried Fischer als „Bulle von Tölz” und Jürgen Heinrich in „Wolffs Revier”. Der korpulente Krachleder-Kommissar mit Herz, Hirn und ewigem Hunger strafte gleich in der ersten Folge den Preußenspott seiner Berliner Kollegin ab, die auf der Alm das höfliche „Grüß Gott” eines Bayern mit gespieltem Erstaunen beantwortet: „Was, so hoch bin ich schon?” Ihren Verdacht, in der bayerischen Provinz sei es „wohl nicht so abwechslungsreich”, widerlegten seither Bauerndemos auf Traktoren, schlitzohrige Prälaten und Morde im Skilift, da wackelte die Kampenwand. Fischer, ein Ex-Student der Rechte und gefinkelter Kabarettist, wagt zuweilen die gefährliche Gratwanderung zwischen Gaudi und Gefühl, noch lieber aber walzt er mit Urgewalt durch dralle Dialoge, z.B. „Bin ich jetzt verdächtig?” – „In Tölz ist jeder verdächtig!” Schlaue Storys, urige Typen, diese Serie ist kraftvoll wie Starkbier mit Enzian!

Dass „Wolffs Revier” die Kinderkrankheiten rasch ablegte (z. B. Witze wie „Wolff, Sie sind schlau wie ein Fuchs”), dankt die Serie ihrem Hauptdarsteller Jürgen Heinrich, einem Mecklenburger, der einst als Geher im DDR-Olympiakader stand. Der wortkarge Alleinerzieher mit dem Nussknacker-Kinn kämpft sich durch echte Hauptstadt-Fälle (Immobilienschiebereien, Frauenhandel, Russen-Mafia) und wirkt dabei immer so wach wie eine entsicherte Walther PPK. Hochtouriges Tempo, viel Action, die falschen Spuren bleiben lange warm - diese Krimi-Kost macht satt wie Eisbein mit Sauerkraut.

Kommissarinnen stricken kräftig mit am Krimi-Erfolg: Iris Berben in „Rosa Roth” (ZDF), Hannelore Elsner als „Die Kommissarin” (ARD), Sabine Postel oder Ulrike Folkerts in „Tatort”, Karin Sass in „Polizeiruf 110”. Auch bei ihnen liegen die Tops klar vor den Flops.

„Sie sollten an Ihre Zukunft denken!” drohte ein verdächtiger Politiker dem Dreamteam Krug/Brauer. Deren gelassene Antwort: „Ach, so viel haben wir davon gar nicht mehr!” Galt zum Glück nur für diesen Film - den beiden und ihren vielen tüchtigen Kripo-Kollegen noch ein langes Fernsehleben!


Die Kommissar-Kracher

Schiebedach-Duo Manfred Krug (62) und Charles Brauer (64) sind seit 1984 am „Tatort” (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr, seit 1970. 10,5 Mio Zuschauer, Marktanteil 29 Prozent). Die beiden Oldies mit der Schiebedach-Frisur pflegen auch als Duett perfekt den guten Ton.

Plisch & Plum Kurt Böwe (66) und Uwe Steimle (49) ermitteln seit 1993 für den „Polizeiruf 110” (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr, seit 1971, damals im DDR-Fernsehen. 6,5 Mio Zuschauer, Marktanteil 18 Prozent). Mal plietsch, mal plump, aber stets amüsant - und realistisch.

Psycho-Softie Peter Kremer (40) spielt seit Oktober 1998 den Kommissar Peter „Siska” (ZDF, Freitag, 20.15 Uhr. 6,5 Mio Zuschauer, Marktanteil 23 Prozent). Übernahm von Vorgänger „Derrick” die samtweichen Methoden und den seelendurchdringenden Verhörblick.

Knödel-Columbo Ottfried Fischer (45) ist seit 1996 „Der Bulle von Tölz” (SAT.1, Sonntag, 20.15 Uhr. 3,8 Mio Zuschauer, Marktanteil 15 Prozent). Der Homo sympathicus bavaricus mit der Litfassfigur wirkt immer erst zum Einschlafen gemütlich, marschiert aber dann wie ein Mammut los.

Opa Bratwurst Rolf Schimpf (74) ist seit 1986 „Der Alte” (ZDF, seit 1977, Freitag, 20.15 Uhr, 6,5 Mio Zuschauer, Marktanteil 23 Prozent). Bräsiger Oberkommissar kruder Kuddelmuddel-Krimis, Storys manchmal so dünn wie das Abwaschwasser aus der Diätküche für Fakire.

Einzelfänger Jürgen Heinrich (54) jagt seit 1992 durch „Wolffs Revier” (SAT.1, Freitag, 21.15 Uhr. 3,8 Mio Zuschauer, Marktanteil 14 Prozent). Einsamer Wolf im Kampf gegen Gewalt, Korruption und Wild-Ost-Sitten im Hauptstadt-Sumpf, gelungener Mix aus Härte, Herz & Humor.

 

 

Josef Nyary: Und hier das Fernsehen, das er liebt...

Deutschland, dein Fernsehen: 18 Folgen lang führte Josef Nyary in NEUE REVUE die Flops und Frechheiten des Mattscheiben-Mediums vor. Seine Kommentare fanden viel Zustimmung, aber auch Widerspruch: Manche Macher, Mimen, Moderatoren und Fans schäumten vor Wut. Zum Schluss verrät Nyary, an welchen Sendungen er am wenigsten auszusetzen hat, welche er gar heimlich liebt

1. „Liebling, Kreuzberg” (ARD)

Manche Serien dürfen einfach nie zu Ende gehen. Z.B. diese herrliche Sammlung von Abenteuern eines gefinkelten Advokaten in Berlin. Jurek Beckers brillante Bücher, Manfred Krug (o., mit Diana Körner) in seiner schönsten Raubauz-Rolle, herrliche Sprüche („Vielleicht ist dieses Gutachten ein Schlechtachten”) - die amüsanteste Justiz-Sause aller Zeiten!

2. „Wetten, dass..?” (ZDF)

Eine bessere Show gibt's nicht mal im US-TV: Die Darbietungen dieser abgefahrenen Kuriositäten-Parade werden immer verrückter, und Quotenkaiser Thomas Gottschalk kriegt als einziger die Weltklasse der Promis auf die Couch. Außerdem steuert Assi Olli Dittrich die schrägsten Gags bei: „Ferrari hat in der Konstrukteurswertung nachträglich drei Punkte erhalten - auf einer gelben Armbinde!”

3. „Die Harald Schmidt Show” (SAT.1)

Dem guten Gewissen geht zwar mitunter die Puste aus, aber die Schadenfreude hält eisern durch, wenn Dirty Harry Minderheiten veräppelt, die Heroen der Political correctness durch den Kakao zieht oder gnadenlos auf Mitleidheischende eindrischt: „Der PDSler sagt nach dem Sex nicht: ,War ich gut”, sondern: ,Es war doch nicht alles schlecht, oder?’”

4. „Nicht von schlechten Eltern” (ARD)

Diese Familienserie warf alle neudeutschen TV-Klischees über Bord: Der Vater Marine-offizier und trotzdem kein autoritärer Idiot, die Mutter Lehrerin und trotzdem keine haushaltverachtende Emanze, der Sohn Zivi und trotzdem nicht revolutionär, die Tochter blond und trotzdem gescheit, und in der Schule geht es nicht um Atom und Ozon, sondern um gute Noten. Lebensecht, witzig, erstklassiges Ensemble.

5. „Tonight Show” (BBC)

Amerikas frechster Talkmaster Jay Leno (u.) schert sich genauso wenig wie Harald Schmidt um Denkverbotswächter und politische Pointenpolizei, hat mit Clinton einen Dauerbrenner: „Ich bin ein bisschen rückständig - am ,Tag der Arbeit’ habe ich gearbeitet, und am ,Tag des Präsidenten’ schlief ich mit meiner Frau!” Dazu jeden Abend Stargäste, von denen deutsche TV-Macher seit Jahren träumen können: Brad Pitt, Mick Jagger, Mike Tyson...

6. „Wunder der Erde” (ARD)

Niemand spricht so nett über Nacktmull und Nebelkrähe wie der schwäbische Tierfilmer Ernst Waldemar Bauer (u.), der mal zehntausend Kilometer weit in die Exotik entführt, mal per Computer-Animation versunkene Welten zum Leben erweckt. Faszinierende Bilder, kluge Kommentare - diese spannenden Dokus lehren Demut vor der Schöpfung. Und: Bei keiner Sendung reden Eltern und Kinder vor dem Bildschirm so viel miteinander - Familien-TV vom Feinsten.

7. „Familie Heinz Becker” (ARD)

Die Rollenverteilung ist klassisch: Der Vater (Hosenträger, Bierflasche) ahnungslos, aber autoritär, die Mutter (Kittelschürze, Eierlikör) selbstlos, aber dumm, der Sohn (Lederjacke, Brille) aufgeweckt, aber gegen den geballten Wahnwitz chancenlos. Lichtvolle Lektionen in teutonischem Dumpfsinn, Gerd Dudenhöffer spielt den Spießer so perfekt wie einst der große Jürgen von Manger.

8. „Sabine Christiansen” (ARD)

Die beste Polit-Show im deutschen Fernsehen, weil die Moderatorin nicht so tut, als wüsste sie alles besser, und ihre Gäste lieber talken lässt, statt sich pausenlos zu profilieren. Weil bei ihr stets Spitzenleute sitzen, kann der Zuschauer mitunter sogar was erfahren.

9. „Ein Fall für zwei” (ZDF)

Der gemütlichste Feierabendkrimi: Simple Storys, leicht verständliche Dialoge, Spannung und Aufregung halten sich in Grenzen, und wenn man zwischendurch mal raus muss, ist eh nix passiert. Dabei aber stets gediegene Fälle, und Claus Theo Gärtner (u.) als kurzer, aber kerniger Detektiv Matula hechtet so schön wie kein zweiter durch die Rabatten.

10. „Kein schöner Land” (ARD)

Kammersänger Günter Wewel zeigt herrliche Landschaften, tausendjährige Kulturdenkmäler, kulinarische Köstlichkeiten und jede Menge Musikusse. Dazu interessante Geschichten und kurzweilige Interviews - diese TV-Deutschlandtour ohne Kitsch und Pathos lehrt die Heimat auf vernünftige Weise lieben.



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