Wie die ARD unser Bild von Amerika schwärzte

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Propaganda von Fritz Pleitgen, falsche Fragen von Ulrich Deppendorf: In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1983, welche Themen vor 30 Jahren wichtig waren und wie das Fernsehen sie präsentierte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 11.Dezember.

Vor der Gesellschaft für Auslandskunde in München erklärte der Bonner US-Botschafter Burns: „Viele Europäer beziehen ihr Wissen um Amerika vom Fernsehen, das die Tendenz zeigt, Gewalt, Ausbeutung und Bigotterie in den Vordergrund zu stellen.“ Am Samstag vergangener Woche lieferte die ARD ein weiteres Beispiel dafür: Die „Tagesschau" meldete, dass die Zahl der Arbeitslosen in den USA seit Oktober um eine Dreiviertelmillion gesunken sei – auf die niedrigste Quote seit zwei Jahren. Und wie wurde diese gute Nachricht an den Mann gebracht? Der Washingtoner ARD-Korrespondent Pleitgen verwies auf das „gigantische Haushaltsdefizit" der USA; illustriert wurde die „Hintergrundberichterstattung“ mit Bildern von amerikanischen Bettlern und Obdachlosen. So kann man mit richtigen Bildern Nachrichten verfälschen.

*

Manche TV-Reporter verstehen sich als bloße Stichwortgeber. Am Sonntag, nach CSU-Tandlers Kritik am Verhalten der Bonner Staatsanwaltschaft in der Parteispenden-Affäre, fragte der „Tagesschau"-Reporter Deppendorf die nordrhein-westfälische Justizministerin Donepp: „Können Sie das einfach so stehenlassen? Sind das für Sie eigentlich juristische Pfeile, die da geschossen werden, oder kommt das aus einer bestimmten politischen Richtung?" Dankbar machte die Ministerin von dem Angebot Gebrauch, die einzig wichtige Frage zu umgehen, die hätte lauten müssen: Was hat Frau Donepp dazu zu sagen, dass geheime Ermittlungsakten aus ihrem Amtsbereich in die Redaktionen zweier Zeitschriften und damit an die Öffentlichkeit gelangten? Denn darauf bezog sich Tandlers Kritik.

*

Am Montag sendete die ARD eine Vorankündigung ihrer am Mittwoch startenden Serie „Wiedersehen mit Brideshead". Gezeigt wurde in dieser Vorschau ausgerechnet jene Szene, in der ein junger Adelsspross sich durchs Fenster eines Oxford-Studenten übergibt. Früher blieb solcher Anblick den Zuschauern erspart. Später glaubte dann eine neue Generation von Regisseuren, die Vorführung menschlicher Ausscheidungen schaffe einen neuen Realismus. Jetzt wurde mit derart degoutanten Szenen sogar geworben – ausgerechnet für eine TV-Serie, deren besonderer Reiz im Ästhetizismus ihrer Protagonisten liegt. Das war nicht die feine englische Art.

*

In der ZDF-Sendung „Sport aktuell" am Mittwoch gab Moderator Esser um 23.45 Uhr bekannt, was sechs Stunden zuvor in Zürich ausgelost worden war: welche Teams gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft um die Fahrkarten zur Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko spielen. Dazu verlas Esser Kommentare von Fußball-Experten. Die wichtigste Stimme fehlte: die des Bundestrainers. „Jupp Derwall befindet sich derzeit in einem oberbayerischen Ort im Urlaub", erklärte der ZDF-Mann dazu, „und dort war die Telefonleitung defekt." Wie schlafmützig dürfen öffentlich-rechtliche Reporter sein? Die Fernsprechverbindung nach Derwalls Urlaubsort Griesbach im Rottal war tatsächlich unterbrochen - ein Bagger hatte das Kabel beschädigt -, aber nur bis 20.45 Uhr. Dann kamen zum Beispiel die Reporter der „Bild"-Zeitung zu Derwall durch.

*

Wer Freitag früh bis gegen 1 Uhr am Bildschirm blieb, sah Bilder von der Landung der Raumfähre Columbia im Ersten und Bilder von der Landung der Raumfähre Columbia im Zweiten. 20 Minuten lang identische Szenen. Warum sprechen sich ARD und ZDF nicht ab? Der Gebührenzahler hat von solchen unsinnigen Konkurrenzdoubletten gar nichts.



Anmerkungen

Arthur Frank Burns (1904-1987) war 1981-85 US-Botschafter in Bonn.

SPD-Mitglied Fritz Pleitgen war 1970-1977 ARD-Auslandskorrespondent in Moskau. 1977 ging er nach Ostberlin, nachdem ARD-Korrespondent Lothar Loewe wegen seiner unverblümt kritischen Berichterstattung am SED-Regime des Landes verwiesen worden war. Bei Pleitgen hatte die ARD Ähnliches nicht zu befürchten, er blieb fünf Jahre auf diesem Posten. 1982 wechselte Pleitgen nach Washington, wo er ganz im Sinne seiner Partei die Politik US-Präsident Ronald Reagans scharf kritisierte. 1987 kehrte er zum WDR nach Köln zurück. 1988 wurde er Chefredakteur des WDR-Fernsehprogrammbereichs „Politik und Zeitgeschehen“. Besonders seine ARD-Kommentare gefielen den Genossen, und 1995 wurde er zum WDR-Intendanten gewählt. Später entzweite er sich mit seiner Partei und näherte sich den Positionen der CDU an, was ihn prompt die Wiederwahl kostete.

Gerold Tandler war 1971-1978 CSU-Generalsekretär, 1978-1982 bayerischer Innenminister, 1983 erneut Generalsekretär, 1988 Wirtschafts- und danach bis 1990 Finanzminister. 1991-2001 war er Vorstandsmitglied der Linde AG.

Die SPD-Politikerin Inge Donepp (1918-2002) wurde 1975 Ministerin für Bundesangelegenheiten und 1978 Justizministerin in Nordrhein-Westfalen.

Wolfram Esser (1934-1993) kam 1963 zum ZDF, wurde 1974 Vize-Chef der Redaktion Sport-Information, 1979 wurde Redaktionsleiter von Sport am Freitag und 1989 Vize-Chef der Hauptredaktion Sport.





Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt