Tierschützer lassen Raubtiere auf aussterbende Vögel los

Freitag, 15. November 2013

Ein Jugendamt schickt einen Jungkriminellen auf Abenteuertour nach Argentinien, ein Langzeitstudent betrügt das Sozialamt: In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom 15. November 1998.

SONNTAG

Engagierte Tierschützer öffneten Käfige in Pelztierfarmen und ließen amerikanische Nerze in deutsche Wälder entlaufen. Die Raubtiere, hier ohne natürliche Feinde, vermehren sich rasend schnell und rotten Bodenbrüter aus, z.B. Ostbayerns letzte 15 Rohrdommeln, die mit knapp zwei Millionen DM aus EU-Geldern gerettet werden sollten. Marcel Pagnol: "Kluge, die etwas Dummes tun wollen, richten weniger Schaden an als Dumme, die etwas Kluges tun möchten.“

MONTAG

Das Jugendamt Darmstadt schickte einen Jungen nach 231 Straftaten für 70.000 DM auf eine erlebnispädagogische Reise nach Argentinien. Von dort nach Protesten gegen kriminelle deutsche Kinder vorzeitig zurückgekehrt, wurde der 14jährige jetzt erneut straffällig. Außer Spesen nichts gewesen.

DIENSTAG

In München steht ein Student, 38, vor Gericht: Er hatte 1982 ein Studium der Geschichte begonnen und sich seit 1994 beim Sozialamt über 21.000 DM erschlichen. Die Richterin fragt ihn, warum er es nicht mal mit Arbeit versuche, und brummt ihm sieben Monate ohne Bewährung auf. Erich Kästner: "Das ist das Verhängnis:/zwischen Empfängnis/und Leichenbegängnis/nichts als Bedrängnis."

MITTWOCH

Bei der Wahl neuer Verfassungsrichter in Potsdam tritt für die PDS die Berliner Schriftstellerin Daniela Dahn an, die Bundesdeutschlands Demokratie eine "weitgehend pervertierte Spielart" der Volksherrschaft nennt. Als die Kandidatin abgelehnt wird, spricht der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky von "Zensur"; er will Frau Dahn im Dezember erneut vorschlagen.“ George Bernard Shaw: "Politik: Das Paradies zungenfertiger Schwätzer.“

DONNERSTAG

Der "Tagesschau"-Sprecher Jens Riewa geht gerichtlich gegen ein Buch vor, in dem zu Unrecht behauptet wird, er sei homosexuell. Daraufhin erklärt der Hamburger GAL-Abgeordnete Farid Müller, Riewa "untergräbt die langjährige Arbeit vieler Schwuler für mehr gesellschaftliche Akzeptanz." Stanislaw Jerzy Lec: "Zeitkrankheit: Überfunktion der politischen Drüse."

FREITAG

Ein Jurist unterliegt vor dem Verwaltungsgericht Koblenz mit der Klage, Grund seines Scheiterns bei der Zweiten Staatsprüfung sei ein zu kleiner Tisch gewesen, auf dem er nicht alle erforderlichen Gesetzestexte gleichzeitig habe ausbreiten können. John R. Hicks: "Alles wird teurer, nur die Ausreden werden immer billiger."

SAMSTAG

In Hannover gibt eine alleinerziehende Mutter ihr abgemagertes und unterkühltes Kind beim Vater mit den Worten ab: "Ich hab' keinen Bock mehr." Steinbeck: "Das Merkwürdigste an der Zukunft ist wohl die Vorstellung, daß man unsere Zeit später die gute alte Zeit nennen wird."

Anmerkungen

Lothar Bisky (1941-2013) übersiedelte als 18-jähriger von Schleswig-Holstein in die DDR. Er war 1993-2000 und 2003-2007 Bundesvorsitzender der PDS und 2007-2010 der Partei „Die Linke“. 1995 tauchte eine Akte auf, die ihn als Stasi-IM auswies.



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